Was ist das für ein Gott?

„Für mich ist ein heutiger Vater, der behauptet, ihm habe ein Gott befohlen, seinen Sohn zu opfern, ein psychisch Kranker.“
Das ist eins der zwei Zitate, die ich an den Anfang stellen möchte. Das andere:
„Ich habe Schwierigkeiten mit einem Gott, der verlangt, dass ich meinen Sohn opfere.“
Das eine stammt von einem Theologieprofessor, das andere von einem Studenten, und ich denke: viele von uns werden ihnen zustimmen.
Das sind die beiden Kernfragen, vor die uns dieser Text stellt:

Was ist das für ein Gott, der von einem Vater verlangt, sein einziges Kind zu töten?
Und was ist das für ein Mensch, der so einem Befehl gehorcht?

Die Geschichte, die uns hier erzählt wird, ist uns in vielem fremd, und das muss auch so sein. Denn die Bibel ist das Buch der Geschichte Gottes mit den Menschen, es enthält Geschichten, die Menschen mit Gott erlebt haben. Es sind Geschichten, die unsere Vorstellungen, die wir von Gott haben, sprengen müssen, denn Gott ist größer als unser Wissen und Verstehen.
Das ist die Grenze, an die wir immer wieder stoßen:
Ich kann mir das von Gott nicht vorstellen.
Mein Verstand urteilt darüber, wie Gott sein muss. Es ist unsere Entscheidung, ob wir dabei stehenbleiben oder ob wir uns öffnen für etwas Neues.
Abraham hat es aber nicht mit einem erdachten, sondern mit dem wirklichen Gott zu tun. Für Abraham ist Gott kein unwandelbares Prinzip, sondern der ganz andere, der lebendige Gott, und er nimmt ihn in seinem Anderssein ganz ernst. In der Begegnung mit diesem Gott geht es nicht darum, dass sich ein Gottesbegriff bewahrheitet, sondern dass zwischen Gott und uns ein Geschehen stattfindet, in dem alles Selbstverständliche zerbricht und weicht.

Abraham zeigt uns die einzige Möglichkeit, Gott kennenzulernen:
Indem er auf das hört, was Gott ihm sagt und indem er einen Weg mit ihm geht.
Abraham ist einen langen Weg mit Gott gegangen:
Weg von seinem Vaterhaus, weg von seiner Familie, weg von seiner Heimat, nach Kanaan.
Ein Weg voll mit Freud und Leid.
Immer wieder neu hat Abraham gehört und wollte gehorchen.
Immer wieder hat Abraham dabei versagt.
Und immer wieder machte er die Erfahrung, dass Gott schwieg.
Es war ein spannungsgeladener Weg.
Die größte Spannung dabei war die zwischen Verheißung und Erfüllung:
Gott hat Abraham verheißen, ihn zu einem großen Volk zu machen – und er wurde alt, sehr alt, und bekam kein einziges Kind.
Damals war das eine große Schande, keine Kinder zu bekommen.
Und dann schließlich, nach vielen Jahren des Wartens, bekam Abraham einen Sohn, den Isaak. Und dann diese Geschichte: Gott verlangt von ihm, diesen einzigen Sohn zu opfern.

In unseren Ohren klingt das wahrscheinlich härter als in den Ohren des alten Israels. Denn Israel war von Völkern umgeben, und auch Abraham lebte inmitten von Völkern, für die es normal war, den Göttern Kinder zu opfern: Die Amoriter, Moabiter, Phönizier, Ägypter, Kanaaniter: Sie alle opferten Kinder. Wenn ein großes Haus gebaut wurde, wenn ein König seine Herrschaft antrat: Da wurden Kinder, die eigenen Kinder geopfert, um das Haus abzusichern, um der neuen Königsherrschaft Bestand zu verleihen.
Ich denke, wenn das in der Umgebung des Abraham so normal war, da kommt eine ganz andere Frage ins Blickfeld, die Gott dem Abraham stellt:
Was bin ich dir wert?
Was ist dir dein Glaube, deine Beziehung mit mir wert?
So viel, wie den anderen ihre Götzenverehrung?
Oder auf unsere Verhältnisse übertragen:
Bin ich dir so viel wert, wie dein Beruf?
Bist du bereit, mir so viel Zeit und Geld und Aufmerksamkeit zu schenken, wie deinem Hobby?
Das sind Fragen, die Gott nicht Abraham, sondern uns stellt. Es liegt an uns, ob wir uns davon treffen und in Frage stellen lassen.

Doch zurück zu Abraham und zu seinem Weg, den er mit Gott geht. Was ist das für ein Weg?

Am Anfang heißt es ausdrücklich: Es begab sich nach diesen Geschichten: Gott und Abraham haben schon eine lange Geschichte miteinander. Sie sind einen langen Weg miteinander gegangen und haben einander kennengelernt. Hochs und Tiefs, Erfolge und Niederlagen, aber ein Weg, auf dem Abraham in seinem Glauben an Gott gereift ist, ein Weg, auf dem sein Vertrauen auf Gott gewachsen ist. Abraham ist von seinem Gott nicht unvorbereitet in diese Situation, in diese Zerreißprobe gebracht worden. Nein – Schritt für Schritt hat ihn Gott geführt und begleitet und weitergebracht, geradezu trainiert.
Ich lese daraus: Je länger ein Mensch mit Gott geht, je mehr Übung er hat im Umgang mit Gott, desto tiefere Erfahrungen kann er mit Gott machen, und desto größere Dinge wird Gott auch von ihm erwarten, dass er sie tut.
Wer am Anfang seines Weges mit Gott steht, wird niemals so auf die Probe gestellt werden, wie es Gott hier mit Abraham nach einer langen Zeit der Vorbereitung tut.
Was ist das für ein Gott? Es ist einer, der niemanden überfordert, der niemanden unvorbereitet lässt.
Ein fürsorglicher Gott.
Ein Gott, der daran interessiert ist, dass wir weiterkommen. Ein Gott, der will, dass wir innerlich reifen und stärker werden.

Der Weg, den ein Mensch mit Gott geht, ist immer auch ein Weg ins Ungewisse.
Abraham wusste nicht genau, wohin er gehen soll, nur die ungefähre Richtung: Ins Land Morija.
Gott sagte: Ich werde dir den Berg zeigen. Aber erst dann, wenn ich es für richtig halte, wenn mein Zeitpunkt gekommen ist.
Ich wünsche mir auch oft, Gott würde mir zeigen, wohin er mich führen will, und nicht nur immer nur den nächsten Schritt.
Aber ich weiß auch, dass das eine Schule ist: Eine Schule des Vertrauens. Vertrauen darauf, dass mich Gott führt, wohin es gut ist für mich, auch wenn ich es nicht einsehen kann; Vertrauen darauf, dass die schwierige Situation, in der ich bin, einen guten Ausgang haben kann. Und es ist auch eine Schule des Loslassens.
Abraham hat auf seinem Weg mit Gott vieles, ja fast alles gelernt loszulassen: Zuerst hat er seine ganze Vergangenheit losgelassen und in Gottes Hand gelegt, und jetzt ist er vor die Entscheidung gestellt, auch seine ganze Zukunft loszulassen und Gott in die Hand zurückzugeben. Der Weg, den ein Mensch mit Gott geht, ist ein Weg des Loslassens. Des Loslassens von Ansprüchen, von Gewohnheiten, von Besitztümern.
Den meisten Menschen fällt es schwer, loszulassen. Mir auch. Vielleicht hilft uns dabei die Erfahrung, die Abraham gemacht hat: Er hat seine ganze Zukunftshoffnung losgelassen und damit auch die Sorge um seine vielen Nachkommen, die er doch angeblich bekommen sollte, Gott in die Hand gegeben. Und er machte die Erfahrung: Das, was er losgelassen hatte, bekam er geschenkt zurück und er wusste nun ganz unerschütterlich gewiss: Was Gott verheißt, das nimmt er niemals zurück.
Was ist das für ein Gott? Ein treuer und verlässlicher Gott, der unser Vertrauen verdient.

Der Weg, den Abraham mit seinem Gott gegangen ist, war auch ein qualvoller Weg. Die Erzählung lässt daran gar keinen Zweifel. Immer langsamer wird sie, immer genauer in ihren Beschreibungen. Mit erschreckender Genauigkeit werden Einzelheiten geschildert. Und er ist kein Holzklotz: „Hier bin ich, mein Sohn.“ So antwortet er auf die Anrede seines Sohnes. „Mein Sohn.“ Was für ein Vaterstolz spricht aus diesen Worten! Er ist ein liebender Vater, ein fürsorglicher Vater: Messer und Feuer, die Dinge, mit denen sich sein Sohn weh tun könnte, die trägt er vorsichtshalber selber. Und dieser liebevolle Vater ist im Begriff, seinen einzigen, geliebten Sohn Gott als Opfer darzubringen. Weil er seine Gott noch mehr liebt als sein Kind. „Es ist ein erschrecklich Ding, dass ein lieber Vater seinem allerliebsten Sohn das Messer an den Hals setzt; und bekenne ich gern, dass ich solche Gedanken, Anliegen und Angst, so der Vater in seinem Herzen wird gefühlt haben, weder mit Nachdenken noch mit Worten erreichen kann.“ Martin Luther schrieb diese Worte. Ich denke, er hat recht.

Wenn unser Leben in glatten Bahnen verläuft, uns alles gelingt und wir Erfolg haben, dann ist es leicht, an Gott zu glauben.
Aber das kann sich leicht ändern: Wenn der Arbeitsplatz wegrationalisiert wird, und ein Familienvater nicht mehr weiß, wie er seine Familie ernähren kann; wenn der Arzt mitteilt: tut mir leid, aber sie haben eine unheilbare Krankheit; wenn durch den Leichtsinn anderer der Partner durch einen Unfall ums Leben kommt; wenn der Sohn oder die Tochter spurlos verschwinden und nicht mehr gefunden werden. Jeder kann wohl noch andere Beispiele hinzufügen; sie gehören zu unserem Alltag.
Dann nicht an Gott zu zweifeln, ihn nicht aus dem eigenen Leben streichen, sondern auch im Schmerz, im Gefühl des Verlassenseins ihm weiter zuzutrauen, dass er unser Leben führt, ihm zu vertrauen und das uns auferlegte schwere Los als von ihm gegeben anzunehmen – das bedeutet Glauben.

Abraham ist uns diesen Weg in einer extremen Ausnahmesituation vorausgegangen. Und er ist nicht ausgewichen, sondern ist im Vertrauen auf Gott den Weg bis zum Ende gegangen.
Und dort hat er erfahren: Am Schluss steht bei Gott niemals das Leid und der Tod, sondern das Heil und das Leben.
Er hat erfahren: Gott führt den Menschen zwar in die Krise, aber nicht, um ihn zugrunde zu richten, sondern um ihm aufzurichten.
Er weiß nun ganz bestimmt und wird das nie mehr vergessen können: Gott kann nichts Böses fordern, auch wenn uns selbst der Sinn verschlossen bleibt.
Es ist ein großer Unterschied, ob man das einfach liest oder hört, oder ob man das in eigener Erfahrung gelernt hat.

Wir sind aber nicht in derselben Lage wie Abraham. Anders als Abraham führt uns Gott in Situationen, zu denen wir dann nachträglich ein Ja dazu finden müssen. Die Proben unseres Alltags sind anders. Meistens sind wir vor die Entscheidung gestellt: Will ich Gott gefallen oder den Menschen um mich herum? Solchen Anfechtungen, zwischen Wollen und Müssen, zwischen Gottesfurcht und Menschenfurcht zu entscheiden und entsprechend zu handeln, war und ist der Mensch immer wieder ausgeliefert. Und der Mensch, Sie, ich, wir können ihnen anders als Abraham oft herzlich wenig Widerstand leisten. Wir sind schwach, entscheiden uns für den leichteren, bequemeren Weg und finden schnell gute Gründe, um uns der Bindung an Gottes Gebote zu entziehen. Es fällt uns schwer, Gott mehr als alles andere zu lieben und zu fürchten. Nicht Gottesfurcht, sondern Menschenfurcht bestimmt unser Handeln, nicht die Liebe zu Gott, sondern die Liebe zu uns selbst und zu den Werten dieser Welt prägt unser Denken, Fühlen und Verhalten. Machen wir uns da doch nichts vor!

Abraham war entschlossen, alles zu opfern. Er war beherrscht von dem Gedanken, um keinen Preis die Gemeinschaft mit Gott zu verlieren. Die Gottesfurcht Abrahams ist sein völliger Gehorsam. Ich muss zugeben: Das beunruhigt mich. Abraham geht seinen Weg mit Gott ganz konsequent.
Wir alle haben vorhin gesprochen: Ich glaube an Gott. Und ich frage mich nun: Wo sind meine Konsequenzen? Wo sind ihre Konsequenzen? Ich glaube, wir tun gut daran, uns von dieser Frage beunruhigen zu lassen.

Wenn es allein nach den Konsequenzen ginge, die ich aus meinem Bekenntnis zu Gott ziehen müsste, dann hätte ich keine Chance, vor Gott zu bestehen. Keiner von uns, nicht einer.

Aber ich weiß auch einen Trost, der mich nicht verzweifeln lässt. Denn inzwischen hat es nicht nur die Absicht, sondern die Vollendung der Opferung gegeben:
Gott selbst hat seinen eigenen Sohn für uns am Kreuz geopfert. Es hat mich immer tief beeindruckt zu hören: In der Nacht, da ihn seine Jünger verraten und verkauft haben, ihn alle im Stich gelassen haben, da hat er sich für sie dahingegeben. Für diese Flaschen. Für diese Feiglinge. Und auch für mich. Das kann ich glauben und das bewahrt mich davor, zu verzweifeln, weil mein Glaube nicht so stark ist wie der des Abraham.

Das Opfer des einzigen, geliebten Sohnes, das Gott Abraham nicht bis zum Letzten zugemutet hat, das hat Gott selber gebracht. Und ich glaube, eine der Absichten, warum diese Geschichte von Abraham und Isaak in der Bibel so dramatisch und ausführlich erzählt wird ist diese: Um unsere steinernen Herzen aufzuweichen. Um uns vor Augen zu malen, was es Gott gekostet hat, seinen Sohn zu unserem Heil zu opfern. Um uns endlich dankbar werden zu lassen.

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