Funkstille?

Es herrschte Funkstille, schon seit Jahren…
Keiner wusste eigentlich mehr genau warum.
Wie oft haben sie sich früher getroffen, gelacht, geweint, einander alles erzählt, waren die besten Freunde, fühlten sich wie Geschwister, beinahe wie eineiige Zwillinge, tauchten überall gemeinsam auf.
Lange Zeit spielte es keine Rolle, dass sie sich nicht mehr so oft sehen und treffen konnten. Die zwei- oder drei Mal im Jahr reichten aus, dass alles beim Alten blieb, lange Zeit jedenfalls.
Dann muss irgendetwas passiert sein.
Ein falsches Wort?
Eine unglückliche Geste?
Ein nicht aus dem Weg geräumtes Missverständnis?
Keiner wusste es so genau, jeder wusste nur, dass der andere den ersten Schritt machen sollte, damit alles wieder gut wäre.
Denn die Freundschaft, das Vertrauen, die Verlässlichkeit, das Lachen, der Austausch, die geteilte Zeit, das Verständnis, der Rat, eben das Gespräch egal ob mit oder ohne Worte fehlte beiden sehr, lange Zeit, bis es keiner mehr wirlich merkte, wie sehr! Nur hin und wieder tat es noch weh, auch mit dem zeitlichen Abstand…
Warum lassen wir es nur soweit kommen und warum fällt es uns so schwer, über den eigenen Schatten zu springen und den ersten Schritt zu wagen…?

Gott war ihr lange Zeit nie fraglich…
Sie pflegte den Umgang ganz selbstverständlich wie mit ihrem besten Freund.
Zu Hause bei den Eltern begannen die Mahlzeiten mit dem Tischgebet, der Tag klang seit Kindertagen mit dem Nachtgebet aus. Der Sonntag wurde erst ein Festtag durch den Kirchgang, der die Routine des Alltags durchbrach. Sie konnte sich an keinen Sonntag erinnern, an dem es nicht einen Vers, einen Gedanken, einen Satz, eine Melodie gab, die sie in ihrem Innersten berührten, als hätte Gott gerade sie gemeint und angesprochen.
Sie lebte ihren Glauben, ihr Leben war ein einziges Gespräch mit ihm…von der stillen Zeit, dem Losungswort bis zum „Vater unser“ zwischendurch. Sie trug dabei ihren Glauben nie wie ein äußerliches Schmuckstück vor sich her, um damit oder dafür bewundert zu werden, war nie aufdringlich, sondern einfach unkompliziert im besten Sinne des Wortes fromm…
Waren es die Schicksalschläge ihres Lebens, das Scheitern im Beruf, die zerbrochene Ehe, die Krankheit der Seele, die auch ihren Leib krank machte? Oder fing es schon vorher in der Routine des Alltags, dem jahrelangen Einerlei an, dass der Gesprächsfaden mit Gott riss, der Glaube als selbstverständliches Gut ihres Lebens, verkümmerte, einschlief, verloren ging?
Sie wusste es nicht! Sie hätte weiter geantwortet, dass sie an Gott glaubt, wenn man sie gefragt hätte. Aber man tat es nicht mehr, weil es nicht mehr wie selbstverständllich Teil ihres Lebens und ihres Wesens war. Es herrschte Funkstille mit allen Fragen, aber auch voller Sehnsucht nach der alten, früher einmal unkomplizierten Vertrautheit.

Manchmal verstummen wir einfach und wissen nicht genau warum.
Wir verlieren einander aus den Augen und es ist so schwer, einfach wieder anzufangen, alte Fäden aufzunehmen, als ob nichts gewesen wäre.
Manchmal beklagen wir, dass Gott stumm sei, zweifeln und überlegen, ob wir uns alle Gewissheit in einem früheren Leben womöglich nur eingeredet hätten. – und weisen ihn dennoch lautstark, ob er hören will oder es überhaupt nicht hören kann, auf die Ungerechtigkeit, die Brutalität und die Blindheit des Lebens hin.
Bei allem Schweigen fällt es uns überhaupt nicht schwer in die Litanie über die Bosheit dieser Welt einzustimmen.
Unsere Klagelieder sind vielleicht die einzigen Worte an ihn, die immer noch in der Luft hängen und nachhallen:
„Gott fahre doch hernieder und sieh das Leid, dass deine Menschenkinder anrichten.
Sieh, wie deine Schöpfung stöhnt unter der Ausbeutung, Plünderung und Zerstörung.
Besänftige die Natur, die mit aller Macht oft unvorbereitet über Unschuldige hereinbricht.
Höre das Weinen der Kinder, die hungern, ohne Liebe aufwachsen, in den Straßen versuchen zu überleben oder in den Meeren ertrinken.
Sieh die Verzweiflung der Eltern an, die keine Zukunft mehr sehen.
Gebiete der Gewalt und dem Krieg in so vielen Ländern der Erde Einhalt, vertreibe Hass und Ablehnung aus den Herzen so vieler Menschen.Warum nur so viel Unheil in deinem Namen, warum nur werden Gottesmänner und Gottesfrauen zu Gotteskriegern statt zu Friedensboten….?“
Und wir erhalten keine Antwort. Funkstille für viele und schon so lang…
Warum eigentlich…
Es kann doch nicht nur an unserem Wünschen und Sehnen liegen. Das ist noch nicht erloschen, dass wir einen gütigen Gott im Himmel und auf Erden erhoffen.
Entweder spricht Gott nicht mehr, ist verstummt, hat sich enttäuscht zurückgezogen, ist nur unseren Träumen entsprungen – oder wir haben wir es verlernt, ihn zu hören, weil der Lärm um uns herum und in uns zu laut geworden ist.
Stille können wir ja kaum noch ertragen, sie tut weh, deswegen übertönen wir so schnell! Weihnachten macht da keine Ausnahme, eher im Gegeteil! Gerhard Schöne hat einmal aus der Deutschen liebsten Weihnachtslied „Stille Nacht“ harte Verse gemacht:

Schrille Nacht, eilige Nacht!
Wieder was vorgemaccht.
Auf Kommando: Harmonie.
Schwerer Kopf, weiche Knie.
Schlaf in himmlischer Ruh!
Schlaf in himmlischerRuh!

Schrille Nacht, eilige Nacht!
Goldenes Kalb, o wie lacht
Gier aus deinem lockigen Schlund.
Ich stoß mir die Ellbogen wund.
Und kein Retter ist da.
Und kein Retter ist da.

Wenn dass das Fazit wäre, dann lasst uns wirklich verstummen und schweigen, weil es besser und ehrlicher wäre.
Aber genau dagegen spricht und predigt nicht nur zu Weihnachten der Hebräerbrief. Sein Credo lautet ganz einfach:
Gott ist nie stumm gewesen.
Er hat den Gesprächsfaden nie abreißen lassen..
Er hat nie auf stumm geschaltet.
Er lässt nicht nur (irgendwann) Mal von sich hören.
Seine Geschichte ist voller Gesprächsversuche und Gesprächsangebote an Menschen.
Es ist sein Wesen, dass große DU zu sein, mein Gegenüber.
Und es ist mein Wesen, macht mein Menschsein aus, sein gewünschtes, geliebtes und ersehntes DU zu werden und zu sein.
Ich werde Gott nicht finden und ihn nicht hören, wenn ich immer nur am Himmel nach ihm suche und in den Himmel hinein lausche, ob er von sich hören lasse.
Der Himmel ist fern und weit.
Und der Himmel auf Erden ist noch nicht mehr als nur eine Ahnung oder Verheißung.
Aber Gottes Wort ist, so himmlisch es auch daherkommt, ganz irdisch geworden: Ein Kind in Windeln gewickelt, von Hirten bestaunt, von Weisen besucht, von Königen gefürchtet und zur Flucht genötigt , oder wie Johannes, der Evangelist, kunstvoll zur Sprache bingt: das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns – und wir sahen seine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes, voller Gnade und Wahrheit.

Das ist das wunderbare, dass ich nicht immer nur die Funkstille beklagen muss, dass ich noch nicht einmal den ersten Schritt wagen muss, um anzuknüpfen an alte Tage, dass ich mit meinem Fragen und Sehnen nicht erst einen Adressaten finden muss.
Das ist das Erstaunliche, dass ich mich meiner Zweifel und meiner Fragen auch nicht schämen muss.
Ich muss die Wirklichkeit auch nicht ausblenden oder verleugnen, ich muss sie nocht schön reden, damit Gott in sie oder in mein Weltbild wieder hineinpasst, darf sie nehmen und benennen wie sie ist, ohne sie für immer so hinnehmen zu müssen.
Denn Gott hat sie nicht nur angesehen und womöglich darüber geweint, wen würde das wundern, es ist doch zum Weinen! Er ist in sie eingegangen, ein Teil von ihr geworden, ganz und gar Mensch, wie du und ich, um sie so und nur so zu verwandeln. Wenn Gott Mensch wird, dann aus dem Grund, dass auch wir wahrhaft zu Menschen werden.
Es ist also aller Anlass zu Hoffnung.
So feiern wir Jahr für Jahr allen Widrigkeiten zum Trotz Weihnachten und werden nicht müde, uns darum zu klammern, zu hoffen und zu glauben: Gott ist nicht stumm.
Er hat sein letztes Wort der Liebe gesprochen durch seinen Sohn.
Und wer still wird , kann es hören.
Und wer es hört, kann die Verwandlung erleben.
Und wer Verwandlung erfährt, sieht diese Welt mit anderen Augen, er sieht, was möglich ist und möglich und wirklich sein wird.
Gerhard Schöne hat es beim Lärm ins einem Lied nicht belassen, sondern endet so:
Herzen auf! Platz gemacht!
Gottes Kind, ach komm herein!
Neu geboren wollen wir sein.
Christ in deiner Geburt!
Christ in deiner Geburt!

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