Auf das kleine "l" kommt es an

Jetzt reiß dich gefälligst zusammen!
Streng dich an!
Gib dir Mühe!
Räum jetzt endlich auf!
Zack zack!
Hör auf mit dem Lügen!
Du sollst immer freundlich sein, hab ich dir gesagt!
Zieh die Nase nicht immer hoch, sondern nimm dein Taschentuch!
Steh jetzt endlich auf und tu was!
Schau dass du endlich fertig wirst!

Solche Appelle sind uns – glaube ich – allen gut bekannt.
Entweder, weil wir sie oft schon zu hören bekommen haben.
Von den Eltern. Von den Lehrern. Vom Meister. Vom Chef.
Oder weil wir sie selber machen.
Den Kindern. Der Frau. Dem Mann. Den Mitarbeitern.

Und oft bekommt man solche Appelle auch in der Kirche zu hören.
Du sollst nicht lügen, heißt es dann.
Oder: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Wir hören heute auf uralte Worte, die vor über 2500 Jahren Jesaja zum Volk Israel gesagt hat. Er hat zu ihnen im Auftrag Gottes gesprochen, denn er war ein Prophet.
Er sagte:
Steh auf, und werde licht!
Denn dein Licht ist gekommen, und die Herrlichkeit Gottes scheint über dir auf!
Denn siehe: Finsternis bedeckt die Erde, und Dunkel die Nationen,
aber über dir strahlt ER auf, und die Herrlichkeit Gottes erscheint über dir.

Steh auf, und werde licht!
Auf den ersten Blick ist das auch wieder so ein Appell wie die anderen.
Steh auf, mach etwas, gib dir Mühe, sei ein Licht, sei eine Leuchte für andere!
Aber nur auf den ersten Blick.
Denn es heißt nicht: Werde Licht – mit großem L, sondern: werde licht – mit kleinem l.
Und das ist ein großer Unterschied.
Jesaja sagt eben nicht: Strengt euch an und macht aus euch heraus, dass es hell wird.
Sondern er sagt: Steht auf, öffnet euch, macht euch durchlässig, eben: licht, damit Gottes Licht in euer Leben hinein scheinen kann.

Nicht aus uns heraus soll etwas kommen – sondern in uns hinein soll etwas kommen.
Und das ist ein großer Unterschied.

Die Rede ist vom Licht.
Denn Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker.

Jesaja redet von seiner Zeit.
Israel kommt heim aus dem Exil in Babylon.
Heim nach Israel, heim nach Jerusalem.
Und alles liegt in Trümmern.
Alles zerstört, alles kaputt, finstere Aussichten, keine Hoffnung.

Vielleicht erinnern sich manche von uns noch an die Trümmer in Deutschland 1945.
Wenn ich den Fernseher anschalte, dann sehe ich auch überall Trümmer und Finsternis und Dunkel.
Jeden Tag Bomben in Syrien.
Jeden Tag Selbstmorde.
Jeden Tag noch mehr Flüchtlinge.
Jeden Tag so viele Menschen, die ihr Leben nur besoffen aushalten.
Jeden Tag so viele Kinder, die verhungern oder an irgendwelchen Krankheiten elend verrecken.
Und vorher die Reklame im Fernsehen.
Diätjoghurt und die Versicherung die ein festes Bündnis mit dem Glück verspricht.
Und so viele Menschen mit ihren eigenen Finsternissen und Trümmern.
Die Frau gestorben.
Der Arbeitsplatz unsicher.
Alles wird teurer.
Kein Mensch, der mir zuhört.
Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, Jesaja hat schon recht.
Da kann man wirklich depressiv werden, wenn man da genau hinschaut, wenn man das an sich ran lässt.

Wenn wir enttäuscht werden, wenn wir verletzt werden, wenn wir vor den Kopf gestoßen werden, wenn wir wieder einmal „eine auf die Fresse“ gekriegt haben, dann ist die häufigste, die normalste Reaktion von uns Menschen, dass wir verletzt reagieren.
Dass wir den Kopf einziehen, die Rolladen herunter lassen, „zu“ machen – und in uns drin, da tobt es, da schreit es, da wütet es.
Oder es ist ganz erschreckend still.
Totenstill.
Im Magazin GEO hab ich vor einiger Zeit einen Artikel über Gefühle gelesen.
Darin stand, dass es in unserer Gesellschaft am wichtigsten geworden ist, cool zu sein.
Nach außen hin eine unerschütterliche Fassade zu haben.
Eine dicke Haut, ein dickes Fell.
Nichts kann mich erschüttern – anscheinend. Ich bleibe cool.
Ich bin hinter so dicken Wänden der Coolness verschanzt – mir kann nichts und niemand etwas anhaben.
Cool – das heißt wörtlich übersetzt: Kalt.
Da wo wir „zu“ gemacht haben, wo wir uns hinter unseren Schutzwällen verschanzen, da wird es kalt.
Da ist nichts mehr von Mitmenschlicher Wärme zu spüren.
Da ist es kalt.
Zumachen – eine verständliche Reaktion, finde ich.
Denn es ist natürlich, dass wir erst mal versuchen, uns zu schützen.
Und wer sich öffnet, der macht sich verletzlich.
Wer sich öffnet, der macht sich angreifbar.
Wer sich öffnet und Gefühle zeigt, der läuft Gefahr, dass ihm wehgetan wird.
Wer sich öffnet, und Anteil nimmt, der geht das Risiko ein, dass er wieder enttäuscht wird, dass er wieder verletzt wird.

Jesaja sagt: Steh auf. Öffne dich. Leg deinen Schutzpanzer ab.
Geh das Risiko ein. Gib Gott eine Chance.
Denn die Herrlichkeit Gottes scheint – und nur, wenn du aus deinem Schneckenhaus heraus kommst, kann sie in dein Leben scheinen.

Die Herrlichkeit Gottes scheint – wo scheint sie denn?
In meinen Augen scheint die Herrlichkeit Gottes bei jedem Sonnenaufgang, wenn die Dunkelheit von der Sonne besiegt wird.
Sie scheint im unendlichen Sternenhimmel, der so groß ist und mir sagt: Dein Vater im Himmel ist noch größer.
Sie scheint im Mond, der rund und schön am Himmel schwebt.
Sie erscheint in jeder Blume, unendlich filigran und bunt.
Sie erscheint in den Augen meiner Kinder, voller Lebendigkeit und Vertrauen.
Sie erscheint überall da, wo ein Mensch dem anderen hilft und sein Leben hell macht.
Sie erscheint überall da, wo Menschen wieder einander Vertrauen schenken und einander von Herzen vergeben können.
Sie erscheint überall da, wo ein Mensch aus seinen engen Mauern ausbricht und über seinen eigenen Schatten springen kann.
Sie erscheint da, wo Menschen miteinander ein Fest feiern, froh und ausgelassen.
Sie erscheint da, wo einer dem anderen wirklich zuhört und ihm Zeit schenkt.
Sie erscheint da, wo wir miteinander Loblieder singen und Gott uns im Abendmahl ganz nahe kommt.
Sie erscheint überall da, wo es mein Herz hört wie Gott mir sagt: Ich liebe dich.

Sie erscheint überall da, wo ich mich voller Vertrauen Gott hingebe, ihm mein Leben hinhalte und ihn bitte: Komm in mein Leben und zeig dich.
Ich möchte dich erfahren und dir still halten.
Gerhard Teerstegen hat das so beschrieben:

Du durchdringest alles;
lass dein schönstes Lichte,
Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen
willig sich entfalten
und der Sonne stille halten,
lass mich so
still und froh
deine Strahlen fassen
und dich wirken lassen.

Ich kann mich entscheiden, ob ich ein Teil der Krankheit der Welt bleibe, indem ich Misstrauen, Angst, Hass und Heimlichkeiten dulde, oder ob ich Teil der Heilung werden will, indem ich mich für Ehrlichkeit, Vertrauen und Fürsorge entscheide.
Ich kann mich entscheiden, ob ich mich weiter hinter meinem Schutzwall verstecke – oder ob ich mich öffne, mich verletzbar mache – und empfänglich für Gottes Herrlichkeit, für Gottes Licht, für Gottes Liebe.

Da, wo Menschen sich für die Herrlichkeit Gottes öffnen, da geschieht etwas.
Da wird es heller, da wird es wärmer.
Da beginnen die Menschen, einander anders zu sehen.

Mir ist an den Worten von Jesaja aufgefallen:
Es heißt: Über DIR scheint auf die Herrlichkeit des Herrn.
Sie erscheint nicht so allgemein in der Finsternis, sondern über DIR.
Sie ist irgendwie an Menschen gebunden, so scheint es mir.

Heilige sind Menschen, durch die Gott durchscheinen kann.
Heilige sind Menschen, die etwas ausstrahlen von der Herrlichkeit Gottes – nicht, weil sie sich besonders anstrengen mit gut sein oder so, sondern weil sie sich immer wieder neu öffnen für das Licht Gottes.
Sie sind nicht Licht, sondern licht.
Auf das kleine „l“ kommt es an.
Gott helfe uns dabei.

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