Sie hatten keinen Raum in der Herberge

Sie hatten keinen Raum in der Herberge…
Es war nicht das erste Weihnachtsfest in Kriegszeiten, aber jetzt war der Krieg auch nach Berlin gekommen, dorthin, wo er fünf Jahre zuvor seinen Ausgang genommen hatten. Ganze Straßenzüge waren zerbombt, ausgebrannt, in Schutt und Asche gelegt, und mittendrin unzählige Menschen. Frauen, Kinder und alte Männer irrten in den Straßen umher, suchten nach bekannten Gesichtern, waren auf dem Weg, etwas Essbares zu besorgen, Brennmaterial, um nicht so sehr frieren zu müssen. Weihnachten 1944… Manche erinnern sich noch an die Erzählungen der Eltern und Großeltern. Die Nächte waren lang und dunkel, kalt und voller Angst. Diese eine Nacht, war dunkel und still. War es die endlos friedliche Stille des Todes oder die ehrfurchtsvolle Stille im Angesicht des Weihnachtsfestes?
Nur einige hundert Kilometer weiter östlich schien die Welt noch n Ordnung. Die Nachrichten vom Krieg im Westen und weit im Osten hörten sie, aber sie schienen in ihren Dörfern aus der Welt zu sein. Noch hatten sie Raum in ihren Häusern, manche gaben Zwangsarbeitern ein zu Hause, andere verwehrten dies, ohne zu ahnen, dass sie schon in wenigen Wochen im Januar 1945 nur mit dem, was sie in aller Eile packen und mitnehmen konnten, die Flucht antreten mussten, um wenigstens ihr Leben und ihre Haut zu retten. Da verloren sie ihre Heimat und fanden auf ihrem Weg oft keinen Raum in den Herbergen. Selbst in den Jahren nach dem Krieg, dort angekommen, wo ihre Kinder und Enkelkinder heute Heimat fühlen, waren sie noch die Flüchtlinge, die Fremden, gehörten nicht wirklich dazu. Und die Weihnachtsgeschichte war oft wie ein Stich ins Herz:
Sie hatten keinen Raum in der Herberge…
Noch nicht; denn sie waren eben erst angekommen. Übersiedler, Aussiedler oder Flüchtlinge, wie sie auch damals in den Fünfzigern und am Anfang der Sechsziger Jahren genannt wurden. Das Tor nach West-Berlin war ja noch offen und sie hofften auf eine leichteres, freieres und besseres Leben in diesem Teil Deutschlands, wussten oft noch nicht, wohin sie weiterreisen würden, sahen aber der Zukuft endlich wieder optimistisch entgegen. Übergangsheime oder Auffanglager hießen die Provisorien. Das Weihnachtsfest in diesen Heimen war nicht wie zu Hause, aber es war ein hoffnungsvoller Anfang und deshalb ein frohes Feiern auch ohne feste Bleibe und einem Raum in der Herberge nur für die Übergangszeit.
Das Estrel-Hotel in Berlin ist wohl das, was man eine Nobelherberge nennt und sie bot in diesem Jahr für annähernd 3000 Obdachlose und Mittellose in Berlin an einem Abend Herberge, festliche Stimmung, gedeckte und geschmückte Tische und Festtagsessen. Frank Zander hatte wieder mit ehrenamtlichen Helfern geladen. Hier durften sie, die hier nicht reingehören, diesen Abend Herberge nehmen und Raum zum Feiern finden.
Zugleich müssen immer mehr Herbergen/Unterkünfte gefunden werden, also Raum für die vielen Menschen, die vor Krieg, Hunger, Verfolgung oder mit dem Traum von einer Perspektive für ihr Leben und ihre Familien nach Europa und besonders nach Deutschland drängen. Manche würden ihnen gerne die Tür vor der Nase zuschlagen und sagen: wir haben keinen Raum in unserer Herberge für euch, alles voll – mit uns. Andere – glücklicherweise sind es trotz steigender Ängste, es vielleicht doch nicht schaffen zu können ,sehr Viele – üben sich in und engagieren sich für ein Willkommen in unseren Städten und Gemeinden und bemühen sich, auch die letzten Notquartiere so behaglich wie möglich zu machen, damit es sich wie eine Herberge, ein Ort zum Bleiben, zum Aufschlagen, zum Einkehren, am Ende für manche auch zum heimisch werden anfühlt…. das ist Gott sei Dank Weihnachten 2015 mit den alten Worten über Menschen, die auch heute noch gesprochen und gehört werden wollen und müssen. Sie klingen heute wie eine Frage: Findet Gott, wenn er zur Welt kommt, bei uns Raum in der Herberge?
Zur gleichen Zeit sind unsere Kirche geschmückt und erstrahlen in einem besonderen, friedlichen und heilig anmutenden Licht, voller Wärme und Geborgenheit. Hier soll Gott Raum finden und wir möchten eine Ahnung von ihm, einer zarte Berührung, ein wenig Gewissheit seiner Liebe, Zugewandheit und Gegenwart mit in unseren Alltag nehmen, dass auch dort Frieden werde.
In den Wohnzmmern und Stuben warten schon viele auf oder feiern längst Bescherung, leuchten Kinderaugen, klingen weihnachtliche Weisen und sind die Tische reichlich gedeckt. Was für ein Segen, was für ein Geschenk das doch ist: stille und heilige Nacht soll es werden, in Sicherheit und Ruh – auch 2015. Unsere tiefsten Sehnsüchte und Hoffnungen verschaffen sich Raum: es gibt doch noch Frieden und Verständigung in dieser Welt, Einsamkeit und Verlorenheit inmitten von Nachbarn, Bekannten, Verwandten oder Freunden müssen kein unabwendbares Schicksal sein, selbst wenn Menschen heute allein zu Hause sind und traurig auf andere schauen, die in ihren Familien aufgehoben sind. Es ist nicht Missgunst, die man aus den Blicken lesen kann, sondern der unausgesprochene Wunsch, diese Zweisamkeit oder Geborgenheit an diesem Abend teilen zu dürfen. Letztlich treibt doch die, die Kommen, und die, die hier Zuhause sind, die in Familie und die, die allein bleiben, immer die gleiche menschliche Sehnsucht, nämlich ankommen und bleiben zu dürfen.
Maria und Josef haben einen Ort für ihr Kind gefunden, auch wenn sie keinen Raum in der Herberge hatten. Sie konnten ihr neugeborenes Kind in Windeln gewickelt in eine Krippe legen und sich der Ruhe der Nacht hingeben, sich wieder einmal mit ihrem ganzen Leben, ihrer ganzen Existenz darauf einlassen und ausliefern, dass Gott in die Kleinheit, Engstirnigkeit, Kälte, Unwirklichkeit und damit in das Leben dieser Welt kommt. So gehört das Licht der Weihnacht, das Licht aus Bethlehem in unsere Häuser, damit es Weihnachten werden kann. Gott will nicht einfach nur vorbeischauen, sondern Wohnung nehmen und bleiben – bei uns. In unseren Häusern und Feierstuben, auf den Straßen und in den Übergangsheimen, in den Trümmern, aus denen Leben bestehen kann, ebenso, wie in den verletzten Herzen der Enttäuschten oder Resignierten. Ich kann von Weihnachten eigentlich gar nicht zu viel, eher zu wenig erwarten, indem es weniger sein lasse als als dieses Bleiben Gottes bei mir. Gott will nicht mehr fraglich sein, auch wenn das Leben schwierig bleibt.
Er will nicht entrückt und fremd daherkommen, auch wenn ich ihn nicht sehe und spüre. Er ist da, wo man ihm Raum gibt, wo man sein Licht scheinen und seinen Frieden sich ausbreiten lässt. Schon vor zweitausend Jahren hat jemand, dessen Schreiben wir Hebräerbrief nennen, Weihnachten letztlich so verstanden: Gastfrei zu sein vergesset nicht; denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen in unserer Mitte Engel beherbergt. Gott ist also längst da, mitten unter uns! Und ob Weihnachten wird hängt damit auch an mir:Wwir haben gesungen:
Komm, o mein Heiland Jesu Christ,/ meins Herzens Tür die offen ist, / ach zieh mit deiner Gnade ein, / dein Freundlichkeit auch mir erschein./ Dein heilger Geist uns führ und leit / den Weg zur ewgen Seligkeit. / Dem Namen dein o Herr, sei ewig Preis und Ehr.
Alles weihnachtliche Leuchten um uns herum symbolisiert letztlich nur das Leuchten, das aus uns kommen will, wenn Gott in unserer Lebensherberge Raum findet.
Alle Veränderung, ja die Verwandlung einer ganzen Welt, beginnen bei uns innen, wo Gott nicht mehr nur Zaungast meines Lebens sein muss.
Aller Friede zwischen Nahen und Fernen, Armen und Reichen, Glücklichen und Traurigen, Einsamen und Geselligen, Jungen und Alten, Zufriedenen und Suchenden beginnt dort, wo ich in jedem menschlichen Antlitz das Gesicht Gottes entdecke. Gott kommt in jedem Menschenkind zur Welt und kann in jedem Menschenkind aufgenommen werden. Der Friede muss gewagt werden, damit er nicht länger auf der Flucht bleibt, sondern Herberge findet: Frieden mit meinen Nachbarn ebenso wie Frieden zwischen denen, die Gegener sind. Das Verstummen der Waffen bricht den Streit, denn die Geburt eines Kindes, und ganz besonders dieses Kindes ist Hoffnung, dass sich nicht Gewalt durchsetzt, sondern Zutrauen in das Leben, in die Liebe und die Kraft der Versöhung.
Deshalb ist jedes Weihnachtsfest, wie ausweglos es auch scheinen mag, Grund zur Hoffnung: Damals 1944, auch 1960 oder 2015.
Gott kommt, er ist da, mitten unter uns, Licht und Frieden mitten in der Nacht. Darum: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen, an denen Gott doch allezeit sein Wohlgefallen hat, die in seinen Augen Gnade finden. Gesegnete Weihnachten !

drucken