Herodes und wir (Erprobung – neue Reihe 2)

In der Predigt geht es heute um den Kindermord in Bethlehem.
Die Vorgeschichte ist schnell erzählt:
Sterndeuter aus dem Orient sind nach Israel gekommen.
Eine besondere Planetenkonstellation am Himmel hat ihnen gezeigt, dass in Israel ein besonderer König geboren worden ist. Und den wollten sie sehen.
Zuerst sind sie – logischerweise – in der Hauptstadt Jerusalem gelandet, bei König Herodes. Dort ist aber kein Königssohn geboren worden.
Im Gegenteil: der alte Herrscher hat erst kurz zuvor mehrere seiner eigenen Söhne umbringen lassen, weil er Angst hatte, dass sie einen Putsch machen.
Aber schließlich sind die Sterndeuter doch in Bethlehem gelandet.
Herodes hatte ihnen den Befehl gegeben, dass wenn sie dieses besondere Kind finden, dass sie es ihm sagen wo und wer das ist.
Aber den Sterndeutern war das nicht so ganz geheuer und sie haben sich entschieden, lieber nicht über Jerusalem nach Hause zu ziehen.
Matthäus erzählt uns in seinem Evangelium, wie es dann weiterging:

Nachdem die Sterndeuter fortgezogen waren, erschien ein Engel Gottes Josef im Traum und befahl ihm: „Steh schnell auf, und flieh mit dem Kind und seiner Mutter nach Ägypten! Bleibt so lange dort, bis ich euch zurückrufe, denn Herodes sucht das Kind und will es umbringen.“ Da brach Josef noch in der Nacht mit Maria und dem Kind nach Ägypten auf. Dort blieben sie bis zum Tod von Herodes. So erfüllte sich, was der Herr durch seinen Propheten angekündigt hatte: „Ich habe meinen Sohn aus Ägypten gerufen.“ Herodes war außer sich vor Zorn, als er merkte, dass ihn die Sterndeuter hintergangen hatten. Er ließ alle Jungen unter zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung umbringen. Denn nach den Angaben der Sterndeuter musste das Kind in diesem Alter sein. So erfüllte sich die Vorhersage des Propheten Jeremia: „Schreie der Angst hört man in der Stadt Rama, das Klagen nimmt kein Ende. Rahel weint um ihre Kinder, sie will sich nicht trösten lassen, denn ihre Kinder wurden ihr genommen.“

Mir sind zu dieser Geschichte vier Fragen eingefallen:
1. Ist das wirklich wahr?
2. Was sind das für Menschen, die so was tun?
3. Wie kann Gott so etwas zulassen?
4. Was soll uns diese Geschichte sagen?

Zur Ersten Frage: Ist das wirklich wahr?
Außer Matthäus berichtet niemand über diesen Vorfall.
Auch der jüdische Historiker Flavius Josephus nicht, der gegen Ende des 1. Jahrhunderts auch über Herodes den Großen berichtet hat, und auch sehr ausführlich von seinen Gemeinheiten, denn Josephus war ein Feind von Herodes.
Manche Historiker sagen darum: Wenn Josephus darüber nichts schreibt, dann muss das Matthäus erfunden haben.
Ich sehe das anders.
Josephus hat längst nicht alles erzählt, was Herodes schlimmes gemacht hat. Und über Jesus und was mit ihm zusammenhängt, hat er lediglich berichtet:
„Ananos berief den Hohen Rat zum Gericht und ließ den Bruder Jesu, des sogenannten Christus, Jakobus mit Namen, sowie einige andere, die er der Gesetzesübertretung beschuldigte, zur Steinigung führen.“
Und das mit den Kindern in Bethlehem, das war auch nicht so dramatisch. Bethlehem war damals ein kleines Kaff. Man schätzt, dass es damals vielleicht 10, 20 männliche Kinder im Alter bis zu zwei Jahren gegeben hat.
Die Zeiten damals waren gewalttätig. Da ist so was wie damals in Bethlehem eine Kleinigkeit, so hart das klingen mag.
Und es passt zu Herodes dem Großen. Kurz vorher hatte er zwei seiner eigenen Söhne umbringen lassen, weil er Angst hatte, sie könnten einen Putsch gegen ihn machen.
Seine Frau hat er auch schon aus dem gleichen Grund hinrichten lassen.
Und seinen erstgeborenen Sohn aus seiner ersten Ehe auch.
Der Römische Kaiser Augustus hat einmal über Herodes gesagt: „Bei Herodes ist es besser, sein Schwein (hyn) zu sein als sein Sohn (hyión).“
Also: ist das wirklich wahr? Ich denke ja.

Damit sind wir bei der zweiten Frage:
Was sind das für Menschen, die so etwas machen?
Ich denke da an Herodes, der den Befehl gab.
Ich denke da an seine Beamten, die die Durchführung genau geplant haben.
Ich denke da an die Soldaten, die ihn ausgeführt haben.
Und ich fürchte: Es waren ganz normale Menschen.
Am 15. Dezember haben in Peschawar in Pakistan Taliban eine Schule gestürmt und über 120 Kinder umgebracht. Meistens mit einem Schuss in den Kopf.
Um das zu machen, hat ihnen ein plausibler Grund gelangt: Wir führen Krieg gegen die Armee, und auf dieser Schule sind alle Schüler Kinder von Armeeangehörigen, und die können wir so treffen. Also machen wir es.
Es gibt deprimierende Untersuchungen, die alle herausgefunden haben: Die SS-Leute, die auch massenweise Kinder umgebracht haben, waren keine blindwütigen Fanatiker. Sondern ganz normale Leute. Gute Nachbarn. Treu sorgende Familienväter.
Befehl ist Befehl, haben sie gesagt.
Und haben erschossen, erschlagen und vergast.
Wir brauchen uns da nichts vorzumachen.
Wenn es uns nützt, oder wenn es uns jemand befiehlt, auf den wir hören müssen – dann sind die meisten Menschen zu vielem fähig.
Auch, dass sie über Leichen gehen.
Ganz gewöhnliche Menschen.
Übrigens: Im Jahr 2013 sind in Deutschland auch wieder über 100.000 Kinder getötet worden, noch bevor sie geboren worden sind.
Und es werden kaum noch Kinder mit Down-Syndrom geboren. Weil die werden heute meistens mit Pränataler Diagnostik selektiert und weggemacht.
Von ganz normalen Menschen.
Die einen guten Grund gefunden haben.

Und wie kann Gott das zulassen?
Das ist eine Frage, die oft gestellt wird.
Wie kann Gott das zulassen.
Ich drehe die Frage einmal um:
Warum sollte er es eigentlich nicht zulassen?
Wir Menschen legen doch so großen Wert darauf, dass wir frei sind und autonom sind, und dass wir uns von niemandem dreinreden lassen wollen.
Und dass wir uns auch nicht von so blöden Geboten von so einem kleinlichen Gott nicht gängeln lassen wollen.
Also: Warum sollte er es nicht zulassen?
Das gehört halt mit dazu zu der Freiheit, die wir immer wollen.
Wenn wir genauer hinschauen, dann stellen wir fest:
Gott lässt es ja gar nicht so einfach zu.
Er warnt Josef, so dass er sich und seine Familie in Sicherheit bringen kann.
Aber warum bekommt nur der Vater von Jesus eine Warnung – und die anderen Väter nicht?
Wobei – das wissen wir ja gar nicht. Vielleicht hat Gott versucht, die anderen auch zu warnen, und die anderen haben auf ihre komischen Träume nichts gegeben? Man weiß es nicht.
Und grundsätzlich ist es ja schon: Gott lässt es zu, dass unvorstellbar gemeines und schlimmes passiert.
Eltern, die ihr einziges Kind verlieren.
Kinder, die kurz hintereinander Mutter und Vater beerdigen.
Über 200.000 Tote beim Tsunami vor 10 Jahren.
Warum lässt Gott das alles zu?
Weil er machtlos ist und auch nichts verhindern kann?
Weil er grausam und teilnahmslos ist?
Das glaube ich alles nicht.
Die Antwort, die ich bisher dafür habe ist:
Weil sein Plan für die Überwindung des Bösen anders aussieht.
Die Bibel erzählt uns, dass das Böse überwunden wird, indem Gott es sich an ihm selber austoben lässt.
An Jesus.
Und eines Tages wird das Böse sterben.
Tot sein.
Aufhören.
Aber noch nicht heute.
Heute kann sich das Böse noch austoben.
Und das Wunderbare dabei ist:
Da, wo das Böse sich austobt, da taucht auf einmal ganz viel Gutes auf.
Ganz viel Mitgefühl.
Ganz viel Anteilnahme.
Ganz viel selbstlose Hilfsbereitschaft.
Ganz viel Nächstenliebe.
Ganz viel Hoffnung.
Ganz viel Licht in der Finsternis, das wir sonst gar nicht gesehen hätten.

Und damit sind wir bei der vierten und letzten Frage angelangt:
Was soll uns diese Geschichte sagen?
Ich denke mehreres.
Ganz schlaue Theologen haben gesagt: So wie Mose als Kind wunderbar gerettet worden ist, so soll diese Rettung von Jesus zeigen: Jesus ist mindestens so bedeutsam wie Moses. Beides sind große Befreier.
Aha.
Schön.
Und weiter?

Ich denke, diese Geschichte soll uns auch zeigen, wie wir Menschen sind, und wie wir uns Gott und Jesus gegenüber oft verhalten.
Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche.
Gott stört doch nur.
Er ist oft ein unerwünschter Eindringling.
Ja, im Notfall, wenn wir ihn brauchen können, da soll er schnell da sein.
Oder wenn uns gerade nach ein bisschen religiöser Stimmung ist, da soll er liefern.
Aber sonst soll er sich bitte aus unserem Leben heraushalten.
Ja, das ganze Zeug mit Vergebung und Ewiges Leben und so, das nehmen wir gerne mit.
Aber dass er sich auch sonst in unser Leben einmischen will und kommandieren will, das geht zu weit.
Jesus als Rettungsreifen, ok.
Jesus als Lenkrad – nein danke.
So verhält sich die Welt im Großen – und so verhalten auch wir uns leider Gottes oft genug im Kleinen.
In der Erklärung von Barmen wurde 1934 deutlich festgestellt, dass es aber das Eine nicht gibt ohne das Andere:
„Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben. (…) Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären (…).“
Wer will, dass Jesus ihm Vergebung und Ewiges Leben schenkt, der muss ihn auch zum Herren des Alltags machen.
Das Eine ohne das Andere gibt es nicht.

Und noch etwas sagt uns diese Geschichte:
Trotz aller Widerstände, trotz aller Gegnerschaft, trotz aller Aktionen und Mordanschläge und Gewalttaten und Gegenpläne:
Gott kommt zu seinem Ziel.
Gott kommt zu seinem Ziel.
Was er sich vorgenommen hat, das wird er auch erreichen.
Ohne jeden Zweifel.
Und auch unser Versagen kann ihn nicht aufhalten.
Ich finde das oft sehr tröstlich.
Egal wie blöd ich mich anstelle, egal was für Mist ich baue.
Gott wird zu seinem Ziel kommen.
Früher oder später.

Und das letzte, was mir dazu einfällt, was uns diese Geschichte sagt:
Sie erzählt von der Treue Gottes und von seiner hingebenden Liebe.
Er gibt sich liebend hin für eine Welt und für Menschen, die nichts von ihm wissen wollen.
Für die er nur ein unerwünschter Eindringling ist.
Die ihn sogar aktiv bekämpfen.
Für diese Menschen ist Gott bereit, sich aufzuopfern.
Ich finde das unglaublich.
Jedesmal, wenn ich über diesen Gedanken nachdenke, muss ich staunen.
Gott ist jemand, der seine Todfeinde lieben kann – und liebt.
Gott ist jemand, der denen, die ihn foltern, vergeben kann.
Jedesmal, wenn ich darüber nachdenke, denke ich:
Diesen Gott möchte ich gerne besser kennenlernen.
Von diesem Gott möchte ich mir gerne eine Scheibe abschneiden.
Und diesem Gott möchte ich gerne gehören.
Ganz und gar.
Amen.

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