Da kommt Freude auf

Vierter Advent! Vieles ist inzwischen bewältigt. Der Tannenbaum ist besorgt und wartet in seinem Netz auf baldige Entfesselung. Die Weihnachtsfeiern in Schule, Freundeskreis, Firma, Verein sind fast alle vorbei. Die selbstgebackenen Plätzchen sind in den Dosen oder Geschenktüten verstaut.

Haben sich im Zuge dessen adventliche Gefühle eingestellt bei dir? Ist die Vorfreude gewachsen? Mancher hat gar nicht groß darüber nachgedacht, das Pensum hat einen einfach ausgefüllt. Bei einigen von uns kam noch anderes unerwartet obendrauf. Zwischenfälle, die einen immer treffen können, aber ausgerechnet jetzt muss das mir passieren. Das hat die Freude gedämpft.

Und wir fragen mit Recht: Wenn ich die die Tage anders gestaltet hätte: Hätte ich dann mehr abbekommen von den vorweihnachtlichen Gefühlen, die ich mir doch auch wünsche? Darf ich überhaupt darauf hoffen, mich überhaupt danach sehnen? Ist das legitim? Sind die großen Gefühle nur Kitsch und Mache? Knallhart kalkuliert von Unterhaltungsbranche und Wirtschaft, die ja so angewiesen ist auf Umsatz in diesen wichtigsten Wochen?

Darf ein Christ auf Freude hoffen? Oder muss es uns reichen, dass wir geben, helfen, anderen Freude zu bereiten versuchen, die eigenen Ansprüche zurück stellen?

Ganz schön vertrackt. Auf der einen Seite dieser Außendruck. Christen sollen ausgeglichen sein, gelassen, strapazierfähig. Wenn die Christen fröhlicher aussehen, könnte ich ihnen das Bekenntnis abnehmen, lästerte Nietzsche.

Aber was wäre das für eine Freude, zu der man sich zwingen müsste. Galgenhumor? Zweckoptimismus? Gute Miene zum bösen Spiel? Die amerikanische How are you Freundlichkeit der Frauenstimme im Callcenter?

Wir brauchen Vorbilder. Wir brauchen Menschen mit ansteckender Freude. Wenn wir es schon nicht sind von Natur aus, jedenfalls die wenigsten von uns. So kennen wir doch bestimmte Menschen, oder wir erinnern uns an sie. Mit einer sprühenden, ansteckenden Freude. Wie sehr brauchen wir das. Das Klischee von den leuchtenden Kinderaugen vorm Weihnachtsbaum bei der Bescherung ist nicht einfach nur Kitsch. Es belegt die Sehnsucht nach authentischer Freude. Nach Glück. Wenn sich dieses Gefühl schon so selten bei uns selber einstellt, wollen wir es doch wenigstens bei anderen sehen.

Echt soll sie sein, diese Freude. Wir haben ein gesundes Mißtrauen gegen allen inszenierten Frohsinn. Wenn der Moderator die Showtreppe herabkommt und das Publikum rast und jauchzt. Wenn der Kanzlerkandidat seine Grundsatzrede beendet und das Parteivolk applaudiert minutenlang im Stehen.
Da bleiben wir wohltemperiert und sagen, ich durchschaue das. Wir Franken genauer gesagt, Ihr Franken und wir Norddeutschen gelten ja sowieso als kühlere, bedächtige Temperamente. Das südländisch Überbordende, wo man sich gleich fröhlich um den Hals fällt, ist nicht so unsers. Wir tun uns schwerer mit der fröhlichen Ausstrahlung.

Trotzdem gilt die Aufforderung zur Freude gerade uns. Gott fordert uns heraus. Er will gerade uns zur Freude führen, die wir uns schwer tun. Die wir oft neidisch auf die Frohnaturen blicken, die mit ihrer entwaffnenden Leichtigkeit das Eis brechen können, auch einem Griesgram ein Lächeln aufs Gesicht zaubern können. Wie schön, dass es die gibt. Vielleicht geht’s nur mir so, aber es fällt schon auf, dass es oft Leute sind ohne Doktortitel und akademischer Genauigkeit. Schlichte Gemüter, diese Menschen, die sich freuen können über Kleinigkeiten. Bei Jugendlichen mit Down Syndrom habe ich das oft erlebt.
Wie kommt die Freude zu uns? Das ist die Frage. Und da fällt ein Unterschied auf wie es in der Welt zugeht und wie es unter den Christen ist.

Die Welt sucht die Freude an der falschen Stelle.

Friedrich Schiller bringt es auf den Punkt in seiner Ode an die Freude:

Freude trinken alle Wesen an den Brüsten der Natur,

Alle Guten, alle Bösen folgen ihrer Rosenspur.
Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein!
Freude prudelt in Pokalen, in der Traube goldnem Blut.
Brüder fliegt von euren Sitzen, wenn der volle Römer kreist.
Laßt den Schaum zum Himmel spritzen.
Dieses Glas dem guten Geist.

Da ist auf den Punkt gebracht, wo die Welt Freude sucht: In der Natur, in zwischenmenschlichen Beziehungen, bei Feierei mit gutem Essen und Trinken.

Und diese Gewohnheit nehmen die Leute natürlich mit in ihre Art, Weihnachten zu feiern bzw. ihren Wunsch, wie Weihnachten ablaufen möge. Und wenn dann Wunsch und Wirklichkeit auseinander fällt, werden die Erwartungen zurück geschraubt. Immer öfter bekomme ich zu hören nach einem vorsichtigen Anticken: Na, Tannenbaum schon besorgt? Nö, Gibt’s nicht.

Adventsschmuck? Hab ich nicht, keine Zeit. Wir schenken uns schon lange nichts mehr. Heiligabend ist der Arbeitstag lang, da bin ich froh, wenn ich meine Ruhe habe.

Darum werden morgen wieder etliche, die sich nicht mehr vorstellen können, dass zu Hause Weihnachtsfreude aufkommt, in den Flieger steigen. Die stressbesetzten Stolperfallen, die einem das Fest vermiesen können, wollen sie weit hinter sich lassen. Aber die Freude lässt sich nicht buchen mit Rückerstattung bei Ausbleiben. Da muss man dann durch, wenn sich auch im Ausland Frust einstellt.

Wie bei jenem Touristen auf dem Rückweg vom Heiligen Land. In der Reisekasse war schon ziemlich Ebbe. Aber ein aufwendiges Souvenir hatte er sich dann doch noch gegönnt. Nun sitzt er in seinem gut durchlüftetem Fahrzeug und kramt noch einmal im Handgepäck. Einzelne Dinge, die er erworben hat, teils für Freunde, teils für sich, nimmt er noch einmal in Augenschein. Gerade hält er das teuerste Stück in Händen. Das hatte er schon immer haben wollen. Es ist ein Buch. Von vorne sich durch eine dicke Schwarte kämpfen war noch nie sein Ding. Also fängt er in der Mitte an. Aber so sehr er sich auch müht, die Sprache, die Zusammenhänge, er bekommt keinen Zugang. Laut liest er die Worte vor sich hin, achtet gar nicht darauf, was sich auf der Straße abspielt. Da schaltet sich ein Zuhörer ein. Als die Kutsche im Schritt-Tempo vorbeizuckelte, stand er am Wege und bekam alles mit. „Verzeihung, mein Herr, verstehen Sie auch, was Sie da sagen?“

„Nicht so förmlich, mein Freund! Steige er ein und begleite mich ein Stück!“ Der Wanderer steigt in den Wagen. Die beiden stellen sich vor: „Gestatten, Philippus, Diakon auf Wanderschaft. Sie sehen ziemlich nach business class aus, mein Herr.“

Nun ja, als Finanzminister ist der Maßanzug sozusagen Dienstkleidung. Ich muss seriös gekleidet sein und reise immer erster Klasse. Jetzt geht es zurück nach Äthiopien zu meiner Chefin, der Königin Kandaze. Das Buch hier konnte ich von den Reisespesen bezahlen. Es ist eine Schriftrolle mit Stücken vom Propheten Jesaja. Wenn ich bloß wüsste, wovon er redet.
Der Minister mustert den fremden Gast. Lesen kann der vielleicht gar nicht, aber er kennt sich unheimlich aus. Offenbar kann er diese Bibelstellen auswendig. Der Mann weiß richtig Bescheid. Staunend lauscht der Minister der Deutung der schwierigen Stelle:

„Dies Wort ist eine Weissagung. Mit dem Ausdruck Lamm deutet der Prophet auf den kommenden Messias, den Heiland. Der ist in Jesus erschienen. Ich glaube an ihn. In Jesus können wir neues Leben empfangen. Und Vergebung für alles, was vor Gott nicht recht war. Das empfangen wir Christen, wenn wir uns taufen lassen.

Dem Reisenden fällt es wie Schuppen von den Augen. „Wenn das so ist! Danach suche ich schon lange. Ich will auch an euren Gott glauben. Ich will auch getauft werden. Was muß ich dazu tun?“

Die überraschende Begegnung zwischen einem kleinen Diakon und dem vornehmen Finanzminister endet an einer Oase. Philippus tauft den angesehenen Banker aus Äthiopien. Der setzt seine Reise mit ganz anderer Laune fort. Es heißt im alten Luthertext: „Er zog aber seine Straße fröhlich.“

Woher kam diese Freude? Aus der Begegnung mit Jesus.

Die tiefe, dauerhafte, sinngebende Freude gibt es nur in der Verbindung mit Jesus. Außerhalb dessen ist dieser Anspruch Überforderung, fast möchte ich sagen, unmenschlich. Verbunden mit Jesus, kommt eine andere Einstellung, ein anderer Geist in uns. Das Herz wird verwandelt. Wir werden erneuert.

Die Umstände werden zweitrangig. Die Freude ist zum einen Vorfreude: Der Herr ist nahe! Christen haben Hoffnung auf den Himmel. Aber das heißt nicht, bis dahin ist Entbehrung, Jammertal, Zähne zusammen beißen. Nein, die Freude ist schon jetzt in uns, weil Jesus in uns ist. Wenn wir das nicht spüren, oder andere uns das nicht abspüren, liegt es daran, dass wir Jesus zu wenig Raum geben.

Die Aufforderung vom Apostel ist was anderes als wenn Opa sagt, nachdem der Enkel das Geschenk ausgepackt hat, nun freu dich doch! Es geht nicht um Artigkeit, sondern Andersartigkeit.

Gott fordert nicht Freude, er führt in die Freude!
All das sehen wir an Paulus. Da sitzt er in Rom hinter Gittern und bleibt ganz entspannt und sagt: Hab ich Sorgen, geb ich sie ab bei Jesus. Ich kann niedrig sein oder hoch. Satt oder hungrig. No Problem. Don´t worry, be happy.

Aber auch ein Paulus kocht nur mit Wasser. Auch ein Paulus hat Durchhänger. Auch der brauchte Aufmunterung. Auch der brauchte Hilfen zur Freude.

Zwei solche Hilfen finden sich im Philipperbrief. Da ist zum einen der Kollege Epaphroditus. Paulus wollte ihn nach Philippi schicken als Postboten. Aber der war nicht reisefähig. Totkrank war der. Paulus schreibt: „Er war auch todkrank, aber Gott hat sich über ihn erbarmt. Nicht allein aber über ihn, sondern auch über micht, damit ich nicht eine Traurigkeit zu der anderen hätte. Ich habe ihn nun um so eiliger zu euch gesandt, damit ihr ihn seht und wieder fröhlich werdet.“ (2,27f)

So brauchen auch wir hin und wieder ein Gegenüber, einen Freudenboten, der uns auf andere Gedanken bringt. Vielleicht wird dir Gott in den nächsten Tagen einen solchen schicken, damit auch bei dir Adventsfreude einkehrt. Oder, wenn du daran keinen Mangel hast, will er dich gebrauchen zur Aufmunterung anderer.

Eine andere Hilfe sind Post und Päckchen. Paulus hat aus Philippi mehr davon gekriegt als von irgend einem anderen Absender. Er schreibt: „Keine Gemeinde hat mit mir Gemeinschaft gehabt im Geben und Nehmen als ihr allein. Denn auch nach Thessalonich habt ihr etwas gesandt für meinen Bedarf, einmal und danach noch einmal.“ (4,15)

Ich gehe davon aus, die haben ihm Pakete geschickt mit Papyrus, Feder, Tinte, Früchte, Wolle, Oliven, Gewürz. Es war also ein Hin und Her. Paulus empfing Nachrichten und Gaben. Umgekehrt hat er dann schriftlich geantwortet und persönlich die Absender besucht.
Dieses Hin und Her von Grüßen und Nachrichten verbunden mit guten Wünschen wirkt Freude. Es ist total wichtig.

Keine Zeit im ganzen Jahr lädt uns dazu dermaßen ein, erleichtert uns auch die Kontaktaufnahme wie die Wochen vor Weihnachten. Wir müssen uns nicht erklären, warum wir uns melden. Das bevorstehende Fest ist Grund genug.

Was für eine Chance. Wie wenig wird sie genutzt. Wir reden uns raus mit dem Hinweis auf Portogebühren, damit dass wir lieber eine namhafte Spende tätigen für ein Hilfswerk oder Kindergarten statt einer Vielzahl Gaben und Grüße an einzelne. Hinzu kommt der bequeme Rundumschlag per Mail oder elektronischer Grußkarte. Posten via Facebook und Whatsapp. Klar ist das Kommunikationserleichterung. Aber zugleich Kommunikationsverarmung.

Vorschlag, sogar für Schreibmuffel: Nutze die Zeit bis zum Fest und bring ein paar Karten auf den Weg. Überlege, wem könnte ich eine Freude machen. Worüber wird sie, wird er sich freuen. Ruhig in mehreren Geschäften nach der richtigen Karte suchen. Oder selber eine anfertigen. Noch besser eine Aufmerksamkeit dazu und das ganze in einen Umschlag. Wer sich das angewöhnt, wird sich wundern über die Resonanz. Und über den Rücklauf.

Viele Jahre lang hatte ich drei Gottesdienste zu beschicken am Heiligabend. Für die Christnacht um 23 Uhr, wenn die Post gesichtet war, habe ich oft ein Kistchen mit best of auf die Kanzel mitgenommen. Und zitiert und gezeigt. Bewegende Grüße, hinter denen bewegende Schicksale standen.

Jürgen Thuswohl ist nach seiner theologischen Ausbildung an der Bibelschule mit seiner Frau nach Ungarn ausgereist. Inzwischen haben sie dort ein Haus gebaut und wohnen dort mit ihren Kindern. Spender aus Deutschland tragen ihre Arbeit. Er war zu Besuch in Bremen und berichtete von einem Dorf, wo er Andachten hält in einem Altenheim. Dieses Heim ist durch Privatinitiative entstanden.

Vorher waren die alten Leute ohne Angehörige dort weitgehend sich selbst überlassen. Eine Krankenschwester, die Christin ist, besuchte einzelne von ihnen, half ihnen bei der Körperpflege, brachte Notwendiges. Dann kaufte die Kirchengemeinde ein Haus und baute es um. Die Alten zogen ein. So waren die weiten Wege für die Hausbesuche nicht mehr nötig. Die Bewohner wussten ganz wenig von Kirche und Christsein. Die meisten hatten noch nie in ihrem Leben Post bekommen.

Darauf beschlossen wir beim Kirchkaffee spontan: Da machen wir was. Wir ließen uns die Namen aller Bewohner geben. Dann wurden Karten besorgt, teilweise gebastelt. Wir schrieben einen Weihnachtsgruß auf ungarisch, jedem persönlich. Dann gingen die Karten in die Zustellung. Alle kamen an. Und weckten Staunen und Freude.

Keinen Euro hat es gekostet, um eine einzelne Seele froh zu machen. Und völlig gebührenfrei ist es, wenn wir die Hände falten und gezielt für Menschen Fürbitte tun, von denen wir wissen, ihnen entgleitet der Lebensmut. Und sie haben die Freude so nötig.

Lasst uns beten:
Lieber Vater im Himmel! Du weißt, wie oft ich mir die Freude habe rauben lassen, oft durch Nichtigkeiten. Und du weißt, wie sehr ich mich im tiefsten danach sehne. Begegne du mir in diesen Tagen. Überrasche mich. Mach mich unabhängig von den Umständen, von meinen Befürchtungen. Berühre mich mit deiner Gegenwart. Lass mich angerührt und verwandelt werden von einer Freude, wie nur du sie geben kannst. In Jesu Namen. Amen.

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