Sana lacht.

Sana lacht. Über Menschenfreundlichkeit kann sie einiges erzählen. Ob man das groß oder klein schreibt weiß sie nicht. Aber beschreiben kann sie es. Sana malt. Zuerst waren es keine hellen Bilder. Eher dunkel gehalten. Das war kurz nach der Flucht. Da war Sana 24 Jahre alt.

Als ich 24 Jahre alt war, habe ich meinen Studienort zum ersten Mal gewechselt. Vorher habe ich noch bei Europcar einen Sprinter gemietet und dann meine ganze Sachen rübergefahren. Ich weiß noch, dass ich gezittert habe, ob alles reingeht. Passte dann aber. Freunde waren natürlich auch dabei und abends, als meine Habseligkeiten endlich aus- und wieder eingeräumt waren, gab es Bier und Pizza für alle.

Als Sana fliehen musste hätte sie bestimmt gerne mehr mitgenommen. Hätte sie auch gerne einen geregelten Umzug gestaltet. Aber für die paar Dinge, die sie mitgenommen hat, lohnte sich kein Sprinter, nicht mal ein Kleinwagen. Das, was sie hatte, passte in eine Tasche. Und damit floh sie vor Willkür, Hass und Geringschätzung des Lebens.

Solche Geschichten und Erlebnisse verarbeitet sie in ihren Bildern. Die werden nach und nach immer heller, freundlicher. Auch weil die Menschen, die sie jetzt trifft, hier in meinem Land, zu ihr freundlich sind. Ich mag dein Land, sagt sie und ich lächele.
Die ganzen Leute hier, mit denen ich zu tun habe, sind so loving and caring. Loving and caring. Liebevoll und Fürsorglich. Menschenfreundlich, denke ich, aber das Wort fällt mir nicht auf Englisch ein.

Menschenfreundlichkeit ist ein schönes Wort. Gott benutzt es ein einziges Mal, oder besser gesagt, ein einziges Mal wird dieses Wort mit ihm in Verbindung gebracht. Im Titusbrief, im dritten Kapitel. Da steht, was heute und morgen und in Zukunft unser Lebensthema sein kann (nach S. Kuhlmann, in: Er ist unser Friede, Lesepredigten, Textreihe II, Bd.1, 2015/16, Leipzig 22015, S. 47):
Doch dann zeigte Gott, unser Retter, uns seine Freundlichkeit und Menschenliebe. Er rettete uns, nicht wegen unserer guten Taten, sondern aufgrund seiner Barmherzigkeit. Er wusch unsere Schuld ab und schenkte uns durch den Heiligen Geist ein neues Leben. Durch das, was Jesus Christus, unser Retter, für uns getan hat, schenkte er uns den heiligen Geist. In seiner großen Güte sprach er uns los von unserer Schuld. Nun wissen wir, dass wir das ewige Leben erben werden.

Gestern ist Gott Mensch geworden, damit wir Menschen sein können. Angesichts solcher Satzmonster wie im Titusbrief könnte man denken, Gott hat ein Faible für schwierige Sprache, aber das steht da. Gott wird Mensch, damit wir Menschen menschlicher werden können. Das ist die Aufgabe, das Lebensthema.

Menschenfreundlichkeit. Luther übersetzte diesen Begriff mit „Leutseligkeit“. Knapp daneben ist auch vorbei, Martin. Leutselig ist „heute die gönnerhafte Herablassung und volkstümelnde Aufgeräumtheit des Hochgestellten, inmitten derer, die nicht seinesgleichen sind.“ (Vgl.: J. Henkys, in: GPM, 2. Reihe, Heft 11, Göttingen 1973, S. 43).
Aber seit gestern gibt sich Gott gar nicht mehr herablassend. Ganz im Gegenteil. Er kommt herab und wird ein Freund. Ein guter Freund. So einer, den man mitten in der Nacht anrufen kann und der zuhört.
So einer, der auch dann da ist, wenn die Umzugshelfer längst wieder gegangen sind, weil sie den Weg ja auch noch zurück fahren müssen. Gott ist zuverlässig. Auch als Mensch.

Und Sanas Bilder sind bunt, sie strotzen vor Leben, vor Farben, sogar vor Freude. Ich schaue mir ihre Bilder gerne an, denn dann geht es mir besser. Schuld daran ist die Menschenfreundlichkeit. Die, die Sana erfahren hat. Dass fremde Menschen freundlich sind, nicht aus Berechnung, sondern einfach so, dass hat sie schwer beeindruckt. Das hat ihr Grund und Halt gegeben, in einer Zeit, in der es für sie nicht viel festzuhalten gab. Während sie lacht denke ich, Sana hat eine Freundlichkeit erfahren, die ich jedem von uns wünsche.

Dein Wunsch ist mir Befehl, sagt Gott und gibt selbst ein Beispiel. Aber er bleibt nicht nur Beispiel. Er wird Mensch. Er ist eben menschenfreundlich. Und gnädig. Und barmherzig. Und er ist das alles einfach so. ER verkleidet sich nicht. Er meint das ernst. Nicht so, wie die, die das christliche Abendland spazierengehend verteidigen, aber es dabei auf ganzer Linie an Menschenfreundlichkeit mangeln lassen. Das sind bloß Darsteller. Die haben Angst, aber keine Erkenntnis. Angst ist aber kein guter Ratgeber. Hatte Gott schließlich auch nicht, als er Mensch wurde. Hat er einfach gemacht.

Menschenfreundlichkeit ist schließlich Gottes Herzensangelegenheit. Und als Sanas Bilder in der Kirche ausgestellt werden, durchflutet vielfarbig gebrochenes Licht den Chorraum. Und das mitten im Dezember.

Das geschieht nicht so oft. Also das mit dem Licht im Chorraum. Aber das mit der Menschenfreundlichkeit Gott sei Dank schon. Sana macht jetzt ihr Fachabitur. Davor hatte sie Deutsch gelernt und dann die Hauptschule und die Realschule abgeschlossen.

Das wäre nicht gegangen, wenn ich nicht auf so viele freundliche Menschen gestoßen wäre. Sana freut sich. Schon wieder. Gott und den Menschen sei Dank. In ihrer Heimat hatte sie nicht viel zu lachen. Da wurde sie verfolgt. Hier kann sie sich entfalten und sich auch der Malerei widmen. Ich habe erst hier angefangen zu malen, sagt sie.

Schreibt man Menschenfreundlichkeit jetzt eigentlich groß oder klein? Sana ist hartnäckig. Also Gott schreibt das sehr groß, denke ich. Und er ist – Gott sei Dank – auch nicht der Einzige, der das tut.

AMEN!

drucken