Gottes Pro ohne Wenn und Aber

Römer 8,31b-39 31.12.2015 Berlin-Hellersdorf

31b Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? 32 Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? 33 Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. 34 Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. 35 Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? 36 Wie geschrieben steht (Psalm 44,23): »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« 37 Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. 38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Einer ist immer schuld. – Bei manchen sind es immer die anderen, die schuld an irgendetwas sind. Andere dagegen geben sich immer erst einmal selber die Schuld. Manche sind auch überhaupt nicht direkt an einer Sache schuld, aber sie tragen die politische Verantwortung, und darum haben sie gefälligst schuld zu sein und demzufolge ihren Hut zu nehmen. – Schuld wird gern abgewälzt und nur sehr ungern übernommen.

Da ist ein Laden, wo es Ketten und Anhänger und Ringe und Armbänder und lauter solche Dinge gibt, die man sich irgendwo hin hängen oder anstecken kann, und eine Frau probiert die Armbänder eins nach dem anderen an, weil sie ja doch etwas für die Tochter sucht. Und nachdem sie schließlich geschätzte 30 und gefühlte 50 oder 100 für schlanke Arme gedachte Bänder mühsam übers eigene kräftige Handgelenk gestreift und wieder abgestreift hat, geht natürlich eins kaputt, platzt ganz einfach, und die Perlen purzeln durch den Laden. „Ich war’s nicht …, ich war’s nicht …“ beteuert die Kundin in einem fort und macht das Ganze nur noch peinlicher. Schuld sind am besten immer die anderen oder etwas anderes, ganz egal, wie dämlich wir selber uns anstellen.

Es ist aber auch wirklich nicht einfach, Schuld einzugestehen und auf sich zu nehmen. Das kostet zuweilen große Überwindung, besteht doch die reale Gefahr, dabei nicht nur das Gesicht, sondern unter Umständen auch einen guten Posten zu verlieren. Und so wird immer wieder geschönt, seien es nun Firmen-Bilanzen oder Nachrufe oder, wie sie in diesen Tagen anstehen, Jahresrückblicke. „Wenn ich das oder das zugebe, könnte man mir doch vielleicht einen Strick draus drehen.“ So oder ähnlich sind die Überlegungen. So ist nun mal die Welt, und wir werden’s kaum ändern, denn wir sind selber ein Teil dieser Welt.

Aber es gibt ja nicht nur die mehr oder weniger kurzfristigen Bilanzen für ein Wirtschaftsjahr oder eine Wahlperiode. Es gibt auch so etwas wie eine Lebensbilanz, und eine solche Lebensbilanz ist für viele Menschen – und für uns hier beim Gottesdienst am Altjahresabend allemal – immer auch eine Bilanz vor Gott. Wie mag die ausfallen?

Wir könnten dafür die Zehn Gebote heranziehen und sie Punkt für Punkt durchgehen. Schauen wir grob hin, so werden wir wahrscheinlich befriedigt feststellen: Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen, jedenfalls nichts Grobes.

Aber geht es denn wirklich nur ums Grobe? Sind die Kleinigkeiten tatsächlich so unwichtig?

Und was wird denn in den Geboten wirklich verlangt? Was ist gemeint, wenn es da heißt, dass wir Vater und Mutter ehren sollen? Gehorchen? Oder: mit Achtung begegnen? Oder: Fürsorge im Alter? Oder von allem etwas? Aber wann und unter welchen Umständen?

Oder wie heiligt man den Feiertag? Allein mit Kirchgang? Oder gibt es auch andere Weisen, den Tag des Herrn zu einem besonderen Tag werden zu lassen? Denn das meint ja „heiligen“: eine Sache für besonders erachten und sie so aus dem Alltag herausheben.

Und wenn sich das schon bei solchen scheinbar einfachen Geboten derart kompliziert darstellt, wie schnell kommen wir ins Grübeln oder gar ins Schleudern, denken wir an die anderen Gebote, die etwa das Töten oder gar unser Verhältnis zu Gott betreffen. Nichts ist da einfach, und die Chance, etwas verkehrt zu machen, ist riesengroß. Da fange ich an, die frommen Juden zur Zeit Jesu zu verstehen, die Pharisäer, denen das Gesetz Gottes so unumstößlich und heilig war, dass sie sich vor dem kleinsten nur denkbaren Verstoß dagegen scheuten. Und da meinten sie nicht allein die bekannten zehn Gebote, von denen wir eben sprechen, sondern alle 613 Gebote und Verbote des Alten Testaments, also der Hebräischen Bibel. Jeder Verstoß dagegen trennt von Gott, ist also – mit den Worten des Glaubens gesprochen – tödlich. Deshalb, so das Denken der Pharisäer, muss man die Menschen davor bewahren, dass sie überhaupt erst in die Gefahr kommen, gegen das Gesetz Gottes verstoßen zu können. Das ist der Punkt, an dem die menschlichen Satzungen entstehen, die noch viel genauer, als es im eigentlichen Gesetz geboten ist, festlegen, was erlaubt ist und was nicht. Das geschieht aber eben nicht, um die Gläubigen zusätzlich zu ärgern oder gar zu knechten, sondern um sie davor zu schützen, dass sie gegen das eigentliche Gebot verstoßen, weil sie schon durch andere Gebote abgehalten werden, die auf diese Weise – und das war nun der spezielle Ausdruck der Pharisäer dafür – einen schützenden Zaun um das Gesetz Gottes bilden.

Gut gemeint, aber hilft das wirklich? Bleibt nicht die Gefahr bestehen, dass der Mensch sich im Gewirr der vielen Vorschriften verheddert? Muss er letzten Endes nicht doch immer als der Schuldige dastehen? Kein Wunder, dass Paulus, der ja von Haus aus ein Pharisäer war, an anderer Stelle im Römerbrief generell feststellt: Wir „sind allzumal Sünder.“ Es könnte, wenn man es recht und gar von der Warte Gottes her betrachtet, sehr viel gegen uns ins Feld geführt werden.

Aber das ist nun die große Befreiung, die Paulus erfährt und die Luther wieder deutlich gemacht hat, ja, man kann es auch als ein Wunder bezeichnen: Auch wenn wir Menschen dem Gebot Gottes nicht gerecht werden, Gott hat nichts gegen uns. Gott hat nichts gegen die Menschen, sondern er hat sie von Anfang an gewollt und tritt deshalb auf ihre Seite.
Gott wird Mensch: Weihnachten.
Gott lebt wie ein Mensch: Jesus in Galiläa und in Jerusalem.
Gott leidet wie ein Mensch: Jesus einsam und verlassen und schließlich am Kreuz.
Gott stirbt wie ein Mensch: Jesus am Karfreitag.
Gott überwindet unsere menschlichen Schwächen: Ostern – Jesus lebt.
Gott, „der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“

Das, und nur das, ändert unsere Bilanz, ganz gleich, wie sie konkret ausfällt.

Es nimmt allerdings nichts weg von unseren menschlichen Unvollkommenheiten und ändert vordergründig auch nichts an dem vielen Schmerzlichen, von dem wir erfahren oder mit dem wir gar selber zurechtkommen müssen. Paulus führt eine lange Liste davon an: „Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“ Offensichtlich kennt der Apostel das Leben recht gut. Und er kennt wohl auch das Gefühl, dass sich alle Kräfte im Himmel und auf Erden und unter der Erde gegen einen verschworen zu haben scheinen. Doch dem hält er entgegen, dass nichts, wirklich gar nichts, „weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Mit dieser unumstößlichen Zusage im Hintergrund wird es angesichts der persönlichen Bilanz leichter zu fragen: Was muss ich ändern? Was kann ich besser machen? Es wird leichter, gegen Schwierigkeiten anzukämpfen. Es wird aber auch leichter, sich in eine Sache zu ergeben und sie so anzunehmen, wie sie nun mal ist, denn in allem dürfen wir der Liebe Gottes gewiss sein. Die Dinge zu unterscheiden und das jeweils Richtige herauszufinden, sollte unsere Bitte sein, an jedem Tag und am Jahreswechsel ganz besonders. Amen.

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