Was sollen wir tun?

Wie beginnen Märchen? [Antworten erfragen]
Und wie beginnen Berichte? [Antworten erfragen]
Am letzten Samstag hat Hans Müller aus Leipheim in Ulm auf dem Weihnachtsmarkt folgendes erlebt….
So beginnen Berichte.
Wir hören jetzt einen Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium. Er beginnt so:

Es war im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius. Pontius Pilatus verwaltete als Statthalter die Provinz Judäa; Herodes herrschte über Galiläa, sein Bruder Philippus über Ituräa und Trachonitis, und Lysanias regierte in Abilene; Hannas und später Kaiphas waren die Hohenpriester. In dieser Zeit sprach Gott zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, der in der Wüste lebte. Johannes verließ die Wüste und zog durch das ganze Gebiet am Jordan. Überall forderte er die Leute auf: „Kehrt um zu Gott, und lasst euch von mir taufen. Dann wird euch Gott eure Sünden vergeben!“ So erfüllte sich, was im Buch des Propheten Jesaja steht: „Ein Bote wird in der Wüste rufen: ‚Macht den Weg frei für den Herrn! Räumt alle Hindernisse weg! Jedes Tal soll aufgefüllt, jeder Berg und Hügel abgetragen werden, krumme Wege sollen begradigt und holprige Wege eben werden! Dann werden alle Menschen sehen, wie Gott Rettung bringt!‘ Die Menschen kamen in Scharen zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Aber er ging mit ihnen hart ins Gericht: „Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch eingeredet, dass ihr dem kommenden Zorn Gottes entrinnen werdet? Zeigt erst einmal durch Taten, dass ihr wirklich zu Gott umkehren wollt! Bildet euch nur nicht ein, ihr könntet euch damit herausreden: ‚Abraham ist unser Vater!‘ Ich sage euch: Gott kann selbst aus diesen Steinen hier Nachkommen Abrahams hervorbringen. Schon ist die Axt erhoben, um die Bäume an der Wurzel abzuschlagen. Jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“ Da wollten die Leute wissen: „Was sollen wir denn tun?“ Johannes antwortete: „Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keins besitzt. Und wer etwas zu essen hat, soll seine Mahlzeit mit Hungrigen teilen.“ Es kamen auch Zolleinnehmer, die sich taufen lassen wollten. Sie fragten: „Und wir? Wie sollen wir uns verhalten?“ Johannes wies sie an: „Verlangt nur so viel Zollgebühren, wie ihr fordern dürft!“ „Und was sollen wir tun?“, erkundigten sich einige Soldaten. „Plündert nicht, und erpresst niemand! Seid zufrieden mit eurem Sold“, antwortete ihnen Johannes. Johannes verkündete den Menschen die rettende Botschaft Gottes und ermahnte sie auf vielerlei Weise.

Uns ist klar: Das ist kein Märchen, sondern ein Bericht.
Das Evangelium erzählt nicht schöne Geschichten, sondern Geschichte.
Heilsgeschichte.
Die tatsächlich passiert ist.
Darum ist auch Pontius Pilatus im Glaubensbekenntnis.
Nicht, weil er so böse war. Er war genauso schlimm wie der Durchschnitt von uns auch ist.
Sondern um klarzumachen:
Das ist kein Märchen. Nicht: Es war einmal…
Sondern: Das ist passiert in den paar Jahren, als der Römer Pontius Pilatus der leitende Verwaltungsbeamte in Judäa war.
Und es war nicht hinter den 7 Bergen bei den 7 Zwergen, sondern in Israel, in der römischen Provinz Judäa.
Heilsgeschichte, nicht schöne Geschichten, nicht fromme Märchen.

Und was berichtet uns Lukas?
Ein beeindruckender Prediger, der den Menschen ins Gewissen redet.

Vor einiger Zeit war im Sonntagsblatt eine Umfrage: Was ist für Sie eine gute Predigt?
“Ein guter Prediger spricht frei, spricht kurze Sätze, verständlich, bezieht die Gemeinde mit ein, indem er zum Beispiel Gemeindeglieder direkt (aber natürlich nicht strafend, entlarvend, sondern freundlich) anspricht. Bei einem guten Prediger weiß ich als Zuhörerin, dass er meine Gemeinde kennt und weiß, was im Augenblick hier los ist.“

Na, sagen wir da, Johannes der Täufer kann es nicht gewesen sein. Da strömen die Menschen um sich taufen zu lassen und statt leiser Musik, spiritueller Atmosphäre, Bildmeditation und „Gott hat dich lieb, so wie du bist“ – Liedern, werden die Leviten gelesen.

Warum kommen sie in Massen zu Johannes in die Wüste?
Vielleicht, weil da jemand ist, der klare Worte ausspricht. Nicht so weichgespülte Säuselworte, die niemandem wehtun, aber auch niemanden anrühren.

Wir leben ja im Zeitalter der political correctness – vieles darf nicht ausgesprochen werden.
Alles muss gewinnend und freundlich und sanft formuliert sein.
Johannes ist da anders.
Schert sich einen Dreck um pc, hat keine Angst, anzuecken und sich unbeliebt zu machen.
Seine Botschaft ist ein Wake up call – ein Weckruf

Und was ich erstaunlich finde: Die Menschen lassen sich das gefallen.
Zumindest: Viele Menschen.
Viele Menschen hören auf ihn.
Warum?
Ich denke ein Grund ist: Weil er glaubwürdig ist. Heute sagen wir: Authentisch.
Er lebt selber, was er sagt.
Er lebt in der Wüste, trägt einen Kamelhaarmantel, ernährt sich von Heuschrecken und wildem Honig.
Er ist glaubwürdig.
Glaubwürdige, authentische Vorbilder haben Wirkung.
Werden gesucht.
Glaubwürdige, authentische Christen haben Strahlkraft.
Wenn Tun und Reden übereinstimmt.
Das zieht die Menschen an.
Und das lässt sie auch aushalten, dass er sie so grob anredet und hinterfragt.
Er sagt – modern ausgedrückt:
Ihr mit Taufwasser bespritzten Heiden, was macht euch denn so sicher, dass sich Gott über euch freut? Es langt nicht zu sagen: Ich bin doch evangelisch, sondern Gott will Taten sehen.

Und dann geschieht etwas ganz starkes:
Die Menschen fragen: Was sollen wir tun?

Sie fangen nicht an, sich zu rechtfertigen. Die Umstände, die Schwiegermutter, der Druck in der Arbeit, wie schwer es ist, sich zu entscheiden, ich habe so einen schwachen Willen, die anderen machen es doch auch so, das ist doch auch übertrieben und fanatisch und Gott ist doch ein lieber Gott, und so weiter und so fort.

Nein, sie fragen ganz konkret: Ich bin Zöllner, ich bin Soldat: Was soll ich tun?

Ist das auch unsere Frage?
Lieber Gott, was soll ich tun?
Was willst Du, das ich in meinem Leben ändern soll?
Was willst Du, wofür ich mich einsetzen soll?

Damals hat Johannes als erstes gesagt:
„Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keins besitzt. Und wer etwas zu essen hat, soll seine Mahlzeit mit Hungrigen teilen.“
Ich glaube, wir sollten uns da sehr angesprochen fühlen.
Ich habe jedenfalls deutlich mehr als zwei Hemden, und was Hunger ist, weiß ich eigentlich nicht.
Und ich bin mir sicher: Das geht uns allen so.
Wir haben das Privileg, in einem der reichsten Länder der Welt zu leben.
In großem Wohlstand. In Saus und Braus.
Wenn ich meine Kinder von der Schule abhole, dann schau ich mir oft die Autos an, die die anderen Eltern so fahren.
BMW, Audi, Mercedes, glänzender Lack, teure Modelle.
Manchmal schau ich mir im Expert an, wie viel Geld Menschen für die neue super-duper-Flachbild-Glotze haben – oder für die schicki-micki-3d-Playstation.
Wer zwei Hemden hat, sagt Johannes.

Neulich habe ich was gelesen, das hat mich echt schockiert.
Es stand in der Zeit: Unter der Überschrift: Deutschland tut weh.
„Flüchtlingskinder dürfen erst zum Arzt, wenn sie schlimme Schmerzen haben. Sie bekommen Nahrung, die sie nicht verdauen können, sie leben in Heimen, in denen sie nicht spielen dürfen. All das passiert in München, Berlin oder Würzburg.
Im September hat das Kinderhilfswerk Unicef eine Studie über Flüchtlingskinder in Deutschland veröffentlicht, die zu einem beschämenden Fazit kommt: Das deutsche Asylrecht halte die Kinder von Bildung und Freizeitangeboten, von medizinischer Versorgung und einem kindgerechten Sozialleben fern.
In einem Land wie Deutschland brauchen Flüchtlingskinder vor allem eines: Glück. Wenn sie Glück haben, gibt es Nachbarn, die Spielzeug und warme Kleider sammeln, Rentner, die ehrenamtlich Deutsch unterrichten, Ärzte wie Andreas Schultz, die kostenlos Sprechstunden anbieten.
In manchen Flüchtlingsheimen gibt es nicht einmal Zahnbürsten. In Würzburg zum Beispiel werden Zahnbürsten nur an Asylbewerber verteilt, die älter als zwölf Jahre sind. Deutsche Kinder bekommen Zahnputzkurse, sie haben kaum noch Karies. Viele Flüchtlingskinder kann man an ihren schlechten Zähnen erkennen, sie sind oft braun und morsch. Wenn ein deutsches Kind Karies hat, bohrt man ein Loch und füllt den Zahn. Wenn ein Flüchtlingskind Karies hat, wartet man, bis der Zahn verrottet ist, so will es das deutsche Gesetz. Vor ein paar Jahren hat ein Zahnarzt die Kinder des Würzburger Flüchtlingsheims untersucht. Je länger die Kinder im Heim wohnten, umso maroder wurde ihr Gebiss. Die kranken Zähne, schreibt der Arzt, würden „in den seltensten Fällen extrahiert, sondern so lange im Mund belassen, bis sie von alleine ausfallen oder durch die sich daraus ergebenden Entzündungen resorbiert sind“. Er hat die Zähne fotografiert: kleine braune Stümpfe, umwuchert von geschwollenem Zahnfleisch, zerfressen von Karies.
Der Passus, der den Kindern die Zähne verdirbt, steht im Asylbewerberleistungsgesetz, Paragraf 4. Ärztliche Hilfe, heißt es dort, darf Asylbewerbern nur bei „akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen“ gewährt werden. Wer nach Deutschland flieht und krank wird, muss warten, bis es wehtut. Karies tut weh. Aber oft erst dann, wenn man den Zahn nicht mehr retten kann.“
http://www.zeit.de/2014/50/minderjaehrige-fluechtlingskinder-fluechtlingsheim

Als ich das gelesen habe, da habe ich mich geschämt.
Ich habe mich für mein Land geschämt, das so reich ist, und das Menschen, die vor Krieg und Wahnsinn und Tod und Verfolgung geflohen sind so schäbig behandelt.
Und ich habe mich geschämt, dass ich das nicht gewusst habe. Auch nicht habe wissen wollen. Und dem einfach so zugeschaut habe.

Auch in Leipheim gibt es Asylanten.
Und ich gebe zu: Bisher habe ich da auch überhaupt nicht hingeschaut.
Und ich habe 1000 gute Gründe dafür, warum ich das bisher nicht getan habe.

Es ist ja so:
Wenn ich etwas will, dann finde ich einen Weg.
Wenn ich etwas nicht will, dann finde ich einen Grund.

Bisher habe ich Gründe gehabt, jetzt werde ich einen Weg finden.
Am Dienstag wird der KV in Leipheim darüber beschließen, unser Gemeindehaus für Deutschkurse für Asylanten zur Verfügung zu stellen. Ich hoffe, dass das ein kleiner Anfang wird.

Haben wir diese Frage: Lieber Gott, was willst Du, was ich tun soll?
Und: Hören wir auf die Antwort? Lassen wir uns ansprechen? Suchen wir dann Wege, wie unser zweites Hemd und unser überzähliges Essen dorthin kommt, wo es wirklich gebraucht wird?
Ich hoffe es.

Und für alle, die das eigentlich doch nicht so recht wollen, für die biete ich gleich noch eine Super Ausrede an:

Ja, wenn da jemand gekommen wäre, der so beeindruckend ist wie Johannes der Täufer, ja dann hätten wir natürlich gehört und gefragt und getan.
Aber zu uns kam halt kein Johannes der Täufer, sondern nur so ein beamteter Pfarrer, Gehaltsstufe A 13 mit leichtem Übergewicht, Talar mit Samtbesatz, der selber einen Mercedes fährt.
Ist doch eine prima Entschuldigung, oder?

Ich gebe nur eines zu bedenken:
Ob wohl Gott auch von ihr beeindruckt ist?
Ich habe da so meine Zweifel.

Und darum noch einmal:
Haben wir diese Frage: Lieber Gott, was willst Du, was ich tun soll?
Und: Hören wir auf die Antwort? Lassen wir uns ansprechen? Und tun wir es dann auch?
Ich hoffe es.
Amen.

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