Loben statt klagen!

Es gibt zwei weit verbreitete Ansichten über Maria:
Die Katholiken beten Maria an und:
Wir Evangelischen haben mit Maria nichts am Hut.
Und beide Ansichten sind falsch.

Katholiken beten sie nicht an, sondern bitten um Fürbitte.
Und im Augsburger Bekenntnis, im Artikel 21 wird die evangelische Heiligen- und Marienverehrung erklärt: Maria als Vorbild im Glauben.
Und in diesem Sinn war auch Martin Luther großer Marienverehrer.

Sie war die erste Christin, sie hat bedenkenlos und vorbehaltlos geglaubt, dass Gott sich als Mensch unter die Menschen begeben wird.
Sie hat sich nicht gewehrt und nicht hinterfragt, was er mit ihr vorhatte.
Sie hat sich fallengelassen in die Liebe Gottes, den sie nie gesehen hatte, und sie war überzeugt, dass alles, was er mit ihr anfängt, zum Besten dienen werde.
Im Lukas-Evangelium lesen wir, wie Maria außer sich war vor Freude über das, was da mit ihr und durch sie passiert. Dort heißt es:

Da begann Maria, Gott zu loben: "Von ganzem Herzen preise ich den Herrn. Ich bin glücklich über Gott, meinen Retter. Mich, die ich gering und unbedeutend bin, hat er zu Großem berufen. Zu allen Zeiten wird man mich glücklich preisen, denn Gott hat große Dinge an mir getan, er, der mächtig und heilig ist! Die Barmherzigkeit des Herrn bleibt für immer und ewig, sie gilt allen Menschen, die ihn ehren. Er streckt seinen starken Arm aus und fegt die Hochmütigen mit ihren stolzen Plänen hinweg. Er stürzt Herrscher von ihrem Thron, und Unterdrückte richtet er auf. Die Hungrigen beschenkt er mit Gütern, und die Reichen schickt er mit leeren Händen weg. Seine Barmherzigkeit hat er uns, seinen Dienern, zugesagt, ja, er wird seinem Volk Israel helfen. Er hat es unseren Vorfahren versprochen, Abraham und seinen Nachkommen hat er es für immer zugesagt

Maria singt ein Loblied – und das finde ich sehr erstaunlich.
Denn eigentlich könnte sie Gott eher vorhalten: Du bringst mich aber in große Schwierigkeiten, lieber Gott!
Sie könnte sich mit gutem Grund beklagen, dass Gott ihr ganz schön was zumutet.

Das will ich kurz erklären:
Maria war ein ganz gewöhnliches jüdisches Mädchen vom Land im heiratsfähigen Alter, verlobt mit dem Zimmermann Josef.
Man nimmt an, dass sie so etwa 14 oder 15 gewesen ist, als sie schwanger geworden ist.
Dummerweise, ohne verheiratet zu sein.
Das war damals ein großes Problem.
So wie es heute noch in vielen Gegenden der Welt ein großes Problem ist.
Maria hat sich nicht mit einem anderen Mann eingelassen, sondern mit dem Geist Gottes.
Aber erklär das mal deinem Verlobten!
Du, ich muss dir mal was sagen…also… ich bin schwanger, ich krieg ein Kind, ….nein, es gibt keinen anderen Mann, ich hab dich nicht betrogen, sondern zu mir ist ein Engel gekommen und der hat mir gesagt, dass ich ein Kind von Gott bekommen werde……
Na klar, das glaubt doch jeder sofort, oder?
Josef hat es jedenfalls nicht geglaubt.
Und so hatte Maria ein Problem.
Frauen, die die Ehe gebrochen haben – und das ist ja offensichtlich, wenn eine Unverheiratete Frau schwanger ist – solche Frauen wurden damals nach dem Gesetz des Mose gesteinigt.
Wenn Josef sie verklagt hätte, dann wäre Maria gesteinigt worden.
Wenn Josef die Verlobung aufgelöst hätte, Maria einen Scheidebrief gegeben hätte, dann wäre sie mit dem Leben davon gekommen – aber sie wäre lebenslang verachtet und von ihrer Familie verstoßen worden.
Wahrscheinlich wäre sie in der Prostitution gelandet, wie viele andere damals auch.
Aber Maria hat mit Josef großes Glück gehabt.
Er beschließt nämlich nur, sie heimlich zu verlassen, sich vom Acker zu machen.
Denn wie gesagt: offensichtlich glaubt er ihr das mit dem Engel nicht, aber weil er ein frommer Mensch war, wollte er sie nicht in Schande bringen (so heißt es im Matthäusevangelium) – und so fand er den Ausweg mit dem heimlichen Verlassen.
Dann treffen die harten Urteile ihn und nicht Maria:
Der Saukerl kann nicht bis zur Hochzeit warten, macht ihr ein Kind und lässt sie dann sitzen, der Hund.
Schließlich hat er sie doch nicht verlassen, weil ein Engel ihm klar gemacht hat, dass Maria ihn doch nicht belogen hat.
Aber geglaubt hat er das doch eine Zeitlang – und ich stelle mir das für die Maria alles andere als einfach vor.
Und auch nicht die Gespräche mit ihren Eltern, und mit ihrer blamierten Familie.
Und dann das Gerede der Nachbarn!
Habt ihr schon gehört, die Maria kriegt ein Kind, und das vor der Hochzeit…!

Kein Wunder, dass Maria die Flucht ergriffen hat.
Drei Monate ist sie weit weg zu ihrer Tante Elisabeth gezogen.
Die hat ihr nämlich geglaubt, weil sie selber erlebt hat, dass Gott in ihrem Leben wunderbar eingegriffen hat.

Maria hat finde ich allen Grund zum Klagen, aber sie singt ein Loblied.

Ich hab mich gefragt: Wie schafft sie das: Trotz aller Schwierigkeiten loben statt klagen?

Ich glaube, der Erste Grund dafür ist ganz banal:
Sie lobt, weil sie sich dafür entscheidet.
Ob wir loben oder klagen, jubeln oder fluchen ist erst einmal eine Frage unserer Entscheidung.
Ganz einfach.

Und der zweite Grund dafür, dass Maria Gott lobt ist:
Sie lebt im großen Vertrauen darauf, dass Gott gut zu ihr ist.
Von Maria lernen heißt: Glauben lernen.
Woher kommt dieser Glaube? Woher kommt dieses Vertrauen?
Maria vertraut Gott, denn sie kennt ihn.
Sie hat ihn in der Bibel kennen gelernt.
Das wird an ihrem Lobgesang ganz deutlich.
Sie hat großes Glück, dass es damals noch nicht so ein ausgefeiltes Urheberrecht gab wie heute, sonst hätte sie eine Klage wegen Urhe-berrechtsverletzung ins Haus gekriegt.
Ihr Loblied ist nämlich ein einziges Plagiat.
Ihr Loblied besteht fast nur aus Zitaten, vor allem aus den Psalmen.

Wer die Bibel kennt, lernt Gott kennen, und er wird sprachfähig und bleibt nicht stumm.

Vier Dinge sind es, die Maria an Gott lobt
Vier Dinge sind es, auf denen ihr Gottvertrauen steht.

Das Erste:
Er erwählt die Niedrigen zum Dienst.

Maria war ganz durchschnittlich. Ganz gewöhnlich. So wie auch der Name Maria damals ganz gewöhnlich war. Sie war wohl nicht besonders hübsch, nicht besonders groß, nicht besonders klein, aus keiner besonderen Familie, mit keinen ganz besonderen Fähigkeiten und Kenntnissen und Eigenschaften.
Sie war ganz gewöhnlich.
Und Gott kann sie brauchen.
Gott macht mit ganz gewöhnlichen Menschen ungewöhnliche Dinge – wenn sie sich auf ihn einlassen.
Er wirkt auch heute noch so – dass er gewöhnliche Menschen beachtet und sie anspricht und sie wissen lässt:
Du – ich meine Dich! Ich hab mit dir etwas vor! Ich brauche dich, um etwas zum Guten zu verändern!
Sind wir dazu bereit, uns rufen zu lassen, so wie Maria?
Gott braucht solche Menschen dringend!

Maria lobt Gott, weil Gott Großes an ihr getan hat.
Ich bin mir sicher: Viele von uns können das auch sagen: In meinem Leben hat Gott auch schon etwas Großes getan. Er hat Gebete erhört, er hat mein Leben wunderbar geführt, er hat getröstet, geheilt, wieder Hoffnung gegeben und vieles andere mehr.
Das ist für mich der große Reichtum der Gemeinde: So viele Menschen, an denen Gott Großes getan hat!
Ich wünschte mir nur, wir würden einander mehr davon erzählen und mehr miteinander Gott loben!

Aber zurück zu Maria und dem zweiten Grund ihres Loblieds:
Sie lobt Gott, weil er seine Barmherzigkeit gegen uns durchhält.

Sein Erbarmen hört niemals auf;
er schenkt es allen, die ihn ehren,
von einer Generation zur andern.

Gott sagt nicht: Diese Menschheit, eine einzige Katastrophe.
Ich geb’s auf mit ihr. Es hat keinen Zweck mit ihr.
Und wenn du glaubst: Das, was ich mit meinem Leben angestellt habe ist so verfahren, so ausweglos, so hoffnungslos, das wird nie mehr was, da kann mir keiner mehr helfen und auch Gott hat mich schon lange verworfen und verstoßen und verurteilt und verflucht…
Nein! Das stimmt nicht, denn Gott gibt dich nicht auf.
Und Gottes Erbarmen hat kein Verfallsdatum wie verderbliche Lebensmittel.
Gottes Erbarmen gibt immer wieder eine neue Chance zu einem Neuen Anfang und ist nicht wie ein Bankautomat, der bei drei Fehlversuchen die EC-Karte einzieht.
Es ist nie vergeblich, Gott um Hilfe zu bitten.
Denn Gott ist treu und geduldig.

Damit kommen wir zum Dritten, was Maria an Gott lobenswert findet:
Maria lobt Gott, weil er für die Machtlosen eintritt.

Gott steht nicht auf der Seite der Reichen, Mächtigen und Erfolgreichen.
Gott steht auf der Seite der Machtlosen, der Armen, der Unterdrückten.
Er ist denen nahe, die gescheitert sind und setzt sich für die ein, die draußen vor der Tür stehen.
Und ich glaube, wer mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht die Spuren davon.
Hochmut, Machtgier und Reichtum sind die Ursachen für Niedergang und Verfall – in der Welt wie auch in der Kirche.
Und umgekehrt sind Demut, Niedrigkeit und Hunger die Voraussetzung für Heilung und Herrlichkeit.
Maria besingt in ihrem Loblied die unerhörten Möglichkeiten Gottes, Leben in seiner Kirche zu schaffen, wenn sie ihm nichts zu bieten hat als ihre leeren Hände. Und ihr Loblied ist eine Warnung an die, die sich einbilden, alles zu können, alles zu wissen, alles zu haben und nichts zu brauchen.

Und als viertes lobt Maria Gott, weil er das Wort, das er seinem Volk gegeben hat, wahr macht.

„Er hat sich über sein Volk erbarmt, wie er es unseren Vorfahren versprochen hat, Abraham und seinen Kindern für alle Zeiten.“
Gott hat mit Abraham einen Bund gemacht:
Ich bin dein Gott, und du und deine Nachkommen, ihr seid mein Volk, ihr seid meine Kinder.
Und ich werde dich niemals verlassen, dich niemals verstoßen, mich niemals von dir abwenden.
Nichts und niemand kann sich jemals zwischen uns stellen.
Nichts und niemand kann uns jemals auseinander bringen.
Nichts auf dieser Welt, nicht was du jemals Schreckliches tun wirst, der Teufel nicht und auch der Tod nicht.
Du bleibst mein geliebter Sohn, du bleibst meine geliebte Tochter.

Und das gilt auch für uns.
Denn durch den Glauben sind auch wir Söhne und Töchter von Abraham.
Durch den Glauben sind auch wir hineingenommen in diesen Bund.
Auch uns sagt Gott:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst.
Ich habe dich mit deinem Namen gerufen – du gehörst zu mir.

Und dass Gott zu dem steht, was er verspricht, das hat auch Jesus noch einmal für uns bekräftigt: Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.

Maria betet Gott an.
Anbetung heißt: Zu glauben und auszusprechen, dass Gott Gott ist in meinem Leben, auch wenn ich davon noch nicht viel sehe.
Anbetung heißt: Daran festzuhalten, dass Gott Gott ist und dass er sich darum auf lange Sicht durchsetzen wird.
In meinem Leben und in der ganzen Welt.

Von Dietrich Bonhoeffer stammt der wunderbare Satz:
Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche – aber alle seine Verheißungen.

Ich finde: Darauf können wir bauen.
Und damit können auch wir trotz aller unserer Probleme und Schwierigkeiten Gott loben, so wie Maria es getan hat.

Und der Friede Gottes, …

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