Gott – das lichte Geheimnis der Welt

„Darf ich dir ein Geheimnis anvertrauen? Aber es muss wirklich unter uns bleiben…!“
Die einen sagen: es gibt keine bessere Möglichkeit eine Nachricht unter die Leute zu bringen als sie mit dem Hinweis weiterzusagen: unter dem Siegel der Verschwiegenheit – du darfst unter keinen Umständen jemandem etwas davon erzählen… so erfährt jeder und jede, was sie erfahren sollen!
Oder aber – auch das gibt es: wahre Freundschaft, wahre Liebe zeigen sich darin auch unangnehme Wahrheiten oder Geheimnisse zu verschwiegen, weil es versprochen wurde, komme, was da wolle.
„Darf ich dir ein Geheimnis anvertrauen? Es muss aber unter uns bleiben…!“
Das eine Geheimnis ist so aufregend, dass die Neugierde nur schwer zu bremsen ist: wer mit wem wie lange schon? Und wenn es nichts zu berichten gibt, dann kann man ja zumindest alte Spekulationen wieder aufwärmen, egal wie groß der Nachrichtenwert in Wirklichkeit ist.
Es gibt süße Geheimnisse, die wollen gelüftet und geteilt werden. Und am Strahlen im Gesicht kann man erkennen, dass da jemand natürlich sein Geheimnis so schnell wie möglich loswerden möchte. „Wann ist es denn soweit? Ein Junge oder ein Mädchen? Wir freuen uns mit euch, wie aufregend!“
Andere Geheimnisse kann man auch an der Nasespitze erkennen, sie müssen aber mühsam ans Licht gebracht werden, weil sei unangenehm scheinen: „Was ist passiert ? Du veschweigst mir doch etwas? Ist was mit den Eltern, mit den Kindern oder mit der Firma?“ „Na gut, hör zu : irgendwann musst du es ja erfahren.“
Und dann gibt es die Geheimnisse, von denen man nicht weiß, ob die anderen sie ertragen und mit ihnen leben können. Sie sind einem unangenehm, peinlich, man hat Angst vor ihnen: wie reagieren Freunde, Verwandte oder Kollegen auf die Nachricht von der HIV-Diagnose, von der unheilbaren Erkrankung, mit der man leben, aber vielleicht nicht alt werden kann oder auf die überraschende Nachricht, dass die Liebe nicht auf das andere Geschlecht gefallen ist, sondern der Sohn einen Mann oder die Tochter eine Frau liebt und mit ihm oder ihr leben will…was ja eigentlich auch ein süßes Geheimnis sein könnte, wenn nicht die überkommenen Moralvorstellungen damit ins Wanken geraten würden.
Wie wir mit Geheimnissen umgehen liegt also am Charakter des Geheimnisses, ob süß oder dunkel, ob glücklich oder tragisch und es liegt an uns, ob wir zuverlässig, ehrlich, des Vertrauens würdig und verschwiegen sein können, ob wir mutig, entschlossen oder ängstlich sind.
Jetzt nennt uns der Apostel Paulus Haushalter über Gottes Geheimnisse, Ökonomen des Mysteriums, wenn ich die uns ja durchaus im Alltag geläufigen Begriffe des Urtextes verwenden will: ein süßes, ein dunkles, ein tragisches, ein schweres oder ein leichtes Geheimnis?
Mysterium, Sakramentum, Geheimnis – Sprache ist etwas aufregendes, ich möchte mit ihr an solchen Stellen spielen, weil ich sie letztlich nicht erklären kann, sondern gebrauchen muss.
Gott ist ein Geheimnis, er ist mysteriös, und dann zugleich ganz in unserer Hand mit seinen Zeichen und den rituellen Vollzügen , mit denen wir uns ihm nähern: zwei Sakramente kennen wir Evangelischen, weil sie direkt mit Christus und seinem Auftrag an uns in Verbindung stehen: Taufe und Abendmahl.
In der katholischen Frömmigkeiten können diese beiden die Geheimnisse Gottes noch nicht allein fassen und unsere katholischen Geschwister feiern und teilen noch mehr Zeichen der geheimnisvollen und wunderbaren Gegenwart Gottes, als seine Haushälter.
Und es ist wie mit den kleinen und großen Geheimnissen des Alltags, sie sind nicht immer eindeutig. Ich weiß nicht immer, ob ich ihnen im Alltag mit seinen eigenen Heruasforderungen und Botschaften ganz und gar trauen kann, mich nur freuen oder auch fürchten muss, ob ich nicht eigentlich reden oder doch lieber schweigen sollte, ob etwas verborgen vor den neugierigen Augen der anderen oder einer großen Öffentlichkeit mitgeteilt werden sollte.
Gott bleibt geheimnisvoll und rätselhaft. Wir möchte ihn so gerne verständlich und begreifbar machen und besitzen. Was ich beschreiben und erklären kann, kann ich im Alltatg ja auch einsetzen, benutzen, nicht nur begreifen, sondern auch händeln und damit beherrschen. Aber dann wäre Gott zwar mein, aber nicht mehr Gott.
Ich verstehe schon so oft mein eigenes Leben und seine merkwürdigen Wege nicht, weiß nicht warum mir dieses Maß an Glück oder Unglück, an Erfolg oder Scheitern, an Freude oder Traurigkeit zukommt, weiß nicht, warum mir manche Entscheidungen gelingen und andere nicht, wie soll ich dann Gott verstehen, dem ich nicht in die Augen schauen, dessen Erklärung ich nicht standhaft einfordern kann, mit dem ich wie mit einem unlösbaren Rätsel mein Leben lang ringe und doch nie fertig werde. Ich muss mich oft genug mit einem Zipfel seines Gewandsaumes, mit einer dunklen oder vielleicht sogar lichten Ahnung seines Geheimnisses zufrieden geben und dem so für einen Augenblick aufleuchtenden Gefühl von Gewissheit in mir zufrieden geben. Denn Gott ist und bleibt Gott und deshalb auch ein Geheimnis, das nur soviel von sich preisgibt, wie er es will, wie er zeigen und öffentlich machen will, mal mehr und mal weniger, aber noch lange nicht ganz und gar. Denn wer hat alles gesehen, gehört und verstanden, was mir der Glaube und das Leben aufgibt?
Aber eines weiß ich: auch wenn ich Gott nie werde ganz verstehen können und immer nur auf Hoffnung, Glaube und Liebe hin leben werden, so hilft mir der Glaube doch das Geheimnis meines Lebens zu lüften und mich besser kennen- und verstehen zu lernen.
Ich kann wirklich nicht von Gott reden ohne vom Menschen zu sprechen, wie es ein großer Theologe des letzten Jahrhunderts einmal gesagt hat, weil über Gott nur nachgedacht werden kann, weil wir als Gegenüber nach ihm fragen, und wir werden zu Menschen, in dem wir mit den Mitteln unseres wachen Verstandes nach unserem Woher und Wohin fragen. Und so kann ich vom Menschen nicht ohne Gott sprechen und fragen: Bin ich nur Spielball des blinden Zufalls, ein Unfall des Schicksals, mit willkürlichen Glücks- und Unglückserfahrungen unterwegs, bis mich das Ende davon gnädig erlöst, oder ein gewolltes und geliebtes Du, das noch lange icht am Ende seiner Möglichkeiten angekommen ist und es immer wert bleibt geliebt zu werden?
Ich weiß, dass uns dieser Blick manchmal schwer fällt, in jedem uneingeschränkt das Liebesnwürdige und Liebenswerte zu sehen, unabhängig von jedem Woher oder Wohin, unabhängig von aller Vergangenheit und Gegenwart. Aber wenn ich das Geheimnis „Gott“ ernst nehme, eröffnet es mir dieses staunenswerte und mit einem Mal gar nicht mehr so verborgene Geheimnis über den Menschen jeden Tag neu: du bist gewollt und du bist gemeint, und du hast es immer verdient, Liebe in deinem Leben zu erfahren. Deshalb muss nichts so bleiben, wie es ist. Du bist in den Augen Gottes einmalig und unverwechselbar „DU“ Auch um dieses Geheimnis zu ermessen, reicht ein Menschenleben wohl nicht, aber einmal mit dieser Einsicht angefangen, verändert es mich schon heute im Umgang mit allen Menschen, die mir begegnen – jenseists von Sympathie und Antipathie: jeder ist ein unverwechselbar Geschöpf Gottes oder die Würde des Menschen ist unantastbar. Und Nächstenliebe heißt nicht nur Menschen lieben, die mir nahestehen, sondern den Fernen, den Fremden und den Unbekannten ein Nächster zu werden, so wie es der Samariter dem unter die Räuber Gefallenen wurde, gerade weil sie sich eben nicht nahe standen.
Gott bleibt geheimnisvoll und rätselhaft, aber mit der Geburt des Gottessohnes und Kindes der Frau hat er eine Seite seines Wesens nicht länger verborgen gehalten und von dieser Seite seines Gottseins erzählen die Geheimnisse, die wir zelebrieren in den Sakramenten Taufe und Abendmahl: Gottes Nahesein und Gottes Wohlsein dem Menschen gegenüber jenseits aller menschlichen Taten. Wie einen lichten Schimmer im Dunkel der Nacht sehen wir diese Wahrheit: „Noch manche Nacht wird fallen, auf Menschen Leid und Schuld, doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“ Wenn wir davon singen und erzählen, sind wir treue Haushälter aller adventlichen und weihnachtlichen Geheimnisse Gottes.

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