Vom Warten

Amazon will künftig mit Drohnen ausliefern. Die können zwar nur im Umkreis von 12 km fliegen und nur 120 m hoch. Da sind dann Zusammenstöße in der Luft zu erwarten. Aber dafür landen Bücher und CDs innerhalb von einer halben Stunde im Vorgarten. Oder purzeln sie sogar durch den Schornstein ins Wohnzimmer? Vom Himmel hoch, da komm ich her! Das verbesserte Drohnenmodell soll in vier bis fünf Jahren bei besonders eiligen Bestellungen zum Einsatz kommen. DHL denkt darüber nach, Pakete in den Kofferraum der glücklichen Empfängerinnen und Empfänger zu legen. Mit deren Code natürlich. Schnelligkeit ist Trumpf. Wir brauchen nicht mehr warten. Die Wirtschaft trainiert uns im Zuge des Wettbewerbs das Warten ab. Produziert wir ja schon länger just in time. So gewöhnen sich die geneigten Userinnen und User daran, bis es langsam zum Standard wird, daß alles sofort und umgehend eintrifft – spätestens nach 2 Werktagen. Alles wird immer schneller. Nur bei Edelautos gehört das Warten dazu. Das unterstreicht den Wert. Für einen Porsche wartet die zahlungskräftige Kundschaft schon mal ein knappes Jahr.
Aber sonst: Warten – Fehlanzeige. Jedenfalls bei uns, in Deutschland. Dabei geht es auch anders. Die Älteren kennen es noch aus der DDR.

Wenn ich im Internet ein Buch bestelle, kommt es im Grunde gar nicht darauf an, ob ich es ein paar Tage später in den Händen halte. Natürlich ist es praktisch und bequem, wenn alles sofort verfügbar ist. Aber muß es das?
Können wir Wünsche nicht auch aufschieben? Warten ist eine Dimension unseres Lebens. Es zwingt uns, innerlich Pause zu machen. Es fordert uns heraus zu improvisieren. Es regt unsere Findigkeit an, Gewohntes anders zu versuchen.

Wenn die Kaffeemaschine kaputt geht und nicht gleich eine niegelnagelneue auf der Küchenplatte steht, suche ich vielleicht im Keller, ob ich in einer Ecke noch eine alte stehen habe, die auch noch funktioniert. Oder ich filtere den Kaffee seit langem einmal wieder mit der Hand. Vielleicht stelle ich dabei fest, daß er doch ein bißchen anders schmeckt. Oder ich räume bei den Vorratsdosen auf und rühre die Reste vom löslichen Kaffee in die Tasse. Oder ich zaubere mir einen leckeren Kakao.
Nicht gleich alles sofort haben reißt aus dem Gewohnheitstrott. Pausen könnten gut tun. Und sei es, daß ich der kaputten Kaffeemaschine ein wenig nachtrauere. Ich höre noch einmal das Gelächter beim Familientreffen, als der Deckel der Kanne herunterplumpste und der Kaffee sich auf Tante Ellas frischgestärkte Sonntagsbluse ergoß. Vielleicht ich bin auch erleichtert, daß die Maschine endlich ihren Geist aufgegeben hat, weil sie so unpraktisch war. Und freue mich umso mehr, daß ich endlich eine neue anschaffen kann. Oder ich stelle fest, daß ich im Grunde gar keine Kaffeemaschine brauche und ganz gut ohne leben kann.

Die Schokoladentafel nicht gleich aufreißen. Ein Geschenk in der Adventszeit erst am Heiligabend auswickeln. Der Versuchung widerstehen zu lunzen – denn das bunt eingewickelte Päckchen ist am Heiligabend keine Überraschung mehr, wenn ich schon lange vorher weiß, was sich darin verbirgt.

Wenn ich nicht alles gleich haben kann, verändert sich der Wert, der Stellenwert. Im Mangel lerne ich mehr zu schätzen. Unsere Überfluß- und Wegwerfgesellschaft trainiert uns das Wünsche-Aufschieben ab. Die Industrie will verdienen, sofort und immer wieder. Aber Wünsche zurückstellen können ist eine der wichtigen Fähigkeiten. Manchmal ist sie sogar lebenswichtig. Kindern fällt es am schwersten. Es ist eine der größten Herausforderungen für sie. Kinder können es erst nach und nach lernen. Es gehört zum Reifen, zum Erwachsenwerden dazu. Wer immer alles sofort haben will, bleibt infantil. Wir werden widerstandsfähiger, wenn wir nicht dem Auf und Ab unserer Wünsche ausgeliefert sind. Es macht unabhängiger. Wir können Verlockungen standhalten und dafür ein Gespür bekommen, was ich selbst will.

Im Advent warten wir. Es ist wie eine Pause, ein Leer-Werden. Warten läßt den Mangel spüren. Es scheidet das Nebensächliche von dem, was ich tatsächlich brauche.
Es lehrt, uns darauf zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist und worauf es sich zu warten lohnt: auf etwas Schönes, daß das Herz aufgeht. Auf Zeichen der Liebe. Auf ein Wort des Verzeihens. Auf eine großherzige Geste.
Die Völker sehnen sich nach Licht und Hoffnung. Wir warten auf eine Welt, in der Gerechtigkeit und Frieden wohnen.
Noch ist die Krippe leer. Noch sind Maria und Josef unterwegs. Noch wächst das Baby in ihrem Bauch. Aber bald, bald wird es geboren.

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