Vorhandenes Wert schätzen und teilen macht satt

Liebe Gemeinde,

Der heutige Predigttext erzählt auch von vielen Menschen, die auf der Suche sind. Sie sehnen sich nach Erfüllung, nach Heilung, nach Leben. Und sie glauben, jemanden gefunden zu haben, der ihnen das alles geben kann. Und darum laufen sie ihm in Scharen hinterher. So kommt es, dass Jesus, der sich eigentlich mit seinen Jüngern ein bisschen zurück ziehen will, und auch mal ein bisschen zur Ruhe kommen und sich erholen will, plötzlich mehr zu tun bekommt, als ihm lieb ist.

Die meisten von uns kennen die Geschichte unter der Überschrift¨“Die Speisung der 5000“.

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Wo viele Menschen zusammenkommen, muss in der Regel eigentlich geklärt sein, wie sie versorgt werden. Mir fallen da als erstes die Kirchentage ein. Über 100 000 Menschen sind es im Mai wieder gewesen in Hamburg. Sie haben Bibelarbeiten und Vorträgen gelauscht, an Gottesdiensten und Veranstaltungen teilgenommen, und sich stundenlang auf dem „Markt der Möglichkeiten“ in den Messehallen umgeschaut. Da kriegt man natürlich irgendwann Hunger. Und deshalb braucht es auch zahlreiche Essensangebote, die im Vorfeld organisiert werden müssen. Natürlich kann, wer es sich leisten kann, jederzeit auch ein Lokal aufsuchen, davon gibt es in einer Stadt in Hamburg schließlich genug.

Wenn Menschen in den kommenden Wochen scharenweise in Urlaub fahren, dann ist auch da vorgesorgt. In vielen Urlaubsländern gibt es sogar sogenannte All-Incxlusive-Angebote, wo die Gäste für einen festen Preis unbegrenzt essen können. Ob sie satt werden, wenn sie futtern können, soviel sie wollen, ist eine andere Frage. Es gibt da nämlich immer auch noch einen anderen Hunger, der nicht mit Brot zu stillen ist…

In der Geschichte von der Speisung der 5000 geht nicht nur, aber auch um den knurrenden Magen der Leute. Das Besondere an der Geschichte ist, dass niemand auf so viele Menschen vorbereitet war. Jesus wollte sich eigentlich ja, wie gesagt, ein bisschen zurück ziehen. Ausruhen war angesagt. Nicht nur für ihn, auch für seine Jünger. Die waren nämlich gerade erst von einer Tour zurück gekommen, zu der Jesus sie ausgesandt hatte.

Der Ort, an den Jesus sich mit ihnen zurückziehen wollte, lag ein Stück oberhalb vom See Genezareth. Ganz in der Nähe war auch die Heimatstadt seiner ersten Jünger, Petrus, Jakobus und Andreas. Betsaida hieß sie, und Jesus ist wohl immer wieder gerne in der Nähe dieser Stadt gewesen, die von einer karge wüstenhaften Landschaft umgeben war.

Das Dumme war nur: es hatte sich längst herumgesprochen, dass das sein Rückzugsort war. Und wie das so ist, wenn jemand erst mal einen gewissen Bekanntheitsgrad hat: die Leute zogen ihm einfach hinterher. Sie waren, wenn man so will, noch nicht satt von seinen Worten und Taten. Sie wollten noch mehr von ihm hören und sehen. Und Jesus, obwohl er sich ja eigentlich mal zurückziehen wollte, schickte sie nicht weg. Er ließ sie vielmehr zu sich kommen und war für sie da. Den ganzen Tag sprach er zu ihnen und er machte wieder viele Kranke gesund.

Ich kann mir gut vorstellen, dass den Jüngerinnen und Jüngern das überhaupt nicht gepasst hat. Sie hatten sich bestimmt darauf gefreut, endlich mal ein paar Stunden mit Jesus allein zu sein. Ihn für eine Weile mal nur für sich zu haben. Schließlich waren sie bis kurz zuvor in Jesu Auftrag allein unterwegs gewesen. Jesus hatte sie ausgesandt, zu den Menschen zu gehen und ihnen die frohe Botschaft zu bringen. Und jetzt, so erfahren wir gleich zu Beginn des Textes, wollten sie ihm doch erzählen, was sie alles für große Dinge erlebt und getan hatten. Klar, das tut uns doch allen gut, wenn wir von unseren Erfolgen berichten können, von dem, was uns gelungen ist, erst recht, wenn uns einer zuhört, der uns sehr viel bedeutet.

Doch dann macht den Jüngern plötzlich das Volk, das Jesus nachgelaufen ist, einen Strich durch die Rechnung. Die Menschen haben sich nicht abschütteln lassen, sie haben sich einfach weiter an seine Fersen geheftet. Und Jesus hat sie gewähren lassen. Den Jüngern blieb wohl nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren, auch wenn es ihnen ganz bestimmt schwer fiel – denn es bedeutete ja, dass sie Jesus mit so vielen Menschen teilen mussten.

Wir sehen: Bevor in dieser Geschichte das erste Stück Brot geteilt wird, müssen die Jünger lernen, Jesus mit der Menge zu teilen – zu begreifen, er gehört nicht nur uns, sondern er ist für alle da! Sie müssen ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse als Mitarbeitende Jesu zurück stellen zugunsten der anderen. Das ist sicher nicht leicht für sie. Aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig: Vielleicht geht uns ja auch manchmal so: dass wir uns einreihen müssen, auch wenn wir meinen, jetzt wären wir eigentlich mal dran, gesehen und gewürdigt zu werden; dass wir nicht zum Zuge kommen, weil andere, die noch bedürftiger sind, vor der Tür stehen…

Die Jünger schauen sich also mehr oder weniger geduldig, vielleicht auch ein wenig zähneknirschend an, wie Jesus sich einen ganzen Tag lang Zeit nimmt für die vielen Menschen, die alle hungrig sind nach seiner Zuwendung und Nähe – nach seinen Worten und nach seiner Berührung. Aber dann rückt langsam der Abend näher. Jetzt müsste es hier aber bald mal Schluss sein, denken die Jünger. Doch die Leute machen immer noch keine Anstalten zu gehen. Und Jesus scheint sich auch nicht um die Zeit zu scheren. Die Jünger werden nervös. Diese Riesenversammlung war ja eigentlich gar nicht geplant. Keiner hat ans Essen und Trinken gedacht, nichts ist organisiert. Jesus scheint das nicht zu interessieren, aber die Jünger machen sich Gedanken: Was machen wir mit den vielen Leuten?

Tja, liebe Gemeinde, manchmal wäre es ja vielleicht schön, wenn wir hin und wieder solche Sorgen hätten in unserer Kirche, nicht nur bei Kirchentagen, sondern im Alltag unserer Gemeinden: dass plötzlich so viele Menschen kämen und gar nicht mehr gehen wollten; und dass wir uns plötzlich fragen müssten: was machen wir mit den vielen Leuten, wie kriegen wir sie satt? Im Moment besteht die Gefahr hier bei uns wohl eher nicht…

Anderswo stellt sich die Frage dafür umso dringlicher. In Lampedusa, in Italien, zum Beispiel, und in vielen anderen Flüchtlingslagern im Süden Europas: da ist das eine drängende Frage im Blick auf die vielen Flüchtlinge, die dort gestrandet sind und immer wieder stranden – wenn sie es überhaupt schaffen, lebend übers Mittelmeer nach Europa zu kommen. Sie stellen vor allen die Verantwortlichen vor Ort immer wieder vor das Problem: Was machen wir mit den vielen Leuten? Und wie kriegen wir sie satt?

Der neue Papst Franziskus hat mit seinem bemerkenswerten Besuch dort in der vergangenen Woche die Aufmerksamkeit auf diese Menschen und die Schicksale der Mittelmeerflüchtlinge gelenkt. Seine erste Reise hat er bewusst nicht in ferne Länder unternommen, sondern zu den Gestrandeten vor der eigenen Haustür, und vor der Haustür Europas insgesamt. Er hat sich als erstes denen zugewandt, die am bedürftigsten sind. Und er hat in ihrem Beisein zu Recht die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ beklagt, mit denen wir oft ihr Schicksal zur Kenntnis nehmen. Ich denke, damit hat er wirklich ein starkes Zeichen gesetzt, das sehr viel mit dem heutigen Predigttext zu tun hat.

Mit seinem Besuch hat Franziskus deutlich gemacht: wir können diese Menschen weder einfach wieder nachhause, noch in die umliegenden Orte schicken, um sich ihr Essen zu besorgen. So wie seine Jünger, so nimmt Jesus auch uns mit in die Verantwortung diesen Menschen gegenüber, indem er sagt: „Gebt ihr ihnen zu essen!“

Wir sollen ihnen zu essen geben? Wie soll das denn gehen?
Zu Recht fragen die Jünger in der Geschichte so zurück. Wir haben doch nur fünf Brote und zwei Fische. Das reicht doch hinten und vorne nicht für so viele Menschen! Das ist ihr erster Gedanke. „Oder sollen wir hingehen in die Geschäfte und für alle Leute Essen kaufen?“, fragen die Jünger weiter. Müssen wir jetzt die gesamte Versorgung all der Leute übernehmen?

Die Jünger fühlen sich überfordert mit der Situation. Und so geht es auch uns oft im Blick auf die Not vieler Menschen. Mag sein, dass wir vielleicht sogar noch ein bisschen mehr zu verteilen haben, als nur fünf Brote und zwei Fische, wie die Jünger in der Geschichte. Aber auch wir haben doch immer das Gefühl im Blick auf die Armut anderswo: es ist zu wenig, es reicht nicht, was wir tun können.

Die Jünger wären wahrscheinlich sogar bereit gewesen, in den umliegenden Geschäften einzukaufen und Lunchpakete zu packen, wenn Jesus es von ihnen verlangt hätte. So wie Viele von uns ja auch hin und wieder in besonderen Situation bereit sind, etwas für Menschen in Not zu tun – wenigstens in Form einer großzügigen Spende. Aber überraschender Weise verlangt Jesus von den Jüngern keine zusätzlichen Opfer, keine zusätzliche Einsatzbereitschaft, keine zusätzlichen Almosen. Sondern er sagt ihnen: Fangt mit dem an, was ihr habt. Ja, bringt mir das Wenige, was ihr habt, und dann schauen wir, was wir damit machen. Unser vorherrschen des Gefühl „Das was wir haben, das reicht doch hinten und vorne nicht“ lässt Jesus nicht gelten, er setzt sich einfach darüber hinweg.

Das erste, was Jesus uns also beibringt in dieser Geschichte, ist: Nicht immer gleich zu sagen: das reicht nicht, das ist zu wenig. Sondern das Wert zu schätzen, was da ist und was wir haben – und vielleicht zu entdecken: es ist mehr, als wir auf den ersten Blick denken Ich denke, das muss nicht nur auf das Essen bezogen bleiben, daran mangelt uns ja in der Regel nicht. Sondern es kann sich auch auf andere Ressourcen beziehen: unsere Gaben und Fähigkeiten zum Beispiel. Auch da unterschätzen wir oft, was alles unter uns vorhanden ist an Reichtum. Jesus lehrt uns das anzuschauen und Wert zu schätzen, was da ist!

Das zweite, was Jesus in der Geschichte tut, hat auch etwas mit einem veränderten Blick zu tun. Er weist die Jünger nämlich an, die große Menge in Gruppen aufzuteilen. Er erreicht damit, dass aus der anonymen, unübersichtlichen Masse überschaubare Einheiten werden. Das macht es leichter, das Vorhandene aufzuteilen. Und die Leute können sich in den Gruppen selber organisieren. Deswegen ist das ja auch ein Prinzip, das bis heute bei Großveranstaltungen wie Kirchentagen angewandt wird. Ich erinnere mich noch gut, wie wir beim letzten Frankfurter Kirchentag vor 12 Jahren ein Feierabendmahl hier in der Kirche gestaltet haben, bei dem wir die Bänke so umgestellt haben, dass die Leute gruppenweise zusammen saßen. Auf diese Weise konnten die Leute nicht nur das Brot, sondern auch ihre Gedanken bei dieser Feier teilen, weil sie bei dieser Sitzordnung schnell ins Gespräch kamen. Ich glaube, dass hätte Jesus gut gefallen…

Das Dritte, was Jesus uns vormacht und zeigt, ist die unnachahmliche Art und Weise, wie er das Brot bricht. Er nimmt die fünf Brote und die zwei Fische, schaut zum Himmel auf und dankt dafür, bevor er sie seine Jünger weiterreicht, um sie in die Gruppen zu verteilen. Das erinnert nicht zufällig an das Abendmahl. Ja, auch bei der üblichen Form der Abendmahlsfeier können wir etwas von dieser Geschichte von der Speisung der 5000 nacherleben. Auch da teilen wir Weniges hin und wieder mit Vielen. Auch da erleben wir Gemeinschaft, indem wir einen Kreis bilden und einander wahrnehmen. Auch da ist es nach unserem Verständnis Christus, der alle satt macht: nicht im Sinne vollgeschlagener Bäuche wie in den eingangs erwähnten All-Inclusive-Hotels, aber an Leib und Seele, durch die Gemeinschaft mit ihm und untereinander. Und auch da bleibt meistens im Anschluss noch Einiges übrig von dem, was wir ausgeteilt haben.

Gewiss: Vieles bleibt beim Abendmahl auf einer eher symbolischen Ebene. An das Wunder, das in der Geschichte beschrieben wird: dass 5000 Menschen von fünf Broten und zwei Fischen satt werden, reicht unsere Erfahrung nie heran. Die Geschichte bleibt trotz aller Erklärungsversuche immer noch ein Wunder. Aber vielleicht ist dennoch deutlich geworden, dass hinter dem Wunder der Brotvermehrung eine deutliche Botschaft steckt, die auch heute gilt. Die Botschaft lautet: alle können satt werden. Und das ist tatsächlich wahr. Ja, alle könnten satt werden auf dieser Welt, wenn das, was vorhanden ist, gerecht verteilt würde. Wir wissen das. Aber wir sind meilenweit von diesem Traum entfernt.

Die Geschichte von der Speisung der 5000 erinnert uns wieder an diesen Traum. Sie fordert uns auf, uns nicht damit abzufinden, dass so viele Menschen hungrig bleiben. Sie spornt uns an, als Christen dafür einzutreten, dass unsere gegenwärtige Wirtschaftsunordnung, wo die wenigen Reichen immer reicher, und die Armen immer ärmer werden, zugunsten einer gerechteren Ordnung verändert wird. Sie gibt uns eine Vision von einer Welt, in der das Brot für alle reicht. In dieser Vision ist Jesus nicht etwa der große Zauberer, der mit einem Hokus-Pokus alle satt macht. Nein, das Wunder kann sich nur deshalb ereignen, weil er seine Jünger aktiviert und mit einspannt: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ – dieser Auftrag bleibt auch an uns bestehen. Nicht, weil Jesus uns überfordern will. Sondern weil er uns zeigen will: es ist möglich, dass alle satt werden können an Leib und Seele – wenn wir das, was unter uns da ist an Ressourcen, Wert schätzen, Gott dafür danken und die Voraussetzungen dafür schaffen, es miteinander gerecht zu teilen.

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