Adventlicher Weichzeichner

Weihnachten! Alles ist so schön dekoriert! Die Stadt riecht nach gebrannten Mandeln und Glühwein. Erster Schnee fällt auf die Dächer der Weihnachtsbuden. Überall freundliche Menschen. Überall Lichter! Zuhause gibt es selbstgebackene Plätzchen. Weihnachten. Endlich ist es soweit! Drei Nüsse für Aschenbrödel im Fernsehen und im Radio läuft zum ersten Mal „Last Christmas“. Weihnachten.
Der Glanz dieser zauberhaften Zeit strahlt hell. Sehr hell sogar. Für meinen Geschmack manchmal ein bisschen zu hell. Denn die andere Zeit, die Zeit davor, der Advent, ist kaum sichtbar. Ganz schwach nur leuchten die Kerzen auf dem Kranz hervor. Aber ob schwach oder nicht, es ist wichtig, dass sie leuchten.
Denn im gnädigen Kerzenlicht – und das ist wahr – sieht vieles weniger bedrohlich, weniger schlimm, weniger hart aus. Im Übrigen glaube ich, dass so ein adventlicher Weichzeichner auch der Welt ganz gut täte. Dieser Welt, die vor todbringenden Waffen strotzt. Dieser Welt, in der die Nachrichtensprechenden von Konflikt zu Konflikt schalten. Dieser Welt, in der auch am Heiligen Abend Krieg herrschen wird. Dieser Welt täte etwas Milde ganz gut!

Nicht nur die Welt ist ein streitbarer Ort. Und Konflikte gibt es auch am Arbeitsplatz. Zuhause und unter Freunden. Nicht immer geht das glimpflich aus. Allzu oft gibt es Verletzungen, treffen sich andere zum Gericht, fällt der Hammer, wird das Urteil gesprochen. Danach ödes Land, unfruchtbar und leer.

Paulus berichtet über Konflikte in Korinth; er weiß also wovon er spricht. Er hat diese Gemeinde in Korinth gegründet. Er war der erste Diener. Ein Haushalter. Und jetzt gibt es Streit und Kritik an seiner Arbeit. Paulus steckt das weg. Noch viel mehr: Er geht damit ziemlich gelassen um. ‚Souverän‘ wäre ein Wort, das sein Verhalten gut beschreibt. „Liebe Korinther! Es ist mir egal, was ihr sagt! Nicht ihr richtet mich, sondern Gott!“ Will Paulus denn gar nicht gemocht werden? Interessiert es ihn wirklich nicht, was die anderen über ihn denken?

Und ist das heute noch möglich so zu tun, als ginge einen all das nicht an? Wenn die eigene Arbeit auf dem Prüfstand steht und damit die eigene Person ins Kreuzfeuer der Kritik gerät? Heute, wo alles messbar! vorzeigbar! nachvollziehbar! sein soll. Und vor allem transparent sein muss. Jedes Jahr lädt der Dekan zum Personalentwicklungsgespräch ein. Am Ende des Fragebogens sind dann die persönlichen Ziele gefragt. Es geht schlicht nicht ab „ohne Eigeninitiative, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit und wer sich dem nicht stellt, kann schnell ersetzt werden auf dem weltweiten Markt. Vereinbarungen, Verträge und Absprachen haben heutzutage ein kurze Laufzeit.“ Lebenslang bei einer Firma, auch bei einem der großen Player? „Flexibilität ist wichtiger geworden als Loyalität.“ (Vgl.: C. Coenen-Marx, in: Predigtstudien, Perikopenreihe II, 1. Hb. 2003/2004; S.31)

Paulus war in einer ähnlichen Situation. Er war nicht der einzige Diener vor Ort, der den Anspruch hatte, „Haushalter über Gottes Geheimnisse“ zu sein. Tatsächlich konkurrierte er in Korinth mit anderen und bisweilen sah es nicht so gut für ihn aus. Wie auch immer.

Aber der Apostel agiert schlau und auch ein bisschen imposant. Er legt sich nicht fest auf eine Parteiposition. Er pflegt auch keine unerträgliche Rechthaberei. Ganz im Gegenteil. Alles was Paulus tut ist sich darauf zu besinnen, worum es geht. Die Menschen sind hart miteinander, ungerecht und nicht immer zimperlich in der Wahl der Mittel. Gemeinsam mit Paulus erleben viele das tägliche Gericht der Anderen über sie. Und dann wachsen die Selbstzweifel. Bin ich gut genug? Reicht meine Anstrengung? Bin ich schön? Kann ich das überhaupt?

Im Advent denke ich: Mach´s wie Paulus! Er springt ab von diesem Zug, der ein ungutes Ziel ansteuert. Er fährt einfach nicht mit. Macht was ihr wollt, schreibt er der Gemeinde in Korinth, ich halte mich an den, der da kommt. Ich glaube dem, der mir jetzt zusagt: Bei mir zählen andere Werte als bei euch!

Dem Himmel am 3. Advent sei Dank: Es braucht genau diesen Text im nasskalten Dezember, von mir aus auch beglänzt von der naiven Schönheit der Weihnachtsmärkte. Es braucht diesen Text, weil er Entspannung anbietet, wo Anspannung herrscht. Alles wird gut, sagt Paulus. Alles wird gut, sagt er, weil Gott nicht mit unseren Maßstäben rechnet. Was für ein Glück. Denn der will nur eines, nicht nur im Advent: „Die Angst jäten, Hoffnung ausstreuen, Gewissheit pflanzen, Trost ernten, Erwartungen stützen, Wildwuchs beschneiden.“ (Vgl.: W. Köhler, in: Predigtstudien, Perikopenreihe II, 1. Hb. 2003/2004; S.27).

Und in diesem Sinne gießt Paulus kein Öl mehr ins Feuer. Er bleibt ganz gelassen, nimmt die Welt in den Arm und sagt: Regt euch nicht auf, am Ende wird Gott uns alle mit Lob annehmen. Unser Tun hier ist närrisch, nicht nur in der fünften Jahreszeit. Viele Streitigkeiten sind es gar nicht wert geführt zu werden. Aber aufgeblasene Egos und mangelnde Demut verhindern oftmals besseres. Einsicht und Gelassenheit sind Gaben, die wir bitter nötig haben, nicht nur im Advent.

Mach’s wie Paulus! Mach nicht mit. Er weiß, wie zehrend Konflikte sind. Und was tragen sie aus? Am Ende gibt es viel verbrannte Erde, auf der nichts mehr wachsen kann. Kein Vertrauen, keine Hoffnung und keine Liebe. Nein, der Apostel „verlässt sich darauf, dass vor Gott andere Werte zählen als in den zerstörerischen Auseinandersetzungen von Menschen.“ (A.a.O. S. 33)
Gott sieht das Herz an. Wenigstens der! Und mir persönlich fallen auf Anhieb ein, zwei Momente aus dem ablaufenden Jahr ein, in dem ich mir mehr Vertrauen, mehr Barmherzigkeit und weniger beharren auf einer Position des ich-habe-aber-Recht-und-du nicht gewünscht hätte.

Für Paulus gibt es hier kein Vertun. Sein Verhalten in Korinth spricht Bände. Er macht keinen platt. Er hat in diesem Konflikt nicht die Absicht zu vernichten. „Der Glaube an Gottes Barmherzigkeit hilft […] auch die Würde zu wahren“ wo die Gefahr besteht, dass diese unter die Räder kommt. (Ebd.) das gilt für meine eigene genauso, wie für die des Gegenübers.

Und dieses Gegenüber ist der Ernstfall für mein Handeln. Denn es gibt garantiert immer einen Menschen, der mir Mühe macht. (Vgl.: A. Jäger, in: Predigtstudien, Perikopenreihe II, 1. Hb. 1985/1986; S.30). Der mich an die Grenzen meiner Barmherzigkeit führt. Mit wie viel Illusion ist also nicht nur die Weihnachtszeit aufgeladen, sondern auch meine eigene Hoffnung auf Versöhnung, da wo es einen handfesten Streit gibt? Natürlich sind Konflikte nicht immer schlecht, manchmal sind sie „heilsam, nötig und gut.“ (Ebd.) Aber das gilt nicht für jeden Konflikt und nicht alles ist lösbar. Aber wie gehe ich damit um?

Weihnachten. Der Glanz dieser zauberhaften Zeit strahlt hell. Sehr hell sogar. Für meinen Geschmack manchmal ein bisschen zu hell. Denn die andere Zeit, die Zeit davor, der Advent, lässt ein anderes Licht leuchten. Ganz schwach zwar, aber immerhin. Und dieses sanfte Licht scheint gnädig auf meine Arroganz und stellt mir die Frage, ob ich mich von der Hoffnung auf Versöhnung jetzt leiten lasse. Oder ist das alles nur frommer Tand und mit dem letzten Glühwein rasch entsorgt?

Diese Zeit jetzt ist mehr, als nur eine heimelige Stimmungssache. Paulus hebt das hervor und eröffnet – mitten im Advent – einen Schutzraum. Er öffnet eine Tür zu einem „Ort des Schutzes mitten in den alltäglichen Anforderungen.“ (Vgl. T. Schächtele, in: Lesepredigten, Textreihe II, Bd. 1, 2015/16, S. 27). Paulus lebt davon. In Bedrängnis und darüber hinaus, weil er weiß, dass Gott nicht niedermacht, sondern aufrichtet. Eher noch im Gegenteil: Den menschlichen Abgründen gibt Gott einen Grund. „Wirklich, wir leben in finsteren Zeiten“, sagt Berthold Brecht. Aber auch in dieser Welt, in der es Besatzer, Terroristen, Intrigen und Konflikte gibt, muss es Menschen geben, die glauben, hoffen und vertrauen. (Vgl.: C. Coenen-Marx, a.a.O., S. 31). Und damit solche die wissen, dass Gott es gut mit uns meint!

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