Unruhige Geduld

Geduld war nie seine Stärke…
Die vierundzwanzig Türchen am Adventskalender waren nicht nur Vorfreude auf die mit Kinderaugen betrachtet schönste Zeit des Jahres, sondern vor allem die geballte Qual, das nächste Türchen erst am kommenden Morgen in einer sich endlos hinziehenden Zeit öffnen zu dürfen. Und zwischen den Geburtstagen schienen nicht Jahre, sondern Jahrzehnte zu liegen. Daran musste er manchmal denken, als er und seine Frau dass erste Kind erwarteten, und die neun Monate Warten und Vorbereiten auf die Geburt sich ebenso hinzogen, nur dass sie die Vorfreude und den Raum zum Vorbereiten diesmal wirklich auskosten und ausnutzen konnten. Und dann war die Zeit des Wartens vorbei, das Kind wurde geboren, es wuchs heran, wurde größer, erwachsen.
Die Zeit verflog. Was war ein Jahr, wo war die Zeit nur geblieben, fragte er lächelnd und auch ein bißchen traurig in sich hinein?
In der Zeit zwischen den trüben Novembertagen um Volkstrauertag, Buß- und Bettag und Totensonntag, noch vor den wunderbaren Adventssonntagen mit ihren Liedern, hörte er manchmal das Requiem, dass Johannes Brahms auf Texte der Bibel komponiert hat. Trösten wollte der Komponist, seiner Sehnsucht, seinem eigenen inneren Glauben Ausdruck verleihen, die Erfahrung von Tod und Leben bearbeiten, jenseits der vorgegeben Formen.
Umrahmt von der Erfahrung der engen Grenzen menschlichen Lebens – denn alles Fleisch, es ist wie Gras – die sanfte, aber ebenso eindringliche Aufforderung: so seid nun geduldig, liebe Brüder, bis auf die Zukunft des Herrn…
Aber worauf sollte er noch warten?
Auf das Ende, jetzt, wo so viele Jahre schon vergangen, er schon so oft Abschied genommen, und dennoch nicht wirklich zu fragen gewagt hat, was er für sich und die Menschen, die er liebt, danach erwarten wolle oder dürfe?
So war er hin- und her gerissen zwischen freudiger Erwartung und melancholisch-sehnsüchtiger Traurigkeit über die Flüchtigkeit der Zeit, über erfüllte oder offen geblieben Träume und Ziele, Glücksmomente und Bangigkeit, was sich alles nicht zum Guten würde wenden lassen.
Eigentlich war er geduldig und zielstrebig, aber manchmal schüttelten Freunde den Kopf über ihn und wünschten sich ein wenig mehr tatkräftige Ungeduld, um Dinge voranzutreiben…
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, anders kann ich mir adventliches Leben und adventliche Existenz nicht vorstellen als solch ein Hin und Her zwischen freudiger, unruhiger und manchmal auch ungeduldiger Erwartung auf der einen Seite und großer, aber entschiedener Gelassenheit in der Zeit, die mir mit dem heutigen Tag und dann mit dem morgigen geschenkt ist, auf der anderen Seite.
Ungeduldig werde ich, wenn ich sehe, wie schwer sich Menschen im Kleinen und im Großen mit den notwendigen und eigentlich einsichtigen Veränderungen tun:
wie oft soll denn noch nachgewiesen, erklärt und dazu aufgefordert werden, endlich Dinge anzupacken:
Wenn in Paris über das Weltklima verhandelt wird, wenn die Existenz ganzer Völker und der von ihnen bewohnten und vom Klimawandel bedrohten Landstriche auf dem Spiel steht, dann ist doch keine Zeit mehr für ritualisierte Politikspiele und ideologische Grabenkämpfe, sondern nur noch für kompromissloses Handeln…
Wenn es um den Frieden in der Welt geht, dann ist kein Raum für altes Denken und alte Verhaltensmuster, sondern nur noch für mutige Ungeduld, die nicht in althergebrachte Reaktionen abgleitet. Helfen Bomben in den Konflikten der arabischen Welt und mit den europäischen Mächten? Oder braucht es andere Antworten, um den gewachsenen und gewalttätigen Hass zu brechen? Ich werde ungeduldig, weil ich keine Versuche wahrnehme, daarauf Antworten zu finden…
Da rät der Arzt zur Umstellung der Lebensweise, weil sonst die Erkrankungen lebensbedrohliche Ausmaße annehmen, und wie schwer fällt dennoch die Umsetzung der klaren Ansagen und Verhaltensrichtlinien. Da werde ich unruhig…
Und zugleich: habe ich nicht allen Grund geduldig und beharrlich zu sein, denn ich habe den heutigen Tag, um etwas anderes anzufangen?
Ich kann heute alte Muster aufbrechen.
Ich kann heute auf die Zeichen meines Körpers achten,
ich kann heute das Gespräch mit meinem Nachbarn suchen,
ich kann heute mein Umweltverhalten im Alltag ändern!
Und auch wenn sich nicht gleich heute etwas ändert, so sind es doch die vielen kleinen Schritten so vieler Menschen an so vielen Orten, die heute und morgen und übermorgen etwas bewirken können.
Wer, wenn nicht ich, hat denn die Möglichkeit, etwas zu verändern, wer, wenn nicht ich, steht denn zu allererst in der Verantwortung, notwendige Einsichten in praktisches Leben umzusetzen? Ich kann es doch nicht immer nur den anderen überlassen. Dabei geht es ja nicht nur um mich. Wenn es nur meine Gesundheit, meine Lebenszeit, mein Glück und meine Erfüllung wären, dann wäre es ja auch nur mein Vesagen, meine verpassten Chancen, meine verschenkte Zeit, dann hätte eben nur ich Pech gehabt und selber Schuld!
Aber es geht ja auch um die Zukunft unserer Kinder, um ihre Heimat, ihrer und ihrer Kindeskinder Welt, es geht um Verantwortung jenseits aller Egoismen.
Es braucht in der Geduld der kleinen Schritte und der kleinen Ziele die Ungeduld und die Unruhe angesichts der großen Fragen und großen Herausforderungen. Ich kenne viele, die nehmen diese Herausforderung an. Manche glauben, manche suchen, manche trauen nur diesem einen Leben,das sie haben. Aber gemeinsam versuchen sie Anderes, Neues, wagen Veränderungen im Denken und Handeln für ihr eigenes Leben, für die Gesellschaft und die Welt.
Ihre Motivation ist dabei ganz unterschiedlich. Uns fragen sie, was unser Glauben dazu beiträgt, die Dinge nicht so laufen zu lassen, wie bisher.
So seid nun geduldig und stärkt eure Herzen, denn denn das Kommen des Herrn ist nahe.
Es ist immer schwierig, etwas ins Blaue hineinzuwagen und zu tun, aber leichter, wenn ich konkrete Ziele vor Augen habe. Das Ziel vor Augen setzt unglaubliche Energien frei, selbst am Ende eines Marathons kann ich so noch einmal Kraftreserven mobilisieren.
Advent ist also die Frage nach dem Ziel, das uns Gott vor Augen stellt:
Am Ende dieser Wochen die Geburt des Kindes: ja, das Kommen des Herrn ist nahe.Denn mit diesem Kind ist Gott uns so nahe gekommen, wie es nur eben geht, weil er ganz und gar Mensch wird und Mensch ist. Mit diesem Kind und seinem Fragen als heranwachsendem, jungen Mann und seinen Taten und Worten stellt Gott uns aber auch eine neue , andere Welt vor Augen, die die Bibel sein Reich nennt.
Wie ein leidenschaftliches Brennen in uns soll das Warten sein, uns geduldig und hartnäckig antreiben, die Sehnsucht und den Vorgeschmack auf diese Welt nicht zu verlieren oder gar zu ersticken.
Die prophetischen Namen dieses Kindes sind Verheißung und Ziel:
Wunderrat, Gottheld, Ewigvater, Friedefürst.
Frieden und Gerechtigkeit sind seine Begleiter.
Und sein Lied auf den Lippen schenkt langen Atem und macht Hoffnung, immer wieder, trotz aller Enttäuschungen und bei allen Abschieden und aller Gewalt der Gegenwart nicht aufzugeben:
Es kommt der Tag, an dem Gott da ist, für alle Zeit, mitten unter den Menschen und dann ist da kein Raum mehr für all das, was Leben einschränkt, behindert oder verhindert: kein Hass, keine Gewalt, keine Krankheit, kein Tod, keine Tränen der Frauen und Kinder um ihre Männer und Väter, keine Trauer um die Eltern oder die Kinder, keine Angst mehr vor dem Morgen.
Und bis dahin machen wir uns Mut zur unruhiger, gespannter Erwartung: So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und den Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe!

drucken