Streik des Flugpersonals abgewendet?

Das Reich Gottes ist einer Genossenschaft gleich

Wollte man ein uns verständliches Bild suchen: Welches könnten wir wählen? Wollten wir ein Bild suchen für den biblischen Begriff „Reich Gottes“ – was wäre das für ein Bild? Ein Bild aus unserer Zeit.
Käme „Konzern“ in Frage. Ein Unternehmen, straff geführt von einer Spitze, die allein das Sagen hat? Die Menschen vor uns haben oft in dieser Richtung gedacht. Sie übertrugen die ihnen bekannten, politischen und hierarchischen Bilder auf den Himmel. Im alten Rom regierte zentral der Kaiser mit absoluter Gewalt. Also, dachte man sich, wird es im Himmel nicht anders zugehen. Gott an der Spitze hat die absolute Macht. Gegen sein Wort wird kein Widerspruch geduldet.

Und wenn es anders wäre? Weil alle mitreden dürfen. Weil es auf jeden Einzelnen ankommt.

Das Reich Gottes ist kein Verein, es ist keine Partei, es keine Gesellschaft mit beschränkter Haftung.

Wollten wir ein Bild aus unserer Zeit finden, so dies hier:

Das „Reich Gottes“ ist einer Genossenschaft vergleichbar. Die Mitglieder einer Genossenschaft sind drei in eins: Sie sind Nutzer der genossenschaftlichen Leistungen (Friede, Versöhnung etc.). Sie sind Miteigentümer (als Träger des Heiligen Geistes) und sie sind Kapitalgeber. Das Kapital der Genossenschaft „Reich Gottes“ ist die Liebe. Im Reich Gottes geht es sozusagen basis-demokratisch zu.

Wie man Mitglied wird in dieser Genossenschaft? Die Frage ist leicht zu beantworten: Durch die Taufe.

Zweck der Genossenschaft „Reich Gottes“ ist die Förderung von Gottesverehrung, Versöhnung und Frieden. Das „Reich Gottes“ lebt wie jede Genossenschaft davon, dass sich ihre Mitglieder am Unternehmensziel beteiligen.

Aber da fangen die Probleme an.

Betriebsversammlung: Streikgefahr
Wir besuchen eine sehr turbulente Betriebsversammlung unserer Genossenschaft. Wann die stattgefunden hat? Das lässt sich so schwer sagen. Eines muss ich vorausschicken. Indem wir in den Himmel hinaufsteigen, verlassen wir unsere Beschränkungen von Raum und Zeit.
In der Ewigkeit fällt in eins, was wir mit unserer beschränkten Endlichkeit nur nacheinander erfassen können, nämlich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Da stehen, da standen, da werden die Engel vor Gott stehen… sehen Sie, es fängt schon an… also, da stehen sie im Himmel und drohen mit Streik.

„Herr! Wir, das Flugpersonal unserer Genossenschaft, wir werden streiken.“ Nicht irgendwer spricht so, sondern es sind die mit dem himmlischen Gottesdienst beauftragten Seraphim.

Gott sagt nichts. Er atmet schwer.

Er schaut die Seraphim an. Sie verstehen dies als Aufforderung, ihre Streikandrohung zu begründen.

„Also erstens“, heben sie an zu sprechen, „wir sind in Geschäftsbereichen tätig, die keinen Ertrag mehr bringen.“

Gott hebt die Augenbrauen.

„Das sind die, die ausgetreten sind aus unserer Genossenschaft. Gemäß deinen Anweisungen müssen ihre Schutzengel trotzdem weiterhin ihren Pflichten nachkommen. Unseren Schutz gibt es jetzt für lau. (Gott schmunzelt, weil er die Anspielung verstanden hat) Da machen wir doch keinen Gewinn.“

„Pacta sunt servanda“, antwortet Gott auf Latein, „Verträge müssen gehalten werden. In der Taufe habe ich meinen Schutz zugesagt. Wenn ein Mensch den Vertrag kündigt, sehe ich mich dennoch weiterhin daran gebunden. Gleiches mit Gleichem zu vergelten: Das war einmal. Da haben wir keine guten Erfahrungen mit gemacht.“

„Aber, Herr, so kann das nicht weitergehen“. Die einfachen Mitarbeiter, die Angeloi, drängen nach vorne. „Wir haben doch keinen Erfolg mehr. Du weißt, mit welcher Inbrunst wir Menschen zusammen führen. Aber kaum sind auf Erden fünf oder zehn Jahre vergangen, trennen sich die Menschen wieder. Die Menschen sind das Problem in unserer Genossenschaft. Sie haben unser Geschäftsziel aus dem Auge verloren. Von wegen „Liebe“. Die Menschen trennen sich. Lassen sich scheiden.“

„Wenn ihr streikt, gefährdet ihr unsere Firma“, sagte Gott.

„Aber wir stehen doch ohnehin kurz vor dem Bankrott.“ Diesmal drängte sich die Gruppe der Engel nach vorne, die für die Förderung von Einsichten zuständig sind, die Erzengel.

„Also früher gab es noch Einsicht bei den Menschen. Damals, als wir zu Abraham kamen, da kam noch Erleuchtung zustande. Oder als Gabriel bei Maria war. Da wuchs noch Erkenntnis. Oder als wir am leeren Grab deines Sohnes standen. Da keimte Glaube auf. Aber heute blättern die Menschen in deinem Buch. Und bleiben ohne Erleuchtung, ohne Einsicht, ohne Glaube. Sie verstehen uns nicht mehr. Sie haben die Fähigkeit verloren, uns im Geiste zu vernehmen, zu spüren.“

Und was ist das für eine Gruppe? Gut 130 Schutzengel drängen nach vorne. Um ihre Schultern haben sie französische Flaggen gelegt.

„Unsere Konkurrenz wird übermächtig“, klagten sie. „Noch nie hatten wir 100 Prozent Erfolg. Aber gegen das, was derzeit auf Erden los ist, haben wir keine Macht mehr.“

Und Michael, der Erzengel, der Gottes Schutztruppen anführte sprach schließlich aus, was alle wohl dachten: „Herr, unser Projekt steht vor dem Scheitern. Unsere Genossenschaft wird machtlos. Wir erreichen unser Geschäftsziel nicht mehr. Sieh doch ein, Herr, dein Projekt „Liebe“, das du unserer Genossenschaft als Geschäftsidee zugrunde gelegt hast, ist gescheitert. Wir streiken. Anders kommen die Menschen nicht zur Vernunft.
Mach ein Ende, Herr, gib der Sonne, die die Erde erwärmt, einen Stoß, dass sie schneller erkaltet. Es hat keinen Sinn mehr. Wir müssen von vorne anfangen.“

Gott schloss die Augen.

Michael sprach furchtlos weiter:

„Wir haben alle Niederlassungen unserer Genossenschaft geprüft. Für die meisten gilt dies: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Weil du aber lau bist, werde ich dich ausspeien aus meinem Mund“(Off 3,16). Herr, das sind deine eigenen Worte. Steh dazu. Mach ein Ende. Lass die Reiter los. Und wir, deine Engel, blasen mit unseren Posaunen das Streiklied des Himmels. Mehr als Gericht und Zorn, anderes hat kein Mensch verdient. Sie sind es, deine Geschöpfe sind es, die unsere Genossenschaft in den Konkurs geführt haben. Lass sie es spüren. Wir sind…, nein du bist mit deiner Macht am Ende. Und die Menschen haben den Glauben an den Erfolg unserer Geschäftsidee schon längst verloren. Sie haben sich ganz ihrer Gier und Habsucht hingegeben. An dich glaubt kaum noch einer. Sie existieren nur noch. Ohne Sinn, ohne Ziel, ohne Glauben.“

Die Engel schauten ratlos zum Herrn. „Endlich,“ sagte einer und klopfte Michael auf die Schulter, „endlich hast du gesagt, was wir alle denken.“

Gott aber dachte nach. Er sagte kein Wort. Eine Ewigkeit lang schweigt er. Oder wird er schweigen. Oder schwieg er?

Dann aber sprach er endlich: „Ich werde auf die Erde gehen. Ich übernehme die ganze Verantwortung für unsere Genossenschaft selbst. Nein, ich gebe nicht auf. Es gibt keine bessere Idee als die unserer Genossenschaft. Dafür werde ich selbst auf Erden werben. Ich werde Mensch.“

„Menschen sterben“, wandte Michael ein.

Gott sah ihm direkt in die Augen. „Auch das nehme ich auf mich“, entgegnete Gott, obgleich ihm schauderte, als er Golgatha vor sich sah.

„Du kannst nicht ewig bleiben“, brachte Michael als nächsten Einwand vor. „Es wird nicht lange dauern, und die Menschen haben dich vergessen. Falls sie dich überhaupt erkennen auf Erden.“

„Ich habe da eine Idee“, sagte Gott schließlich und er fuhr fort. Aber ach, nun sprachen die Himmlischen in der ihnen eigenen Sprache, die uns Menschen zu verstehen nicht gegeben ist. Aber man sieht, wie die Engel zuhörten. Es wurden Diskussionsgruppen gebildet. Einige schüttelten den Kopf. Anderen schien die Idee zu gefallen. Und schließlich werden die Engel sich einig.

„Ja “, fasste Michael zusammen, was alle dachten, „das ist ein guter Weg.“

So endete die Betriebsversammlung der Genossenschaft. Der Streik ist abgewendet.

In der Schreibstube des Lukas
Wir wechseln den Ort und kehren bei Lukas ein. Er ist einer der Schriftsteller, dem in Gottes Plan eine wichtige Aufgabe zugedacht war. Er sollte alles aufschreiben, was geschehen war, als Gott auf Erden weilte, damit es die Menschen nie vergessen.

Sein Werk über die „Geschichten, die unter uns geschehen sind“ war nahezu fertig. Nur eines fehlte noch. Ein Bild, das alles zusammenfasst, so dass es selbst Kinder ohne Probleme verstehen. Dieses Bild wollte er in den Anfang seines Evangeliums stellen.

Auf einem Zettel hatte er notiert, was aus diesem Bild heraus deutlich werden muss:
1. Gott ist kein Herrscher nach Art unserer Kaiser, Könige, Präsidenten oder Vorstände unserer Konzerne. Denn die haben eines gemeinsam: Sie lieben ihre Macht. Sie missbrauchen ihre Macht. Und vor allem: Sie sind oft so dumm und ohne Einsicht. Für Gott haben sie keinen Platz.
2. Aus dem Bild heraus muss klar werden, wofür Gottes Genossenschaft arbeitet. Nein, das sind nicht die Wohlhabenden an erster Stelle und auch nicht die Machthaber. Weder nur Männer noch nur Frauen können es sein.
3. In diesem Bild muss der Slogan der Genossenschaft Gottes vorkommen. Dazu hatte er ein paar Versuche notiert: Jesus. Der Mensch. Nein, zu knapp. Jesus – Vorsprung durch Menschlichkeit. Nein, zu harmlos. Jesus – Nichts ist unmöglich. Nein, zu missverständlich. Jesus – Hauptsache ihr habt Spaß. Nein, absolut nichts für vernünftige Menschen. Jesus – da weiß man, was man hat. Nein! Come in and find out. Zu blass. Die tun was. Nein, fort damit. Wir haben verstanden. Nein, stimmt ja nicht. Geht nicht, gibst nicht. Nein, viel zu schwach.
4. Das Bild muss den Herzen einen Blick in den Himmel ermöglichen.
5. Bewegung muss darin sein. Das Bild muss sagen: Geht hin und seht.
6. Es muss jemand in diesem Bild vorkommen, an dem deutlich wird: Jede und jeder in der Genossenschaft muss am Ziel festhalten. Also irgendwie muss Glaube vorkommen.
Und siebtens muss natürlich der Name vorkommen, den Gott auf Erden trug.

Tagelang starrte Lukas auf seinen Zettel.

Dann aber kam der Tag, an dem einer der Erzengel hinter ihm stand. So kam und so kommt Einsicht zustande. Und auf einmal sah Lukas, wie sein Bild ausschauen muss, dass er in den Anfang seines Evangeliums stellen wird. Er musste nur noch notieren.

1. Gott kommt in Niedrigkeit zur Welt. Vom Kaiser erzähle ich, dass er alles zählen und bewerten wollte, was zu seinem Machtbereich gehört. Und mittendrin kommt Gott dazu, den der Kaiser nicht auf der Rechnung hat. Für Gott ist kein Platz in der Welt der Kaiser, Nein, ich werde erzählen: Gott kommt in einem abgelegen Stall zur Welt. So ungastlich ist die Welt ihm gegenüber. Und der Kaiser kriegt nichts mit. Wie üblich.
2. Und dann werde ich erzählen, wem Gott als erstes erschienen ist. Nicht den Reichen und nicht den Mächtigen. Nein, die Hirten, unsere einfachen, hart arbeitenden Leute, das werden die sein, zu denen Gott als erstes kommt.
3. Und jetzt habe ich auch einen Slogan: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Das hat Aussagekraft. Da weiß jeder, um was es in Gottes Genossenschaft, in seinem Reich geht.
4. Den Hirten wird ein Einblick in den Himmel geschenkt. Ihnen, den Armen, wollen wir uns zeigen in dieser Nacht.
5. Und dann müssen die Hirten sich bewegen. Sie müssen hingehen und schauen. Das ist ganz wichtig. Gottes Genossenschaft braucht keine unbeweglichen Menschen.
6. Maria aber ist diejenige, die alles sieht und erlebt und fest in ihrem Herzen behält. Ein schöneres Bild für Glauben gibt es nicht.
Und dann werde ich (7.) den Namen offenbaren, den Gott auf Erden träg: Jesus.

In einer Kirche
In einer Kirche steht das Bild des Lukas aufgebaut als „Krippenbild“. Kinder stehen davor. Ihre Augen leuchten. Ihre Herzen erfassen alles, was in diesem Bild liegt. Erklärung ist nicht nötig. Das Bild spricht aus sich heraus. Kinder verstehen es, denn sie wissen: Ohne Liebe wird unser Leben nicht gelingen.

Finale im Himmel
„Also“, sagte Gott am Ende, als er dem Flugpersonal seine Idee für die Erneuerung der Reich-Gottes-Genossenschaft dargelegt hatte. „Solange dieses Bild von Kindern erfasst wird, solange deren Augen leuchten, wenn sie es sehen, solange mache ich mir keine Sorgen um unseren Betrieb. Natürlich wird das eine oder andere Kind diesen ersten Zauber des Bildes vergessen. Aber er bleibt in der Seele.
Bis er wieder aufleuchtet.
Ihr Engel, habt Vertrauen. Manche von euch glaubten uns am Ende. Ich aber glaube uns am Anfang.

Amen

drucken