Lindigkeit

Freude im Advent – das geht für manche Menschen gar nicht zusammen. Für sie ist Advent: Stress, Hektik und der verzweifelte Versuch es Allen recht zu machen und selber nicht unter die Räder zu kommen.

Warum ist das so? Warum quälen sich manche Menschen so? Vielleicht, weil sie alles richtig machen wollen und nichts verpassen. Vielleicht auch, weil sie Erwartungsdruck verspüren und nichts falsch machen wollen und Angst haben, einen Menschen zu enttäuschen.
Solchen Menschen schreibt auch der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi – und da schreibt er nicht nur Menschen, die ihm wohlgesonnen sind:

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In alten Ausgaben der Lutherbibel steht statt ‚Güte‘ das schöne Wort ‚Lindigkeit‘: Eure Lindigkeit lasst kund sein allen Menschen! – Martin Luther hat dieses Wort geprägt, um auszudrücken, was der Apostel hier meint: ein ganzes Bedeutungsspektrum ist mit diesem Wort gemeint: Freundlichkeit, Umgänglichkeit, Entgegenkommen, Nachsicht, Zugewandtheit, Milde. Lindigkeit ist der Gegensatz zum Beharren auf dem, was recht und billig ist.

Das Wort ‚Lindigkeit‘ selber versteht heute kein Mensch mehr – und doch spüren wir schon beim Hören, dass es etwas Besonderes, etwas Gutes ist.

Paulus schreibt an die Gemeinde aus dem Gefängnis – und er bittet nicht um Hilfe, er schimpft auch nicht, er erinnert die Gemeinde an die vielen Gaben, die in ihr längst lebendig sind. Und er fasst diese Gaben zusammen mit dem Begriff ‚Lindigkeit‘.

Und er liebt die Gemeinde, auch wenn er mit Einzelnen dort Streit hat, aber er liebt sie, weil er weiß: Das, was er mit Lindigkeit beschreibt, ist dort lebendig. Und er will ihnen Mut machen, ihre Gaben auch zu leben.

Lasst die Menschen doch einfach spüren, welche Gaben in euch stecken – dann habt ihr den Advent, den ihr wirklich braucht. Dann könnt ihr euch freuen, nicht, weil es angeordnet ist oder im Kalender steht, sondern einfach weil ihr eingeladen seid mit eurem Herrn solchen Advent zu feiern.

Freude lässt sich nicht befehlen, das weiß auch Paulus, aber wir dürfen zur Freude einladen wie Paulus und wir dürfen sie vorleben. Wir dürfen mit unseren Gaben der Güte Menschen anstecken und so ein Stück Frieden und Liebe und Güte spürbar machen. Wir dürfen Liebe leben, zu Liebe einladen und mit Paulus einladend rufen: Freuet euch! Und ich darf mich selber freuen und andere Menschen glücklich machen.

Freude lässt sich nicht anordnen, aber wir können selbst einiges dafür tun, dass wir Freude empfinden – und die Menschen, die mit uns zu tun haben. Um Vorfreude empfinden zu können, haben wir den ganzen Advent mit seinen Ritualen. Diese Rituale, die die Gemeinde vor 2000 Jahren alle noch nicht hatte, können uns heute helfen, Advent zu erleben. Aber sie sind nur als Hilfsmittel wertvoll, nicht als Ersatz für den wahren Inhalt. Sie deuten hin, sie sind nicht die Botschaft.

Darum lädt Paulus die Menschen mit seinem Ruf ein: Freut Euch, trotz meinem Gefängnis, freut euch, trotz eurer Ängste und eurer Probleme. Freut euch, weil der Herr euch ganz nahe kommt, weil er mit euch geht und euch nicht im Stich lässt. Freut euch, weil ihr Schwestern und Brüder habt, die mit euch auf dem Wege sind. Freut Euch, weil ihr in der Kirche mit ihren Gottesdiensten immer wieder Ruhe und Zukunft finden könnt.

Der Herr ist dort nahe, wo wir unsere Güte Menschen entgegenbringen. Der Herr ist nahe dort, wo wir seine Liebe leben, seinen Frieden verkünden und seinen Segen an uns wirken lassen. Der Herr ist nahe, wo sich Schwestern und Brüder versammeln.

Freuet euch – trotz allem und mit allem. Denn der Herr geht mit Euch und ihr seid es ihm wert, dass er Mensch wird um euch zu besuchen.

Paulus möchte die Menschen dazu bringen, dass sie diesem Herrn vertrauen, weil sie sich über ihn freuen dürfen und weil sie sich mit ihm freuen dürfen. Paulus wie die Menschen in Philippi erleben böse Zeiten, sie erleben Kränkungen und Verfolgungen. Und trotzdem redet Paulus von Freude, weil er weiß und vertraut: Es gibt Weihnachten: Gott ist Mensch geworden – für Menschen.

Und es gibt Advent: Der Herr kommt, um sein Reich aufzurichten – mitten unter uns und mit uns. Darum Freuet Euch im Herrn allewege.

Mit Vers 7 (Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus) enden allgemein Predigten. Damit sagt der Prediger, die Predigerin auch eine ganze Menge über sich selber aus. Und über die Gemeinde, die mit ihm / mit ihr auf Gottes Wort und die Worte von Menschen hört. Das, was gepredigt ist, ist begrenzt, weil es menschlicher Vernunft entspringt. Das wesentliche kann nicht von der Kanzel kommen, sondern muss der Heilige Geist mit dem Frieden Gottes bringen. Für ihn müssen sich die Menschen öffnen, wenn sie wirklich Wort Gottes hören wollen.

Und auch unsere Fähigkeiten zur Freude sind begrenzt. Wir spüren das immer wieder und gerade im Advent und an Weihnachten. Manchmal nehmen Trauer, Sorgen und Ängste uns vollständig gefangen.

Das darf auch so sein.

Aber die Gemeinschaft der Schwestern und Brüder und das Wehen des Heiligen Geist können uns helfen, aus diesen engen Tälern herauszufinden und wieder Grund finden, uns zu freuen: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!

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