Janusz Korczak begleitet die Kinder ins KZ

Theateraufführung in einem Kinderheim: Eine Gruppe spielt den anderen vor, was sie vorbereitet hat: Auf einem Lager ist ein Kind gebettet. Es ist matt und krank, todkrank. Leise beginnt eine Flöte zu spielen. Zwei Gestalten in langen, wehenden Gewändern treten zum Lager. Sie nehmen das Kind sanft in ihre Arme, wiegen es darin, bis der Kopf des Kindes zur Seite gefallen ist und die Flöte schließlich verklingt.
Der Heimleiter antwortet leise auf die fragenden Blicke zweier Erwachsener: „Wir müssen die Kinder vorbereiten auf das, was kommt, auch auf den Tod. Er soll ihnen vertraut werden, wie ein Freund.“ Ein besonderes Kinderheim – in der Tat: Es ist ein jüdisches Waisenhaus im Warschauer Ghetto, im von den Deutschen besetzten Polen. Der Leiter ist Janusz Korczak, Arzt und Pädagoge. Korczak-Kinder nennen sich die Kinder selbst, denn sonst haben sie niemanden mehr. Aber hier, hier können sie sein, auch mitten im Ghetto, mitten im Terror der Nazis. Das Heim ist ein Schutzraum der Menschlichkeit. Janusz Korczak tut alles für „seine“ Kinder. Organisiert Kartoffeln, sammelt Geld, hütet die Nachtruhe, begleitet die erste aufkeimende Liebe.

Die Deportationen aus dem Ghetto in die Vernichtungslager haben schon angefangen. Auch das Kinderheim steht auf der Liste. Es gibt keine Rettung davor. „Wir müssen die Kinder auch auf den Tod vorbereiten, er soll ihnen vertraut werden wie ein Freund“, sagt Korczak. Die Kinder spielen, wie der Tod sein kann. Mit wehenden Gewändern, sanften Armen und Flötenklängen empfängt er sie.
Wenig später ist es soweit. Eine Viertelstunde Zeit nur lassen die Deutschen an jenem Tag im Sommer 1942, dessen genaues Datum wir nicht kennen, zum Aufbruch. Der Zug nach Treblinka steht bereit.

Die Nazis erwarten ein Chaos bei so vielen Gören. Stattdessen erscheint ein wohlgeordneter Zug von 200 frischgekämmten Kindern, die sich an ihren Leiter schmiegen. Korczak selbst mit dem jüngsten Kind auf dem Arm an der Spitze. Sie steigen in die Viehwaggons, die Türen werden vernagelt, der Zug rollt an in Richtung Treblinka. Es ist das Letzte, was wir von Janusz Korczak und seinen Kindern wissen.

Der Tod kann wehtun, entsetzlich wehtun, er kann so grausam und sinnlos sein. Weil Korczak das wußte, wollte er, daß die Kinder ihre Weise finden, damit umzugehen, eine andere Weise, eigene Bilder, andere als die, die sie sonst kannten: Gewehrkolben, Verlust der Eltern, Einsamkeit. So sie sind nicht unvorbereitet in die Viehwaggons gestiegen, sie haben diese Bilder in sich getragen als Schutz vor dem, was kommen würde.
Und: sie waren nicht allein. Korczak ist mitgegangen. Er selbst hätte gerettet werden können. Aber er wollte seine Kinder nicht verlassen, auch im Tod nicht. Er blieb bei ihnen.

Wir halten heute unser Totengedenken – und denken gleichzeitig darüber nach, wie es mit uns einmal sein wird.
Da ist das schreckliche Angesicht des Todes. Der Tod raubt das Leben, die Gestorbenen kehren nicht zurück. Eine Lücke bleibt, auch später noch, denn kein Mensch läßt sich ersetzen. Dieses Angesicht ist es, das uns Angst macht und Schmerz bereitet – auch wenn der Tod bei uns – und dafür dürfen wir Gott danken, denn es ist nicht selbstverständlich – ohne Gewehrkolben und Viehwaggons daherkommt.

Korczak hat die Kinder den Tod spielen lassen, und so haben sie ein anderes Angesicht entdeckt. Ich glaube, auch wir brauchen andere Bilder als das vom Sensenmann, das so tief in uns verwurzelt ist. Flöte und sanfte Arme. Der Dichter Bertolt Brecht hat einige Monate vor seinem Tod im Sommer 1956 gesagt: „wie ein sanftes Klopfen an der Fensterscheibe“. Käthe Kollwitz hat das Bild einer Frau gezeichnet, die eine andere in den Armen hält und ihr die Tränen abwischt: „Der Tod tröstet“. Nach solchen, anderen, Bildern möchte ich Ausschau halten, weil sie uns weiterhelfen und trösten können.

Da ist der Gedanke gar nicht so abwegig, Kinder den Tod spielen lassen, so wie es Korczak angeregt hat. Wir halten die Kinder ja eher fern, wenn jemand gestorben ist, wollen sie nicht mit Schlimmem belasten. Aber das Schlimme ist ja da, und es wird nicht besser, wenn darüber geschwiegen wird. Ob die Kinder nicht gerade uns sogar überraschen und bereichern, wenn wir ihnen Raum geben zur Auseinandersetzung und zum Spielen?! – Das würde sicher auch uns helfen, uns – die wir ja viel älter und damit dem Sterben, statistisch, näher sind, auf unsere letzte Stunde vorzubereiten. Allein und verlassen und ohne eine Menschenseele in der Nähe sterben – das ist die größte Angst von vielen Menschen.

Wer wird einmal bei uns sein? Das können wir natürlich nicht wissen. Aber ich wünsche uns das Vertrauen: Gott ist bei uns. Gott bleibt bei uns, im Leben wie im Sterben. So wie Korczak seine Kinder nicht alleingelassen hat, läßt Gott uns nicht allein. Und so wie die Kinder so sicher und gefaßt dem Tod entgegengehen konnten, weil Korczak bei ihnen war, so können wir auch gefaßt auf das zugehen, was uns erwartet. Ein sanftes Klopfen an der Fensterscheibe, der Tod tröstet, ein Flötenklang.
Hinter all den Bildern erwartet uns Gott selbst.

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