Seid wachsam

Liebe Gemeinde,

als Schüler und Student habe ich oft bei Baufirmen gearbeitet. In der einen Firma hatte der Chef eine besondere Angewohnheit. Wenigstens einmal in der Woche kam er zu einer nicht berechenbaren Zeit auf jeder einzelnen Baustelle vorbei. Manchmal haben wir ihn erst nach etlichen Minuten bemerkt. Nein, niemals hatte er Grund, wütend aufzubrüllen, warum wir denn immer noch bei der Brotzeit säßen? Ab und zu kam er auch zweimal die Woche. Und gelegentlich sogar zweimal am Tag.

„So arbeitet nun, denn ihr wisst nicht, wann der Chef der Firma kommt, damit er euch nicht untätig finde, wenn er plötzlich erscheint“. Mit dieser leicht abgewandelten biblischen Devise kann man sogar eine Firma unter Kontrolle halten.

Man ahnt die Sorgen des Chefs: Wenn ich nicht kontrolliere, dann wird nicht gearbeitet. Dann sitzen sie rum. Trinken Bier. Ratschen und vernachlässigen ihre Pflichten. Na ja, ab und zu war das so…
Aber erwischt hat er uns nie. Und alle Aufgaben haben wir trotz allem stets ordentlich erledigt.

Heute ruft uns allen die Bibel, das heutige Bibelzitat zu: Wachet! Seid wachsam.

Wie wachsam müssen wir sein? Auf was müssen wir achten? Womit rechnen wir? Wovor fürchten wir uns?
Die Liste, die uns über Medien aller Art ständig ins Haus getragen und ins Hirn gehämmert wird, ist lang.
Am längsten ist wohl die Liste mit den Gesundheits-Warnungen aller Art. Achtet auf eure Ernährung. Achtet auf euren Zucker, auf Diät, Vitamine und gesunde Ernährung. „Esst nicht zu viel Fleisch“, kam kürzlich als neueste Warnung hinzu.

Achtet auf die Natur, die Schöpfung. Zerstört nicht das, was Gott geschaffen hat, nur weil es eurem Gewinnstreben dient. „Nachhaltig“ sollen wir leben, d.h. bei allem, was wir verbrauchen mögen wir bitte darauf achten, dass es in Ruhe nachwachsen kann.

Achtet auf eure Sicherheit. Der schreckliche Massenmord in Paris hat uns das wieder vor Augen geführt. Wir leben schutzlos. Wir leben schutzlos dann, wenn irgendwelche Menschen solche schlimmen Untaten planen und ausführen. Was man dagegen machen kann, wird in den nächsten Tagen und Wochen diskutiert werden. Dazu braucht es keine Vorschläge via Predigt. Das müssen wir miteinander in Besonnenheit diskutieren.
Wir könnten jetzt noch über Einbrecher reden und über Verkehrssicherheit. Überall gilt: Wachet. Seid wachsam. Und das Motiv, das hinter allem steckt mag Sorge, mag Angst, mag Furcht heißen.
Und das müssen wir ernst nehmen.

Und jetzt frage ich: Ist Furcht das Motiv, von dem unser biblischer Text geprägt ist? Ist es die latente Angst, die wir damals auf der Baustelle haben sollten: Passt auf, ihr wisst weder Tag noch Stunde, wann der Chef auftaucht. Ist Gott diesem Chef gleich?

Heute gedenken wir in diesem Gottesdienst all der Menschen, die in unserer Gemeinde verstorben sind und zu Grabe getragen wurden. Damit wollen wir nicht noch einmal Trauer stark machen und aufwühlen. Im Gedenken an unsere Verstorbenen geht es um etwas anderes. Es geht darum, dass wir uns gewiss machen: Wir haben sie verloren. In Gott aber sind sie aufgehoben. Er bewahrt in seinem Gedächtnis einen jeden von uns weit über die Zeit hinaus in alle Ewigkeit.
Der Tod trat im zurückliegenden Jahr in unser Leben. Manchmal erwartet, oft unerwartet:

Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater. Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.

Indem sie Bibel so formuliert, meint sie unsere Konfrontation mit dem Tod. „Ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.“ Heißt das jetzt, auf unser Thema bezogen, wir sollen allezeit mit dem Tod rechnen? Wir sollen alle Zeit in Todesfurcht leben?

Ich bin mir sicher, dass einige unter uns mit ganz bestimmten Gedanken hier sind. Wahrscheinlich kennen wir alle diese und ähnliche Gedanken: Wenn ich gewusst hätte, dass er in diesem Jahr stirbt, dann….
Ja, dann wäre man viel häufiger zu Besuch bei der Mutter gewesen.
Ja, dann hätte man dem Vater doch noch die Hand zur Versöhnung gereicht.

Ja, dann hätte man mehr Zeit miteinander verbracht.
Ja, dann wäre manches anders geworden.

Aber: Wir wissen weder Tag noch Stunde. Und wenn die Bibel uns nun zur Wachsamkeit aufruft, dann nicht, um unsere Ängste zu schüren. Sie ruft nicht Wachsamkeit, um uns in ständiger Furcht zu halten. Sie ruft nicht zur Wachsamkeit, um uns ständig in den Schatten des Todes zu stellen.

Seid wachsam, das heißt in der Bibel dies: Seid wachsam in der Liebe. Solange ihr zusammen lebet, solang ihr einander habt, seid wachsam in der Vergebung. Wenn Streit unter euch ist, seid wachsam in der Versöhnung. Im kleinen Gleichnis vom „Menschen, der über Land zog“ ist von zwei Gaben und einem Gebot die Rede:

Jeder Knecht hat Vollmacht. Das meint: Ihr seid zur Liebe begabt. In der Taufe hat Gott euch alles zugesprochen und übertragen: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Vergesst nicht diese Vollmacht.

Jeder Knecht hat seine Arbeit, seinen Alltag, seinen Aufgaben, seine Pflichten, seine Lasten. Darum fügt Jesus in dem Gleichnis das Gebot hinzu: Seid wachsam. Verliert euch nicht im Kleine-Klein des Alltags. Verkämpft euch nicht gegeneinander. Lebt wachsam in der Kraft eures Glaubens.

Was das praktisch heißt? Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen (Eph 4,26). Eine alte, eine sehr kluge Lebensregel. Gut, wir kriegen das manchmal nicht auf den Abend hin mit der Versöhnung. Aber wehe, wenn sie uns ganz aus dem Blickfeld gerät.
Seid wachsam in der Liebe, die Gott euch in euer Herz gepflanzt hat.

In diesen Tagen voller schlimmer Nachrichten haben wir das Gefühl, schutzlos ausgeliefert zu sein dem, was da kommt

Das hat die Zukunft nun einmal an sich. Sie kommt. Sie kommt, wie sie will. Sie kommt, ob es uns passt oder nicht. Was kommen wird, was geschehen wird: Wir wissen es nicht. Den einen macht es ruhig. Andere bleiben gelassen. Nicht wenige empfinden Angst, wenn sie an die Zukunft denken.

Viele rufen nun nach Überwachung, Kontrolle und Vorsichtsmaßnahmen. Ich wiederhole: Darüber müssen wir in Ruhe diskutieren.

Unser Glaube will uns stark machen in solch unsicheren Zeiten. Denn das können wir als Christen mit in die Diskussion einbringen:

Wir bleiben wachsam in der Liebe und im Respekt. Auch wenn Mordtaten im Namen des Islam begangen werden, so nimmt uns das nicht den Respekt vor unseren andersgläubigen Mitbürgern. Denn wir glauben ihnen – allen deutschen Verbänden des Islam – dass sie genauso entsetzt über die Mordanschläge wie wir. Stellen wir uns vor, es gäbe Attentäter, die ihre Morde mit dem Ruf „Gelobt sei der Name des Herrn“ beginnen würden. Das empfänden wir als große Schande für unseren Glauben. Und ich bin mir sicher, es geht der Angehörigen nicht anders, wenn ihre vom Muezzin verkündete Gebetszeile so missbraucht wird.
Wir bleiben in der Liebe und in der Hilfsbereitschaft. Wir weigern uns aus dieser Wachsamkeit heraus, alle zu uns strömenden Flüchtlinge unter einen kollektiven Verdacht zu stellen.

Wir bleiben in der Liebe und in der Vernunft. Wir schließen uns als bewusste Christen nicht denen an, die Gedanken aus Hass und Angst verbreiten. Wir bleiben wachsam und hören genau hin, mit welchen Motiven Menschen uns versuchen, zu beeinflussen.

Wir bleiben wachsam in der Liebe Gottes, die uns als Vollmacht anvertraut worden ist. Uns ist eine gute Regel gegeben: Prüft aber alles und das Gute behaltet (1. Thess 5,21).

Mit unserer Wachsamkeit als Christen erzielen wir keine schnellen Erfolge. Aber indem wenigsten wir im hier beschriebenen Sinne wachsam sind und wachsam bleiben, tragen wir dazu bei, dass die Welt aus Krieg und Habsucht sich Stück um Stück wandelt.

Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet! Seid wachsam in der Liebe. Wir fürchten Gott nicht als Chef. Wir sind Gott zugetan als Menschen, die in seiner Vollmacht leben und handeln.

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