Das Schweigen der Welt und die Botschaft der Kirche

"Die Welt ist unglaublich geschwätzig, laut und vorlaut – solange alles gut geht. Nur wenn jemand stirbt, dann wird sie verlegen, dann weiß sie nichts mehr zu sagen.“
Das schrieb Hildegard Knef in ihrem 1973 erschienenen Buch „Das Urteil“.

Ja, genau das beobachte ich auch immer wieder.
Diese Sprachlosigkeit und Fassungslosigkeit, wenn auf einmal der Tod ins Leben tritt.
Wenn eine Welt zusammenbricht und wenn sich herausstellt, dass weder das schöne Haus noch die teuren Alu-Felgen noch das neue Handy Halt geben und trösten.

Und neben dieser Sprachlosigkeit und Fassungslosigkeit begegnet mir immer wieder der gleiche Effekt:
Dass wir Menschen einen klaren Blick bekommen für das, was im Leben wirklich wichtig ist, was wirklich zählt.

Geld, Besitz, Hobbies, – alles unwichtig.
Haus, Beruf, Kleidung – Firlefanz.
Was die anderen über einen denken, Ansehen, Bildung – Schall und Rauch.

Wirklich wichtig im Leben sind Beziehungen.
Tiefe, lebendige, offene und von Liebe geprägte Beziehungen.
Alles andere ist unwichtig und zweitrangig.

Viele von uns haben im vergangenen Jahr Abschied nehmen müssen von einem lieben Menschen.
Ihr kennt den Abschiedsschmerz, der damit verbunden ist.
Vielleicht sind euch diese Gedanken über wichtig und unwichtig auch nahe.

Oft gehe ich von Beerdigungen heim und denke mir:
Über was für Nebensächlichkeiten machst du dir oft Gedanken und Sorgen.
Wegen was für Lappalien gerätst du in Konflikte mit anderen.

Und manchmal gelingt es mir auch, diese Gedanken eine Zeitlang in meinen Alltag mit hineinzunehmen.
Bis sich der Alltag wieder breit macht und die Überhand gewinnt.
Und ganz alltägliche Fragen wieder die Fragen verdrängen, die einem so kommen im Angesicht des Todes.
Fragen wie:

Was ist eigentlich nach dem Tod?
Ist überhaupt noch was nach dem Tod?
Wenn ich jetzt sterbe – was passiert dann mit mir?
Werde ich meine Eltern wieder sehen? Meine Freunde, meinen Mann, meine Frau, meine Kinder?
Gibt es Gott?
Wie ist Gott?
Und wie denkt er über mich?

Im Alltag sind diese Fragen meistens weit weg.
Aber wenn uns der Tod begegnet, dann kommen uns solche Fragen.
Und wir suchen nach Antworten darauf – wir brauchen Antworten darauf.

Ich habe am Anfang Hildegard Knef zitiert.
Mich hat überrascht, was Hildegard Knef weiter geschrieben hat:
„Genau an diesem Punkt, wo die Welt schweigt, richtet die Kirche eine Botschaft aus. Ich liebe die Kirche um dieser Botschaft willen. Ich liebe sie, weil sie im Gelächter einer arroganten Welt sagt, dass der Mensch ein Ziel hat, weil sie dort ihren Mund aufmacht, wo alle anderen nur die Achseln zucken.“

Die Botschaft, die die Kirche ausrichtet, ist die Botschaft, dass es einen lebendigen Gott gibt, der sich um uns Menschen kümmert und dass der Gott des Lebens stärker ist als der Tod.
Wir erfahren diese Botschaft aus der Bibel.
Heute hören wir auf Worte aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes. Johannes hat hineinschauen dürfen in die Neue Welt Gottes, in den Himmel. Und er beschreibt, was er gesehen hat, was nach dem Tod sein wird, und wie Gott ist.

1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der erste Himmel und die erste Erde waren verschwunden und das Meer war nicht mehr da.
2 Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam. Sie war festlich geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam.
3 Und vom Thron her hörte ich eine starke Stimme rufen: »Dies ist die Wohnstätte Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.
4 Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei.«
5 Dann sagte der, der auf dem Thron saß: »Gebt Acht, jetzt mache ich alles neu!« Zu mir sagte er: »Schreib dieses Wort auf, denn es ist wahr und zuverlässig.«
6 Und er fuhr fort: »Es ist bereits in Erfüllung gegangen!
Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, dem gebe ich umsonst zu trinken. Ich gebe ihm Wasser aus der Quelle des Lebens.
7 Alle, die durchhalten und den Sieg erringen, werden dies als Anteil von mir erhalten: Ich werde ihr Gott sein und sie werden meine Söhne und Töchter sein.

Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr … Und Gott wird bei den Menschen wohnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das Alte ist vergangen.

Das sind starke Worte.
Das sind große Worte.
Das sprengt alles, was wir denken, vorstellen und ausmalen können.
Selbst der Seher Johannes kann nicht beschreiben, was er sieht, sondern nur, was nicht mehr sein wird.
Daran aber gibt es für ihn keinen Zweifel, das ist ihm eine trotzige Gewissheit.

Warum kann sich Johannes so gewiss sein?
Warum können wir uns sicher sein, dass das kein Wunschdenken ist, kein frommes Märchen, sondern die Beschreibung der Wirklichkeit, auf die wir zugehen, die uns versprochen ist, die uns als Hoffnung anvertraut ist?

Mir fallen zwei Gründe dafür ein:
Der erste: In der Mitte von dem, was Johannes sieht, steht Jesus Christus.
Jesus Christus, der gekreuzigt worden ist, gestorben ist, begraben worden ist – und aus dem Reich des Todes ausgebrochen ist.
Jesus Christus, der den Tod besiegt hat.

Seit Ostern wissen wir das.
Nicht: Wir wünschen uns das, oder wir vermuten, dass es so sein könnte – Nein: Wir wissen es.

Und jeder von uns, der Jesus Christus in seinem Leben erlebt hat, ihm begegnet ist, erlebt hat, wie er ihn ganz direkt angesprochen hat, der weiß es felsenfest:
Jesus ist der Sohn des lebendigen Gottes.

Und ich glaube, Johannes ist sich auch darum so sicher, dass das die Wahrheit ist, weil er – wie unzählige Menschen mit ihm – es immer wieder erlebt hat, quasi einen Vorgeschmack darauf bekommen hat:
Weil er es erlebt hat, wie Gott untröstliche Menschen getröstet hat.
Weil er es gespürt hat, wie Gott einfach da war, greifbar nahe.
Weil er es erlebt hat, wie Gott Frieden schenkt, der so ganz tief geht und der sich durch nichts erschüttern lässt.

Ich war eine Zeitlang Seelsorger in einer Krebsklinik. Und dort habe ich das auch einige Male erlebt: Wie ein todkranker Mensch, der aufs Sterben zugeht, im Glauben an Jesus Christus Halt findet, Frieden bekommt, einen Frieden, der ihn ganz ausfüllt, und den er dann auch ausstrahlt.
Unbeschreiblich.

Johannes beschreibt eine Welt ohne Tränen, ohne Leid, ohne Schmerz, ohne Tod.
Mich sprechen diese Bilder sehr an.
Ich spüre in mir eine große Sehnsucht: Ich möchte da einmal gerne sein.
In einer Welt, in der Gott, die Quelle des Lebens, Gott, die Liebe selber, mein Vater zum Greifen nahe ist.
In einer Welt, in der es keine Angst mehr gibt, keinen Tod, kein Leid, kein Geschrei.
Es soll aufhören, was mir Angst macht und mich bedroht.
Es soll aufhören dieses unendliche Meer von Trauer und Schrecken, von Unheil und Gewalt, das Meer von Tränen, die Menschen vergossen haben.
Es soll aufhören, dass Menschen sich ihre Seele aus dem Leib weinen, weil sie nicht begreifen können, dass der Partner, das Kind, die Eltern, der Freund nicht mehr da sind oder das eigene Leben von Krankheit gezeichnet sich dem Ende entgegen neigt.
Es soll aufhören das verzweifelte Fragen, wo Gott denn nun inmitten dieser Welt anzutreffen ist, in dieser Welt, die so schön ist und gleichzeitig so grausam.

Und Gott wird es beenden.
Er wird eine Welt schaffen, in der Böses, in der Gewalttätiges und in der die Mächte des Todes keinen Raum mehr haben, – weil er in dieser Welt die Mitte ist, weil er mitten unter Menschen Wohnung nimmt.

Ich gebe zu: Ich kann mir eine solche Welt gar nicht vorstellen.
Aber das ist vielleicht gut so.
Denn meine Vorstellungskraft, meine Phantasie ist viel zu begrenzt, als dass ich mit ihr eine Ewigkeit füllen könnte, ohne dass es ziemlich bald langweilig wird.
Obwohl ich mir diese neue Welt nicht so recht vorstellen kann, freue ich mich darauf, denn ich weiß: Jesus Christus wird mich dort erwarten. Und ich bin mir ganz sicher: Meine Oma auch.
Ich möchte gerne hinein in diese Welt.

Und wer kommt hinein in diese Welt?
Sind es die Vollkommenen, die Ehrbaren, die Angesehenen, die treu Bekennenden, die Makellosen, die Fehlerlosen, die Guten?
Dann habe ich keine Chance, eingelassen zu werden.

Jesus sagt zum Glück etwas anderes.
Er sagt: Die Durstigen.
Die Durstigen dürfen hineinkommen.
Die Durstigen bekommen lebendiges Wasser zu trinken.
Die Durstigen, die, die sich nach Gott sehnen.
Die Durstigen, die Heimweh haben nach ihm.

Selig sind, die arm sind vor Gott – denn ihnen gehört das Himmelreich, sagt Jesus.
Selig sind, die wahr sein lassen, wie sehr sie Gott brauchen – ihnen steht das Land weit offen, das Land, in dem Gott die Tränen abwischt und das Leid und der Tod keinen Zutritt haben.
Und der Friede Gottes, der größer ist als alles, was uns niederdrücken will, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen

– es gilt das gesprochene Wort –

drucken