Hoffnungslichter

Liebe Gemeinde,

wir haben in diesem Gottesdienst nicht nur namentlich an die Menschen erinnert, die im ablaufenden Kirchenjahr aus unseren Gemeinden, auf unseren Friedhöfen, unter Gottes Segen beerdigt worden sind, sie haben auch für diese Menschen solch eine Kerze angezündet.

Wir zünden diese Kerzen als Hoffnungszeichen an. Ich vertraue darauf, dass die Verstorbenen nicht in einer ewigen Finsternis abgetaucht sind, sondern dass sie eine Zukunft bei Gott haben.

In den letzten Jahren ist es auch bei uns hier in Norddeutschland üblicher geworden Kerzen auf den Gräbern aufzustellen. Sie werden diese roten Kerzen sicherlich auch schon gesehen haben. Als ich am letzten Donnerstag, vom Kindergaten Sternenschnuppe zum Kindergarten Pezzettino über den Friedhof ging, da sah ich einen jungen Mann mit solch einer Kerze in der Hand an einem Grab stehen. Er stellte die Kerze vor den Stein auf und kramte dann in seinen Taschen. Zunächst durchsuchte er die Taschen seines Parkers, er griff in all die vielen Taschen, die solch ein Parker hat, dann fuhren seine Hände in die Hosentaschen, doch es fand sich nichts in seinen Händen, als er all seine Taschen durchsucht hatte. Er machte auf mich, wie er jetzt so da stand, mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper und ein wenig hochgezogenen Schultern, einen etwas unglücklichen Eindruck. Ich nahm an, dass er nach Streichhölzern oder einem Feuerzeug gesucht hatte, und nun feststellen musste, dass er nichts dabei hatte, um die Kerzen anzuzünden. Zu unser beider Glück hatte ich Streichhölzer in der Tasche. Ich bot sie ihm an und er nahm sie, mit einem „Danke“ entgegen.

Ja, manchmal hat man Glück, dann bekommt man das, was man selbst vergessen hat, von jemand anderem. Doch so ist es ja nicht immer im Leben. Es gibt ja auch die ganz andren Geschichten, da hat derjenige, der etwas vergessen hat, einfach Pech. Solch eine Geschichte haben wir als Evangeliumslesung gehört. Da wird bei Matthäus davon berichtet, dass 10 Jungfrauen darauf warten, dass der Bräutigam kommt. Damit sie dann während des Marsches mit dem Bräutigam auch genügend Licht haben, nehmen sie jede eine Fackel mit. Diese Fackeln waren wohl so gebaut, dass man das Öl extra mitnahm und erst dann die Fackel damit befüllte, wenn sie angezündet werden sollte. Nun, fünf dieser Frauen hatten an das Öl gedacht, fünf hatten nicht daran gedacht, Öl mitzunehmen. Sie müssen lange auf den Bräutigam warten, doch dann, es ist bereits Mitternacht, kommt er endlich. Endlich war es so weit ist, die Fackeln sollten entzündet werden, denn mit dem Licht soll dem Bräutigam zum Hochzeitshaus geleuchtet werden. Doch die Hälfte von ihnen muss feststellen, dass sie gar kein Öl dabei haben. Einfach vergessen, kann ja mal passieren, nun, vielleicht geben die anderen ja etwas ab, von ihrem Öl. Doch mit dem Hinweis, dass das Öl nicht für alle reicht, wird Ihre Bitte, von den anderen etwas abzubekommen, entschieden zurückgewiesen. Stattdessen erhalten sie den Rat, sich Öl zu kaufen. Das machen sie dann auch, doch als sie ihre Fackeln einsatzbereit hatten, war der Festmarsch bereits vorüber. Der Bräutigam war mit den anderen fünf in den Festsaal eingezogen und die Tür war verschlossen. Verschämt klopfen die fünf anderen an die Tür und baten um Einlass. Die Tür öffnet sich einen Spalt, und der Herr des Hauses sagt zu ihnen: "Ehrlich gesagt, ich kenne euch nicht."

Liebe Gemeinde, so wie Matthäus das hier berichtet, so kenne ich das auch. Mehr als einmal habe ich das erlebt, dass für mich eine Tür verschlossen war. Ja und oft genug habe ich selbst Türen verschlossen. Wenn ich als Jugendlicher aus dem Raum gestoben bin, weil meine Eltern mich nicht verstehen wollten, ist die Tür für alle vernehmlich, laut zugeflogen. Und mancher Streit unter uns Geschwistern konnte nur dadurch unterbrochen werden, dass wir jeder auf unser Zimmer gehen mussten und die Türen zugemacht wurden. Wenn wir Beziehungen abbrechen, dann ist das auch wie das Zuschlagen einer Tür. Und nicht selten wird dann auch solch ein Satz gesagt wie: Im Ernst: Ich kenne dich nicht mehr. Freundschaften gehen so zu Ende und Liebesbeziehungen. Und auch wenn eine Beziehung nicht gleich an ihr Ende gekommen ist durch eine zugeschlagene Tür, so wirkt sich solch eine Tür, die verschlossen worden ist, trennend aus. Sie ist eine Behinderung, die Kraft raubt, wie eine Staumauer im Fluss. Und das Vertrackte ist, in manchen Beziehungen werden nach und nach immer mehr Türen zugeschlagen.

Viele von ihnen, die sie heute in diesen Gottesdienst gekommen sind, haben erleben müssen, dass eine Tür für immer verschlossen worden ist. Die Tür ist hinter dem geliebten Menschen zugefallen, an den wir in diesem Gottesdienst in besonderer Weise denken und andere, von denen wir im Laufe unseres Lebens Abschied haben nehmen müssen, fallen uns ein. Ja, ich kann das gut nachempfinden, was Matthäus hier berichtet. Doch ich kann nicht glauben, dass das, was ich in meinem Umgang mit meinen Mitmenschen erleben kann in gleicher Weise für den Umgang Gottes mit mir gilt. Ich glaube die Geschichte, die Matthäus erzählt hat, weiter und darum erzähle ich sie jetzt auch weiter.

"Im Ernst, ich kenne euch nicht," so sagte der Herr den fünf Frauen, die sich noch Öl kaufen gehen mussten. Und dann setzte er hinzu: "Was wollt ihr?" Die fünf Frauen konnten durch die ein wenig geöffnete Tür in den festlich erleuchteten Saal sehen. Nicht nur durch die Fackeln der fünf klugen Jungfrauen, sondern von kaum zu zählenden Fackeln wurde der Saal erleuchtet. Die fünf Frauen, die zu spät mit ihren Fackeln kamen, fassten all ihren Mut zusammen und antworteten: "Wir wollen mitfeiern." "Ihr seid zu spät? "Wozu sollen eure Fackeln noch nützen, der Weg ist beendet," hielt ihnen der Herr entgegen. "Ja, das wissen wir," antworten die Frauen, "der Weg ist vollendet, doch die Feier hat doch gerade erst begonnen. Lass uns herein und du wirst sehen, mit unseren Fackeln wird der Saal noch ein wenig heller erstrahlen." Daran hatte der Herr des Hauses noch gar nicht gedacht, doch nach einer kleinen Weile des Nachsinnens ließ er die Frauen ein. So strahlte das Fest noch ein etwas mehr Licht und Wärme aus.

Liebe Gemeinde, das glaube ich ganz gewiss, wir alle sind eingeladen zu dem großen Fest mit Gott. Klar weiß ich, dass dieser Text oft so verstanden und ausgelegt wurde, dass die fünf Gedankenlosen nicht mitfeiern dürfen, und das hätten sie ihrer Gedankenlosigkeit zu zuschreiben. Doch wenn ich an Gottes Richten denke, dann kann ich nicht anders als davon auszugehen, dass Gott uns aufrichten wird. Er bringt uns auf den richtigen Weg. Es ist der Weg, der mich zu Gott und zu meinen Mitmenschen führt. Diese Gewissheit macht mir Mut für mein alltägliches Leben. Ich will nicht nur erkennen, wo in den Beziehungen zu meinen Mitmenschen Türen zugeschlagen worden sind, ich möchte an diesen Türen anklopfen. Ich möchte das sehen, was mich von meinem Mitmenschen trennt und dann daran arbeiten, das Trennende zu überwinden, die Tür wieder zu öffnen.

Die von ihnen, die in diesem Gottesdienst den Namen eines lieben Menschen, eines Menschen hören mussten, mit dem sie das Leben geteilt haben, werden vielleicht jetzt denken, dass hört sich ja nett an, doch wie soll ich die Türen zu denen öffnen, die nicht mehr leben? Aus eigener Erfahrung sage ich, dass geht. Sehen sie auf das gemeinsam Erlebte zurück. Schauen sie ganz nüchtern und wach auf das Leben zurück, an dem sie Anteil gehabt haben. Nehmen sie wahr, was an der Beziehung gelungen war und was nicht gut war.

Es geht nicht darum das Gelungene gegen anderes aufzurechnen. Es geht darum sowohl das eine, als auch das andere als Teil des gemeinsamen Lebens wahrzunehmen. An dem, was freudig war, sich zu erfreuen und sich an dem, was ihnen unverständlich war und bleiben wird, nicht ständig aufs Neue zu reiben. Was ich auch erinnere, das Schöne und das Schwere, das ich mit dem erlebt habe, der nicht mehr da ist, hat mein Leben geprägt und mich mit zu dem geformt, der ich heute bin. So kann ich meinen Frieden finden auch mit denen, die ihr Leben nicht mehr mit dem meinen teilen. So wird die Kerze, die ich anzünde zum Hoffnungslicht für Frieden. Für den Frieden, die ich betrauere und für den Frieden mit denen ich das Leben teile. Für den Frieden in mir. So wird solch eine Kerze zu einem Hoffnungslicht für einen Frieden, der höher ist, als alle menschliche Vernunft.

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