Die Macht des Gerichtes, die Macht der Angst und die Macht der Gedanken

Seit seiner Einführung hat sich der Volkstrauertag sehr gewandelt.
1926 wurde er eingeführt als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten der ersten Weltkrieges.
In der Hitlerzeit wurde er staatlicher Feiertag und wurde zum Heldengedenktag.
Nach dem zweiten Weltkrieg hatte man die Nase voll von Helden und der Tag wurde zum Gedenktag für die Toten zweier Kriege an der Front und in der Heimat.
Und im Lauf der Zeit wurde er immer mehr zum Gedenktag aller Opfer von Gewalt in allen Nationen.
Und heute ist er wohl vor allem ein Tag des Mitfühlens mit Frankreich, mit den Opfern der Terroranschläge vom Freitag.

Für die Menschen, die selber noch den Krieg erlebt haben, war dieser Tag schon immer etwas, was ihnen sehr nahe ging.
Für jüngere Menschen, so wie mich, war dieser Tag etwas, was uns fern lag. Krieg kannten wir nur aus Erzählungen, und aus der Entfernung.
Heute ist uns der Krieg nahegekommen.
Soldaten aus unserem Land sind weltweit im Einsatz – nicht um Krieg zu führen, sondern um Krieg zu bekämpfen. Doch auch dabei wird geschossen und gestorben.
Menschen aus Kriegsgebieten haben Angst um ihr nacktes Leben und verlassen voller Verzweiflung ihre Heimat und kommen in großer Zahl bei uns an. Weil bei uns Friede herrscht.
Und wie uns die Ereignisse in Paris so schockierend zeigen: Krieg und Tod und Schrecken können auch jederzeit zu uns kommen.
Dieser Gedenktag ist uns nahe gekommen.

Wir haben vorhin im Evangelium gehört, was Jesus über das Weltgericht gesagt hat. Die Ordnung unserer Kirche sieht vor, dass wir heute über diese Worte näher nachdenken sollen.
Mir sind dazu drei Gedanken wichtig geworden:
Die Macht des Gerichtes
Die Macht der Angst und
Die Macht der Gedanken.

Ich fange mit dem Ersten an: Die Macht des Gerichtes.

Schon im Judentum gehörte es zum Kern des Glaubens: Eines Tages wird der Tag des Herrn kommen, der Tag, an dem Gott für Gerechtigkeit sorgen wird.
Und ebenso war es von Anfang an einer der Kernüberzeugungen der Christen: eines Tages wird Jesus wiederkommen, um zu richten.

Vor einigen Jahren habe ich in einer Predigt auch über dieses Gericht Gottes gesprochen. Nach dem Gottesdienst hat mich dann jemand angesprochen und gesagt: Gericht Gottes – wie komme ich denn auf so unsinnige Gedanken, wer glaubt denn so einen Quatsch? Ich habe dann geantwortet: Wir alle. Jedenfalls sprechen wir in jedem Gottesdienst den Satz: Er – Jesus – wird wiederkommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Ach ja, kam dann zur Antwort. Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht.

Darum möchte ich euch alle bitten, jetzt darüber nachzudenken.
Jesus wird wiederkommen, um über alle Völker zu richten.
Auch über dich und über mich.
Glaubst du das?
Rechnest du damit?
Und was hat das für Folgen für Dein Leben?

Wobei es eigentlich egal ist, ob wir an dieses Gericht glauben oder nicht.
Das ist genauso, wie wenn jemand sagt: Ich glaube nicht, dass es Lohnsteuer gibt. Das interessiert das Finanzamt einen Dreck, ob einer das glaubt oder nicht, sondern es kassiert die Steuer.

Für das Volk der Juden und für die gesamte Christenheit war diese Gewissheit vor allem ein großer Trost.
Es wird einmal Gerechtigkeit geben.
Es gibt so viel Unrecht in dieser Welt, so viel Gemeinheiten, so viele Grausamkeiten, so viele Schweinerein, die passieren – nein: Die gemacht werden.
Und vieles davon, wahrscheinlich das meiste davon, wird nicht geahndet, wird nicht bestraft – nein: Es lohnt sich sogar oft für die, die es tun.
Darum haben wir uns auch angewöhnt, bei vielem nur die Achseln zu zucken, uns zu schütteln und weiterzumachen und versuchen, es totzuschweigen, es zu vergessen.

Gott wird über nichts die Achseln zucken. Er wird nicht wegschauen. Er wird es nicht einfach der Vergessenheit überlassen.
Jedes Unrecht in dieser Welt wird gerichtet.
Egal wie groß oder klein, egal wie öffentlich oder heimlich.
Das ist ein großer Trost.
Alles Unrecht wird gerichtet.
Es wird einmal Gerechtigkeit geben.
Gott wird richten – er wird alles zurecht bringen.
Und er wird jeden Menschen zur Rechenschaft ziehen.

Bei uns ist es ja oft so, dass manche Menschen mehr Macht haben, mehr Einfluss und bessere Beziehungen, so dass sie sich dem Gericht entziehen können.
Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen, so heißt es darum.
Vor Gott kann niemand davonlaufen.
Niemand kann sich seinem Urteil entziehen.
Auch nicht die Attentäter von Paris, die sich selber in die Luft gesprengt haben.
Auch nicht die ISIS-Mörder, die gerne vor laufender Kamera Menschen den Kopf abschneiden, sie von hohen Häusern werfen oder bei lebendigem Leib verbrennen.
Auch nicht der Pilot, der nicht mehr leben wollte, und der für sich beschloss, dass 149 andere Menschen auch nicht mehr leben sollen.
Und auch wir nicht. Keiner von uns kann sich dem Urteil Gottes entziehen.

Auf der einen Seite ist das ein großer Trost.
Es wird einmal Gerechtigkeit geben.
Auf der anderen Seite kann das aber auch Angst machen.
Wie werde ich da abschneiden?
Wie werde ich dastehen, wenn Gott sein Urteil spricht?

Jesus sagt ganz klar:
Sein Maßstab sind nicht unsere guten Vorsätze, unsere Ideale, unsre Absichten, sondern ganz banal, das, was wir getan haben – oder eben nicht getan haben.

Und dabei zeigt Jesus Augenmaß und Realismus:
Es geht nicht darum, die Welt zu retten. Es geht nicht darum, Krankheit zu heilen und Gefängnisse zu sprengen. Es geht um Kleinigkeiten, um Dinge, die im Bereich des Möglichen liegen:
Einem Hungrigen zu essen zu geben.
Einen Kranken besuchen.
Einem Menschen in Not zu helfen.
Einen Asylanten besuchen und Zeit für ihn haben.

Das Problem dabei für uns ist nicht, dass wir zu kleine Dinge tun und Jesus größeres von uns erwartet, nein, das Problem für uns ist oft:
Wir tun nichts.
Nichts Böses, aber auch nichts Gutes.

Dazu folgende Geschichte:
Eines Tages war es soweit: die Hölle war einfach total überfüllt – und noch immer stand eine lange Schlange am Eingang. Schließlich kam der Satan heraus, um die Höllenkandidaten wegzuschicken. "Hier ist alles so voll, daß nur noch ein einziger Platz frei ist!" Der Teufel überlegte kurz, Dann erklärte er: "Diesen Platz muß der schlimmste Sünder bekommen. Sind vielleicht ein paar Mörder da?"
Er fragte einen Bewerber nach dem anderen aus und hörte sich deren Verfehlungen an. Die Bösewichter erzählten viel Schlimmes, doch es war nicht schrecklich genug, um dafür den letzten freien Platz in der Hölle zu „opfern".
Immer wieder schaute sich der Satan die Leute in der Schlange genau an. Schließlich entdeckte er jemanden, den er noch nicht gefragt hatte. Der Herr stand allein und schien sich abkapseln zu wollen, "Was ist eigentlich mit Ihnen? Was haben Sie getan?"
"Nichts!", erklärte der Mann überrascht. "Ich bin ein guter Mensch und nur aus Versehen hier. Ich dachte, die Leute würden sich hier um Freibier bewerben." -"Aber Sie müssen doch etwas getan haben!", entgegnete der Teufel. "Jeder Mensch stellt etwas an!"
Doch der „gute Mann" blieb dabei: „Ich habe mir das Treiben der Menschen angeschaut, doch ich hielt mich davon. Ich sah, wie Unterdrückte verfolgt wurden, aber ich beteiligte mich nicht an solchen Schandtaten. Kinder wurden in die Sklaverei verkauft, Arme und Schwache wurden ausgebeutet. Überall um mich herum geschahen Übeltaten aller Art, Ich allein widerstand der Versuchung – ich tat nichts."
"Absolut nichts?", fragte der Satan erstaunt: "Sind Sie völlig sicher, dass Sie das alles mitangesehen haben – "Ja, vor meiner eigenen Haustür", bekräftigte der ‚gute Mensch‘ – Verblüfft wiederholte der Teufel: "Und Sie haben nichts getan?" – "Nein! – "Komm herein, mein Sohn, der freie Platz gehört Dir!"

Es gibt Menschen, die verstehen dieses Evangelium vom Weltgericht so:
Siehst du, es kommt doch nicht auf den Glauben an, sondern allein auf das, was wir tun oder nicht tun.

Sie verstehen diese Worte von Jesus aber falsch, denn wer so auslegt, macht den großen Fehler, eine Bibelstelle isoliert zu betrachten, herausgelöst als Einzelstück, ohne das große Ganze zu bedenken.
Und das große Ganze ist: Das alles entscheidende ist deine Gottesbeziehung. Lebst du in Gemeinschaft mit Gott oder nicht.
Ist Jesus dein Freund oder ist er ein Fremder.
Denn das hat Auswirkungen auf dein Leben.

Wer mit Jesus befreundet ist, der wird in jedem Menschen Jesus erkennen, und kann darum nicht achtlos an seiner Not vorübergehen.
Und wem Jesus egal ist, dem werden auch die Menschen egal sein und er wird sich stattdessen denken: Was geht es mich an?

Das Evangelium richtet NICHT gegen Menschen, die versuchen Gutes zu tun und dabei merken: Ich könnte immer noch mehr machen, viel mehr, und die darüber verzweifeln und zweifeln, ob sie überhaupt noch Christen sind.

Sondern das Evangelium richtet sich gegen die Menschen, die aus Berechnung, ganz gezielt etwas Gutes tun würden, wenn es ihnen selber von Nutzen sein wird.
Es richtet sich gegen Menschen, die unterscheiden zwischen Menschen, die Hilfe verdient haben und Menschen, die es nicht wert sind, dass wir ihnen helfen.

Und diese Unterschiede kommen von dem, was wir glauben.
Denn Glaube hat ganz praktische Auswirkungen auf das alltägliche Leben.

Aber weil wir fehlbare, schwache, bequeme, ängstliche und versuchbare Menschen sind, werden wir mit unserem Leben immer weit hinter dem zurückbleiben, was sich Jesus von uns wünscht.
Aber dran zerbricht unsere Freundschaft mit ihm nicht.
Und wir weit hinter dem zurückbleiben, was Jesus von uns wünscht und was möglich wäre, das ist traurig, und sollte jeden Christen anspornen, es heute noch besser zu machen.
Aber es darf uns nicht Angst machen, denn Angst ist lähmend.

Und damit bin ich bei dem zweitem Punkt: Die Macht der Angst.
Wie viele andere habe ich am Freitag auch das Fußballländerspiel angeschaut. Und ich habe gesehen, wie Mehmet Scholl wie erstarrt war und mit den Tränen gekämpft hat.
Und ich habe gesehen, wie Menschen kopflos herumliefen, voller Panik – oder wie gelähmt herumstanden.
Das ist die Macht der Angst.
Terroristen wollen Angst machen.
Das Wort Terror kommt aus dem Lateinischen und heißt: Schrecken.
Der Terror (lat. terror „Schrecken“) ist die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen. (Wikipedia)

Das, was uns Angst macht, hat Macht über uns.
Wer mir Angst einjagen kann, der hat Macht über mich.
Wer die Macht hat, mich in Angst zu versetzen, kann mich auch dazu bringen zu tun, was er von mir verlangt.
Menschen Furcht einzuflößen und sie in Angst zu halten, bedeutet Machtausübung.
Angst ist eine der wirksamsten Waffen, um Menschen zu beherrschen.
Solange man Menschen in Angst hält, kann man sie dazu bringen, wie Sklaven zu handeln, zu sprechen, ja zu denken.

Jesus möchte nicht, dass wir Angst haben.
Jesus möchte uns frei machen von aller Angst.
Und es sagt uns, und er sagt jedem einzelnen von uns:
In der Welt habt ihr Angst, aber lasst euch nicht entmutigen: Ich habe die Welt besiegt. (Joh 16,33)

Ich habe die Welt besiegt.
Ich habe alles besiegt, was euch Angst machen kann.
Die größte Angst macht uns Menschen der Tod, darum reden wir auch von der Todesangst, wenn wir eine besonders große Angst meinen.
Jesus hat auch den Tod besiegt.
Jesus hat alles besiegt, was uns Angst machen kann.
Und darum ruft er uns herauszukommen aus dem Haus der Angst und hineinzugehen in die Freiheit der Kinder Gottes.
Die frei sind von allem, was uns Angst machen will.

Und damit bin ich bei meinem dritten Punkt: Der Macht der Gedanken.
Es gibt nichts, was so mächtig ist, wie Gedanken.
Die Männer, die am Freitag in Paris Furcht und Schrecken verbreitet haben, wurden dabei von Gedanken geleitet.
Sie wurden von dem Gedanken geleitet, dass sie etwas Gutes tun.
Menschen tun nie etwas Böses, Gemeines oder Grausames um seiner selbst willen, sondern immer, um damit einen Vorteil zu gewinnen, um etwas Gutes zu erreichen.
Und darum bin ich mir sicher: Diese Mörder waren von dem Gedanken erfüllt, dass sie etwas Gutes tun.
Etwas Gutes für die ganze Welt, etwas Gutes für den Islam und auch etwas Gutes für sich selber.
Und diese Gedanken, dieses Gute schien ihnen so kostbar und wertvoll und erstrebenswert, dass sie bereit waren, dafür zu morden und dafür sogar ihr eigenes Leben herzugeben.
So mächtig sind Gedanken.

Aber es gibt unterschiedliche Gedanken.
Es gibt richtige und wahre Gedanken und es gibt Gedanken, die verworren sind, die in die Irre führen, die falsch sind und verlogen.
Es gibt Gedanken, die heilsam sind und es gibt Gedanken, die Unheil bringen.

Darum müssen wir um die Gedanken kämpfen.
Darum müssen wir uns auch mit den Gedanken anderer auseinandersetzen und um die Wahrheit ringen.
Und darum haben Diktatoren und Tyrannen Angst vor Menschen, die nachdenken und versuchen Gedanken, die ihnen nicht passen, zu unterdrücken.

Gedanken können nie durch Verbote oder durch Gewalt überwunden werden, sondern nur durch andere Gedanken.
Aber auch das geht nur begrenzt.

Im letzten können falsche Gedanken nur durch die Liebe überwunden werden.

Das ist, was Jesus versucht zu erreichen.

Er will uns befreien von der Macht der Angst, indem er uns andere Gedanken gibt.
Gedanken des Friedens und des Heils.
Gedanken des Trostes und der Befreiung.
Und Gedanken der Liebe.

Und er will Gedanken der Lüge und des Unheils überwinden.
Durch seine Liebe.
Er hat uns und allen Menschen seine Liebe gezeigt.
Indem auch er sein Leben hingegeben hat.
Aber nicht, um andere Menschen in den Tod zu reißen, sondern um Leben für sie zu gewinnen.
Ewiges Leben.

Das ist die große Einladung, die Jesus macht.
Komm aus dem Haus der Angst in das Haus meines Vaters, dem Haus der Freiheit, in dem alle Angst überwunden ist.
Dem Haus des Lebens, in dem der Tod keinen Platz hat.
Dem Haus der Gerechtigkeit, in dem das Unrecht zurechtgebracht worden ist.
Dem Haus der Liebe, in dem der Hass und die Gleichgültigkeit nicht sein können.
Er lädt uns ein – und wir entscheiden uns – und du entscheidest dich.

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