Trauer, Trost und Hoffnung

So viele Schreie, stumme und laute, hinausgepresst, stecken geblieben, ungehört verhallt in der Weite der Schlacht- und Todesfelder und einem verfinsterten unfreundlichen Himmel.
So viele unerwiderte hilflose Blicke aus den jungen und im Sterben gebrochenen Augen. Sie sind irrend umhergeschweift, sie waren eben noch voller Sehnsucht nach Erwiderung, Zuwendung, Wärme und, Leben schauten dann aber nur noch Entsetzen, Gewalt und Tod, ehe die Dunkelheit und die Stille kamen.
So viele ungetrockenten Tränen von Menschen, die doch nur leben wollten und leiden und sterben mussten – junge und ältere Soldaten auf den Schlachtfeldern Europas vor hundert Jahren, Juden und Christen, Sozialdemokraten und Kommunisten, homosexuelle Menschen ebenso wie Widerstandskämpfer vor fünfundsiebzig Jahren, in den Konzentrationslagern eingesperrt, gequält gemordet, weil sie anders dachten, lebten oder glaubten, in den Internierungslagern , weil man sie für die Gräuel des Krieges so manches Mal auch mit recht verantwortlich machte oder weil sie unbequem blieben.
So untröstliche Mütter, Ehefrauen und Kinder, die immer auf Heimkehr hofften, und kaum Zeit zum Weinen im Kampf ums tägliche Überleben fanden.
So viel Gewalt gegen Andersdenkende und Hass in den Gesichtern in den Bürgerkriegen der Gegenwart in arabischen Staaten, in Afrika, aber immer noch auch auf dem Balkan oder in Teilen der Ukraine; Terror, der sich auf Gott beruft, und seine Geschöpfe quält und Unschuldige mordet; aber auch auf unseren Straßen und Plätzen Gewalt, Hass und Ablehnung.
Tote auf dem Mittelmeer, die Sicherheit, Frieden, ja auch Wohlstand gesucht haben, die für uns doch selbstverständlich sind.
Wir halten die Erinnerung lebendig, weil dem ein Ende gesetzt werden muss, weil dies nicht das letzte Wort über allem und über allen, Opfern oder Tätern, gewesen sein darf.
Wir erinnern, damit sich diese Tragödien nicht länger wiederholen.
Wir trauern, weil jeder Tod das gewaltsame Ende einer Lebensgeschichte ist oder war, die doch ganz anders gedacht und von Gott gemeint war, dessen Leidenschaft für das Leben ihn am Ende mitten in das Leiden im Leben hineingeführt hat. Das Kreuz ist aufgerichtet.
Wir trauern – sicher anders als ich damals, als zehnjähriger am Sonntag morgen, als man mir versuchte zu erklären, dass die Mutter nicht mehr lebt, oder die Eltern des kleinen Elias, die nun die Gewissheit haben, dass ihr Sohn Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist.
Oder die Tochter am Grab ihres altgewordenen Vaters, der ihr so viel Liebe als Kapital in das Leben mitgegeben hat.
Wir trauern um all das, was hätte sein können, aber nicht sein durfte, auch wenn wir die Menschen nur aus Bildern, Erzählungen oder der Erinnerung unserer Eltern oder Großeltern kennen – und voller Scham, weil wir die Verantwortung für die Erinnerung und die Gegenwart spüren.
Aber die Frage bohrt unablässig in mir, ob die Schreie wirklich unerhört verhallen, die Tränen ungetrocknet bleiben oder die Hände hilflos immer nur ins Leere greifen und nie auch nur einen Strohhalm der Hoffnung zu Fassen bekommen
Da werden wir mit dem Gleichnis Jesu Augenzeugen eines großen Tribunals. Der Richter hat seinen Platz eingenommen. Und alle Völker werden vor ihm versammelt. Kein vergessener Winkel dieser so klein gewordenen Welt, kein vergessener Völkermord, kein totgeschwiegener Bürgerkrieg, kein Volk, das ein anderes ausgrenzen, ausschließen, unterdrücken kann, kein wegen seiner Meinung, seines Glaubens, seiner Herkunft oder seiner sexuellen Orientierung Verfolgter wird vergessen oder ausgelassen, wenn das Recht und die Gerechtigkeit sich durchsetzen. Alle und alles stehen sichtbar vor dem Richterstuhl und auf dem Prüfstand, vor der großen Öffentlichkeit der letzten Gerechtigkeit, des einen gerechten Weltenrichters. Gott sei Dank; kein Unrecht ist vergessen, es wird keinen späten Triumph der Täter über die Opfer geben , sondern letzte Gerechtigkeit.
Zuallererst war ist und der Gerichtsgedanke immer Trost und Hoffnung, ein großer Traum der Opfer und um der Opfer willen, das ihr Leid nicht vergessen wird.
Trost, dass nicht das Unrecht, die Gewalt, der Hass triumphieren, sondern Gerechtigkeit, ohne die Frieden und auch Versöhnung am Ende nur schwer möglich sein können, wenn sie denn tragen sollen und Brücken in die Zukunft einer Welt Gottes.
Der Gerichtsgedanke soll aber aber auch vor falscher Sicherheit bewahren und uns nötigen, in den Spiegel zu schauen und die sichtbare Wahrheit auszuhalten. Schuld kann ich verdrängen, verleugnen, ignorieren, ich kann sie abstreiten, ich kann meinen, sie verbal widerlegen zu können, Geschichte auch umdeuten oder ausblenden, sie wird ihre Macht über mich aber nicht verlieren, solange ich mich ihr nicht gestellt habe oder ich in die Verantwortung gestellt wurde.
Sich der Schuld und dem Versagen der Väter und Mütter zu stellen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern im Gegenteil ein ausgewiesenes Zeichen von Stärke und Wachsamkeit und Aufmerksamkeit/Präsenz angesichts der Herausforderungen der Gegenwart.
Wir begegnen im Gleichnis namenlosen Schicksalen. Aber sie sind zugleich bekannt aus der Vergangenheit, deshalb erinnern wir heute besonders an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft und versuchen ihre Gräber nicht dem Vergessen preis zu geben. Sie sind aber auch aus der Gegenwart bekannt. Da hungern Menschen nicht nur nach Leben, sondern viel früher nach dem Stück Brot in der Hand, das heute überleben lässt. Beseitigung von extremer Armut und von Hunger ist das erste Milleniumsziel der UN und nur langsam schwindet extreme Armut, extremer Hunger, Gründe, die als Fluchtursachen in der globalen Welt und damit in der Lebesgseschichte der Flüchtlinge, die auch bei uns Zuflucht suchen, eine immer größere Rolle spielen werden, denn unser Wohlstand ist nicht unabhängig von ihrer Armut. Die Fremden sind so nicht mehr die Fernen, Unerreichbaren, deren Bilder ich abschalten kann, wenn sie mir ins Wohnzmmer geliefert werden. Sie stehen vor unseren Türen und sie klopfen an. Sie überqueren die offenen Grenzen, deren Öffnung für uns wir eben noch gefeiert haben, weil es uns Freiheit brachte, eine Freiheit, die ich keinem vorenthalten darf. Sie brauchen Wohnungen, denn der Winter kommt, und unsere Häuser stehen mitunter leer, oder wir haben uns daran gewöhnt auch Platz im Überfluss zu haben. Wer zurückgeführt werden soll, aber sich nicht zurückführen lassen will, kann in Gewahrsam genommen werden und landet im Abschiebegefängnis, obwohl sein Wunsch nach Zuflucht die einzige Schuld ist, die er oder sei tragen. Armut und Reichtum entscheiden auch bei uns über Gesundheit und Lebenserwartung, aber erst recht über Lebesnqualität. Sage also keiner, es beträfe uns doch nicht, wovon Jesus schon damals erzählte. Es sind die Geschichten der Opfer in zwei großen Weltkriegen und der Nachkriegsgenerationen, die Schicksale der Ofper von Gewaltherschaften in Europa, die auch das zwanzigse Jahrhundert prägten, es sind die Geschichten der Opfer von Ungerechtigkeit, Unfreiheit und Krieg bis in unsere Tage, Bürgerkriege in Ländern, die nicht zur Ruhe kommen, wie Syrien, dem Irak oder Afghanistan, die dort auch Soldaten der Bundeswehr töten, die für Sicherheit sorgen sollen und wollen und dabei umkommen oder umgekommen sind, vor deren Leid wir unsere Augen nicht verschließen können.
Manche fragen, wo denn inmitten dieser Wirklichkeit Gott zu suchen und zu finden sein soll oder zu finden sein kann.
Und Jesus antwortet im Gleichnis, ihr seht mich doch, ihr trefft mich doch, ihr begegnet mir in jedem Nächsten und ihr könnt jedem – und damit immer wieder mir – zu Nächsten werden wie in einem anderen Gleichnis Jesu der barmherzige Samariter dem ein Nächster wurde, der unter die Räuber gefallen war, obwohl es ihn vielleicht nichts hätte angehen müssen. Gottesdienst ist Christusdienst – ist Nächstendienst und Nächstenliebe – und bewährt sich nicht nur an Nahestehenden, die uns schon am Herzen liegen, sondern an denen, die uns mit ihrer Näher bedrängen, obwohl wir sie für Fremde und Ferne halten.
Brüder sind es, Schwestern, sagt Jesus, jeder einzelne, ich bin es, in jedem Leben und in jedem Schicksal.
Wenn aber Menschensohn kommen wird, so die biblische Botschaft, dann wird Rechenschaft gelegt, geschaut, gefragt, beschieden, geschieden…, noch sind wir aber nicht am Ende, im besten Sinne des Wortes. Wir hören von der Hoffnung auf Gerechtigkeit. Und können aus der Trauer heraus zu mutigem Handeln kommen und zu einem klaren Bekenntnis zu Menschenfreundlichkeit, Frieden und Gerechtigkeit in der einen Welt, die für uns die Welt Gottes für alle Menschen ohne Unterschied ist. Wir können Anwälte der Hoffnung und Überbringer des Trostes, Botschafter des Friedens und der Versöhnung werden – in unserem Land, in Europa, in der einen Welt, in der nicht mehr zwischen erster, zweiter oder dritter Welt unterschieden wird.
Gottes Leidenschaft für das Leben will nicht den Untergang und den Tod, sondern will anstecken und begeistern für das Leben unter nahen und fernen Schwestern und Brüdern und Gottes Platz, dann womöglich nicht mehr der Stuhl des Richters, sondern des Vaters und der Mutter, die ihre Kinder um sich sammeln, ist mittendrin. Was für ein Bild der Hoffnung, auf die ich mich gerne einlasse und die uns alle verbinden möge.

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