Die Rettung für jeden von uns

Liebe Gemeinde,

er hat Hasen gemalt, Blumen und betende Hände – wahrscheinlich wissen Sie schon, von wem ich spreche: Albrecht Dürer. 1471 in Nürnberg geboren, am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Bekannt geworden ist er vor allem, durch den Realismus in seinen Bildern. Er hat sich Mühe gegeben möglichst naturgetreu zu malen – es gibt Bilder von ihm, die erinnern eher an eine Fotografie als an eine Malerei. Haben andere Maler vor ihm versucht, zu kaschieren und zu verstecken, was nicht ideal schien, so war es Dürer wichtig, möglichst jedes Detail festzuhalten. Bis heute sind seine Tier und Pflanzenstudien deshalb für Biologen noch interessant, weil man bei seinem Rasenstück jedes einzelne Hälmchen zuordnen kann und so bis heute die Artentwicklung nachzeichnen kann.

Machen wir einen Sprung zu einem anderen Künstler, den sie auch alle kennen. Er hat Statuen geschaffen mit einem Baguette auf dem Kopf, Museen mit riesigen Eiern auf dem Dach. Auf seinen Gemälden sind Elefanten mit spinnenartigen langen Beinen und Traumlandschaften zu sehen. Und wenn ich Ihnen jetzt noch sage, dass er zerfließende Uhren gemalt hat, dann wissen Sie alle, dass ich von Salvador Dali spreche. Einer der Hauptvertreter des Surrealismus.

Niemand von uns kennt Dali oder Dürer persönlich – und doch können wir uns ein Bild machen von ihrer Persönlichkeit. Wir sehen wofür sie sich interessiert haben, wir ahnen etwas davon, was ihnen wichtig war nicht nur für ihre Werke, sondern für ihre ganze Persönlichkeit. Wir können an ihrer Schöpfung ein Stück Schöpfer erkennen. Es ist nicht vorstellbar, dass Dürer ein schlampiger, oberflächlicher Mensch war. Jedes noch so kleine Detail war ihm wichtig und akribisch ist wohl noch untertrieben. Dali dagegen war ein großartiges Talent, aber sicher auch etwas verrückt – exzentrisch nennt man das bei Künstlern. Er konnte fotorealistisch malen, aber ihm war wichtiger, was hinter der Wirklichkeit stecken könnte – was der Mensch sehen könnte – der eigene Anteil, der Blickwinkel des Betrachters, der die Wirklichkeit erst schafft.

Wir können, weil wir die Werke sehen, ein Stück weit auch ahnen, was für ein Künstler dahintersteckt. Was das für ein Mensch war, der hier am Werk war. Noch ein Beispiel: Es ist nicht vorstellbar, dass Lucas Cranach oder Rembrandt unreligiöse Menschen waren. Viel zu viele Glaubensthemen und biblische Darstellungen finden wir in ihren Werken. Und wir haben Weggefährten die diese Künstler gekannt haben und die uns berichten, dass wir mit unseren Beobachtungen richtig liegen. Der akribische Dürer war auch ein fleißiger Arbeiter. Er hat Bücher geschrieben über Geometrie, Befestigungskunst und über menschliche Proportionen. Er ist weit gereist um sich selbst fortzubilden und er hat viel gearbeitet um immer besser zu werden. Allein 900 Handzeichnungen und über 350 Holzschnitte sind bis heute erhalten. Umso mehr wir von seinem Werk anschauen, umso besser verstehen wir den Menschen Dürer, der das alles geschaffen hat.

Genauso, sagt die Bibel, ist es mit Gott. Wir können ihn selbst nicht sehen – genauso wenig wie wir Dürer oder Dali sehen können. Aber seine Werke sind da. Seine Schöpfung. Jeder Grashalm, jedes Atom, jedes Haar auf unserem Kopf erzählt davon, wie Gott sein muss. Und umso besser wir hinschauen, umso mehr wir uns damit beschäftigen, umso mehr können wir etwas von dem wissen, der das gemacht hat – und ich ergänze, der auch uns gemacht hat. Auch das Studium der Menschen erzählt uns etwas von Gott. Auch meine Selbsterforschung bringt mich meinem Schöpfer ein Stück näher. Nun ist es aber so, dass das Kunstwerk Gottes, seine Schöpfung, so groß und so großartig sind, dass niemand von uns sein Werk komplett erfassen, noch nicht einmal überblicken kann. Und oberflächlich betrachtet scheinen sogar verschiedene, widerstrebende Kräfte am Werk zu sein. Werden und Vergehen, Leben und Tod, Liebe und Hass, das alles hat Platz in seinem Werk.

Wie also können wir angemessen von Gott reden. Ist Gott eine gespaltene Persönlichkeit, eine getriebene Persönlichkeit – in sich zerrissen, ein bisschen wie Dali, der mit der Wirklichkeit, wie sie ist, nie zufrieden ist, sondern die Veränderung, das Werden darstellt. Oder ist er wie Dürer, akribisch auf das Kleinste achtend – festhalten des kleinsten Grashalms, der doch heute blüht und morgen ins Feuer geworfen wird – festhalten dieses Grashalms auf einem Gemälde für die Ewigkeit.

Wie ist Gott? Ist er der liebe Gott, der sich rührend sorgt wie eine Mutter um ihr Kind? Oder ist er der eifersüchtige streitbare Herr, der die Naturgesetze geschaffen hat. Unveränderbar, für alle gleich. Oder ist er vielleicht beides zusammen? Wie können wir herausfinden, was im Einzelnen sein Wille ist auch für unser Leben. Es ist ein Baustein – ein Ausschnitt seines Werkes, der uns heute im Predigttext begegnet und der genau diese Frage behandelt. Wie können wir vom Werk angemessen auf den Künstler zurückschließen? Wie ist Gott? Wer ist Gott? Und: Kann man ihm auch heute noch begegnen?

Der Evangelist Matthäus versucht es, indem er vom Ende her auf die Welt schaut. Wie ein Besucher im Museum, vor einem riesigen Bild, geht er ein paar Schritte zurück, um möglichst viel gleichzeitig zu sehen – und dann geht er wieder nah ran um Details ausmachen zu können. Folgen wir ihm ein Stück auf dieser Bewegung. Schauen wir einmal vom Ende her auf unsere Welt:

[TEXT]

Ein großartiges Gemälde unserer Welt, das Matthäus hier entwirft. Und ein Bild, das mit den Widersprüchen in der Welt versucht klarzukommen. Es sind die alten Fragen, die hier angesprochen werden: Warum gibt es Hell und Dunkel – Liebe und Hass – Leben und Tod? Ist das Böse eigentlich auch Gottes Wille. Kann er nichts dagegen tun – oder will er nichts dagegen tun? Warum triumphiert so oft der Gewalttätige, warum scheint der Gute der Dumme zu sein in unserer Welt. Von hinten her versucht es Matthäus aufzulösen. Es sieht nur so aus, als ob das Böse triumphieren könnte. Gemacht sozusagen als Herausforderung für unseren Glauben. Wie Paulus es später geschrieben hat: Ohne Anfechtung keine Bewährung, ohne Bewährung kein Glaube. Der Zweifel, der Hass, die Ungerechtigkeit erscheint hier wie der Hintergrund, vor dem wir umso heller leuchten können, selbst mit einem kleinen Licht. Der Kirchenvater Origenes war der erste, der es theologisch auf den Punkt gebracht hat, dass unsere Welt so etwas wie ein Bewährungsort für uns Menschen sein könnte. Ein Motiv, das sich bis in die Star Wars Filme durchzieht – die helle Seite und die dunkle Seite – beide haben eine gewisse Faszination – wofür werden wir uns entscheiden?

So lange wir mitten drin stecken, ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Natürlich müssen wir auch an uns denken – und wenn wir uns nicht um uns sorgen, macht es womöglich niemand. Warum soll ausgerechnet ich abgeben von dem, was ich mir hart erarbeitet oder erkämpft habe. Und im Kreisen um die Sorge für uns selbst, merken wir gar nicht, wie das Herz hart wird, wie wir immer neu Grenzen ziehen und schließlich die Sorgen und der Zweifel unser Leben bestimmen.

Der Sünder, das ist schon in der mittelalterlichen Sündenlehre der Mensch, der sich nur noch um sich selbst sorgen kann. Und wichtig ist hier das Wort „kann“. Das ist die Tragik des besorgten Menschen. Dass er irgendwann gar nicht mehr anders kann. Seine Rettung würde darin bestehen, dass er sein Herz weit macht, für andere Menschen – aber genau das kann er nicht mehr.

Er würde dem begegnen, nach dem er sich so sehnt. Mitgefühl, Barmherzigkeit, Herzenswärme. Aber das geht nur, indem er selbst ein Mensch wird, wie ihn sich Gott gedacht hat – und die Beispiele im Bibeltext sind ganz konkret – wie ein Bild von Dürer: Hungrigen zu Essen geben, Durstigen zu Trinken, Fremde aufnehmen.

Muss ich noch weiter reden? Ich denke nicht. Jeder von uns könnte das – und es wäre die Rettung für jeden von uns – denn indem wir das tun, begegnen wir unserem Gott. Aber wir haben Angst, dass wir selbst zu kurz kommen, wenn wir so handeln – und so legen wir selbst Feuer und brennen nieder was wir doch bewahren wollen. Und am Ende brennt unser eigenes Herz wie im ewigen Feuer der Sorge und Angst. Bis heute ist unsere Welt so ein Bewährungsort – immer noch haben wir die Wahl auf welcher Seite wir stehen wollen. Und umso dunkler es um uns wird, umso heller strahlt sogar ein kleines Licht. Und dieses Versprechen Gottes haben wir: Das Licht scheint in die Finsternis – und die Finsternis hats nicht ergriffen. Das Gute bleibt gut – und wenn es noch so winzig ist. Und da können wir mitmachen: Hungrigen zu Essen geben, Durstigen zu Trinken, Fremde aufnehmen. Jetzt, wie nie zuvor, haben wir auch in unserem Land diese Chance. Lassen wir sie uns nicht entgehen. Denn hier können wir unserem Schöpfer leibhaftig begegnen. Was für eine Gelegenheit.

drucken