Herr Schmidt und Frau Müller

(Vorbemerkung: Die eingangs erwähnte Serviette ist erhältlich bei motivservietten.de. Das Motiv
mit einer Uhr aus Schieferplatten findet sich an einer Hauswand in Steinbach bei Geroldsgrün.)

Heute habe ich passend zum Kirchenjahr eine Serviette dabei. Leider gibt’s kein leckeres Gebäck dazu. Man kann nicht alles haben. Eine sehr originelle Serviette. Sprüche über Essen und Trinken sind darauf notiert. Aber nicht, wie man vermuten könnte, für Städtereisen mit landesstypischen Sprüchen von buon appetito bis na sdarowje. Auf dieser Serviette stehen krasse Zitate von Martin Luther.

Von dem wissen wir, er war kein Kostverächter. Aber halt, ist Martin Luther nicht schon vorbei kirchenjahresmäßig? Der Reformationstag liegt doch schon 2 Wochen zurück. Stimmt. Aber diese Worte von Martin Luther passen genau in die trüben Novembertage, wo Tod, Sterben, Ende der Welt in den Focus rückt. Es fällt geradezu auf, wie Martin Luther bei seinen Gedanken zwischen Bierseidel und Schweinshaxen den Ernst des Lebens und Sterbens nicht ausblendet. Sondern im Gegenteil immer vor Augen hat!

Zu seiner Zeit, im Mittelalter, war die Furcht vor Krieg, plötzlichen Tod, Sich dann verantworten müssen vor Gott dem Weltenrichter, das war beherrschendes Thema. Um so erstaunter waren die Studenten an Luthers großer Tafel, mit welcher Sorglosigkeit und Glaubenszuversicht der Reformator diese Realitäten tapfer ins Auge fasste. Ohne dass ihm das den Appetit verdorben hat. Fasziniert notierten die Studenten Sprüche wie:
„Wer trinkt ohne Durst, wer isst ohne Hunger, stirbt umso junger.“
oder: „Ich esse und trinke, was ich mag, und sterbe, wann Gott will!“

Diese getroste Haltung im Blick auf die Grenze unseres Lebens, im Blick auf das dann folgende Gericht, die wünsche ich uns.
Man könnte ja erschrecken.

An Tagen wie diesen. Volkstrauertag. Einer der wenigen Feiertage, die auch außerhalb des kirchlichen Raums begangen werden. Mit außerhalb des kirchlichen Raums meine ich nicht die wenigen Meter oder Minuten Entfernung zu unserem Nachtreffen gleich beim Denkmal draußen. Volkstrauertag ist ein Feiertag, besser gesagt Gedenktag, der alle umfasst. Egal wie sie konfessionell oder religiös verortet sind. Egal welcher bürgerlichen Schicht sie angehören. Es ist ein Gedenktag für alle in Erinnerung an die Opfer von Krieg und Vertreibung. Kirchliche wie politische Gemeinde besinnen sich auf das, was den Frieden bedroht oder fördert.

Ehrlich gesagt: Früher konnte ich diesen Feiertagen mit Halbmastbeflaggung nur wenig abgewinnen. Kriegsopfer unter den nahen Verwandten gab es keine.

Ernste Reden mit Beschwörungen von Geschichte und guter Tradition haben mich noch nie interessiert. Ein Tag für Funktionäre, Schützenvereine, Senioren. Ein Termin, der eben sein muß. Einer dieser dunklen, trüben Feiertage im November.
Bevor im Advent die Lichter angehen, muss noch der dunkle Dreiklang Volkstrauertag, Busstag, Totensonntag überstanden sein. Den man im Vorbeigehen mitnimmt. Wie man an der Schiefer-Uhr vorbeifährt an der Hauptstraße von Steinbach nach Bad Steben. Dieser Uhr mit dem tiefsinnigen und zugleich düsteren Spruch.

Andererseits: Muss ich nicht froh sein, dass die Ereignisse, die in den Volkstrauertagreden aus der deutschen Vergangenheit hervorgezogen werden, mittlerweile zwei bis drei Generationen zurück liegen? Muss ich nicht froh sein, dass die Orte wo Bomben fallen oder Raketen einschlagen, Tausende Kilometer entfernt sind?

Lange war das so. Lange blieb das so. Jetzt ist das anders. Wer heute an welchem Ehrenmal auch immer eine Rede zu halten hat über Opfer von Krieg und Gewalt, muss nicht mehr nach Beispielen suchen aus fernen Jahrhunderten oder Kontinenten. Die aktuell Betroffenen sind unter uns. Und auch heute wieder werden Hunderte von ihnen in Wegscheid, Neuhaus, Freilassing die deutsche Grenze passieren.

Wenn also die prophetischen Worte Jesu aus dem Gleichnis vom Weltgericht auf die Endzeit zielen, dann ist jetzt Endzeit. Dann ist jetzt, um auf die Schiefer-Uhr zurück zu kommen, die letzte Stunde.

Die ersten Christengemeinden hatten das
vor Augen. Aber mit den Jahren und Jahrhunderten hat die Kirche das verdrängt. Hat die Mahnungen Jesu eingepreist, einsortiert in das Kalenderjahr. Business as usual.
Die Endzeit wurde verlagert ins Private. Auf die persönliche Lebenserwartung bezogen, auf unsere natürliche Endlichkeit.
Aber Jesus hat anders davon gesprochen. Das Ende kommt plötzlich, hat er gewarnt, überraschend. Es bricht hinein in die Weltgeschichte, in meine Lebensgeschichte.

Das hat Martin Luther gottlob wieder entdeckt. Aber wie konnte er trotzdem so ruhig sein? Vom Apfelbäumchen reden, dass er noch pflanzen würde und seine Schulden bezahlen, selbst wenn morgen die Welt unterginge?

Er kannte eben seine Bibel. Er hörte das Evangelium heraus. Haben wir es heraus gehört? Aus dem Bibelstück des Sonntags, Matthäus 25, dem Gleichnis vom Weltgericht. Wie ging es noch mal los? Hast du es noch in Erinnerung?

Moment: Am Anfang war die Völkerversammlung. Die Nationen treten vor Gott und er teilt sie in zwei Lager.
Richtig. Aber davor kam was anderes: Es hieß: „Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm..“

Herrlichkeit, das ist das entscheidende Stichwort. Die Welt hört: Gericht, und ist erschrocken. Luther hört Herrlichkeit und ist getrost.

Auf diesen Weg möchte ich uns mitnehmen. Ohne dass wir der Realität ausweichen. Der Realität, wie sie hier geschildert wird.
„Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.“

Hochaktuell ist das. Und zugleich bedrückend. Diese Scheidung der großen Menge. In zwei Gruppen werden sie geteilt. Die einen kommen davon, den anderen droht Schlimmes. Das weckt Bilder, die wir alle kennen. Bilder aus der Vergangenheit. Die Rampe von Auschwitz. Bilder aus der Gegenwart: Massenunterkünfte, egal ob wir sie Registrierzentren oder Transitzonen nennen. Auch hier wird geprüft, bewertet, sortiert. Nach Völkern. Nach dem Herkunftsland. Und dann entschieden: Bleiberecht oder Abschiebung.

Im Gleichnis vom Weltgericht sind es dieselben Kategorien. Nur mit zeitlosen Begriffen: Gerettet oder verloren.

Gott hält Gericht. Das Wort mag dich erschrecken, einschüchtern. Aber denke doch mal nicht zuerst an Anklage, Urteil, Strafe. Denke erst mal an das Wort, das darin steckt, der Stamm. Gerechtigkeit. Gott sorgt für Gerechtigkeit.
Das gibt ein Aufatmen in der Völkerwelt. Die Völker, die hier kommen am letzten jüngsten Tag, vielleicht kommen sie ja gar nicht mit Zittern und Zähneklappern. Vielleicht kommen sie voller Erwartung. Sie atmen auf.

Weil hier nicht ein Gericht droht, wo das Urteil schon vorher feststeht, wie bei Stalins Schauprozessen oder vor Freislers Volksgerichtshof. Hier geht es fair zu. Menschen, die keine Chance hatten, das ihnen Recht geschieht, wegen ihrer Stammeszugehörigkeit, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion. Sie finden Beachtung. Sie werden angehört.
Es ist ein faires Verfahren. Das Urteil ergeht rasch, und auch das ist fair. Nicht wie in den Fällen, die wir zur Genüge kennen, wo sich Promis und Betuchte freikaufen können mit einer fetten Kaution. Oder mit gerissenen Anwälten durch alle Instanzen gehen, und lange vor der letzten ist der Gegner zermürbt oder pleite. Selbst in Ländern mit knallharten Urteilen in letzter Instanz wie Lager oder Lebenslänglich gibt es des öfteren Amnestie oder andere Erleichterung.

Im Gegensatz dazu wird uns in dieser Verhandlung am Ende der Tage unmißverständlich versichert: Gott spricht das letzte Wort. Da hilft keine AdvoCard. Da kann niemand mehr Berufung einlegen. Über Gott gibt es keine Instanz mehr.

Und nun fällt auf. Die vielen, die hier gerichtet werden, sie beschweren sich nicht! Keiner beschwert sich! Gut, sie fragen noch einmal nach, und bekommen ihr Urteil erklärt. Aber dann nehmen sie es alle an. Denn dieses Gericht, daß spürt jeder der Betroffenen, ist frei von Irrtum. Es gibt nur ein Ja oder Nein. Es gibt auch keine Bewährung, es gibt kein Vertagen mangels Beweise, es gibt keine unterschiedlichen Gesetze, es gibt kein Ansehen der Person gleich welcher Kultur, Alter, Geschlecht.

Das wird hier betont: alle Völker. Chinesen, Inder, Iraker, alle. Ich höre schon den Einwand: Was seid ihr anmaßend, ihr Christen. Ihr seid von gestern! Heute herrscht freier Wettbewerb! Monopol ist out. Was wollt ihr noch mit eurem universalen Anspruch? Es gibt so viele Religionen! Gilt denn das Recht der Bibel, die Maßstäbe der Bibel für alle Völker und Kulturen? Wieviele Asiaten und Araber kennen die Bibel nicht. Und die Milliarden, die nicht lesen und schreiben können? Nach welchem Gesetz will Gott sie richten? Nach welchem Kriterium.
Ja, darum geht es. Nach welchem Kriterium?

Aber Gott kann. Er hat ein universales Kriterium. Das gilt für alle. Das verstehen alle. Dieses Kriterium ist: Barmherzigkeit. Barmherzigkeit.

Und nun würde man doch erwarten, wo es hier um Leben und Tod geht. Um gerettet und verloren. Da kommen nur die heraus ragenden Taten zur Sprache. Die spektakulären Fälle. Man erwartet als abschreckende Beispiele, dass die größten Schurken vorgeführt werden. Massenmörder und Tyrannen. Und als hehre Vorbilder todesmutige Helfer, die Zivilcourage bewiesen haben. Hier Pol Pot, dort Mutter Theresa.

Das passiert nicht. Es werden aufgerufen: Herr Schmidt und Frau Müller.

Es geht um ganz alltägliches. Dein und mein Alltag kommt hier zur Sprache. Jesus wird da ganz konkret: Ich war durstig, und ihr habt mir eine Cola spendiert. Ich stand an der Straße, und ihr habt mich mitgenommen, obwohl ich euren schönen Jahreswagen naßgemacht habe mit meinen durchregneten Klamotten. Ich war einsam, und ihr habt damals das Weihnachtsfest mit mir zusammen verbracht, obwohl ich euch bestimmt die schöne Stimmung vermasselt habe mit meiner Trauermiene und den ewig gleichen Geschichten.

Gott freut sich darüber, wo und durch wen auch immer solche Liebeswerke geschehen. Und er belohnt es.

Weil aber auch das Umgekehrte gilt. Weil auch unsere Unterlassungssünden so s schwer wiegen, kommen wir ins Grübeln. Da werden einem alle Sicherheiten aus der Hand geschlagen.

Und manchem wird sein Gottesbild fraglich. Einerseits geht es vorrangig um Nächstenliebe. Das wussten wir ja schon immer. Aber dass Gott auf diese Kleinigkeiten achtet. Ist er so kleinlich und knickerig? Ein Erbsenzähler?

Ja, wir sollen erschrecken. Uns nicht in Sicherheit wiegen in der Meinung, ich hab ja keinen umgebracht und mir aufs Große und Ganze nichts zuschulden kommen lassen. Habe mir immer Mühe gegeben, das muss er doch honorieren.
Und überhaupt, wo bleibt hier der Glaube? Geht es nur um die guten Werke? Nun, weil Gott fair ist und die vielen die von Jesus nichts wissen, auch zur Verantwortung zieht, kann es da nur nach den Werken gehen.

Aber, das lehrt unser Gleichnis, darauf können wir uns nicht verlassen, dass die überwiegend guten Werke unsere Unterlassungen übersteigen. Denn all das, was die hier auftretenden getan oder versäumt haben, geschah offenbar unabsichtlich. Es war für sie normal. Für die einen war das gute normal. Für die anderen ihr Egoismus.

Wir merken also: Wie wir am jüngsten Tag bestehen, können wir nicht ausrechnen. Keiner wird selig werden, wenn wir es selber ausrechnen könnten, ob die guten Werke ausreichen.

Denn wir kriegen die Schuld nicht weg. Gegen Krebs hilft keine Anständigkeit und keine Moral, gegen Sünde keine gute Tat. Hier eine Sünde, da eine gute Tat, und nun ist alles ausgeglichen?

Nein. Gerade, wer wirklich Gutes tut, weiß daß es nie langt. Es müßte noch viel mehr getan werden.

Das einzige was hilft, ist wenn wir uns lösen vom Leistungsdenken. Von der Sorge, reicht das, was ich getan habe. Was war noch mal das Kriterium:
Barmherzigkeit. Das gilt ja nicht nur im Blick auf unser Miteinander, wie Gott es sich wünscht.

Das gilt vor allem für die Art, wie Jesus auf uns zu kommt. Er kommt als Weltrichter nicht anders auf uns zu wie damals zu dem Gauner Zachäus, zu dem Zweifler Thomas, zu dem blinden Bartimäus. Barmherzig.

Was muss ich tun, um selig zu werden, fragte einst der reiche junge Mann. In der Erwartung von Ratschlägen, Hausaufgaben, Prinzipien. Er wollte sich Mühe geben und hart an sich arbeiten.
Aber Jesus sagt: Es ist eigentlich ein leichtes, in den Himmel zu kommen. Es ist eine Kleinigkeit.

Ein Glas Wasser macht es schon. Ein kleiner Satz tut es schon: „Herr, erbarme dich!“ Herr, gedenke meiner, Herr, nimm mein Leben in deine Hand. Herr, vergib mir.

Zurück zu der Serviette Wenn auf ihr nicht berühmte Sprüche Martin Luthers zu Essen und Trinken, sondern zu unserer Geschichte hier gedruckt wären. Da würde wohl stehen:
„Nicht gute Werken machen einen Christen. Sondern ein Christ macht gute Werke.“

Mit anderen Worten: Der Mensch, der mit Jesus verbunden ist, ihm seine Leben anvertraut, der muss nicht planen, was kann ich heute Gutes tun. Er tut intuitiv das richtige. So wie hier bei den Geretteten die Werke der Liebe unwissend geschehen.
So ist also das entscheidende die schlichte Frage: Wie bin ich mit Jesus zusammen? Ist es eng genug, daß ich von alleine diese guten Früchte hervorbringe, die Frucht bringen für die Ewigkeit. Sehen andere deine guten Werke und sehen dahinter Jesus? Treibt dich die Liebe, ist es dir selbstverständlich, für andere da zu sein?

Laßt uns wieder zu Jesus kommen. Ihm sagen:
Herr, hier sind wir mit unseren leeren Händen, mit unserer mangelnden Liebe und mit unserem Leben, das so wenig auf dich hinweist.
Herr, gib mir Liebe ins Herz. Reinige du, nimm weg, was nicht taugt.

Laß mich dahin kommen, daß mich deine Liebe mehr treibt als die klugen Ratschläge der lieben Geschwister, die drängeln und alles besser wissen. Damit ich aufmerksam werde auf die geringsten Brüder, zu denen du mich sendest.
Danke, daß ich so getrost auf den jüngsten Tag hinleben kann. Amen.

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