Flüchtlinge und das Reich Gottes

Liebe Gemeinde,
sie strömen in Massen. Immer mehr kommen in Deutschland an: Menschen, die auf der Flucht sind vor Gewalt, Krieg, Terror. Menschen, die eine bessere Zukunft suchen. Menschen, die bei sich zuhause keine Perspektive mehr sehen. Menschen, die einfach neu anfangen und im Frieden leben wollen. Wie viele sind in diesem Jahr schon über die deutsche Grenze gekommen? Sind es schon eine Million? Müssen wir uns nicht Sorgen machen vor Überfremdung, vor Islamisierung, vor dem Ausverkauf des Abendlandes?
Die Flüchtlingsströme haben eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Viele, viele Ehrenamtliche fühlen sich berufen, hier zu helfen: Essen auszugeben, Unterkünfte zu organisieren, Fahrräder und Kleidung für die Flüchtlinge zu sammeln.
Auch hier in Neuensorg ist eine kleine Zahl an Flüchtlingen untergekommen, und auch hier sind Ehrenamtliche aktiv: Hier nebenan, im Jugendraum, lernen sie mit den Männern und Frauen Deutsch. Sie nehmen sie mit in die Vereine und versuchen sie, so gut das geht, sie hier in unsere Dorfgemeinschaft zu integrieren.
Hier geht das gut. Doch in anderen Orten macht sich schon längst Resignation breit. Es sind zu viele, die auf einmal kommen, und die Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen ertrinken förmlich in dieser Flut von Menschen.
Ich kann die Menschen verstehen, denen Horts Seehofer ein Gesicht verleiht. Er sagt: Die Kapazitäten sind erschöpft, die Zuwanderung muss begrenzt werden, die Grenzen geschlossen.
Ich gebe zu, dass die Lage schwierig ist. Auf der einen Seite sehe ich durchaus die Probleme, die die Behörden bei der Unterbringung und der Versorgung der Flüchtlinge haben. Ich sehe die Grenzen, an die die vielen Ehrenamtlichen stoßen. Und ich sehe die Herkulesaufgabe, die darin besteht, die Menschen in unserer Gesellschaft gut zu integrieren.
Auf der anderen Seite glaube ich auch, dass der größte Teil der Menschen, die auf der Flucht sind, deutlich mehr als 90 %, wirklich um ihr Leben fürchten müssen. Wie können wir ihnen gerecht werden, wie gehen wir mit ihnen um?

Heute feiern wir den Volkstrauertag. Es ist der Feiertag, der sich mit den Toten besonders der 2 Weltkriege, aber auch der Toten aller Kriege beschäftigt. Im 2 Weltkrieg sind Millionen Menschen gestorben, und weitere Millionen waren auf der Flucht. Und viele Länder verschlossen ihre Grenzen vor den Flüchtlingen jener Zeit genauso, wie es heute z.B. Ungarn uns vormacht. Die Auswanderung oder Flucht in die Schweiz oder Portugal, nach Groß Britannien, in die USA, nach Australien oder in andere Länder wurde, je länger der Krieg dauerte, desto mehr unterbunden. Und so mussten hier in Europa viele Menschen sterben, weil andere Zufluchtsländer ihre Grenzen dicht gemacht haben.

Jesus sagt: „Ich habt mich aufgenommen“ – oder: „Ihr habt mich nicht aufgenommen!“ Das Gleichnis, das ich zu Beginn der Predigt vorgelesen habe, erinnert mich fatal an unsere jetzige Situation. Es geht darin um das Weltgericht, um den Jüngsten Tag, in das Einsortieren in Gut oder Böse. Und Jesus sagt dazu: „Es gibt eine klare Regel – nämlich, wie du deinen Nächsten behandelt hast!“ Und dann führt er auf: „Ich bin hungrig gewesen, ich bin durstig gewesen, ich bin ein Fremder gewesen, ich bin nackt gewesen, ich bin krank gewesen, ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr habt mir geholfen!“
Die Menschen im Gleichnis sind verwirrt und sagen: „Wir haben dich doch gar nicht getroffen – wie konnten wir dir helfen?“
Und Jesus antwortet: „Was ihr eurem Nächsten getan habt, das habt ihr mir getan!“

Was tun wir unserem Nächsten? Wie gehen wir mit den Flüchtlingen um? Diese Frage treibt mich um. Denn ich will nicht, dass sich der millionenfache Tod des 2. Weltkrieges wiederholt, weil wie damals Menschen wieder nicht helfen. Ich persönlich kann mich in meinem Umkreis engagieren. Das kann durch regelmäßig Engagement wie z.B. dem Deutschkurs sein. Das kann eine kleine punktuelle Hilfe wie die Spende eines von mir ausrangierten Fahrrades sein. Darüber hinaus kann ich versuchen, auf die Politik Einfluss zu nehmen. Eine Kanzlerin Merkel, ein Ministerpräsident Seehofer handeln auch in meinem Namen. So kann ich durch Briefe, durch emails oder durch Gespräche mit Politikern hier vor Ort versuchen, meinen christlichen Standpunkt klar zu machen. Dabei geht es weniger darum: „Kommt her, die ihr mühselig und beladen seid, wir Deutsche schaffen das schon!“ Das nicht. Aber: Warum dauert ein Bürgerkrieg in Syrien schon vier Jahre, ohne dass ihn die Weltgemeinschaft beendet? Warum helfen wir nicht dem Land Libanon, wo 5 Millionen Einwohnen über 1 Million Flüchtlinge aufgenommen haben? Warum bezeichnen wir seit langen Jahren die Fluchtrouten nach Italien, Spanien und Griechenland als jeweils deren Problem und helfen ihnen nicht? Warum drängen wir nicht mehr auf die Einhaltung der Menschenrechte in aller Welt, anstatt sie auf dem Altar der Wirtschaft zu opfern? Warum fällt es uns Deutschen als so reichem Land so schwer, 1 Million Flüchtlinge zu integrieren – wenn andere, ärmere Länder deutlich mehr aufnehmen?

Jesus sagt: „Ich bin hungrig gewesen, ich bin durstig gewesen, ich bin ein Fremder gewesen, ich bin nackt gewesen, ich bin krank gewesen, ich bin im Gefängnis gewesen!“ Die Frage, die sich nun stellt: Haben wir geholfen oder nicht? Wie wir sie auch beantworten, es geht um das Reich Gottes, das wir ererben oder das wir heute, hier und jetzt verschleudern!

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