Weil sich´s in Sicherheit und Ruh bequemer leben lässt? (Erprobung Reihe V)

Das sich sein Leben mit dieser Entscheidung ändern wird, war ihm von Anfang an klar. Aber mit solchen Konsequenzen hatte er nicht gerechnet. Er war in einem nichtreligiösen,sich tolerant und liberal verstehendem Elternhaus aufgewachsen und fing irgendwann an, unbequeme Fragen zu stellen: den Eltern, den Großeltern, unter Freunden, den Lehrern…
Das waren nicht nur die großen Fragen nach der Welt, dem Frieden, der Gerechtigkeit und der Zukunft, es waren auch sehr persönliche Fragen: was bin ich wert, was macht mich unverwechselbar und liebenswürdig, was bleibt, wenn ich einmal gehe. Komme ich irgendwo her und muss ich irgendwo hin. Ist die Unendlichkeit kalt und leer oder wartet dort ein Gott, der es gut mir meint.
Es war schließlich ein Pfarrer, der ihn ernst nahm, nicht auf alle Fragen eine Antwort hatte, aber ihn in seinem Fragen unterstützte.
Und auch wenn ihm Gott manchmal zu groß, zu fremd, zu abstrakt und zu unpersönlich war, dieser Jesus, von dem dort immer wieder die Rede war, wenn es einmal keine klaren Antworten gab, war sehr konkret, sehr menschlich und ganz und gar anders, irgendwie voller Liebe (was für ein großes Wort…) und voller Barmherzigkeit ,ohne dabei oberflächlich zu sein, im Gegenteil: er kritisierte, wurde scharf, aber ohne dabei die Würde seines Gesprächspartners zu verletzen.
Das faszinierte ihn und er ließ sich taufen. Er ahnte nicht, dass mit einem Schlag die Toleranz seines Elternhauses an ihre Grenzen stieß, denn für diesen Spuk hatten sie kein Verständnis, als ob der Junge seinen Verstand verloren hatte… Vorbei war es mit dem Familienfrieden, am Glauben schieden sich nicht nur die Geister, sondern die ganze Familie. Vom Spott in der Schule will ich gar nicht reden… Er lernte Ali kennen, der schon in seiner Heimat, im Iran, zum Christentum übergetreten war und sich heimlich hat taufen lassen. Dieselbe Menschlichkeit und Barmherzigkeit Jesu wünschte Ali sich von allen religiösen Führern, fand sie aber nicht in seiner eigenen Tradition, in seinem Land. Er, Ali, musste nun um sein Leben fürchten, denn die Konversion, der Abfall vom Isalm, stand im Iran unter Strafe. Er floh und fand Zuflucht in Deutschland.
In der Tat: wo es um Jesus geht, und darum, wie er zu glauben, zu vertrauen, ihm nachzufolgen, von Herzen, ganz ernst, mit allem Nachdruck, da kann es manchmal mit dem Frieden schnell vorbei sein.
Über Geschmack lässt sich vielleicht streiten, über den Glauben allem Anschein nach immer noch nicht wirklich.
Ein anderes Schlaglicht: In ihren Kreisen wird die Bibel wörtlich genommen: Ehescheidung soll es nicht geben, Homosexualität wäre Sünde, Frauen haben sich unterzuordnen, auch in Konfliktfällen sei Abtreibung eine furchtbare Sünde, so glauben und predigen sie immer noch und es sind nicht wenige und sie streiten handfest für ihre Überzeugungen, ja ziehen manchmal auch in einen Krieg gegen die Mächte der Finsternis und des Bösen – glauben sie zumindest und halten sich für Gottesstreiter in einem heiligen Krieg. Hat nicht Jesus das Schwert gepredigt?
Radikaler Fundamentalismus ist nicht nur ein Problem der Anderen.
Ich merke mit einem Mal, wenn ich mich so umschaue, wie gut wir es eigentlich miteiander haben. Uns verbindet bei vielen unterschiedlichen Ansichten doch immer die gemeinsame Suche nach einer Einsicht, die der Wahrheit näher kommt. In unserem Fragen, Streiten und Diskutieren ist doch trotz allem eine gemeinsame Sehnsucht nach Gottes Nähe und die Hoffnung auf eine Begegnung mit ihm der eigentliche Antrieb.
Es ist keine hohle Phrase, wenn wir heute auch zwischen den christlichen Kirchen und Konfessionen von einer Einheit in versöhnter Verschiedenheit reden. Das war nicht immer so.
Waren die ersten Christen noch die mit Argwohn, Verleumdung und regelrechtem Haß und Mordlust Verfolgten, wurden sie später zu Verfolgern der vermeintlichen Gottesmörder, wie sie die Juden beschimpften, der Ungläubigen, als die Muslime galten, und der Ketzer, die es wagten ,die absoluten Wahrheiten in Frage zu stellen. Da wurden die Schwerter wie von Jesus prophezeit geschwungen, Menschen dahin geschlachtet, verbannt und verbrannt.
Kritiker gehen soweit zu behaupten, dass die Ursachen dafür zwangsläufig und notwendig im Glauben an den einen und einzigen Gott liegen müssen, der nicht akzeptieren kann, dass andere und anderes verehrt wird. Selbst ein liebender Gott muss demnach ein eifernder und ein eifersüchtiger Gott sein, der niemanden und nichts neben sich duldet, so die gebildeten Kritiker oder Verächter des Glaubens an einen Gott. Und die Menschheits- und Religionsgeschichte scheint diesen Kritkern recht zu geben.
Das hat man auch unseren beiden jungen Männern vorgehalten, als sie Christen wurden: wie blutig doch die Kirchengeschichte, wie mächtig und korrupt und umbarmherzig die Kirche heute immer noch sei – da wird dann wenig differenziert zwischen den Konfessionen und den verschiedenen Kulturen und Traditionen unserer Welt. Und ich gehe noch einen Schritt weiter und frage sie, ob es sich dann wirklich lohnt, sich um das sogenannte christliche Abendland zu sorgen, wie es die tun, die doch eigentlich schon lange keine Christen mehr sind und es in der Regel auch nicht werden wollen, denen an der Dredener Frauenkirche oder am Erfurter Dom zu Recht auch schon einmal die Lichter abgedreht werden, passend zu ihren dumpfen Gedanken und dunklen Gefühlen anders glaubenden und denkenden gegenüber. Das Schwert und nicht der Friede, Streit und Trennung…werden mit drastischen Bildern schon im Evangelium vor das innere Auge gestellt.
Aber es macht einen gewaltigen Unterschied, ob wir uns abgrenzen und ausgrenzen, exclusiv nur für uns von der Wahrheit, vom Leben oder vom Wohlstand reden, oder ob wir um unseres Glaubens willen und unserer Überzeugung willen Ausgrenzung erfahren, merken, dass wir nicht mehrheitsfähig sind, Überzeugungen aber nicht einfach über Bord werfen, wenn die Menschlichkeit und damit auch Gottes Ehre auf dem Spiel stehen.
Religionen sind nicht an und für sich friedlich und Quelle der Versöhung und der Aussöhnung, aber sie tragen das Potential dafür in sich.
Jesus hat nicht das Schwert ergriffen, aber den gewaltsamen Tod erlitten.
Märtyrer haben mit ihrem Leben ein Glaubenszeugnis dafür abgelegt.
Und wenn sie wie im Widerstand vor mehr als siebzig Jahren zu Mitteln der Gewalt gegriffen haben, dann im Wissen darum, dass sie schuldig werden, um noch eine größere Schuld zu verhindern.
Wegen und Dank solcher Zeugen begann die Aussöhung nach dem letzten großen Weltkrieg mit einem Schuldbekenntnis wie dem Stuttgarter Schuldbekenntnis, an dessen Verkündung vor siebzig Jahren wir in diesen Tagen erinnern, und der darauf ausgestreckten Hand der Mitchristen aus anderen Ländern.
Die Kritiker haben Recht, wenn sie uns unsere Gewaltgeschichte vorhalten. Auch wenn wir nicht die persönliche Schuld daran tragen, so stehen wir doch in einer Verantwortungsgemeinschaft, die Vergangenheit nicht zu vergessen, Schuld zu bekennen und Impulse zur Versöhnung in die Gesellschaft, auch in die Politik oder in Wirtschaft zu tragen, die der Gerechtigkeit und dem Frieden dienen.
Unser Glaube hat das Potential diese Welt zu verändern, wenn Menschen ihn bekennen und leben.
Unser Glaube erinnert uns daran, dass mit die ersten Erfahrungen der Menschen die der Flucht und der Vertreibung waren, aus dem Paradies, aus der Hungersnot , aus der Sklaverei der Unterdrücker.
Gott erinnerte sich und uns immer daran, dass die Schwachen, die Fremden, die Witwen und Waisen der besonderen Aufmerksamkeit und des besonderen Schutzes bedürfen.
Jesus ermöglichte Menschen den Auszug aus ihren alten Verhältnissen und Fehlern. Er redete sie nicht schön, aber er reduzierte die Menschen auch nicht nur auf ihre Vergangenheit. Er traute ihnen ungeahnte Möglichkeiten zu.
Er verteidigte sich nicht mit dem Schwert, sondern prophezeite eben dem, der zum Schwert greift, dass er durch dieses umkommen wird. Er blieb stumm und wehrlos an der Seite der Leidenden, egal ob sie einmal Täter oder Opfer waren.
Das hat seinen Preis, liebe Gemeinde.
Wer sich heute engagiert, wer sich für Andere einsetzt und nicht gegen Andere nur polemisiert, macht sich nicht nur Freunde. Er muss gegen den Strom schwimmen. Und er sollte es öffentlich machen, was ihm dabei an Ablehung , Hass oder Gewalt angedroht oder angetan wird.
Sicher ist es bequemer, nichts zu sagen oder nichts zu tun.
Aber ist das glaubwürdiger, menschlicher, näher dran an Gottes Willen und seinem Tun?
Auch das ist eine Entscheidung.
Er, mit dem ich begann, ahnte nicht, was seine Entscheidung alles verändern würde. Aber er wollte und er konnte nicht dahinter zurück.
Leichter sollten wir es uns auch nicht machen – um Jesu willen

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