Gott liebt die Komödie, denn sie hat ein Happy end

Happy end. Nicht nur ein Thema für das Kino

Ein Journalist meint sogar, wir hätten ein Recht darauf! Andere widersprechen heftig: Wer daran glaubt, leugnet die Wirklichkeit. Kritiker kritisieren: Das ist alles nur pure Geschäftemacherei. Wieder andere sagen: Das zu glauben, ist uns angeboren. Ohne könnten wir nicht leben. Und der Volksmund fügt hinzu: Ende gut, alles gut.

Wovon die Rede ist? Heute, liebe Gemeinde, denken wir über etwas nach, was wir hauptsächlich aus Filmen kennen: Über das „Happy end“ bzw. über das „happy ending“, wie es englisch korrekt heißt.
Mancher geht gar nicht erst ins Kino, wenn er gehört hat, der Film habe keinen guten Ausgang. Das ist unerträglich. Und wirklich spannend sind die Filme, bei denen man – trotz des Wissens um das „happy end“ – mitfiebert, als gäbe es dies nicht.

Filme, die nicht gut ausgehen, sind meistens keine Kassen-Erfolge. Mit einer einzigen Ausnahme! Der wahrscheinlich wirtschaftlich erfolgsreichste Film aller Zeiten hat kein Happy end. Welcher?
Richtig: Vom Winde verweht. Scarlett und Rhett Butler finden nicht zueinander. Da war Stolz dazwischen geraten.

Aber ansonsten nennen wir Filme, in denen böse Helden ungestraft überleben und gute Menschen hilflos verrecken, eigenartiger Weise „künstlerisch“ – obwohl sie ihrem Anspruch nach nicht „künstlich“ sein wollen – sondern höchst realistisch.

Was hat es auf sich mit dem „Happy end“? Darüber wollen wir heute nachdenken. Wir schauen dabei auf unser Leben – nicht auf Filme. Happy end ist nicht nur im Kino ein Thema.

Unser Leben ist eine lebendige Bibliothek
Ich beginne den nächsten Gedankengang mit einer Behauptung:
Unsere Lebensgeschichte setzt sich aus einer Vielzahl größerer und kleinerer Geschichten zusammen. Es gleicht einer Bibliothek.

Wir erzählen unsere Kindheitsgeschichte. Wir erzählen unsere Urlaubgeschichten. Wir erzählen unsere Berufsgeschichte. Wir erzählen die Geschichten unserer Beziehungen. Erzählen unsere Ehegeschichte. Wir erzählen über unsere Kinder und Schwiegerkinder. Wir erzählen – ich gehöre neuerdings auch – gerne Geschichten über unsere Krankheiten.

Bewusst – oder unbewusst – und je nach Charakter und manchmal je nach Tagesstimmung erzählen wir diese Geschichten in unterschiedlicher Weise. Zur Kindheit greifen wir vielleicht sogar auf die Gattung des Märchens zurück. Urlaubsgeschichten haben oft große Nähe zur „Sitcom“. Unsere Berufsgeschichte mag von den Motiven Fleiß und Glück geprägt sein, während Beziehungsgeschichten gelegentlich Anklänge an antike Tragödien haben. Und unsere Krankheitsgeschichten leben von Motiven des „Emergency-rooms“ oder der „Schwarzwaldklinik“.
Und wie oft taucht in unseren Lebensgeschichten das Motiv des „Happy end“ auf? Stories, die länger zurück liegen erzählen wir meistens vom glücklichen Ausgang her. Und manchmal merken wir auch, dass sich im Lauf der Jahre die Gattung ändert, in der wir z.B. über unseren Beruf erzählen. Mit vierzig war das tatsächlich die Story von Glück, Geld und Erfolg. Aber heute ist sie eher von den Motiven „Durchhalten“ und „Stress“ geprägt. „Happy end?“ Von wegen!

Aber manchmal – meist mit dem Abstand der Zeit – wandelt sich die ursprünglich erlebte Tragödie in unserer Erzählung zur komischen Geschichte, über die wir selber herzhaft lachen können.
Vielleicht kennen einige von ihnen die Geschichten über den Kulmbacher Heiner Wiegel. Jutta Lange hat sie erzählt. Das sind – für sich genommen – Ereignisse von größtem Unglück, schlimmster Peinlichkeit und dgl. mehr. Erzählt aber werden diese Geschichten so, dass selbst der Protagonist herzhaft darüber lachen konnte.

Können wir überhaupt Geschichten ertragen, die nicht irgendwie doch gut ausgehen? Für unsere angstvoll aktuelle noch laufenden Geschichten jedenfalls erfoffen wir stets das gute Ende. Auch wenn wir sie mit Tränen in den Augen erzählen. Unser Leben ist eine lebendige Bibliothek.

Gott liebt die Kommödie
Nun fügen wir ein bisschen Theorie hinzu. Was unterscheidet Die Tragödie von der Komödie? Der Unterschied ist interessant:

Die Tragödie endet mit dem Tod des Helden: Hamlet. Othello, King Lear, Macbeth. In der Tragödie machen Menschen sich schuldig. Durch Rachgier. Durch Eifersucht. Durch Herrschsucht und Eitelkeit. Durch Tyrannei.

Einer alten Theorie zufolge zielt die Tragödie auf Katharsis, auf Reinigung der zuschauenden Seelen: Seht, wohin euch all die in uns schlummernden Abgründe führen. Durchlebt es im Theater. Seht, wohin diese düsteren Triebe führen. Am Ende in den Tod. Darum: Meidet das in eurem Leben, was ihr auf der Bühne seht.

Die Komödie hingegen endet stets in der Versöhnung. Auch die Komödie handelt von Eitelkeit, von Machtgier, Geiz und Tyrannei. Aber am Ende fallen sich meist ein oder gar mehrere Paare liebend in die Arme. Und auch der ursprüngliche Bösewicht kann – wenn auch manchmal etwas gezwungen mitlachen.

Das berühmteste, klassische Werk der italienischen Literatur stammt von Dante Alighieri. Es wurde um 1307 geschrieben und trägt den Titel „Divina commedia“. In diesem aus 14.000 Versen bestehenden Epos wird die Reise durch das Jenseits beschreiben. Wie man es sich halt damals so vorgestellt hat: Mit Vorhölle, Hölle und Purgatorium und schließlich mit dem Paradies. Es geht gut aus mit Gottes Welt, so die Botschaft dieser Erzählung. Es geht gut aus mit Gottes Welt: Die Bösen werden bestraft. Die Guten erreichen das Paradies. Es geht gut aus. Darum der Titel: Commedia. Am Ende steht die Versöhnung. Gott liebt die Komödie, denn sie hat ein Happy end.

Die Sintflut hat ein Happy end
Unser Predigttext erzählt uns ebenfalls ein „Happy end“. Was wir eingangs als biblische Lesung gehört haben, ist das gute Ende einer schlimmen Geschichte. Fast die ganze Menschheit ist zugrunde gegangen, weil – wie es eingangs heißt – Gott sah, „dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war von Anfang an.“ Das ist – wir wissen es jetzt ja schon – das ist das Motiv der Tragödie. An der Bosheit seines Herzens wird der Mensch zugrunde gehen. Die Sintflut bricht los.

Wir aber hören heute vom Ende dieser Geschichte. Das Motiv wird nochmals wiederholt: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Dann aber kommt der Wandel zum Ausdruck. Ich formuliere es einmal so: Ihr Menschen sucht die Tragödie. Ihr spielt sie unbarmherzig miteinander. Ich aber wandle das, was ihr tut, in eine commedia, in eine Geschichte der Versöhnung, in eine Geschichte mit gutem Ausgang: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen. Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich es getan habe. Und dann erklingt dieser Zuspruch: Solange die Erde besteht, solle nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Und im Fortgang, im neunten Kapitel, heißt es: Ich richte meinen Bund mit euren Nachkommen auf. Hinfort soll keine Sintflut mehr kommen. Und dann – Kitsch komm raus – zeichnet Gott den Regenbogen über den Himmel als bleibendes Zeichen: All eure Tragödien enden gut in mir. Man ahnt, mit welchem Farbenpathos und mit was für einer Musik Hollywood ein solches Bild auf die Leinwand zaubern könnte.

Das ist die Frage: Und ob wir das nun glauben? Glauben können?
Als Christen haben wir ein Recht darauf, an das gute Ende glauben zu dürfen. So formuliert es der Journalist Wolfgang Thielmann (Christ und Welt 14/2013): „Die Hoffnung auf das gute Ende steckt in den Genen und fließt durch die Blutbahnen wie Sauerstoff. Lässt sich leben ohne die Aussicht, dass die Geschichte freundlich ausgeht?“ Und er fügt hinzu: „Ist das realistisch?“

Da müssen Menschen so vieles erleben: Sehen das entblutete Ansicht des eigenen Kindes. Schreiten mit Tränen in den Augen und mit dem Scheidungsurteil in der Hand die Treppen des Amtsgerichts hinunter. Schleifen sich an Krücken weiter durch´s Leben, weil ein anderer betrunken Auto fuhr.

Happ end? Happy end gibt es nur im Film, aber nicht in der Realität. Das erleben wir zu oft, dass die Agenten des Bösen (massenmordende Politiker, habgierige Manager und dgl. mehr) im Gegensatz zu ihren Opfern ein reiches Leben bis ins hohe Alter führen. Am Genfer See und anderswo.

Fromme Sprüche aus atheistischem Mund
Es verwundert nicht, dass eine fromme Seele anfällig ist für „happy end“-Stories. Ernst Bloch (dt. Philosoph) spottet über die heuchelnden Sonntagspredigten mit ihrer "gerissenen Erbaulichkeit".

Aber der gleiche Ernst Bloch denkt dennoch sehr positiv über unser in Rede stehendes Thema:

Man weiß zu gut, die Menschen wollen betrogen werden. Doch dieses nicht nur, weil die Dummen in der Mehrzahl sind. Sondern weil die Menschen, zur Freude geboren, keine haben, weil sie schreien nach Freude. Es betrügt dies verlogene, vorgeschriebene happy-end Millionen, denen es die Jenseits-Vertröstung der Kirche ersetzt. Und trotzdem …. Ein unüberhörbarer Trieb arbeitet in die Richtung des guten Endes, er ist nicht nur auf die Leichtgläubigkeit beschränkt.
Mehr als einmal hat die Fiktion eines happy-end … ein Stück Welt umgebildet.
Sieh den Ausgang der Dinge als freundlich an, das also ist nicht immer leichtsinnig und dumm.
(Menschen), die überhaupt an kein happy-end glauben (hemmen) die Weltveränderung.
(Pessimismus ist) die Lähmung schlechthin. Der Unglaube ans Ziel führt zum Abfinden mit der Not.
Darum ist das happy-end des rechten Sinns und Wegs nicht nur unser Vergnügen, sondern unsere Pflicht. Die Menschen wie die Welt tragen genug gute Zukunft; kein Plan ist selber gut ohne diesen gründlichen Glauben an ihn. (Ernst Bloch Prinzip Hoffnung, Bnd 1 S. 512 ff).
Erstaunlich, wie fromm Atheisten vom Glauben reden können.
Müssen wir Christen an das Happy end glauben?

Die Bibel erzählt vom Happy end
Wir haben nicht mehr die Zeit dazu. Aber letztlich erzählt die Bibel von Abraham über Jesus bis hin zum Buch der Offenbarung von nichts anderem als vom guten Ausgang, vom Happy end: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein. Denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu.

Können wir das glauben?
Der Glaube erfasst nicht die Wahrheit, schreibt der Theologe Ernst Jüngel. Anders herum ist es richtig: Er ist von der Wahrheit erfasst (zitiert nach ebd. Wolfgang Thielmann)

Hat diese Predigt ein Happy end?
Natürlich stand ich schon oft an Gräbern mir lieber Menschen. Misserfolg ist eine Vokabel auch meines Lebens. So naiv bin ich nun wirklich nicht! Ich weiß, wie einen Krankheiten plagen können. Ich weiß um Kummer und Sorgen, die ein nachts nicht schlafen lassen.

Das alles weiß ich. Und trotzdem sage ich es jetzt endlich fei heraus: Ich glaube an das Happy end.
Es mag ja an meinem Charakter liegen. Oder vielleicht bin ich auch zu dumm, Gefahren einschätzen zu können.

Ich glaube an das Happy end. Ich glaube, dass Gott es in allen (!) Lebenslagen gut mit uns meint. Hier ist der Scheck aus der Bibel. Da steht drauf: Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen (Röm 8,28).

Vielleicht gibt es für uns ein Happy End.
Aber um das zu erfahren,
müssen wir den Weg auch wirklich bis zum Ende gehen
und nicht vorher umdrehen,
weil es uns zu schwierig wird (Zitat; in WEB gefunden; Verf. anonym).

Literatur zur Komödientheorie:
Dénouement: Artikel Wikipedia
Stephan Kraft, Zum Ende der Komödie
Eine Theoriegeschichte des Happyends, Wallenstein-Verlag 1986

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