Wenn ich einmal reich wär… (Erprobung Reihe V)

Er hatte das Lied eher zufällig im Radio aufgeschnappt. Das war wahrlich nicht die Musik, die er in allgemeinen hörte und es wäre wohl auch besser, seine Freunde würden davon nichts mitbekommen. Auf Musical stand er eigentlich gar nicht, aber was wäre denn, wenn ich einmal reich wär? Die Frage hatte er sich auch schon gestellt…Was wäre denn ,wenn? Da sang jemand:
Wenn ich einmal reich wär‘
o je wi di wi di wi di wi di wi di wi di bum
alle Tage wär‘ ich wi di bum
wäre ich ein reicher Mann!
Von Arbeit träumt er und von einem Haus und Hof voller Enten und Gänse, von Geschmeide für seine Frau, von Personal, das auftischt und einem Ehrenplatz in der Synagoge, von Zeit für das Palaver über Gott und die Welt, wie bei einem Mann von Welt eben…
Es war das Lied des armen jüdischen Milchmannes Tewje im zaristischen Russland in einem abgelegenen Ort irgendwo in der heutigen Ukraine, der natürlich wollte, dass es seinen drei Töchtern einmal besser ginge als ihm, und der so nach den richtigen künftigen Ehemänner Ausschau hielt, bis sie ihm eröffneten, dass sie ihr Herz allesamt schon längst und nicht immer nur an wohlhabende junge Männer verschenkt hatten.
Wenn ich einmal reich wäre, ach wie gut würde es mir dann gehen.
Geld allein macht zwar nicht glücklich….aber es beruhigt doch ungemein. Das sagte sogar seine Mutter regelmäßig mit einem Schmunzeln im Gesicht. Dabei hatte gerade sie versucht, ihm zu vermitteln, dass es im Leben doch letztlich auf ganz andere Dinge ankomme: Freunde, Familie, eine gute Schul- und Berufsausbildung, damit Arbeit nicht nur Brotwerwerb, sondern auch sinnvoll und befriedigend sei, Gesundheit, die man sich im Leben nur begrenzt erkaufen kann, Liebe, die das Leben erst reich macht…
Ob es das alles in der äußerlich so erstrebenswerten Welt der Reichen und Schönen gibt, wie er es sich erträumt?
Er hatte da schon sein Zweifel! Und dennoch: wenn ich einmal reich wär… Seine Mutter konnte ihm nicht wirklich Reichtümer vererben. Sie hatte ihm alle Liebe, die sie aufbringen konnte als Vorschuss mit auf seinen Lebensweg gegeben, hatte versucht, ihm Mut und Selbstvertrauen zu vermitteln und wollte, dass er einen klaren Kompass für sein Leben hat. Das konnte er damals nicht so richtig verstehen. Ihm stand der Sinn mehr nach Spaß und er wollte in den Tag hineinleben, Freunde treffen, Fußball spielen, abhängen… Da störte der Konfirmandenunterricht einmal die Woche nur – und lernen, wollte er eigentlich für die Kirche und den Pfarrer auch nicht. Es sei doch gar nicht so viel, ein bisschen wie eine eiserne Ration, versuchte sie ihn zu ermutigen: Vater unser, Glaubensbekenntnis und die zehn Gebote, vor allem die zehn Gebote, denn, wenn es ihm schon egal sei, was er glaube – zu wissen, was gut sei oder schlecht, sei im Leben immer wichtig. Gott lieben sei vielleicht schwer, ihm dem wichtigsten Platz im Leben einzuräumen nicht jedermanns Sache, wo er doch so weit weg und manchmal so unnahbar ist, aber »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter. « das leuchte doch wohl sellbst ihm ein. Nur so kann die Welt ein bisschen menschlicher und gerechter zwischen Nord und Süd, Ost und West und den Generationen werden.
Es klang dennoch weiter in seinem Ohr: Geld allein macht nicht glücklich, aber es beruhigt ungemein…ach: wenn ich einmal reich wär…
Aber eigentlich stimmt auch das nicht wirklich, ging ihm auf.
Wer nämlich viel hat, mehr als er heute und morgen braucht und ausgeben kann, der macht sich viele Sorgen, wie er sein Vermögen erhalten, bewahren und vermehren kann. Der sorgt sich um die richtige Anlagestrategie, lebt zwischen Kaufen und Verkaufen, erträgt ohnmächtig den nächsten Börsencrash oder bejubelt für den Augenblick euphorisch das nächste Kurshoch an den Aktien- und Devisenmärkten. Er wird zum Ziel von Neid und Mißgunst, lebt in einem Wolkenkuckuksheim und bekommt von den realen Nöten und Ängsten der Menschen, die um das tägliche Brot und sauberes Wasser kämpfen, schon zufrieden mit einem Dach über dem Kopf und Schlaf in Sicherheit und Ruh sind, nicht viel mit. Glück und Zufriedenheit sind Güter, die ich nicht mit Devisen, Aktienpaketen oder im Internet mit Kreditkarte kaufen kann.
Vor allem : ist denn nur der reich, der viel Gold, Silber, Geld, Kapital, Anteile, Aktien, Depots , Rentenpapiere u.ä. besitzt?
Die täglichen Bilder aus dem Fernsehen oder dem Internet sprechen eine andere Sprache: zerstörte, zerbombte Ortschaften, niedergerissene Kulturdenkmäler, Menschen auf der Flucht, Kinder in Schmutz und Elend, Todkranke in provisorischen Krankenstationen, oft mit nur einer Handvoll zum Überleben jeden Tag, Hass und Gewalt in den Gesichtern und Worten fanatisierter oder enttäuschter junger Männer, von Naturkatastrophen zerstörte Landschaften, in denen Naturschönheiten sich zu brutalen Naturgewalten gewandelt haben, können die Wahrnmung verändern –
Bei ihm erzählen zu Hause erzählen die Älteren wieder vom Wunder der friedlichen deutschen Einheit am Verhandlungstisch und nicht auf dem Schlachtfeld, an die vor mehr als 25 Jahren keiner mehr glauben wollte und konnte; was für ein Glück es sei, jetzt schon über siebzig Jahre keinen Krieg im eigenen Land mehr gehabt, die Wirtschaftskrisen der letzten Jahre gut überstanden, trotz Sommerhitze und Klimawandel eine gute Ernte eingebracht zu haben und kaum noch Teuerung/Inflation im Land zu kennen, um statt dessen in der Freizeit alle möglichen und unmöglichen Flecken dieser Erde bereisen oder sich den verrücktesten Hobbies und Leidenschaften hingeben zu können.
Eigentlich hätte schon Tewje, der Milchmann merken können, wie reich ihn seine drei wunderbaren Töchter machen, auch wenn er ein armer Mann blieb.
Was ist es für ein unverdientes Glück, priviliegiert in diesem Teil der Welt geboren worden und aufgewachsen zu sein. Gibt es nur einen einizgen, der nicht vesteht, dass es andere, die all das entbehren, dorthin zieht, weil die Sehnsucht in uns allen die gleiche ist, wir alle die gleiche Liebe und Sehnsucht nach erfülltem, gesegneten Leben in uns spüren…?
Wenn das Boot wirklich voll wäre, mit welchem Recht dürfte gerade ich darin sitzen und mir anmaßen, anderen den Platz zu verwehren?

So langsam kam der junge Mann in seinen Gedanken den wirklichen Fragen des Lebens näher.
Jesus wurde gefragt: was soll ich tun, das ewige Leben zu ererben?
Wie kann ich so leben, dass mein Leben es überhaupt verdient, Leben genannt zu werden, das ich nicht nur irgendwie überstehe und mich bis zum Ende durchbringe, sondern von dem ich das Gefühl habe: gut, dass ich es hatte; gut, dass Spuren von mir zurückbleiben in dieser Welt und im Leben anderer Menschen, so dass es sich lohnt, mein Leben, mein Wesen, meine Geschichte, das Liebenswerte zu bewahren, ihm seinen Platz bei Gott einzuräumen, sich zu erinnern?
Also: warum sollte Gott mir ewiges Leben schenken?
Nicht, dass es ich es mir verdienen könnte, aber es gibt doch in jedem Menschen etwas, das nicht verloren gehen darf – um Gottes willen!
Das möchte ich entdecken, leben und mit anderen teilen!
Vielleicht fängt es damit an, dass ich das Liebenswerte und das Lebenswerte im Alltag wieder entdecke und den freien und fröhlichen Blick wage, der nicht nur das halbleere Glas, sondern das halbvolle sieht, der den kleinen glücklichen Moment zum Anlass nimmt, bei den großen Herausforderungen nicht zu aufzugeben, mit den großen Fragen im Leben schon alles hinzuwerfen, sondern zaghaft und trotzig an Gott festhält?
Ich muss nicht singen: wenn ich einmal reich wär …Ich bin es doch, wenn ich meinen Gott habe und er mir den andern Blick auf mich, mein Leben und meine Welt schenkt und erst recht, wenn er dann den Blick für die anderen weitet und öffnet, deren Leben ich bereichern darf allein dadurch, dass es mich gibt und unsere Wege sich begegnet sind.
Damals fragten die Menschen ratlos: wer soll dann selig werden?
Und Jesus machte ihnen Mut und sagte: bei Gott sind alle Dinge möglich! Lasst uns also einfach den freien und fröhlichen Blick wagen

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