Erntedankfest: Über die Dankbarkeit

Jedes Fest im Kirchenjahr greift einen wesentlichen Aspekt unseres Lebens heraus, etwa Sterben und Tod zum Totensonntag, Geburt zu Weihnachten, Aufstehen zu Ostern. Das Erntedankfest regt uns an, dass wir darüber nachdenken, welche Rolle Dankbarkeit in unserem Leben spielt. Dankbar sein gehört zu den wesentlichen Dimensionen im Leben, genauso wie traurig sein, Angst haben, klagen, scheitern, hoffen, träumen, ausruhen, reflektieren oder ein Ziel verfolgen und nicht aufgeben. So verschieden wie wir Menschen sind, so unterschiedlich dankbar sind wir. Wie wichtig Dankbarkeit ist, fällt mir vor allem auf, wenn ich mürrischen und zänkischen Leuten begegne, denen niemand etwas recht machen kann. Es ist anstrengend, wenn es Menschen nicht gelingt, dass sie ihrem Alltag etwas Liebenswertes abgewinnen, sondern wenn sie immer an den Mängeln und den Verletzungen der Vergangenheit kleben.

Wer dankbar ist, wer beschenkt ist, dem oder der fällt es leichter abzugeben. Dankbarsein und Teilen sind Geschwister. Beim Erntedankfest wurden immer Opfergaben gebracht. Die Bäuerinnen und Bauern in allen Kulturen haben Altäre mit Gaben geschmückt. Sie haben sich an der Ernte gefreut und davon abgegeben. So ist auch denen etwas zugute gekommen, bei denen weniger gewachsen ist oder die von vornherein benachteiligt waren, weil sie kein Land besaßen und also gar nichts anbauen konnten. Erntefeste haben einen Ausgleich zwischen Reich und Arm geschaffen. So nehmen auch wir das Erntedankfest zum Anlass, dass wir über weltweite Gerechtigkeit nachdenken. Wir sammeln für “Brot für die Welt” und geben Nahrungsmittel an die Sangerhäuser Tafel weiter.

Mit Dankbarkeit meine ich nicht, zu allem naiv ja zu sagen und zu nicken. Schnell ist jemand eingewickelt, vereinnahmt oder bestochen. Wer unsicher ist oder abhängig, fühlt sich vielleicht verpflichtet und traut sich nicht mehr, eine eigene Meinung zu äußern oder auch nur darüber nachzudenken. Geschenke können Menschen herabwürdigen und sie in die Rolle von Empfänger_innen drängen, sie entmündigen oder abhängig machen. Es ist unredlich, als großzügige Geste darzustellen, worauf jemand selbstverständlich einen Anspruch hat. Dankbarkeit heißt nicht dümmlich und devot werden und sich alles aufschwatzen lassen. Sie braucht als Ausgleich unseren Kopf, unser Denken, unseren Verstand oder unseren Widerstand.

Sag schön „Danke“, werden die Kinder aufgefordert. Denen ist das meistens peinlich. Sie bringen fix ein „Danke“ hervor und springen mit der Überraschung in der Hand davon. Es wird sofort ausprobiert und gespielt. Sie freuen sich. Das ist das Wichtigste.
Kinder fühlen noch keine Dankbarkeit in dem Sinne, in dem Erwachsene sie verstehen. Sie sind erleichtert, wenn ihnen jemand hilft, und sind entzückt über ein Geschenk. Wir Erwachsenen müssen uns oft erst klar werden, wie beschenkt wir sind, damit wir uns freuen können. Kinder können sich so freuen. Sie nehmen spontan mit vollen Händen, leben im Augenblick. Wenn ihre Augen glänzen, wenn sie das Spielzeug in Betrieb nehmen und darüber die Welt vergessen, dann ist das ihre Reaktion von „Dankbarkeit“. Sie ist viel echter als höfliche Worte und Dankesbriefe wie in früheren Zeiten, über die sich die liebe Verwandtschaft natürlich freut.
Dankbar werden heißt erwachsen werden. Von den Kindern können wir Erwachsene lernen, wie Dankbarkeit und überschwängliche Lebensfreude zwei Arten sind, auf Schönes zu reagieren.

Schweres und Verletzendes haben wir in sehr unterschiedlichem Maß erlebt. Deshalb ist es auch ein Geschenk, dass es uns gelingt, dankbar zu werden, dankbar trotz allem. Trotz Verlust und Krankheit, trotz Mangel an Zuwendung und Aufmerksamkeit, trotz schwieriger innerer und äußerer Verhältnisse.
Verschiedene Lebensphasen bringen auch verschiedene Lebensaufgaben. Manchmal ist es eher Zeit zu klagen, zornig zu sein, zu kämpfen oder sich zu wandeln.
Dankbar sein kann auch ein Stück Widerstand bedeuten, Widerstand gegen das Zerstörerische und Böse, das unserer Freude zuleibe rückt und unsere Lebenskraft niederzudrücken versucht. Ich bin dankbar und suche das Schöne trotz allem Widrigen.

Dankbarkeit kann niemand befehlen. Wir können es aber lernen und uns darin trainieren. Sie ist Aufgabe und Lebenskunst. Wer dankbar ist, weiß, dass wir das Meiste nicht uns selbst verdanken. Wir leben in einem reichen Land. Die meisten von uns werden nicht diskriminiert. Jeden Morgen geht die Sonne auf. Das sind kostbare Geschenke.
Eine greise, fast gelähmte Großmutter schreibt an ihren Enkel: „Das ist das schöne Raschellaub-Wetter, das wir immer so geliebt hatten! In diesem Jahr erlebe ich die Laubfärbung ganz intensiv. Der Wein am haus: Vom Grün über Dunkelrot und lichte Violett-Töne bis zum Fahlwerden. Auch erfreute mich der zunehmende Mond am klaren Abendhimmel. Es ist schön, wenn man sich so freuen kann. Dir, mein Lieber, von Herzen alles Liebe. Dankbarkeit und Freude richten auf.“

Weitere Predigten: www.queerpredigen.com

Weitere Predigten zu Erntedank: hier

drucken