Lernprozess mit Happy End

Am Donnerstag Abend letzter Woche, liebe Gemeinde, waren meine Frau und ich bei einer Veranstaltung im Rathaus: Stadt (Integrationsreferat) und Flüchtlingshilfe hatten eingeladen. Das Thema des Abends lautete: Paten für Flüchtlinge.

Als wir den großen Sitzungsaal kurz vor acht Uhr betraten, war dieser schon brechend voll – so kann man es wohl sagen, ohne zu übertreiben. Viele hatten keine Sitzplätze gefunden, sie standen an den Wänden oder saßen in der Mitte auf dem Fußboden. Ich war ziemlich überrascht über die große Zahl von Mitbürgerinnen und Mitbürgerinnen, die sich zu diesem Thema versammelt hatten.

Natürlich hatte ich die Bilder vom Münchner Hauptbahnhof gesehen und die Schilder, mit denen die unzähligen Flüchtlinge willkommen geheißen wurden. Die Bundeskanzlerin hatte schon ihre mittlerweile berühmten Worte gesprochen: Wir schaffen das!

Dennoch war ich, wie gesagt, ziemlich überrascht, positiv überrascht! So viele Wolfsburger signalisierten ihre Bereitschaft, mit zu helfen, dass wir auch wirklich schaffen, was an Aufgaben vor uns liegt: Den vielen Menschen, die sich, getrieben von Krieg, Gewalt und Perspektivlosigkeit, auf den langen, gefährlichen Weg zu uns nach Deutschland gemacht haben, bei uns eine Zukunftsperspektive zu geben.

Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, schreibt in der SZ vom vergangenen Donnerstag: In diesem Sommer erleben wir ein ungekanntes Deutschland. Kaum jemand ahnte es, aber jetzt spürt jeder: Die Herausforderung durch Hunderttausende Flüchtlinge, die bei uns eine Heimat suchen, hat eine wegweisende Phase der deutschen Geschichte eingeläutet. Und es zeigt sich: Wir sind stark.

Zwar zeugen die rechtsextremen Abwehrreflexe, Anschläge und Ausschreitungen auch von der dunklen Seite unseres Landes. Schreibt sie weiter.

Diese Bilder schockieren, überdecken jedoch nicht das Glanzlicht-Deutschland, das sich in den letzten Wochen entpuppt hat. Speziell die Münchner transportieren das Bild der "Weltstadt mit Herz" in die Welt, das stolz und Staunen hervorruft. Ein Gebot der Menschlichkeit und doch in dieser überwältigenden Form nicht selbstverständlich. Unser Land ist von der Kommune bis zur Kanzlerin beseelt von Sympathie.

Dieses Deutschland zu erleben ist wohltuend, gerade für die jüdische Gemeinschaft. […]

Das Land, das im 20. Jahrhundert für die schrecklichsten Kapitel der Menschheitsgeschichte verantwortlich zeichnete, ist heute zu Recht ein Synonym für Hoffnung und Sicherheit.

Dieses Deutschland zu erleben ist wohltuend! Ich habe mich sehr über diese Worte gefreut. Von einer Holocaustüberlebenden und Angehörigen der jüdischen Gemeinde ein solches Zeugnis ausgestellt zu bekommen, das ist alles andere als selbstverständlich.

Es kommt einem ja in der Tat wie ein Wunder vor, wie ein Herbstmärchen, wenn man sieht, wie in den letzten Tagen die überwiegende Mehrheit unserer Landleute den Ankömmlingen entgegen kommt und ihnen ein herzliches Willkommen entgegenbringt. Frau Knobloch hat recht, wenn sie vom Glanzlicht-Deutschland spricht. So hat man unser Land wirklich noch nie glänzen sehen.

Eine gewaltige Welle von Großzügigkeit und Gastfreundschaft geht durch das Land. Fast wie eine bundesweite Laola-Welle! Zahllose Menschen engagieren sich mit Sach- und Geldspenden, bringen Zeit und Wissen ein, um zu helfen bei der Unterbringung, beim Erlernen der fremden Sprache und Kultur.

Große und schwierige Aufgaben kommen auf uns zu, aber wir schaffen das! So lautet die Parole, die aus Bevölkerung und aus der Politik laut wird.

Hat da plötzlich eine unvorhersehbare Großzügigkeit von Land und Leuten Besitz ergriffen? Die zuversichtliche Überzeugung, dass genug da ist von allem ist für alle?

Offenbart sich hier ein Lernprozess, den uns Deutschen keiner so richtig zugetraut hätte? Dessen Symptome vielleicht schon nach der Wende schon mal kurz aufgeblitzt sind. Und dann beim Sommermärchen 2006 deutlicher erkennbar wurden – sie erinnern sich: die Fußball WM hier bei uns.

Ein Lernprozess, der seit dem eher unterschwellig weitergegangen und weitergewirkt hat? Und jetzt alle Welt wegen unserer neuen Offenheit und Risikobereitschaft in Staunen versetzt!

Apropos Stichwort: lernen! Unter anderem habe ich zu diesem Stichwort folgendes gefunden: aus etw. aufgrund bestimmter Erfahrungen sein Verhalten ändern; eine Lehre aus etw. ziehen aus der Erfahrung, aus Fehlern, aus der Geschichte…

Oder wie es einer meiner Lehrer mal sagte, als ich ein schwieriges Problem vor mir hatte: Das, was uns am meisten Schwierigkeiten macht, gibt uns auch am meisten zu lernen.

Ich bin ein großer Fan vom Lernen. Unsere menschliche Fähigkeit zu lernen, davon bin ich überzeugt, hält die Hoffnung, dass sich die Dinge im Großen wie im Kleinen zum Guten wenden können, lebendig.

Die Geschichte, die heute Morgen Predigttext ist, führt uns auch einen Lernprozess vor Augen. Einen Lernprozess, den jemand durchmacht, von dem wir eigentlich gedacht haben, dass er perfekt ist, dass er alles weiß und kann: Jesus Christ himself! Da gibt es doch eigentlich nichts, was der zu lernen hätte, oder?

Der Erzählung der Matthäus können wir entnehmen, dass Jesus sich aus Galiläa an das Mittelmeer in die Gegend von Tyrus und Sidon zurück gezogen hat. Tyrus und Sidon sind übrigens heute noch Hafenstädte an der südlichen Mittelmeerküste des Libanons. Dort haben offensichtlich schon zu Jesu Zeiten die Leute Erholung gesucht.

Jesus braucht eine Pause, wird uns erzählt. Heute würden wir sagen, er hat einen Urlaub nötig. Und er geht dazu ans Meer, ganz so, wie wir es heute noch machen – nur dass wir nicht gehen, sondern eher fahren oder fliegen.

Auch jemand wie Jesus kennt offensichtlich Erschöpfungs–zustände, Momente, wo er fertig ist, ausgelaugt – Abstand braucht. Einfach mal weg muss vom täglichen Stress.

Klar, dass ihn diese fremde Frau stört, die nicht aufhört, ihn mit ihrer Geschichte von ihrer kranken Tochter zu belästigen. Seine Jünger raten ihm, der Frau doch zu helfen, damit endlich Ruhe herrscht.

Jesus aber zieht entschieden eine klare Grenze zwischen sich und der Frau: Mein Auftrag bezieht sich auf die Israeliten, allein auf sie. Sollen die Kanaaniter sehen, wie sie zu Recht kommen! Ich jedenfalls werde meine Kräfte nicht für so eine verschwenden!

Dieser Jesus ist uns fremd. Solche abweisenden, beinahe nationalistischen Töne sind das Letzte, was wir von ihm erwarten würden.

Sind seine Worte nur Stress bedingt. Oder zeigt sich in dieser Geschichte, dass auch Jesus ein Kind seiner Zeit ist und die allgemeinen Überzeugungen seiner Landleute teilt: nämlich dass die Kanaaniter und Samaritaner und andere Nichtisraeliten nicht unter dem Schutz und Segen des Gottes Israels stehen. Und er ihnen insofern zu nichts verpflichtet ist.

Als die Frau sich dann in ihrer Not zu seinen Füßen niederwirft, greift er zu ziemlich harschen Worten: Man gibt doch nicht dass, was den eigenen Kinder zusteht den Hunden.

Hunde hatten damals wirklich das, was man ein Hundeleben nennt. Da gab es keine Pet-shops mit tausend Leckereien und Spielzeugen und Kuscheldecken und Betten für den Hund. Der Hund war gut um den Hof und Herde zu bewachen, ansonsten hatte man einen Tritt für ihn übrig, oder den Stock.

Jesu Worte gehen klar unter die Gürtellinie. Kanackenpack! Daran mache ich mir die Hände nicht schmutzig.

Die Frau liegt schon am Boden, buchstäblich. Aber sie steckt die erneute Demütigung erstaunlich gut weg. Dann behandele mich wenigstens wie einen Hund, kontert sie. Schließlich leben die Hunde von dem, was ihnen ihre Herren hinschmeißen von den Resten ihrer Malzeiten.

Jesus erweist sich als lernfähig in dieser Situation. Er springt über den Schatten seiner Erschöpfung und inneren Abwehr gegenüber der Fremden.

Er erfasst die Größe ihrer Not und würdigt ihr schier unendlich großes Vertrauen in seine Kräfte. Frau, dein Glaube ist groß, sagt er. Dir geschehe wie du willst.

Diese Geschichte hat ein Happy End, liebe Gemeinde. Der Frau ist geholfen. Und Jesus hat etwas gelernt. Vielleicht war es ja diese Situation, die ihn zu dem gemacht hat, als den wir ihn kennen. Der Jesus, der dann später die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt.

Und was lernen wir daraus?

Vielleicht, dass die Menschen, die in diesen Tagen zu uns kommen, ein riesengroßes Vertrauen und die unendliche Hoffnung mitbringen, dass wir – wir Deutschen – in der Lage sind, ihnen in ihrer Not zu helfen.

Und dass wir über uns hinaus wachsen können, wenn wir dieses Vertrauen wahrnehmen und die Aufgabe anpacken, die für uns aus diesem Vertrauen erwächst.

Wie hat es Frau Knobloch ausgedrückt? : Die Herausforderung durch Hunderttausende Flüchtlinge, die bei uns eine Heimat suchen, hat eine wegweisende Phase der deutschen Geschichte eingeläutet. Und es zeigt sich: Wir sind stark.

Ob wir das Vertrauen in uns, das die Flüchtlinge mitbringen, rechtfertigen können, ob das alles letztlich ein Happy-End haben wird? Das können wir jetzt noch nicht wissen. Aber wenn wir die Aufgabe nicht anpacken, werden wir nie erfahren, wie stark wir wirklich sind.

Die große Hilfsbereitschaft unter unseren Landsleuten allerdings gibt an vielen Stellen Anlass zur Zuversicht, dass wir die Kraft haben, den Dinge eine gute Richtung zu geben.

Und es gibt Geschichten, die Hoffnung machen. Wie die, von dem jungen Afghanen, den ich Herbst letzten Jahres getroffen habe.

Er erzählte von der dramatischen Flucht seiner Familie mit Hilfe skrupelloser Schlepper. Drei Jahre lang hat es gedauert, bis er endlich hier in Deutschland angekommen ist.

12 Jahre alt war er, als er im Winter im eisigen Moskau von seiner Familie getrennt wurde und sich ein halbes Jahr alleine durchschlagen musste.

Überlebt hat er mit dem, was er auf den Märkten von Afghanischen Flüchtlingen erbetteln konnte. Ein ältere Afghanische Frau hat es ihm ermöglich, endlich telefonisch Kontakt mit seiner Familie aufnehmen zu können. Eltern, Schwestern und Bruder waren schon längst in Deutschland und wussten nicht, ob er noch lebt oder im russischen Winter zu Tode gekommen war. Sein Vater hat ihn dann aus Moskau abgeholt.

Traumatisiert wie er war, hat er einen langen schweren Weg zurücklegen müssen, bis er hier endlich Fuß fassen konnte. Inzwischen studiert er Medizin, davor hat er bereits ein BWL-Studium absolviert. Nebenbei arbeitet er, um sich das Studium zu finanzieren.

Er verdanke dies, sagt er, all den Menschen, die den Glauben in ihn nie verloren haben und ihm in allem Schweren nicht allein gelassen haben, seiner Familie, seinen Lehrern und Freunden.

Und dann zeigt er seinen deutschen Pass. Für ihn sei dieser ein großes Glück und etwas Kostbares, für das er sehr, sehr dankbar ist. Deutschland sei ein Land, in dem er sich sicher fühlen und ohne Angst leben könne.

Mit Recht werden sie jetzt sagen, dass in diesem Fall vieles gestimmt hat, dass es zu diesem Happy End kommen konnte.

Und natürlich muss vieles stimmen und richtig laufen, damit es gelingt, dass die vielen Menschen, die zu uns drängen, hier einen Perspektive und Zukunft finden. Aber was wir Heute noch nicht gut können, das können wir Morgen vielleicht schon ein bisschen besser.

Vielleicht können ja die Kirchen und wir Christen an dieser Stelle ein gute und wegweisende Rolle spielen. Immerhin hat die Gastfreundschaft gegenüber Flüchtlingen in der Bibel eine lange und vielstimmige Tradition.

Es wäre doch eine wunderbare Bestätigung für das, was wir von Jesus und vielen anderen biblischen Helden lernen können, wenn die, die jetzt kommen, in ein paar Jahren sagen würden – wie der junge Afghane, von dem ich eben erzählt habe: Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen…

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