Der Himmel über der Gegend von Sidon und Tyrus schweigt

Liebe Gemeinde!

Drei Jahre nur ist es her, da hatten wir an einem 17. Trinitatissonntag schon einmal diese sonderbare Geschichte als Predigttext. Ich hatte mir damals erlaubt, die von mir sonst eingehaltene Ordnung der Predigttexte zu verlassen. Warum? Das weiß ich nicht mehr; vielleicht war es eine strenge Woche gewesen, und ich konnte so eine schon vorbereitete Predigt nehmen.
Heute nun ist dieser Text wirklich dran nach der Ordnung der Lesungstexte für den evangelischen Gottesdienst am 17. Sonntag nach Trinitatis, also bekommt Ihr auch eine „frisch Predigt“. Und die Worte aus dem Matthäusevangelium, sie haben seit den letzten drei Jahren nichts von seiner Sperrigkeit und Widerborstigkeit eingebüßt.
Da ist der vollmundige Wochenspruch, wonach unser Glaube der Sieg ist, der die Welt überwunden hat. Ich glaube eher, daß das Elend und das Leid der Menschen dabei sind, in unserer Welt überhand zu nehmen und am Ende den Sieg davonzutragen.
Gleich am Anfang unseres Gottesdienstes möchte man widersprechen, wenn der Psalm davon spricht, daß der Herr gut und gerecht ist und Sündern den rechten Weg weist. Die himmlische Gerechtigkeit ist so weit entfernt von dem, was hier auf Erden geschieht, daß sie selbst mit dem stärksten Fernglas nicht mehr wahrzunehmen ist.
Und auch der Apostel Paulus kann es uns nicht recht machen, wenn er den Römern und uns schreibt wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht.

Haut da unsere Geschichte aus dem Predigttext nicht in die gleiche Kerbe?
Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde,
Heißt es am Ende. Und was sagen wir dem Vater des toten Aylan, dessen Bild um die Welt ging, als er tot am Strand angespült wurde nach einer mißlungenen Überfahrt, ertrank irgendwo zwischen der türkischen Küste und dem Strand einer griechischen Urlaubsinsel?
Denn sehen Sie, liebe Gemeinde, da sind wir mitten drin in der Geschichte von damals und in unserer Gegenwart:
Die Gegend von Tyrus und Sidon im heutigen Libanon ist ein riesiges Flüchtlingslager. Hundertausende von Palästinensern leben dort seit Jahrzehnten mehr schlecht als recht. Fast auf den Tag genau ist es jetzt 33 Jahre her, daß am 16. September 1982 maronitische Milizionäre und israelische Soldaten ein Massaker in den Flüchtlingslagern von Sabra und Shatila anrichteten. Die genaue Zahl der Opfer ist nie ermittelt worden; bei etwa 4500 soll sie wohl liegen.
Heute sind nochmals hunderttausende syrische Flüchtlinge dort in der Gegend dazugekommen. Geflohen vor dem Krieg in ihrer Heimat, ausgebombt in Aleppo, Hama oder der Wüstenstadt Palmyra. Um Erbarmen wird in dieser Gegend auch noch nach 2000 Jahren gebeten, gebettelt, geschrieben. Um Erbarmen für die Kinder, die in der Heimat Dinge gesehen haben, mitansehen mußten, die sich hier keiner vorstellen kann. Die die Mühen der Flucht erdulden mußten. Weiter, weiter, schnell, nur weg! Und die in fremder Umgebung ankamen mit nicht mehr als dem, was die Eltern und sie tragen konnten. Erbarmen – oder wenigstens Vergessen. Kind sein zu können, unbeschwert, frei, zuhause…

Und wieder hören die Kinder dort und anderswo die harte Rede der Erwachsenen, egal ob fromm oder nicht fromm:
Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
„Wir haben hier unser eigenes Elend“ – „Schweizer Sozialhilfe nur für die Eigenossen“ – „Wir müssen unsere Grenzen sichern, um unseren Wohlstand zu halten“, und was dergleichen mehr in diesen aufgeregten Wochen aus der rechten Ecke zu hören ist. Schließlich, so hieß es aus dem Munde eines satten und leider auch noch reformierten Kirchenführers, können wir nicht das ganze Elend der Welt beseitigen.
Außerdem – und da sind sich viele mit dem lieben Herrn Jesus einig, obwohl sie es nie und nimmer so drastisch ausdrücken würden:
Es ist nicht recht, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.
Die Palästinenser in der Gegend von Sidon und Tyrus sind ja Moslems, also wegen 9/11 doch irgendwie auch selber schuld an ihrem Elend. Und die neuen Flüchtlinge aus Syrien sind doch auch Moslems. Was gehen uns diese „fremden Hunde“ an, denen man ja doch nicht von 12.00 Uhr bis Mittag trauen kann. Steht ja schon im Koran. Sollen sich doch die reichen Glaubensgenossen vom Persischen Golf um sie kümmern. Wie gesagt: wir haben unsere eigenen Armen, gute Schweizer vom Schicksal geschlagen. Und denen wollen wir gerne – oder vielleicht doch nicht so gerne? – von unserem Überfluß etwas abgeben.
Und am liebsten würden wir es wie der Herr Jesus ganz am Anfang halten:
Und er antwortete ihr kein Wort.

Denn, liebe Gemeinde, machen wir uns nichts vor: genau dieser Satz ist doch der Dreh- und Angelpunkt in dieser Geschichte.
Und er antwortete ihr kein Wort.
Jesus schweigt. Damals. Und Gott schweigt. Heute. Wieder oder immer noch, das will ich mal offen lassen.
Mich wundert das. Denn wenn ich mich so zurückerinnere, in den vergangenen Katastrophen wurde immer wieder einmal mit unterschiedlicher Intensität nach Gott gefragt:
Wo war Gott in Auschwitz? Diese Frage trieb die Menschen, egal ob Juden oder Christen, doch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs um.
Wo war Gott in den schrecklichen Hungersnöten der fünfziger und sechziger Jahre? Die Hungergestalten der Biafra-Kinder haben es zu trauriger Berühmtheit geschafft.
Stand Gott wirklich auf seiten der siegreichen Israelis, als sie immer wieder die Übermacht der Araber besiegten und die Völkerwanderung der Palästinenser aus ihrem Land verursachten?
Wo war Gott auf den Todesfeldern von Kambodscha unter dem Diktator Pol Pot? Ich kann mich noch gut an die Reportagen von Peter Schall-Latour erinnern, der mit zitternder Stimme aus den Beinhäusern der Roten Khmer berichtete, umgeben von ausgebleichten Totenschädeln und Knochen der Opfer, unter denen auch die Überreste von Kindern waren.
Wo war Gott am zweiten Weihnachtstag 2004, als ein riesiger Tsunami die Menschen und ihr Hab und Gut im Indischen Ozean hinwegfegte, Familien zerriß, Existenzen zerstörte?

Und heute? Fragt jemand, wo Gott ist in der Trümmerwüste von Hama? Auf den zerbombten Märkten von Bagdad, Mosul oder Masar-i-Sharif? Auf den brüchigen Booten im Mittelmeer oder an einem der vielen Zäune, die neuerdings wie Pilze ringe um die europäischen Länder aus dem Boden schießen?

Denn, liebe Gemeinde, das ist ja für den Sonntagmorgen eine schöne Geschichte, die da mit den Worten
Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde,
endet. Happy-End. Alles wird gut. Aber wenn wir uns in der Welt umschauen, die uns umgibt, die uns mit Zeitung, Radio, Fernsehen oder Internet in die Wohnstuben geliefert wird, uns näher kommt, als uns lieb ist – dann ist nichts heil und gesund. Dann hat das Elend überhandgenommen. Und die Kinder, die Söhne und Töchter sind die Leidtragenden, also die, die nun weiß Gott nichts zu tun haben mit dem Fanatismus des Glaubens, verfehlter Politik oder Korruption. Sondern die geplagt werden, nicht von bösen Geistern, sondern von den Erwachsenen, von Bomben und Krieg und Vertreibung und Flucht… Und die manchmal, wie der kleine Aylan, tot an den Strand gespült werden.

Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!
Das wäre doch zu schön, um wahr zu sein! Aber der Himmel über der Gegend von Sidon und Tyrus schweigt heute, so wie er über dem Mittelmeer schweigt und an den Stacheldrahtzäunen an den Grenzen Europas. Und er schweigt auch bei uns in den Zimmern und Fluren der Kinderhospize und Kinderstationen unserer Spitäler.

Ich komme nicht los von der Frage. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen damit vielleicht den herbstlich-schönen Sonntag verderbe. Aber für mich ist es die entscheidende Frage, hinter der alle anderen ziemlich weit zurückstehen.
Und mir fällt so recht keine Antwort ein, nur eine Geschichte. Elie Wiesel erzählte sie, und seit ich sie das erste Mal gehört habe, schleicht sie sich immer wieder einmal in meine Gedanken:
Als wir eines Tages von der Arbeit zurückkamen, sahen wir auf dem Appellplatz drei Galgen. Antreten. Ringsum die SS mit drohenden Maschinenpistolen, die übliche Zeremonie. Drei gefesselte Todeskandidaten, darunter der kleine Pipel, der Engel mit den traurigen Augen. Die SS schien besorgter, beunruhigter als gewöhnlich. Ein Kind vor Tausenden von Zuschauern zu hängen, war keine Kleinigkeit. Der Lagerchef verlas das Urteil. Alle Augen waren auf das Kind gerichtet. Es war aschfahl, aber fast ruhig und biß sich auf die Lippen. Der Schatten des Galgens bedeckte es ganz. Diesmal weigerte sich der Lagerkapo, als Henker zu dienen. Drei SS-Männer traten an seine Stelle. Die drei Verurteilten stiegen zusammen auf ihre Stühle. Drei Hälse wurden zu gleicher Zeit in die Schlingen eingeführt.
„Es lebe die Freiheit!“ riefen beide Erwachsenen. Das Kind schwieg. „Wo ist Gott, wo ist er?“ fragte jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter. „Mützen ab!“ brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten. „Mützen auf!“ Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Ihre geschwollenen Zungen hingen bläulich heraus. Aber der dritte Strick hing nicht reglos: der leichte Knabe lebte noch … Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Und wir mußten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch als ich an ihm vorüberschritt. Seine Zunge war noch rot, seine Augen noch nicht erloschen. Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: „Wo ist Gott?“ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: „Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen …“(Elie Wiesel, Die Nacht. Erinnerungen und Zeugnis, Herder Freiburg 2008, S. 92-94)
Mehr Trost habe ich nicht als den, daß Gott auch heute noch in der Gegend von Sidon und Tyrus ist, auf dem Mittelmeer, an den NATO-Drahtzäunen in Europa, in den Zimmern und Fluren der Kinderhospize und Kinderstationen unserer Spitäler – und überall dort, wo Kinder leiden und nicht gesund und heil werden.

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