Paradis perdu

Liebe Gemeinde!

Gerade haben wir ein schönes Lied gehört, d.h. einen Ausschnitt davon. Es heißt: Paradis perdu – Paradies verloren (Christine and the Queens [evt. Herunterladen bei amazon, zu finden auch auf <a href="https://www.youtube.com/watch?v=w4YGwMdfEyI" target="_blank">YouTube</a>]). Ich habe es in einem Supermarkt in Frankreich gehört, während unserer Sommerferien.

Musik begleitet jeden Einkäufer im Supermarkt; mal ist sie beschwingt, mal ist sie beruhigend, mal ein Hit aus der Charts – immer im Hintergrund beträufelt sie die Seele der Einkaufenden. Werbetechnisch hat diese Berieselung mit Musik seinen guten Grund, denn sie erzeugt bei den Einkäufern ein gutes Gefühl, eine harmonische Stimmung, man ist gelöst und löst damit noch mehr Geld aus seiner Scheckkarte in die Kasse des Supermarkts.

Einkaufen gehen. Ist das nicht etwas Schönes? Zugegeben, manchmal muss es schnell geschehen: auf dem Heimweg von der Arbeit, oder Mutter hat gesagt: bring doch bitte auf dem Rückweg von der Schule oder vom Vereinssport, bring doch bitte noch einige Sachen aus dem Supermarkt mit. Solche Einkäufe machen selten Spaß, weil man sich nicht viel Zeit lassen kann, oder weil man weiß, daß noch einige Aufgaben zu Hause anstehen oder man noch Schulaufgaben machen muss.

Aber hin und wieder bedeutet Einkaufen gehen ein großartiges Erlebnis: endlich kann man wieder den Träumen nachhängen, man kann sich die große Palette des Warenangebotes ansehen und überlegen, was man noch nicht besitzt. Und je mehr man in die Welt des Supermarktes eintaucht, umso mehr spürt man, was einem alles im Leben fehlt. Ob es die exotischen Früchte sind, oder die vielen Möglichkeiten die Wäsche zu waschen in den unterschiedlichsten Duftnoten oder ob man vielleicht doch einmal andere Nudeln ausprobieren sollte aus dem riesigen Sortiment von über 50 Nudelsorten. So vieles ist möglich…Wer einen Supermarkt betritt -und ich sehe schon in den Gesichtern, daß einige von Ihnen sich an den letzten großen schönen Einkauf erinnern, an dem man so viele herrliche Waren gesehen hat – wird für einen Augenblick ein glücklicher Mensch. Schon bei Betreten des Supermarkts wird man einfangen von einem Paradies vieler Früchtesorten, bunte Salate, Gemüse und Obst – es ist einfach so als würde das pralle Leben einen in Empfang nehmen; und wollte man nur von jedem Warenangebot ein einziges Stück in Einkaufskorb legen wäre der schon so schwer, dass man ihn kaum tragen könnte. Das Paradies des Supermarkts empfängt uns in grünen, gelben, roten herrlichen Farben, oft sogar noch mit Kunstlicht hervorgehoben, betaut mit glitzernden Wassertropfen im Sommer…

Ein herrliches Erlebnis gerade wenn man in der Urlaubszeit aus der Hitze kommend den Supermarkt betritt und einen die Kühle des Raumes umfängt, da fühlt man sich richtig erlöst und man ist bereit dafür gerne etwas zu geben. Sein Geld. Seine Träume. Sein Leben.

Ich habe einmal gegoogelt und gelesen, daß in einem großen Supermarkt ein Warenangebot von etwa 27.000 Artikel bereitliegen. Ich frage mich: wann wird das alles verkauft? Und an wen? Bei den Ravioli und beim Käse kann ich es ja noch verstehen, aber bei den Nähnadeln und bei den Geräten für die Jagd (in Frankreich zB) da hört dann mein Verständnis schon ein wenig auf. Und wenn man sich anguckt wie viele Waren nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum aus den Regalen genommen werden müssen, dann sieht man, daß mit dem verlockenden Angebot auch eine negative Seite verbunden ist. Denn je größer das Angebot ist, das vorgehalten wird, umso risikoreicher ist es auch, daß Lebensmittel übrig bleiben, die nach unseren strengen Verbraucherregeln nicht mehr verkauft werden dürfen. Nicht alles davon geht in soziale Einrichtungen oder in die Tafelläden, Vieles muss auch vernichtet werden. Aber dafür hat unsere Gesellschaft ja ein hervorragendes Recyclingsystem erfunden. Fast alles kann heute in Einzelteile zerlegt und wieder verwertet werden. Insofern braucht man eigentlich gar kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man etwas nicht kauft.

Wenn man einen Supermarkt betritt und sich Zeit nimmt Leuten beim Einkaufen zuzusehen, dann erkennt man schnell verschiedene Typen von Menschen; manche gehen sinnend, wie verloren, durch die langen Gänge, sie lassen sich inspirieren von den vielen Angeboten; einige von ihnen greifen wie im Rausch begeistert zu und schieben ein oder gar zwei große Wagen zur Kasse. Andere gehen gezielt auf bestimmte Regale los und holen sich nur das Notwendigste, was sie brauchen oder was ihr schmaler Geldbeutel gerade hergibt. Ein Warenangebot im Überfluss. Ein Warenangebot in einer Qualität, die es in den meisten Ländern der Erde nicht zu haben gibt. Es ist irgendwie eine fantastische Welt. Und solange alles gut geht, wenn man genügend Geld hat, kann man sich im Supermarkt alles leisten.

Ich frage mich aber hin und wieder: Mit welchen Gefühlen betritt ein Mensch, der diesen Zeiten aus einem armen Land zu uns nach Europa gekommen ist. mit welchen Augen sieht dieser Mensch unsere schier unermesslichen Warenangebote? Und welche Geschichten erzählt er abends seinen Angehörigen, wenn er sie einmal mit den Handy erreicht? Vermutlich sind es Geschichten vom Paradies, die wir aus der Bibel kennen, aus dem ersten Buch Mose, dort wo beschrieben wird wie die ersten Menschen das ganze Warenangebot der damaligen Erde vor sich ausgebreitet liegen sahen. Es war das Paradies; darin möchte man gerne leben. Und so kann ich verstehen, dass Menschen den mutigen Versuch unternehmen, durch alle Strapazen, Risiken und Gefahren, durch Wüsten, übers Meer und über Grenzzäune hierher nach Europa kommen. Warum sollte man bei diesem paradiesischen Leben auf dieser Erde nicht teilhaben dürfen? Warum muss man das nur im Fernsehen, im Internet ansehen? Warum muss man das nur von einem Freund am Telefon erzählt bekommen? Die Globalisierung zieht immer größere Kreise und wirft ihr Licht auch auf Regionen des Schattens. Und dort sagt man sich: wenn die Gesellschaften in Europa so viel im Überfluss haben, dass sie Waren sogar wegwerfen, dann kann man ja dorthin gehen, damit man auch etwas davon hat; und seien es nur die hochwertigen Abfälle. Dass diese Produkte auf komplizierten Wegen erwirtschaftet werden müssen und dass dies alles in ein großes soziales und gesellschaftliches System eingebaut ist und über jahrhundertelange Krisen, Kriege und Katastrophen aufgebaut wurde, das können Menschen aus Afrika nicht verstehen. Das kann ihn aber auch niemand zum Vorwurf machen. Denn letztendlich haben die Europäer ihre Wirtschaftskraft und ihr heutiges Paradies auf dem Rücken dieser armen Länder über Jahrhunderte bis heute hinweg aufgebaut. Das soll keine allgemeine Geschichts- oder Gesellschaftskritik sein – es ist einfach eine Feststellung der Fakten.

Leben im Paradies. Und immer noch mehr Paradies haben wollen? Erinnern Sie sich an die Predigtlesung, die ich vorhin vorgetragen habe. Dort wird Jesus gefragt wann ein Mensch glücklich ist (wenn er auf einer Erbschaft besteht) und Jesus dreht den Spieß herum und erzählt wann ein Mensch nicht mehr glücklich ist. Wenn er nämlich durch seine Gier nach noch mehr Paradies aufgefressen wird und gar nicht merkt, dass er durch dieses Immer-mehr-haben-Wollen sein Leben und seine Seele dem Teufel überschreibt. Ich glaube, dass es eine kritische Grenze gibt, die eine Gesellschaft nicht überschreiten darf, weil sie sonst nicht mehr lebensfähig ist. Wer sich nur im Konsum orientiert, wem das Materielle wichtiger ist als alle sozialen Beziehungen, der riskiert völlig einsam zu werden und letztlich psychisch zu erkranken. Wer nur noch anstrebt die Güter und Stückzahlen in der Firma zu erhöhen, nimmt keine Rücksicht mehr auf die Mitarbeiter im Betrieb, achtet wenig auf gerechten Lohn und soziale Absicherung, sondern ist nur bestrebt die Gewinnmarken im nächsten Geschäftsjahr noch höher zu schrauben. Eine Gesellschaft kann sich selbst überfordern. Wer das Superparadies anstrebt, kann es auch verlieren.

Den Menschen, die zu uns kommen, weil sie glauben hier in einem Paradies leben zu können (vielleicht ohne viel dafür tun zu müssen oder gar nicht viel tun können, weil sie nicht die Qualifikation für unsere Arbeitsplätze besitzen), diesen Menschen muss man eine neue Perspektive geben. In unseren Tagen wird viel über die Flüchtlingsströme gesprochen und in den Medien gehen herzzerreißende Bilder um die Welt. Es ist alles unglaublich tragisch und traurig; ich will es nicht weiter ausführen. Ich denke nur: mit diesen Bildern ist nicht viel gewonnen, weil unser Land nicht immer mehr Menschen aufnehmen kann. Endlos viel aufgenommene Menschen werden – im Gegenteil – unsere Gesellschaften dazu bringen, dass wir auch nicht mehr die Hilfe leisten können zu der wir im Augenblick – noch ! – in der Lage sind. Eines Tages, und dieser Tag wird vermutlich bald kommen, können wir den vielen notleidenden Menschen bei uns auch nicht mehr helfen. Welche negativen Folgen das für unser Gesellschaftssystem haben wird, wird an anderer Stelle zu diskutieren sein.

Die augenblicklichen Krisen bringen uns aber auf eine entscheidende Idee, dass nämlich wir uns in Europa die Frage stellen: was ist in dieser Welt gerecht verantwortet? Und da muss man dann dafür Sorge tragen, dass Menschen, die aus Armutsgründen und wirtschaftlichen Krisen ihre Heimatländer verlassen, dass diese Menschen und diese Gesellschaften dort vor Ort unterstützt werden. Nur ein einziges Beispiel an diesem Morgen: wenn die großen Fischfangflotten der europäischen Nationen vor der Westküste Afrikas auftauchen und bis in die Küstengewässer dieser Länder hineinfahren und dort mit ihren Fischnetzen so viel Fisch an einem Tag aufnehmen wie einheimische Fischer das mit ihren kleinen Booten da ganze Jahr über für ihre Familien tun und was in den dortigen Kleinstädten auf den dortigen Märkten gebraucht wird, dann muss man diese Nahrungsmittelpolitik infrage stellen. Beschränken wir Europäer uns auf unsere Länder und unsere Meere – und lassen wir den Menschen in den südlichen Ländern dieser Welt ihre alten Ernährungs- und Anbaumethoden (vielleicht verbessert mit technischem Know-how); lassen wir ihnen ihre Ländereien und Märkte und Fischgründe, damit sie auf ihre Weise leben und existieren können.

Jesus sagt: wenn du noch mehr gewinnen willst, wenn du immer noch mehr erreichen willst, dann musst du dich nicht wundern, wenn eines Tages dein Leben ganz schnell zu Ende ist. Das kann man individuell sehen, weil, wenn man nur noch nach Gewinn strebt und dabei die eigene Familie und Mitarbeiter und Freunde aufs Spiel setzt, ist man plötzlich alleine und läuft in Gefahr mit einem Herzinfarkt aus dieser Welt zu gehen. Was hat man dann von all dem Streben gehabt? Man kann die Erzählung Jesu sogar gesellschaftspolitisch interpretieren: eine Gesellschaft, die immer mehr will und immer noch mehr will und damit Menschen aus armen Ländern verständlicherweise in die Paradiesfalle lockt, diese Gesellschaft muss sich nicht wundern, wenn sie überrannt wird, wenn sie eines Tages nicht mehr funktioniert.

Es ist also an der Zeit nachzudenken, Grundsatzfragen zu stellen. Es ist der Moment gekommen, grundsätzliche, neue, faire und gerechte Antworten auf die Herausforderung dieser Zeit zu geben.
Bibel aktuell 2015.

Paradis perdu – das Paradies ist verloren gegangen. Ein Lied aus einer Supermarktberieselung in Frankreich.
Ein Zeichen der Zeit? Eine Zeitansage in diesem Sommer der Flüchtlinge 2015!
Vielleicht? Hoffentlich!

Noch einmal das Lied ‚Paradis perdu‘ …

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