Brot für die Hunde

Liebe Gemeinde,

manche von Ihnen wissen das sicher schon – wir haben seit einiger Zeit einen Hund. Die Paula.

Im Prinzip wird dieser Hund behandelt wie ein Familienmitglied. Sie bekommt alles was sie zum Leben braucht – sicher, die Bedürfnisse von einem Hund unterscheiden sich manchmal von den Bedürfnissen von uns Menschen – ich zum Beispiel grabe nur sehr selten nach Mäusen und auch mein Verlangen nach Auslauf ist nicht so groß – aber vieles was ein Hund braucht, brauchen wir Menschen auch. Streicheleinheiten, Körperpflege, ab und zu mal zum Arzt – impfen. Und, natürlich, was zu Essen.

Der Hund an sich ist kein Genießer – unsre Paula auch nicht. Es gibt nur wenig, was ihr nicht schmeckt – und alles was ihr schmeckt, schlingt sie in kürzester Zeit hinunter. Ob das eine halb verweste Maus am Straßenrand ist oder das gute Dosenfutter, das sie jeden Abend bekommt – meistens sind es nur ein oder zwei Bissen und weg ist das. Man könnte da durchaus das Wort: Gierig verwenden.

Es war viel Erziehungsarbeit, vor allem von meiner Frau, nötig, um ihr Tischmanieren beizubringen. Also, dass sie nicht ständig bettelt, wenn wir miteinander am Tisch sitzen. Mittlerweile liegt sie in ihrem Körbchen in der Nähe des Esstischs und sieht auch ganz entspannt aus – aber wehe es fällt jemand was vom Tisch – dann kommt es schon mal vor, dass sie sich nicht mehr bremsen kann und losrennt. Wenn man dann nicht schnell genug ist, hat sies schon verschlungen. Gott sei Dank sind die Kinder mittlerweile groß und es fällt nicht mehr so viel vom Tisch – sonst würde unser Hund wahrscheinlich platzen. Und ganz manchmal, wenn noch ein bisschen Reis oder Nudeln übrig sind – da ist ein Festtag für unseren Hund, da bekommt sie, wenn alle fertig sind, so eine Handvoll von unserem Essen – ohne dass sie betteln muss – einfach nur, weil sie das so gerne frisst – und sie so wunderbar die Augen verdrehen kann, wenn sie von unserem Essen was bekommt.

Die Brosamen, die vom Tisch des Herren fallen – darum geht es heute auch in unserem Predigttext Ich lese bei Matthäus im 15. Kapitel:

[TEXT]

Jesus war schon bekannt zu der Zeit, da unsere Geschichte spielt. Er hatte erzählt von der Liebe und Fürsorge Gottes für sein Volk. Im Gleichnis vom Sämann hatte er kurz vorher im 13. Kapitel erklärt, wie verschwenderisch Gott seine geliebten Kinder versorgt – ohne immer gleich auf den Ertrag zu schielen, teilt er aus. Die Speisung der 5000 dann im 14. Kapitel – die Einlösung des Versprechens – Gott versorgt seine Kinder; er speist sie nicht nur mit Worten ab, sondern er schenkt ihnen alles, was sie zum Leben brauchen. Im Überfluss. 12 Körbe voller Brot bleiben übrig. Jesus heilt viele Kranke, er gibt den Menschen zu Essen und spricht ihnen Mut zu.

Dann die Ernüchterung: Pharisäer und Schriftgelehrte kommen zu Jesus – nicht etwa um sich zu bedanken, sondern um ihm zu sagen: Jesus, deine Jünger waschen sich die Hände nicht, bevor sie essen – das verstößt gegen das Gebot Gottes.

Jesus muss wirklich verzweifelt gewesen sein angesichts von so großer Ignoranz. Gott schenkt so großzügig her – und was machen wir Menschen draus? Kleinlich und ängstlich sitzen wir sogar noch auf dem größten Geschenk und fürchten, dass Gott ärgerlich wird, wenn wir nicht richtig damit umgehen. Soweit geht der Streit, dass Jesus sich sogar zurückzieht in die Gegend von Tyrus und Sidon.

Beides Küstenstädte im Libanon, also außerhalb von Israel. Es sieht fast so aus, als wollte Jesus nur noch weg – zumindest suchte er ein wenig Abstand von den Streitereien im eigenen Volk. Wer wollte es ihm verdenken – stellen Sie sich vor, sie wollten Geld verschenken – sagen wir mal 100.000 EUR – und statt Dankbarkeit hören Sie, dass nur darüber diskutiert wird, wie dieses Geld jetzt zu versteuern ist – und wem welcher Anteil zusteht – Haarspalterei statt Dankbarkeit.

Und genau in dieser Situation läuft Jesus eine kanaanäische Frau nach – nicht um für sich, sondern um für ihre Tochter zu bitten. Woher sie Jesus kennt, erfahren wir nicht – auch die Vorgeschichte wird nicht erzählt. Bei wie vielen Ärzten sie vielleicht schon war und keiner konnte helfen. Klar ist: Kanaaniter – das sind die, die von Gott nichts wissen wollen. Sie verehren alle möglichen Fruchtbarkeitsgötter, halten sich nicht an die Gebote Gottes sondern beten das goldene Kalb an, das aus dem alten Testament noch gut bekannt ist. Ausländer halt, die anders leben und anders glauben. Falsche und schlechte Menschen aus der Sicht des Volkes Israel.

Auch Jesus ist abweisend. Er reagiert überhaupt nicht auf die Frau – heißt es im Predigttext. Bis heute eine der schlimmsten Formen der Abweisung. Nicht einmal eine Antwort gönnt er ihr – gar nichts. Er behandelt sie, als ob sie Luft wäre.

Aber die Frau ist hartnäckig – so hartnäckig, dass es seinen Jüngern offensichtlich peinlich wird. Jesus, sagen sie, mach doch was. „Lass sie gehen“ übersetzt Luther – „jag sie weg“ könnte man auch übersetzen; oder auch „stell sie zufrieden“ – gib ihr doch, was sie will – nur: mach was, damit endlich wieder Ruhe ist.

Zumindest seinen Jüngern gibt Jesus jetzt eine Antwort: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

Recht hat er – wo kämen wir denn hin, wenn wir uns um alle Menschen kümmern wollten. Gott liebt seine Kinder – aber halt nur seine Kinder. Die, die seine Gebote halten, die Israeliten damals – heute hauptsächlich uns Christen. Sogar die Liebe Gottes hat Grenzen. Das ist doch nur vernünftig. Bis heute. Wie oft höre ich zur Zeit in den Medien, dass wir uns nicht um alle Flüchtlinge kümmern können. Und das ist doch vernünftig. Bilder von Deutschen Obdachlosen werden gezeigt – immer mit der Frage: Sollten wir uns nicht zuerst um die verlorenen Schafe unseres Volkes kümmern, bevor wir auch noch Ausländer ins Land holen – und den Kinder das Brot wegnehmen und es den Hunden verfüttern.

Genauso drastisch sagt es Jesus zu der Frau. Erst die Kinder, dann die Hunde. So kennen wir Jesus eigentlich nicht – dass er von Menschen redet, als von Tieren. Aber die Frau lässt sich sogar von den Beleidigungen von Jesus nicht abschrecken – zu groß ist die Sehnsucht danach, ihrer Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen. Ja, Jesus, du hast Recht – zuerst die Kinder – aber denk mal nach, was du immer gepredigt hast. Die Liebe Gottes ist so groß und verschwenderisch, dass immer was am Tisch übrigbleibt. Und wir Hunde sind nicht wählerisch – wir fressen alles. Hauptsache wir überleben. Das was unter den Tisch fällt – was eh keiner mehr braucht um satt zu werden – wir nehmen niemand was weg – wir wollen nur das, was übrig ist. Eine Handvoll Reis; das was die Kinder nicht mehr schaffen – dafür würden wir die Augen verdrehen.

Und endlich gibt Jesus nach: Dir geschehe, wie du willst. Dein Vertrauen ist groß. Es ist, als ob Jesus selbst überrascht ist, dass er ausgerechnet bei der Ausländerin das findet, was er beim eigenen Volk so schmerzlich vermisst – Dankbarkeit, Vertrauen und Hoffnung.

Was können wir mitnehmen von dieser Geschichte? Direkt im Anschluss berichtet Matthäus noch einmal von einer Speisung. Diesmal werden nur noch 4000 Menschen satt – und es sind nicht mehr nur 5 Brote sondern 7 Brote nötig – und es bleiben nicht mehr 12 Körbe, sondern nur noch 7 Körbe übrig. Es wird wirklich weniger. Aber alle, die kommen, werden auch satt. Kein Kind muss bei uns hungern, wenn der Hund ein paar Brocken bekommt. Wir müssen uns buchstäblich nichts vom Munde absparen – sondern nur von unserem Überfluss geben. Es wird weniger – aber immer noch genug. Ich bin deshalb sehr dankbar für die Erklärung unserer Bischöfe zur Flüchtlingssituation – dort heißt es im Punkt 3: Unsere Gesellschaft steht vor einer großen Herausforderung, aber auch unsere Kräfte sind groß. Nicht einmal 10% von dem, was unsere Banken in der Krise bekommen haben, sind nötig um 800.000 Menschen in Deutschland aufzunehmen – und mal Hand aufs Herz: Wem von uns ist es in der Bankenkrise wirklich schlechter gegangen?

Mag sein, dass diese Ausländer nie so richtig zu geliebten Kindern unseres Volkes werden. Dass sie nie zu unserer Familie gehören, wie unsere Kinder. Mag sein, dass sie gierig sind und nach jedem Happen schnappen, den sie ergattern können. Aber schlechter als unsere Haustiere sollten wir sie nicht behandeln. Denn egal wie seltsam sich unsere Paula auch manchmal aufführt, wie gierig sie nach jedem Happen schnappt und wie eklig sie sich manchmal im Misthaufen suhlt. Wir haben sie ins Herz geschlossen und sie gehört zur Familie. Und eine Handvoll Reis bleibt sicher bei jedem Essen übrig.

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