Jesus holt Menschen aus ihren Gräbern

Kann Jesus übers Wasser laufen, liebe Gemeinde? Sie kennen sicher alle die biblische Geschichte, die uns berichtet, dass Jesus auf dem Wasser läuft und Petrus es ihm gleichtun möchte. Eine Zeit lang geht das sogar gut, aber dann schwindet das Vertrauen und Petrus sinkt ein. Wir haben sogar ein Bild von dieser biblischen Geschichte hier in der Kirche, das genau die Szene zeigt, wie Jesus den sinkenden Petrus hält. Man kann diese Geschichte ganz real für wahr halten und sagen: Ich glaube, dass das genauso geschehen ist; wenn Jesus Gottes Sohn ist, dann kann er auch auf dem Wasser laufen. Man kann diese Geschichte aber auch anders auslegen und sagen: es geht Jesus ja gerade nicht darum, sich als Wundertäter darzustellen und irgendwelche Zauberkunststücke vorzuführen. Darum verbietet er ja nach seinen Heilungswundern den Menschen immer, dies weiterzusagen. Nein, vielmehr ist diese biblische Geschichte symbolisch zu verstehen: Jesus findet auch dort Wege, wo wir normalerweise keinen Weg mehr sehen. Er kann dort gehen, wo wir nach menschlichem Ermessen, einzubrechen und zu scheitern drohen. Und wenn wir uns auf ihn einlassen und ihm vertrauen, dann können wir es ihm sogar gleichtun und wir werden merken, dass wir einen Halt bei ihm finden, den wir nie für möglich gehalten hätten.

Welche dieser beiden Auslegungsmöglichkeiten jenes Wunders sagt ihnen mehr zu, liebe Gemeinde? Wir sollten sie jedoch nicht gegeneinander ausspielen, sondern lediglich festhalten, dass man biblische Geschichten ganz unterschiedlich auslegen kann. Dieser Vorspann ist mir heute wichtig im Blick auf die biblische Geschichte, die uns heute aus dem Johannesevangelium zum Nachdenken aufgegeben ist. Es ist die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Auch diese biblische Geschichte lässt sich so oder so auslegen. Man kann sie gewissermaßen als Ostergeschichte verstehen, zumal Jesus hier ja einen Satz sagt, den wir von Ostern her kennen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben.“ Der Glaube an die Auferstehung von den Toten ist ein ganz wesentlicher, zentraler Punkt für uns Christen. Kein Zweifel, wenn Jesus Gottes Sohn ist, dann kann er auch Tote zum Leben erwecken!

Trotzdem kann man diese biblische Geschichte auch noch anders verstehen und auslegen. Und damit möchte ich keineswegs an der Auferstehung von den Toten zweifeln. Wie gesagt, wir sollten die Frage der Auslegung einer biblischen Geschichte nicht gegeneinander ausspielen. Sondern ich möchte vielmehr zeigen, dass auch diese tiefenpsychologische Auslegung der Auferweckung des Lazarus ihre Berechtigung hat. Stellen wir uns mal vor, dieser Lazarus war vielleicht gar nicht physisch krank, sondern hatte sich in seinem Leben irgendwie verrannt. In eine Welt voller Argwohn und Wahnvorstellungen. Vielleicht hatte er auch einfach nur die falschen Freunde, die ihn mit ihren rechten Parolen und ihrem Stammtischgeschwätz indoktriniert haben. Immer mehr hat er sich von seinen Familienmitgliedern entfernt, man konnte kaum noch vernünftig mit ihm reden. Er hat sich mit braunen Gedankengut gewissermaßen auf ein Abstellgleis manövriert. Er ist mitgelaufen, als die anderen gegen den Zustrom der Flüchtlinge demonstrierten und hat ein großes Transparent getragen mit der Aufschrift "Ausländer raus!" Und als sie das geplante Flüchtlingsheim in Brand gesteckt haben, da hat er sich um den Brandbeschleuniger gekümmert und Benzin gekauft. Hauptsache dieses Aylantenpack verschwindet möglichst schnell wieder aus unserem Land.

Würden nicht seine alten Freunde und Geschwistern irgendwann ähnlich von ihm sagen: „Unser Bruder war krank und mittlerweile ist er für uns gewissermaßen gestorben?“ Er ist in eine vollkommen fremde Welt abgeglitten und seither ist er für uns so gut wie tot. Wir haben uns damit abgefunden, wir finden keinen Zugang mehr zu ihm. Wir wollen auch nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ja, wärst Du hier gewesen, Jesus, du hättest ihn da rausholen können, du hättest ihn vielleicht noch retten können; aber jetzt ist es zu spät. Unser Bruder ist in seiner kruden Wertvorstellung gefangen und für uns gestorben.

Und dann wäre diese biblische Geschichte plötzlich ein Gleichnis über einen Menschen, der sich vom Rest der Welt völlig abgewandt und entfremdet hat. Und sie würde die Frage stellen, wir gehen wir mit den Menschen um, mit denen wir nicht zurechtkommen? Weil sie ganz andere Wertvorstellungen und eine völlig andere Einstellung haben als wir? Dürfen wir sie – oder besser gesagt – müssen wir sie irgendwann loslassen und fallenlassen? Johannes Kneifel war Neonazi und hat einen Menschen getötet – totgeschlagen. Gewalt war seine Sprache: austeilen – einstecken. Im Gefängnis galt er als Unverbesserlicher. Und doch nahm sein Leben eine unerwartete Wendung. Vor vier Jahren wurde er Pfarrer einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinde irgendwo in Deutschland. "Ich schäme mich", sagt er leise. "Aber ich freue mich auch über das Wunder, dass ich hier stehen darf."

So könnte diese biblische Geschichte eben auch eine Art "Auferstehungsgeschichte" sein, denn für Jesus gibt es kein zu spät. Und auch kein "Wir haben uns damit abgefunden". Jesus gibt keinen einzigen Menschen auf, mag er sich auch noch so von seinen Angehörigen oder der Gesellschaft entfernt haben. Mögen seine Ansichten und Überzeugungen auch noch so gegen den Wind stinken, wie der verweste Leichnam des Lazarus. Und ich behaupte, wenn ein Sünder sich besinnt und umkehrt, dann kann eine Auferstehungsgeschichte daraus werden, denn es ist immer eine Art Auferstehung, wenn Jesus Menschen zurück in die Gesellschaft und ins Leben holt, wie zum Beispiel bei dem Zöllner Zachäus. Und sagt nicht der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn zu dem älteren Sohn: "Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden." Also dürfen wir doch auch die Geschichte von einer Rückkehr in ein gottgewolltes Leben als eine Art "Auferstehung" verstehen. Und ehrlich gesagt, liebe Gemeinde, solche Auferstehungsgeschichten habe ich sogar schon erlebt und kann sie deshalb nachvollziehen. Sie leuchten mir unmittelbar ein. Und es ist für mich nicht weniger großartig als die Auferweckung des verwesten Lazarus, wenn ein Mensch den Weg zurück ins gesellschaftliche Leben findet weil Jesus zu ihm sagt: "Wer an mich glaubt, der wird leben." [Genau das bringt übrigens die Taufe zum Ausdruck: wir sind vor Gott eben nicht festgelegt auf unsere Geburt, auf unsere Herkunft, auf die Gene oder das soziale Umfeld, die Erziehung oder was auch immer. Das alles geht im Taufwasser unter und hervor geht der von Gott befreite neue Mensch, Ein Kind Gottes und Gottes Ebenbild.]

Ich glaube fest, dass Jesus alle Menschen aus ihren Gräbern holen will, die sie sich selbst geschaufelt haben. Und dass es für diese Menschen kein „zu spät“ gibt. Dass er auch diejenigen ruft, bei denen wir die Hoffnung längst aufgegeben haben. Und wenn ich solche nachvollziehbaren „Auferstehungsgeschichten" von Jesus höre, dann helfen Sie mir letzten Endes auch das völlig Unfassbare zu glauben oder zumindest darauf zu vertrauen, dass Gott am Ende auch den leiblichen Tod überwinden kann. Auch wenn ich das selbst bisher noch nicht erlebt habe: Ja, ich glaube an die Auferstehung von den Toten. Amen.

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