Unfertige Geschichte

„Willst du das wirklich so schreiben?“

Heftig, nahezu wütend fährt Johannes seine Frau an:
„Hast du etwa wieder heimlich in meinen Manuskripten gelesen. Wie oft soll ich noch sagen: Ich hasse das! Kein Maler mag es, wenn sein unfertiges Bild beglotzt wird. Ich hasse es, wenn du meine angefangenen Texte liest. Du machst sie damit kaputt.“

„Stell dich nicht so an“, entgegnet seine Ehefrau – wir nennen sie der Einfachheit halber Frau Johannes – „aber du kannst doch nicht allen Ernstes diese seltsame Legende so erzählen, als sei sie tatsächlich geschehen. Sagst du nicht immer wieder: Jesus ist Gottessohn, er ist die Wahrheit und das Leben. Das hast du am Anfang deines Textes so wunderbar geschrieben: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit. Das gefällt mir. Aber jetzt machst du aus ihm einen dieser seltsamen Gaukler, die den Menschen vorspielen, als könnten sie die Gesetze der Welt aus den Angeln heben.

Wer tot ist tot. Du kannst doch nicht allen Ernstes erzählen, dass Jesus einen gestorbenen Menschen wieder lebendig macht! Du sagst doch immer wieder, unser Glaube an Christus ist etwas ganz anderes als all diese seltsamen Kulte, die unsere Gegenwart überwuchern wie Unkraut. Jesus ist kein Gaukler, kein Magier, kein Zauberer….“

Eine ganze Weile schweigt Johannes und schaut ärgerlich vor sich hin.

„Ich will dich ja nicht verärgern“, fährt seine Frau nach längerer Pause fort, „aber schau. In dem Kapitel, das du mit dieser ebenfalls sehr seltsamen Brotzauberei beginnst, da hast du diese Brotrede angefügt. Da weiß dann auch das schlichteste Gemüt: Glaube gründet nicht in absonderlichen Begebenheiten. „Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben. Die wird euch der Menschensohn geben.“

Das hast du so schön formuliert. Immer wenn ich ein neues Brot anschneide bete ich: Dieses Brot sei mir Zeichen des ewigen Lebens. Und ich ritze ein Kreuz in die Kruste.“

Johannes steht auf.

„Sag doch endlich was!“ Seine Frau bittet fast flehentlich.

„Ich habe das nicht erfunden, Liebste“, spricht er endlich. „Ich habe ja nur ein paar alte Zettel, ein paar alte überlieferte Erzählungen. Da war irgendetwas passiert mit dem Bruder der beiden Schwestern. Die einen erzählen, er sei schwer krank gewesen. Und andere erzählen, er sei tatsächlich gestorben.“

„Glaubst du das?“

„Darum geht es nicht.“

„Worum geht es dann?“

„Es geht darum, wie wir als Christen dem Tod begegnen.“

„Auferstehung?“ Sie schaut ihren Mann abwartend an.

„Was passiert, wenn jemand stirbt?“ Fragt er.

„Das wirst du mir jetzt sicherlich erzählen“. Sie nimmt Platz. Wenn Johannes spricht, dauert das immer ziemlich lang.

„Ja: Stell dir vor, dein Bruder stirbt. – Du sollst es dir ja nur vorstellen – Was wird passieren? Denk daran, als Opa von uns ging: Der Priester kommt und sagt: Gott hat es so gewollt. Dann kommen alle gerannt. Die Nachbarn sagen: Er ist erlöst von seinen Leiden. Und die Familie kommt gerannt und sagt: Es wird schon wieder. Und am Grab redet der Bürgermeister: „Meine Gedanken sind mit den Angehörigen“. Und der Leichenredner lügt: Er wird in unserem Herzen weiterleben…… Sie alle rennen zum Ort des Todes, als gäbe es dort einen Preis zu gewinnen.“

„Wahrscheinlich wird das so sein“, stimmt Frau Johannes zögerlich zu, „Was stört dich daran?“

„Das kann ich mit einem Satz sagen: Alle, die so reden, alle die zum Todesort rennen, stimmen dem Tod zu. Sie verneigen sich vor dem Tod und halten das auch noch für fromm!

Und darum fange ich diese Geschichte so an: Jesus lässt sich Zeit. Er rennt nicht gleich los. Ich denke, Jesus musste die Begegnung mit dem Tod zuallererst selbst an sich heran lassen. Anfangs spricht er von Krankheit, vom Schlaf usw. Dann erst redet er offen vom Tod seines Freundes Lazarus. Damit will ich deutlich machen, wie schwer für Jesus die Konfrontation mit dem Tod ist.

Davor, vor dieser Schwere laufen all diejenigen weg, die sich vor dem Tod fromm und schnell verbeugen.

Und dann kommt das nächste, was mir sehr wichtig ist: In meiner Geschichte werden sich Marta und Maria bei Jesus beschweren. Sie beide glauben an ihn.
Wer an das Wort des Lebens glaubt, wer an all das glaubt, was Jesus ist – wie wird derjenige über den Tod empfinden?“

Seine Frau antwortet trocken: „Auch das wirst du mir sagen“

„Er wird zutiefst am Gott des Lebens zweifeln. Beide, die Marta und die Maria werden in meiner Geschichte Jesus mit Vorwürfen überschütten: Wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Das sagen beide. Und wenn ich das so erzähle, dann meine ich damit: Das ist die Art und Weise, wie wir Christen auf den schrecklichen Tod antworten. Wir verbeugen uns nicht vor ihm mit frommen Gerede. Wir schreien nach dem Gott des Lebens! Wir stimmen nicht in den Tod ein. Wir verdammen den Tod.
Darum sind wir so mutig im Leben! Kein noch so großes Problem zwingt uns in die Knie.

Die anderen werde ich sagen lassen: Angeblich kann Jesus doch heilen. Aber jetzt hat er versagt.“

„Das ist ein seltsamer Gedanke“. Frau Johannes überlegt eine Weile. „Aber du hast recht. So habe ich das noch nie gesehen. Wir glauben an das Leben in Gott und müssen trotzdem den Tod erleiden. Und deswegen werden wir zornig.“

„Frau, du hast es verstanden. Es ist also falsch, wenn wir uns vor dem Tod verbeugen. Das ist Heidentum!“

„Jetzt bin ich aber wirklich gespannt, was du für eine Antwort finden wirst in deiner Geschichte. Sie fängt an, mir zu gefallen.“

„Jetzt setze dich doch hin. Wenn du rumrennst, kann ich mich nicht konzentrieren. Also ich hab da eine Szene im Kopf, die muss unbedingt mit rein in die Geschichte. Maria führt den Herrn an das Grab.

Was meinst du, was er dort tun wird? Ja, ich sage es Dir. Er wird weinen. Jesus wird weinen. Ihm gehen die Augen über. Die Juden werde ich sagen lassen: „Siehe, wie hat er ihn lieb gehabt“. Aber das ist nicht die richtige Interpretation. Jesus weint, er ergrimmt, weil er den Tod vor Augen sieht. Ihn fasst das unbeschreibliche Entsetzen. Und genau davor haben wir Angst. Genau deswegen flüchten wir uns in fromme Todesrituale. Die fangen alle so an: Man muss sich fügen. Wir können doch nichts ändern.

Jesus aber weint.

Ich bin die Auferstehung und das Leben. Das lasse ich ihn vorher sagen. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.
Glaubst du das? Das fragt er Maria.“

„Klingt das nicht arg dogmatisch?“

„Nein, das ist kein Dogma. Das ist das, was Maria lebt. Glaube ist kein Dogma. Glaube ist eine Weise, diesseits des Todes so zu leben als wäre man schon jenseits dieses elenden Grabens.
Das wird Jesus ihr in der Geschichte sagen: Auferstehung ist keine Gedanke für die Endstation. Auferstehung ist der Hafen, aus dem wir Christen und Christinnen ins Leben hinausfahren.

Und genau darum geht es in dieser Geschichte: Kann der Tod unseren Glauben zu Erlöschen bringen?“

„Ich denke, das passiert.“

„Das passiert. Leider. Ich werde die Geschichte von diesem Lazarus so erzählen, dass jeder dabei an die Ostergeschichte denken muss. Das reicht, wenn ich den Stein vor dem Grab erwähne. Dann weiß jeder, was gemeint ist. Auferstehung ist unser Siegel. Nicht der Tod."

Fragend schaut er seine Frau an.

„Du, sag mal. Wenn ich tot wäre, wolltest du, dass Jesus mich wieder lebendig macht?“

„Dass du lebst und dem Tod entrissen wirst, das wünsche ich mir allezeit. Für mich selbst wollte ich es nicht. Wenn ich einmal hin bin, wollte ich nicht zurückkehren.“

„Seltsam, so ähnlich denke ich mir das auch.“

Beide schweigen.

„Es geht in dieser Geschichte um Liebe. Jesus liebt das Leben. Jesus liebt das Leben all der Seinen. Um unser Leben für ewig zu retten, muss er in den Tod gehen. Das ist Gottes Liebe. All das muss ich noch schreiben.

Er ruft den Lazarus aus dem Tod heraus. Den Preis aber dafür muss er noch zahlen am Kreuz. Seine Jünger lassen das anklingen: „Meister, eben wollten die Juden dich noch steinigen, und du willst wieder dorthin ziehen?“

Der Glaube an die Auferstehung ist kein philosophischer Gedanke. Wer bei Tag geht, der sieht das Licht dieser Welt. Das wird Jesus in dieser Geschichte sagen. Dieser Glaube ist eine Weise zu leben. Dass wir so leben können, das gründet in Christus. Das ist real. Das will ich sagen. Und deswegen erzähle ich die Geschichte als eine reale Geschichte.

Wer nachts umhergeht, der stößt sich, denn es ist kein Licht in ihm. Auch das wird Jesus sagen.

Weißt du noch, wie ich früher war? Ehe wir zum Glauben fanden?

Mein Gott, was war ich früher so ehrgeizig. Wollte ein großer Philosoph werden. Dachte, ich kann alles begreifen. Alles erklären. Ich dachte, ich finde den Stein der Weisen. Bis ich gemerkt habe, dass hinter allen meinen Gedanken nur Todesfurcht steht. Ich bin nur im Dunkel meiner Eitelkeit und Angst umher gestolpert.

Erinnerst du dich noch an Tag, als ich alle meine Schriftrollen verbrannt habe?“

Sie nickt und verdreht die Augen: „Ich dachte damals, du wirst wahnsinnig.“

„In der Begegnung mit Christus ist mir klar geworden: Niemals kann ich mich selbst aus dem Tod erretten. Kein noch so kluger Gedanke wird mich erlösen. Das kann nur Gott. Vor dieser Einsicht habe ich mich jahrelang gefürchtet. Bis ich Mut, bis ich den Glauben fand, am Tag zu leben – im Licht Gottes.

Und als ich jetzt diese alten Zettel mit der seltsamen Erzählung gefunden habe, da wurde mir klar: Lazarus. Das bin ich. Jesus hat mich aus der Todesangst heraus gerufen. Real. Das ist keine Einbildung. Die Grabtücher, das Schweißtuch und all die Binden. Das waren meine Gedanken, mit denen ich mich selbst retten wollte. Gedanken, die mich immer mehr in den Tod getrieben haben. Als Jesus mich aus diesem Tod heraus rief, fiel das alles Stück um Stück von mir ab.

Man kann das nur so real erzählen. Alles andere wäre feige. Und falsch. Jesus ist das Leben. Wer ihm begegnet lebt – auch wenn er stirbt.“

Frau Johannes steht auf. „Jetzt hast du keine Angst vor dem Tod mehr?“

Johannes schweigt.

„Doch, aber ich begegne ihm anders. Aus dem Sturz ins Nichts ist etwas anderes geworden. Ein Fallen zurück in Gott. Das macht auch Angst. Aber das lässt sich aushalten.“

„Dann gehe ich mal wieder. Also, schreib schön weiter. Vielleicht liest man das, was du schreibst noch in hundert Jahren. Hoffentlich merken die Menschen, wieviel Gedanken du dir gemacht hast bei jeder einzelnen Szene, bei jedem einzelnen Wort.
Ach – und ich verspreche dir – ich lese nie wieder halbfertige Texte.“

„Nein, ehrlich, wenn wir nicht darüber geredet hätten, wäre ich vielleicht nicht weitergekommen. Du hast mir geholfen. Jetzt sehe ich das alles etwas klarer. Und irgendwie bleibt die ganze Geschichte mit der Auferstehung sowieso unfertig. Solange wir leben. Fertig erzählen kann sie nur Jesus, wenn er uns in Ewigkeit umfasst.“

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