Nach langer Zeit endlich mal wieder einer dieser schönen Tage…

Es war nach langer Zeit endlich mal wieder einer dieser schönen Tage, an denen man die Zeit anhalten möchte. Es könnte ja das letzte mal in diesem Jahr, in diesem Sommer oder überhaupt gewesen sein…
Wie oft saß die Enkelin mit ihrem Großvater auf der Terasse und er fing wieder an zu erzählen. Sie hörte ihm gerne zu, nicht nur weil sie ihn liebte und er immer für sie da war. Sie bewunderte auch, wie fröhlich und zuversichtlich er nach ihrer Erinnerung seit frühester Kindheit das Leben bewältigte. Wer weiß, wie lange und wie oft sie so noch Zeit miteinander werden verbingen können. Es war ihm anzusehen, wie er abbaute; Alter und Krankheit hatten Spuren hinterlassen. Es könnte der letzte Sommer und Spätsommer gewesen sein. Und so ließ sie ihn erzählen aus seinem Leben, von seinen Erfahrungen und über seine Sicht der Dinge, gewachsen aus seiner Lebens- und Weltansschauung, daraus wie er Welt erlebt und angeschaut hat.
Denn die Gelassenheit und Fröhlichkeit waren ihm nicht unbedingt in die Wiege gelegt. In einem strengen, wenn auch christlichem Elternhaus aufgewachsen, standen Pflicht und Gehorsam immer hoch im Kurs. Der Glaube in einer ganz eigenen Formn gehörte immer selbstveständlich dazu. „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen…“ So nahm man das Schicksal hin in seiner Familie!
„Wir sollen Gott lieben und fürchten…“, eigentlich eher „fürchten und lieben…“ so wurde Gottvertrauen in seinem Haus gelebt und nie in Frage gestellt.
Auf Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten wurde wenig Rücksicht genommen. Haltung musste unter allen Umständen gewahrt bleiben. Er wuchs in die Zeit des zweiten Weltkrieges hinein. Der Vater starb für ihn zu früh, blieb im Krieg, der, so ahnte es die Familie bereits, überhaupt keinen Sinn machte und durch nichts gerechtfertigt war. Da bekam dieses Weltbild, diese Lebenshaltung erste Risse: Gehorsam und Pflicht wirklich um jeden Preis?
Die Familie musste fliehen, Haus und Hof zurücklassen, unterwegs, kaum genug zum Überleben, Großvater und Großmutter begraben, die diesen Weg nicht mehr mitgehen konnten und auch nicht wollten.
Zusammengepfercht waren sie froh, wenn sie nachts ein Dach über dem Kopf hatten und sich das Nötigste zum Leben und zum Überleben erbetteln oder erarbeiten konnten – gerade sie, gerade ihre Familie! In ihrer neuen Heimat waren sie nur gelitten, wurden befremdet angeschaut und mussten sich Respekt und Anerkennung erst mühsam erarbeiten. Jahrzehnte, sagte der Großvater einmal, hat das gedauert und noch heute spüre er manchmal, dass sie die Zugewanderten und nicht die Alteingessenen seien.
Er heiratete, vielleicht war das die glücklichste Zeit seines Lebens, er liebte seine kleine Frau über alles, nur gemeinsam konnten sie den Tod ihres ersten gemeinsamen Kindes in der Not der Nachkriegszeit verkraften. Heute hätte es problemlos Hilfe für diese an sich harmlose Kinderkrankheit gegeben, damals nicht. Er musste in seinem Beruf hart arbeiten, sich gegen Konkurrenz durchsetzen, wurde nach den Wirtschaftswunder- und Aufbaujahren nicht gleich in der ersten, aber einer der nachfolgenden Krisen aussortiert, galt in der vermeintlich späteren Lebensmitte schon als zu alt, nicht mehr zu gebrauchen. Und dann starb seine über alles geliebte Frau. Er war nicht mehr er selbst, nur noch eine Hälfte. Was hatte er ihr eigentlich alles noch sagen wollen! Er war oft so gedankenlos gewesen, so gehetzt, getrieben und angespannt, war er der Mensch der vertanen Chancen?

Und die Sonne ging morgens auf, der Frühling ließ alles erblühen, der Sommer wärmte mit warmem Licht und der Herbst mit freundlichen Farben das Herz, die Vögel sangen…

Was sollte er von seinem Leben sagen: war es nur Mühe und Arbeit, Sorge und Last, zermürbt auch unter der Verantwortung von Schuld und Versagen, Kleinmut und Gedankenlosigkeit? Er hat doch auch gespielt, gefeiert, gelacht, gesungen, die Zukunft herbeigesehnt, ist auch nach Abschieden neu aufgebrochen.
Dieses Jahr durfte er noch die Taufe seines ersten Urenkelkindes erleben. So klein, so zart, so unschuldig, so voller Leben und so unbeschrieben, so offen, so spannend – noch die ganze Zukunft. Was für ein Wunder, dieses kleine Menschenwesen. Er machte sich Sorgen um dieses unbeschriebene Lebensblatt, hätte gerne einige Kapitel des Lebens vorgeschrieben, damit es einen guten Anfang und einen guten Augang mit seiner Geschichte nähme. Aber so bleiben wohl nur gute Wünsche und Gebete.
Dass es behütet bleibe vor Unfall und Gefahr.
Dass Krankheiten es verschonen oder aber gute Ärzte helfen können.
Dass die Eltern ihm immer ein liebevolles und verständiges Zuhause geben können und im Loslassen ein gute Maß an Zutrauen in die eigenen Schritte finden und dennoch festhalten in unsicherem Gelände.
Dass es Freunde geschenkt bekommt, die vorbehaltlos durch dick und dünn gemeinsam mit ihm gehen.
Dass das Lernen leicht fällt und mit der Berufgswahl eine gute und erfüllende Aufgabe zuwächst.
Dass es einen verständnisvollen Partner und Liebe im Leben findet und in Frieden und in einer intakten Welt leben kann…
So viele Wünsche, aber tief aus seinem Herzen.
Und er fragte sich wie so oft, ob er mit seinem Leben eigentlich so glücklich war und ist, wie er es seinem Urenkelkind für die Zukunft wünscht.

So saß er mit seiner Enkeltochter auf der Terasse an diesem vielleicht letzten sonnigen und warmen Tag des Sommers, spürte die Wärme der Sonne auf seiner Hand, die vorischtige Berührung der Hand neben ihm, hörte die Vögel und den Wind.

Und er dachte: mein Leben war so, wie es ist. Sicher habe ich nicht alles gut gemacht. Aber am Ende hat es das Leben doch gut mit mir gemeint. Er wollte nicht klagen, sagte immer: ich habe keinen Grund dazu, im Gegenteil – ich habe allen Grund, dankbar zu sein.
Und diese Sicht auf das Leben würde er gerne seiner Enkeltochter und seinem Urenkelkind mitgeben. Denn nur so konnte er leben und überleben. Er seufzte: ich kann nicht tiefer als in Gottes Hand fallen.
Ihm fiel ein Wort aus den Klageliedern, das so gar nicht den Grunton der Klage aufnahm, sondern die innige Geborgenheit des Vertrauens ausstrahlte: „Die Güte des Herrn ist´s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß“ ( Klgl. 3,22f.) Er hatte sich gefreut, dass dies der Taufspruch seines Urenkels wurde. Ja, so möge es auf seinen Wegen sein.
Gottes Treue ist das eine. Sie schenkt ihm heute diesen Tag, das Licht und die Wärme, die Nähe der Menschen, die er liebt.
Und jetzt darf er und jetzt muss er daraus etwas machen.
Für sein Lebensglück konnte er nicht immer nur auf Gottes Güte hoffen, er musste auch im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür arbeiten, kämpfen, streiten, ringen, wieder aufstehen, neu anfangen, vergeben, manchmal auch vergessen, was gesagt oder ihm getan wurde.
Er hoffte auf Menschen, die Menschenfreundlickeit lebten, die die Not derer ohne Obdach, ohne Heimat, nur mit dem nötigsten im Gepäck in der Hand, sahen und ihnen heute und morgen auf- und weiterhalfen.
Er hoffte auf Menschen, die allen eine zweite Chance im Leben einräumten oder diese ergriffen.
Er hoffte auf Menschen, die nicht unversöhnlich und hart wurden, sondern um des Friedens willen immer neue Anläufe zur Verständigung suchten und unruhig bleiben, wenn es ungerecht zu ging.
Er hoffte für alle die er liebte und für alle, die er nicht mehr würde kennenlernen können, auf Lebensumstände und Verhältnisse, in denen Güte, Barmherzigkeit und Treue, Heil, Hilfe und Freundlichket nicht nur innerliche, allerintimste und private Haltungen und Werte, sondern gesellschaftliche Wirklichkeit und Maßstab verantwortlichen Handelns würden. Er wollte keine Parolen mehr hören, die hatten ihm seine Kindheit und Jugend geraubt. Er wollte bleibende und wahre Worte hören, die die Welt freundlicher und besser machen. So stellte er sich jedenfalls Gottes Wort vor! Dazu kann Gott uns doch bringen und solche Worte müssten wir dann finden, aussprechen und leben.
Er seufzte und lächelte seine Enkeltochter an: ich bin zufrieden. Es war ein gutes Leben, das ich gehabt habe. Ich wünsche dir, dass du das auch einmal wirst sagen können von deinem und von eurem Leben. Es war nicht leicht, aber es war erfüllt. Und er begriff, was ihm nicht immer gelichermaßen bewusst war: Mein Glaube und mein Vertrauen auf Gott und den so hilflos Ausgeliefertem am Kreuz haben mir auf- und weitergeholfen.
Weißt du, der Taufspruch aus den Klageliedern geht ja weiter, und es stimmt, genau so habe ich es erlebt:
„Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Denn der Herr verstößt nicht ewig, sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.“ (Klgl. 3, 26.31.32)

Es war nach langer Zeit endlich mal wieder einer dieser schönen Tage, an denen man die Zeit anhalten möchte.

Und so saßen sie so wie wir hier zusammen und nach allem Reden und Hören schwiegen sie noch eine Zeit lang und genossen den Moment und das Glück, das die Seele für diesen Augenblick und hoffentlich dann für alle weiteren Wege – komme, was da wolle – wärmte.

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