Schaut mal weg von euch, schaut mal wie es anderen geht!

Liebe Gemeinde,

Hatz IV Empfänger bekommen ab 2016 mehr Geld, so stand es diese Woche in der Zeitung. Der Regelsatz für Alleinstehende wird um 5 Euro pro Monat erhöht.
5 Euro pro Monat, sie haben schon richtig gehört, „satte“ 5 Euro mehr.
Ab nächstem Jahr stehen dann alleinstehenden Personen 404 Euro im Monat zu Verfügung.

Wie muss der heutige Bibeltext, liebe Gemeinde, eigentlich auf einen Hartz IV Empfänger wirken?

Was wird er sich bei den Worten Jesu denken: „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?“

Wie muss der Text in den Ohren von Flüchtlingen klingen, die verzweifelt um einen einen Platz in einem Schlauchboot oder in einem Zug kämpfen. Sich zu Fuß von Ungarn auf den Weg nach Österreich und Deutschland machen.

Begegnet uns in unserem Predigttext aus der Bergpredigt, wieder einmal ein weltfremder Jesus, der von der Natur und den Vögeln unter dem Himmel schwärmt, wenn er sagt: „Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?“.

Und wie hören Jugendliche unser Bibelwort, die genau wissen, dass sie von anderen verspottet oder gemobbt werden, wenn sie nicht mit bestimmten Markenklamotten in die Schule kommen. Jugendliche, die genau wissen, wie wichtig die Kleidung und das Aussehen für den sozialen Status in der Klasse sind.

„Darum sorgt nicht für morgen…“, so schön und wohltuend der Bibeltext in unseren Ohren klingt, uns von der Sorglosigkeit der Linien auf dem Felde berichtet und von der Leichtigkeit des Seins erzählt, die einem jeden gut tun würde, so schwer ist er doch beim ersten Hören zu verstehen.

Liebe Gemeinde,
auch wenn der Predigttext für diesen Sonntag uns Leichtigkeit empfiehlt, so wissen wir doch, dass Jesus die Sorgen und Probleme der Menschen seiner Zeit immer erst genommen hat.
Er hat sich über niemanden, der besorgt war, lustig gemacht.
Er hat bei der Speisung der 5000 nicht auf die Vögel unter dem Himmels verwiesen, die nichts säen und nichts ernten.

Im Gegenteil, Jesus ist gerade auf Menschen mit Sorgen zugegangen, hat ihnen zugehört und sich ihr Leid erzählen lassen und ihren Klagen Raum gegeben.

Aber so wichtig es ist, die Augen nicht vor den vielfachen materiellen Nöten der Menschen zu verschließen, so ist Leben mehr als Essen und Trinken, mehr als Kleidung und ein Dach über dem Kopf.
Alle Menschen auf dieser Erde sollen satt werden und in Frieden und Sicherheit wohnen können, das ist Gottes Wille, der sich unmissverständlich aus der Bibel erklären lässt.

Aber, um den Vergleich aus der Altenpflege zu bringen, wer „sauber, satt und trocken“ ist, ist noch lange nicht glücklich und empfindet seinen Lebensabend als erfüllt.

Der Mensch braucht neben der Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse auch höhere Ziele, ideelle Werte, damit sein Leben lebenswert ist.

Dass Visionen und Hoffnungen unser Leben so bereichern können, dass materielle Wünsche und Bedürfnisse in den Hintergrund treten, manchmal sogar unwichtig werden, genau davon spricht der Bibeltext für diesen Sonntag,

Jesus sagt: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,…“

Interessanterweise steht unser Bibelwort in der Bergpredigt genau nach den Versen, wo es heißt: „Ihr sollt nicht Schätze sammeln auf Erden“.

Es wir dadurch genau dieser Gegensatz noch einmal deutlich hervorgehoben: „Ja, macht euch wirklich Sorgen, aber um die richtigen Dinge.“

Manchen lassen ja tatsächlich die Börsenkurse nicht mehr schlafen oder die Sorge wie er sein Geld anlegen soll.
Jesus will uns mit seinen Worten den Blick für das wirklich Wichtige im Leben schärfen und meint mit seinen Worten: Schaut mal weg von euch, schaut mal wie es den anderen geht.
Schaut nicht immer auf die, die mehr haben als ihr, sondern schaut zu denen, die weniger haben und denen es schlechter geht als euch.
Achtet mal darauf wo es in unserer Gesellschaft an Gerechtigkeit fehlt und das Reich Gottes noch ganz fern ist.
Und da muss ich sagen, liebe Gemeinde, erleben wir im Moment in unsrem Land eine beeindruckende Welle der Solidarität mit Flüchtlingen.

So viele Menschen sind bereit spontan zu helfen und mancher erinnert sich daran, dass er selbst vor 70 Jahren zu Fuß auf der Flucht vor Krieg und Gewalt auf dem Weg nach Deutschland unterwegs war und hier eine neue Heimat gefunden hat.

Auch wir wollen uns in der Gemeinde, dieser Herausforderung stellen.Seit wenigen Wochen sind minderjährige Flüchtlinge, meist aus Syrien, gleich vorne in der Friedrich-Ebert Straße untergebracht.

Am kommenden Donnerstagabend wird ein erstes Treffen stattfinden, wo wir darüber sprechen, wie wir als Gemeinde hier helfen und unterstützen können.
„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,…“

Die Sorge um Flüchtlinge ist im Moment das Gebot der Stunde und es wird keine einfache Aufgabe sein, da wir ja auch nicht die anderen Menschen vergessen sollen und wollen die unseren Beistand brauchen.

Nicht zufällig habe ich meine Predigt mit einem Verweis auf Hartz IV begonnen und es ist wichtig, dass wir als Christen die vielfältigen Sorgen in unserer Umgebung wahrnehmen.

Da ist vielleicht die einsame Seniorin oder der alleinerziehende Vater im gleichen Haus oder in der selben Straße mein erster Nächster und ich brauche nicht durch die ganze Stadt zu fahren, um irgendwo anders zu helfen.

Liebe Gemeinde,

gerade der persönliche Kontakt mit Menschen in Not, die einen vielleicht nach einer gewissen Zeit, auch ihre Lebensgeschichte erzählen, lässt manch eigene Sorge in einem neuen Licht erscheinen.

Nicht dass eigene Sorgen verschwinden, aber sie treten manchmal in den Hintergrund und oft ist es auch so, dass wenn man anderen Menschen beisteht und ihnen hilft, sehr viel persönlich zurück bekommt.

An Dankbarkeit oder dass man spürt, wie viel man selbst mit einfachen, bescheidenen Mitteln zum Guten verändern kann.

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,…“ sagt Jesus und meint: „Schau mal weg von dir, hin auf die Not der anderen.

Danach sieht das eigene Leben doch gleich ganz anders aus und nicht selten wir einen bewusst, wie reich beschenkt man ist, oft ohne eigenes Zutun.

Gerade wir als Nachkriegsgeneration, die wir seit über 70 Jahren in Frieden leben dürfen, können diesen Umstand, oft gar nicht würdigen und schätzen.

Noch vereinzelt treffen wir auf Mahnmale, wie den Bunker in der Friedrich-Ebert-Straße, der uns daran erinnert, dass Krieg, Flucht und Vertreibung auch in unserem Land unendlich schlimmes Leid verursacht haben.

„Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.“
Wenn wir heute diese Worte hören, dann dürfen die meisten von uns Dankbarkeit empfinden, dass wir tatsächlich vieler dieser existentiellen Sorgen nicht mehr haben brauchen.
Dass andere Menschen auch getrost und hoffnungsvoll leben können, ist heute unser Auftrag und das Gebot der Stunde.

Lasst uns dieses Ziel gemäß dem Motto von Albert Schweitzer verfolgen, der gesagt hat:
„Das Wenige, das du tun kannst, ist viel.“

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