Einer kam zurück

(Die Predigt wurde in der Kirchengemeinde Issigau / Oberfranken gehalten)

Gratuliere, Opa, zum runden Geburtstag. Gut siehst du aus? Wie fühlt man sich so mit Mitte 70?!

Mir geht’s prima. Bin ja schon etliche Jahre im Ruhestand. Tja, für die Rente müsst ihr wohl ein paar Jahre länger arbeiten als ich. Was habt ihr denn da für ein Geschenk? Da bin ich aber neugierig. O, ein Fotobuch. Erinnerungen an 7 Jahrzehnte. Wie seid ihr denn an die Bilder rangekommen? Die habt ihr euch wohl heimlich besorgt!

Schön, dass die Überraschung gelungen ist! Komm Opa, setz dich zu uns. Bgm und Pfarrer sind fort. Jetzt haben wir ein bischen Zeit für uns. Erzähl uns die Geschichten zu den Bildern!

Okay. Ich fang hinten an. Hier, die letzte Reise mit eurer Oma. Da gings uns so richtig gut!

Halt mal Opa, nicht überblättern! Was ist das hier vorne? Da sahst du richtig schlecht aus. Diese Bilder kennen wir gar nicht!

Wie kommen die Fotos in dies Album? Das war doch ganz privat! Das solltet ihr gar nicht wissen. Also gut. Wir wollten euch keine Unruhe machen. Ich war damals sehr krank. Wir haben mit dem Schlimmsten gerechnet.

Und wieso wurde es dann doch wieder besser?

Das ist eine sonderbare Geschichte. In der Klinik lernte ich Christen kennen, sehr gläubige Leute. Sie haben mich motiviert, meine Sorgen zu Gott zu bringen. Das haben Oma und ich dann auch gemacht. Von da an änderte sich ganz plötzlich mein Zustand . Der Arzt konnte es sich gar nicht erklären!

So sehr hat das Gebet geholfen? Das war ja ein richtiges Wunder. Warum hast du uns das nie erzählt?…

Ja warum? Warum hat so mancher von uns ein kostbares Erlebnis von früher, wo die göttliche Hilfe die große Not gewendet hat, unter Verschluss gehalten? War es dir peinlich? Liegt es an diesem typisch evangelischen Privatchristentum? Während Katholiken sich outen bei Prozessionen. Oder auf dem Fußballplatz, wenn ausländische Sportler sich bekreuzigen, bevor sie auflaufen. Aufs ganze gesehen bleiben das Ausnahmen. Das typische deutsche Christentum bevorzugt das inkognito. Wie es ein Leserbrief in der Frankenpost dieser Tage belegt. In Abgrenzung zu Orientalen, an Kleidung oder Verhalten als Muslime erkennbar, heißt es da: „Das gehört nicht in unser Land. Religion ist hier reine Privatsache. Die wird nach innen gelebt, nicht nach außen dargestellt.“

Glaube am rechten Platz hinter Kirchenmauern, anonym im Beichtstuhl, hinter zugezogenen Vorhängen. Wenn das normal ist, Der Umwelt gemäß:

Was für eine Macht, was für ein ungeheurer Einfluss muss dann von unserer Umgebung ausgehen. Wollen wir uns davon fremdbestimmen lassen? Von einer Sphäre, wo der Ruf und Wille von Jesus Christus keine oder kaum eine Rolle spielt.

Aber wie gut, dass Gott trotzdem Mittel und Wege hat, uns anzusprechen, zu uns durch zu dringen. Hier benutzt er dazu: Das Leid.

In unserem Bericht führt das Leid ganz unterschiedliche Leute zusammen, die wären unter normalen Umständen sich nicht begegnet. Hätten erst recht nicht Gemeinschaft miteinander gepflegt. Aber auf einmal beschäftigen sie sich miteinander, hören aufeinander, sind gemeinsam unterwegs.

Wer vorigen Sonntag im Gottesdienst war, erinnert sich aus dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter an jene zwei Männer, die sich sonst nie nahe gekommen werden. Weil sie in getrennten Welten lebten, hier der Jude, dort der Samariter. Aber durch jenen Überfall auf der Straße von Jericho nach Jerusalem fanden sie zueinander.

Es ist wie auf einem Flüchtlingsschiff. Muslime und Christen, Farbige und Araber, Großstädter und Dorfbewohner, Analfabeten und Ingenieure. Sie teilen sich das Deck, die Wasserflasche, das Klo. Erstmals verfolgen sie gemeinsame Ziele. Was Ihnen ihre Regierungen, ihre Verwandten, ihre religiösen Führer einst geraten haben oder vorgeschrieben haben. Welche Kleidung und welchen Umgang sie ihnen erlaubt oder verboten haben, all das ist jetzt zweitrangig. Mehr noch: Was man ihnen erzählt hat über die Eigenart der anderen, deren Kultur, deren Glaubensweise, heilige Schriften, es ist nicht bloß momentan unwichtig. Es erweist sich als vorurteilsbehaftet, einseitig, fragwürdig.

Sie sehen das Leben, sie sehen die Welt auf einmal ganz neu. Auf einmal lassen sie Gedanken und Weltanschauungen an sich heran, die ihnen vorher unbekannt oder suspekt waren.

Genau wie in jener verlassenen LPG zwischen Samaria und Galiläa. Da hat sich zwischen rostenden Stahlträgern und feuchten Wänden ein knappes Dutzend Kranker ein improvisiertes Obdach eingerichtet.

Juden und Samariter sind es. In diesem Grenzgebiet waren sich Angehörige dieser beiden Volksgruppen oft begegnet. Und genauso oft grußlos aneinander vorbei gegangen. Aber nun leben sie in Quarantäne. Streng isoliert wie Ebola-Kranke in Westafrika. Mit ähnliche verunstaltetem Äußeren und ähnlich deprimierender Prognose. Wer von Aussatz, dieser ansteckenden Krankheit befallen war, der wurde aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Der stand außerhalb von allen und gehörte nirgendwo hin.

Das Leid verbindet sie, schweißt sie zusammen. Der Aussatz hält sich an keine Landesgrenzen und befällt alle Religionen. Es ist beeindruckend, wie mitten in diesem Elend trennende Unterschiede zwischen Menschen unwichtig werden.

Die sind ein Luxus für Leute, denen es besser geht. Alles Elend und jedes Dunkel der Welt bietet auch die Möglichkeit, dass Menschen zueinander finden, die sonst keine Minute miteinander verbringen würden.

Auch in unserem Land gibt es etliche Menschen, die massiv aus ihrem Lebensweg heraus gerissen wurden. Durch eine Anzeige samt Verfahren, dass unerfreulich ausging und den Ruf beschädigt hat. Durch eine Krankheit. Durch einen Schicksalsschlag, der alle Planungen über den Haufen geworfen hat. Und wie oft erzählen diese Menschen dann später: Da habe ich begonnen, das Leben mit ganz anderen Augen zu sehen. Da habe ich gemerkt, wer meine wahren Freunde sind. Da bin ich nachdenklicher geworden. Da habe ich verstanden, was wirklich zählt.

Hier ist es die lebensbedrohliche Krankheit, die ganz unterschiedliche Leute zusammen führt. Die Runde erinnert mich an unsern Tisch im Speisesaal bei der Reha in Bad Wildungen. Alle hatten wir Krebsbehandlungen hinter uns und manche weitere vor sich. Da war der Bauer aus Ostfriesland. Daneben der frühere Bodyguard von Ex-Kanzler Helmut Schmidt. Der junge Spediteur aus Kiel, so was von sportlich. Und der penible Beamte mit seinen supergenauen Rückfragen.

Ähnlich hier der Kreis von 10 Männern, die das Elend zusammen geführt hat. Sie sind, das ist das große Manko, gezeichnet und eingeschränkt durch ihre Krankheit. Aber, das ist der unerwartete Zugewinn, sie werden bereichert durch das Miteinander. Im Gemeinsamen und Verschiedenen erleben sie Bereicherung. Und mit dem Gemeinsamen meine ich nicht die Krankheit. Sondern ihren Glauben. Ihren neuen Glauben. Das ist jetzt nicht mehr der jüdischen Glaube mit seinen Prinzipien, nicht mehr der samaritische Glaube mit seinen Prinzipien. Klar ist das immer noch ihre geistliche Herkunft, ihrer Konfession, ihre Identität. Aber da lagen ja die Unterschiede. Nun aber ist etwas neues gemeinsames da. Das korrekte Leben nach den Regeln ihres Glaubens rückt in den Hintergrund. Ein persönlicher, lebendiger Glaube rückt in den Vordergrund. Aus tiefstem Herzen rufen sie zu Gott um Heilung.

„Zehn aussätzige Männer, die standen von ferne und erhoben ihre Stime und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!“

Man beachte dieses gemeinsame. Nicht mehr das stille, geheime Gebet der bürgerlichen Privatreligion. Laut und öffentlich rufen sie.
Ihr einstiger äußerer, formaler, im Grunde nutzloser Glaube, einem Sonntagsanzug vergleichbar, der bei Bedarf hervor geholt wird, der ist einem tiefen, ganzheitlichen Vertrauen auf den lebendigen Gott gewichen.
Er wird sichtbar im flehenden Gebet. Er wird sichtbar in der Sorge füreinander.

Noch hat sich äußerlich nichts geändert an ihrer Lage. Sie sind noch krank. Aber innerlich sind sie schon verändert. Eine Bekenntnisgemeinschaft sind sie geworden.

Einstimmig rufen sie "Jesu, lieber Meister,erbarm e dich unser!"
Und wirklich: Jesus bleibt stehen. Das ist schon der Anfang des Wunders. Jesus ist ja auf dem Weg nach Jerusalem. Er wusste, dort wird er leiden und sterben. An einem Kreuz. Er, Jesus, ist in dieser Geschichte der eigentliche Todeskandidat. Da hätte er doch sagen können: Jungs, ich hab selber nur noch ein paar Wochen zu leben. Ich muss sehen, wie ich über die letzte Runde komme. Da kann ich mich nicht noch um euer Problem kümmern.

Aber Jesus verschließt die Augen nicht vor der Not der Menschen. Obwohl ganz fokussiert auf den Weg zum Kreuz, übersieht er nicht die Not des Einzelnen. Denn eben wegen der Not des Einzelnen geht er ja ans Kreuz. Deswegen kannst du dich mit jedem Problem an Jesus wenden. Egal, was es ist. Egal, wer du bist.

Der Ruf der Gruppe findet Gehör. Jesus bleibt stehen, wendet sich ihnen zu. Aber wie das öfter ist wenn wir zu Gott beten, seine Antworten sind mitunter anders als erwartet.

Die Männer hofften, er wird rufen: Kommt her! Statt dessen sagt er: „Geht weg." Hat er etwa doch Angst, sich anzustecken?

„Gehet hin und zeiget euch den Priestern!“ Dort bestand für Aussätzige damals Meldepflicht. wenn sie erkrankt oder geheilt waren.

Das hatten sie nicht erwartet. Aber halt, einige bibelfeste unter den Kranken erinnern sich an die Geschichte von Naeman, dem syrischen General. Der war genau wie sie vom Aussatz befallen und hatte beim Profeten Elisa um Hilfe angeklopft. Der Prophet hatte den Patienten auch weggeschickt, an den Fluß für ein heilendes Bad. Der General war erst empört. Ferndiagnose statt Chefarztbehandlung. Aber dann hatte er doch die Anweisung wörtlich befolgt. Und wurde gesund.

Aber ist diese Anweisung Jesu nicht doch meilenweit unter dem Niveau dessen, der als Heiland und Messias gelten will? Kaum sind sie einmal im Leben dem Heiland nahe , dem vom Himmel gesandten. Schon schickt er sie weg zum gewöhnlichen Bodenpersonal.

Sie werden zu den Ärzten ihres Volkes geschickt. Der rechte Arzt sendet sie zu seinen armen Abbildern. Der größte Tröster befiehlt Menschen, zu Menschen zu gehen. Dein Heiland, der mit einem einzigen Wort dich froh machen könnte für alle Tage deines Lebens, weist dich an, zu Seelsorgern, zu Freunden, zu den schon zuvor in Frage kommenden Helfern zu gehen.

Von denen du weißt, daß sie alle nur mit Wasser kochen. "Geht hin und zeigt euch den Priestern", das ist aus dem Munde Jesu, als wenn man eine Minute in vollem Sonnenglanz gestanden hätte. Und nun muß man zu einem armseligen Lichtlein wandern. An der einen reinen Quelle möchte man seinen ganzen Durst stillen. Und wird weg geschickt zu allerlei abgeleiteten Brunnen.

Und doch gehen sie alle hin. War ihr Glaube denn so groß? Vielleicht war eher die Not so groß und unheilbar, dass sie nichts unversucht lassen wollten. Gingen sie voller Zweifel? Ich denke, sie gingen voller Hoffnung und Erwartung. Mit dem leisen Gelübde: Jesus, wenn du mein Flehen erhörst, wenn auch auf so seltsamen Wege. Dann soll dir in Zukunft mein Leben gehören. Dann will ich dir folgen, egal wohin.

So eilen sie zum Priester. Und alle werden sie rein. Gott sei Lob und Dank.

Aber seltsam: Von dem Tage an, wo man erwarten sollte, daß ihr Leben aufblüht in gemeinsamer Freundschaft auf Grund der Erfahrung gemeinsam erfahrener Hilfe, tritt eine große Erkaltung ein. An diesem Tag scheiden sich die Geister.

So ist das halt, könnten wir sagen. Undank ist der Welt Lohn. 9 zu 1 für den Undank. Aber hier geht es um tieferes: Nur einer kehrte um. Ihn rettete der Glaube, die andern gingen durch ihren Unglauben ewig verloren, obwohl sie vorübergehend Rettung erfahren hatten.

Was wurde aus den anderen?

Der erste saß in der Küche und trank Kaffee im Kreis der Familie. Er sagte sich: Dazu hat Jesus mich ja geheilt, damit ich wieder zu den meinen kann. Bei ihm bedanken kann ich mich später. Hat er dann leider vergessen.

Der zweite saß vorm Fernseher. Seit Jahren keine Information, was in der Weltpolitik und an Pornos im Spätprogramm läuft. Ich muss erst mal nachholen, was ich versäumt habe, sagt er sich. Alles andere muss warten.

Der dritte sagte: Gewiss wollte ich Jesus danken, aber doch nicht zugleich mit diesem Samariter. Ehe ich jedoch einen Boten fand, war Jesus schon weiter gegangen.

Der vierte saß auf dem hohen Ross. Gebete erhören und heilen, dazu ist der liebe Gott schließlich da. Für Selbstverständlichkeiten braucht man sich wohl nicht extra bedanken.

Der fünfte sagte: Wirklich, ich wollte ihm danken. Aber die meisten kehrten nicht um. Und ich folge immer der Mehrheit.

Der sechste war schon mit einem Präsentkorb unterwegs, als ihn seine Kumpels erwischten. Sie johlten: Sag bloß, du bist jetzt fromm geworden! Da kriegte er einen roten Kopf, ging mit ihnen in die Kneipe und spendierte eine Runde.

Der siebte sagte sich: Jesus sieht das Herz an, da muss man nicht viele Worte machen.

Der achte sagte: Wenn ich mir´s genau überlege, Jesus hat doch überhaupt nichts gemacht. Dass ich grad an dem Tag gesund wurde, wo ich ein Stoßgebet losgelassen habe, war reiner Zufall.

Der neunte hatte einen Bruder beim Verfassungsschutz. Der sagte: Ich verrate dir was, das musst du für dich behalten. In geheimer Sitzung wurde wurde beschlossen, diesem Jesus den Prozess zu machen. Damit du dir deine Zukunft nicht verbaust, rate ich dir: Kein öffentlichen Dankesbezeugungen gegenüber diesem Mann.

Der Samariter aber kam. Es hatte ihn Überwindung gekostet. Zum Glauben wie zum Danken müssen wir uns immer wieder entschließen. Da wir von Natur aus kleingläubig und undankbar sind, müssen wir beides einüben. Wir müssen eine Umkehr von unserer natürlichen Veranlagung willentlich herbeiführen, wie es heißt: "Einer aber unter ihnen kehrte um."

Und doch geht es nicht um Anstand. Es geht nicht um moralische Artigkeit Gott gegenüber. So wie wir als Kind danke sagen mussten für die Schokolade von Tante Frieda, auch wenn sie, weil zartbitter, nicht schmeckte. Es geht nicht um Moral, es geht um Glauben. Es geht darum, dass unser erster Weg, kaum dass der Tag angebrochen ist, uns ins Gespräch mit Gott führt.

So wie mich damals nach den 2 Wochen Klinik wieder am Heimatort, 50km entfernt, der Weg nicht nach Hause führte. Sondern zum Pfarrhaus des Kollegen. Der mir mitsamt den Kirchenvorstehern die Hände aufgelegt hatte in der Sakristei am Sonntag vor dem Operationstermin. Wie in Jakobus 5 empfohlen: „Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten. Und wenn er Sünden getan hat, so wird ihm vergeben werden.“

Also ich klingle am Pfarrhaus, der Kollege macht auf, grinst und sagt: „Sag bloß, du kommst direkt aus der Klinik? Recht so! Geht hin und zeigt euch den Priestern!“

So bleibt uns jener dankbare Samariter Vorbild und Herausforderung. Dass wir Gott die Ehre geben. Selbst wenn einem anders zumute ist. Wenn man eigentlich NICHT danke sagen kann. Zur Krankheit. Zu augenblicklichen Krise. Zu der mich überfordernden Situation. Aber ich gebe ihm die Ehre und sage: Herr, du weißt den rechten Weg für mich. Ich stelle mich weiter zu dir und zu deinem Bodenpersonal. Neun von 10 mögen es nicht fertig bringen. Ich will es tun. Du hast die Macht und hast den deinen Vollmacht gegeben. Du hilfst durch wen auch immer. Dir allein gebührt Lob und Ehre und Dank. Amen.

drucken