Ewiges Leben trotz irdischem Tod

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Liebe Gemeinde,

So ganz selbstverständlich leben wir. Wir gehen in die Schule, zur Arbeit. Wir trainieren in Sportvereinen oder besuchen die Kirche. Wir fiebern dem nächsten Urlaub entgegen und zählen die Tage: Ganz selbstverständlich leben wir. Wir fragen nicht, warum wir leben, höchstens mal in einer stillen Minute. Wir fragen nicht danach, denn: Wir leben einfach.
Doch unser Leben ist begrenzt. Gerne hören wir das nicht; das Thema „Tod“ schieben wir beiseite. Wer weiss, was dann kommt, was dann ist.
Und doch gehört es zum Wesenszug unseres Glaubens, unserer Religion, sich Gedanken über den Tod zu machen. Wir haben das Kreuz als das Zeichen des Christentums: Ein Marter- und Todeswerkzeug. Christus, den wir als Gott ansehen, ist gestorben. Und auch in unserem Alltag ist der Tod gegenwärtig. Da sterben Flüchtlinge auf dem Mittelmeer, aber die sind weit weg. Das sterben Menschen aus dem Katharina-von-Bora-Seniorenwohnhaus, aber die waren alt. Aber es sterben auch Menschen wie Du und ich: Unser Nachbar, ein Freund, ein Kind, ein enger Verwandter. Und plötzlich ist der Tod uns ganz nah, beunruhigt er uns. Und wir fragen uns: Wann wir er mich treffen? Und was wird dann sein?

Maria und Martha sind bekannte Schwestern aus dem Neuen Testament. Sie gehören zu dem Jüngerkreis um Jesus herum: Nicht zu den Zwölfen, die mit Jesus mitziehen, aber zum erweiterten Kreis. Immer, wenn Jesus nach Bethanien kommt, kehrt er bei ihnen ein. Und sie lauschen seinen Worten und werden für ihren Alltag gestärkt. Ja, es ist schön, Jesus zuzuhören. Aber vieles bleibt dennoch graue Theorie. Wenn Jesus über das Reich Gottes spricht, dann bemüht er deshalb Vergleiche aus der Umwelt, die jeder versteht. Er vergleicht das Reich Gottes mit einem Schatz, den man entdecken kann, mit einer Pflanze, die groß und mächtig wird. Es sind schöne Vergleiche, die Jesus da erzählt, und sie machen das Reich Gottes etwas fassbarer. Aber letztlich bleibt es doch Theorie. Denn niemand hat die Erfahrung, hat vom Reich Gottes aus die Todesgrenze in umgekehrter Richtung überwunden und von seinen Erlebnissen dort berichten können. Aber zumindest in Theorie wissen wir darüber Bescheid.

Doch nun kommt der Glaube ins Schwanken. Lazarus, der Bruder von Maria und Martha, ist ganz plötzlich gestorben. Und nun brechen bei den beiden Jüngerinnen Fragen auf, die alle schönen Gleichnisse Jesu eben doch nicht so ganz beantworten können. Als Jesus dann endlich kommt, nach vier langen, vier quälend langen Tagen, entlädt sich die Trauer Marthas über ihn mit den Worten: „Wärest Du doch dagewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben!“

Bisher habe ich da immer einen Vorwurf heraus gehört. Ich habe in Marthas Ausruf diesen Satz gehört: „Warum bist du nicht rechtzeitig gekommen? War Dir Lazarus wohl nicht so wichtig? Sonst hättest du nicht so getrödelt, sondern wärest rechtzeitig gekommen, um ihn zu retten!“
Man kann Martha aber auch anders verstehen. Sie sagt: „Schade, dass Du nicht eher kommen konntest. Denn ich weiß: Wenn Du dagewesen wärest, als Lazarus noch lebte, dann wäre er bestimmt nicht gestorben! Denn Du hättest ihn retten können!“
In meinen Augen ist das überhaupt der Schlüsselsatz, um diese Geschichte richtig zu verstehen. Was hat Martha denn erwartet? Ich weiß nicht, wie alt Lazarus war, ich vermute mal so um die dreißig Jahre. Ein möglicherweise noch langes Leben lag noch vor ihm. Er hätte durchaus 70 oder 80 Jahre alt werden können. Und dann? Wenn dann der Tod eingetreten wäre? Hätte auch dann Jesus rechtzeitig zur Stelle sein müssen, um ihn zu retten?

Zugespitzt sage ich es so, wie ich es manchmal höre: „Wenn Jesus uns wirklich lieben würde, würde er uns weder leiden noch sterben lassen!“
Doch den Tod in unserer Welt können wir nicht wegdiskutieren. Deshalb müssen wir unseren Horizont erweitern, wie Jesus Marthas Horizont erweitert hat. Denn Martha denkt nur an die Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag. Das glauben auch die Juden. Der Glauben der Christusjünger geht jedoch darüber hinaus. Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben!“
Uns heute ist klar: Mit „Leben“ muss Jesus etwas anderes meinen als unser irdisches Leben. Mit Leben meint er unser umfassendes Dasein, das über den Tod hinausreicht. Die Auferstehung, die das irdische Leben fortsetzt, kommt nicht automatisch am Jüngsten Tag, sondern wird uns persönlich von Gott, von Jesus Christus zugesprochen.

Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben!“
Es hört sich wie ein Widerspruch in sich selbst an, solange man das Wort „Leben“ nicht differenziert. Was Jesus eigentlich sagt, ist dieses: „Ich bin die Auferstehung und das ewige Leben. Wer an mich glaubt, der wird das ewige Leben haben, auch wenn er das irdische Leben durch den Tod verliert; und wer da das ewige Leben hat und glaubt an mich, der wird nimmermehr den ewigen Tod erleiden müssen!“

Sterben müssen wir also trotzdem, und es erklärt sich, warum wir den irdischen Tod nicht ausblenden können. Doch dieser irdische Tod hat eben nicht mehr diese Macht, wenn wir an das ewige Leben Jesu Christi denken. Das wird wohl auch Martha klar, als sie die Worte Jesu hört. Und so antwortet sie ihm mit einem Christusbekenntnis, das Zutrauen zu ihm ausdrückt: „Herr, ich glaube, dass Du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.“
Nichtsdestotrotz ist sie immer noch traurig – vielleicht auch verwirrt. Jesus spürt das. Und die Geschichte geht dieses eine Mal weiter:

Da hoben sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: „Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich weiß, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.“
Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“
Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: „Löst die Binden und lasst ihn gehen!“
Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.

Es war einmalig, dass Jesus einen Menschen von den Toten erweckt hat. Diese Totenauferstehung war nicht das Ende. Denn Lazarus ist mit Sicherheit nach einigen Jahren wieder gestorben. Den Tod, den irdischen Tod, können wir also nicht wegdiskutieren. Doch wir wissen, er wird aufgehoben werden in dem ewigen Leben und der Auferstehung, die Christus selbst ist.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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