Halbtot, traumatisiert, aber von einem Fremden gerettet.

Liebe Gottesdienst-Gemeinde,
wie oft hören wir von Menschen, die "traumatisiert" wurden, seelisch verletzt nach einem schrecklichen Erlebnis, nach Erfahrungen von Gewalt oder Krieg, von Flucht oder Vertreibung, nach einem Verkehrsunfall oder dem plötzlichen Tod eines lieben Menschen, traumatisiert, weil die Seele auch so verletzbar ist wie unser Körper, weil unsere Seele bluten kann.

Als wäre es eine normale Nachricht aus dem Radio, hören wir heute im Evangelium von der schrecklichen, traumatisierenden Erfahrung eines Menschen. Und wir hören gleichzeitig, wie diesem Mensch unerwartet von einem Fremden geholfen wird.

Die ganze Geschichte beginnt, nachdem Jesus von einem Schriftgelehrten auf die Probe gestellt wird. Er soll eine Art "Probepredigt" halten unter der Fragestellung: "Was ist das wichtigste im ganzen Leben? Was ist der höchste Maßstab meines Handelns? Wie führe ich mein Leben sinnvoll, gottgemäß und mit Blick auf das ewige Leben?"

Zunächst stellt Jesus etwas klar: "Du weißt es eigentlich selbst! Du hast alles, was du für die Antwort auf deine Frage brauchst: Lies die Heilige Schrift!" Jesus nimmt ihn als Gelehrten sehr ernst. Er traut ihm zu, seine Antwort selbst zu finden.
"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst." Der Gelehrte ist auf dem richtigen Weg, doch er kommt nicht weiter, er ist mit seinem Latein am Ende. Die Antwort geht ihm leicht über die Lippen, wie das Jawort der Eltern bei der Taufe ihres Kindes, wie das Jawort eines Konfirmanden bei der Konfirmation, wie das Jawort bei einer Eheschließung. Leichter gesagt als getan. Das entsprechende Handeln fällt schwer.

Der Gelehrte will Jesus weiter herausfordern: "Wer ist denn mein Nächster? Wer ist mein Gegenüber, dem ich mich in Liebe zuwenden soll?" Jetzt erst beginnt Jesus mit seiner Art zu predigen. Er erzählt. Aber es ist nicht diese allseits so bekannte "Geschichte vom barmherzigen Samariter". Jesus predigt nicht, um den Schriftgelehrten zur Liebe aufzufordern: "So wie jener Samariter sollst auch du dich selbstlos für andere aufopfern." Nein, liebe Schwestern und Brüder! Christus ist nicht in die Welt gekommen, um die alttestamentliche Forderung zur Nächstenliebe zu erneuern. Christus fordert nicht, Gott sei Dank!

Jesus antwortet auf die Frage nach dem Nächsten mit einer Erzählung. Die Hauptperson ist ein Mensch, einer, der den Weg von Jerusalem nach Jericho hinab ging und dabei unter die Räuber fiel, dem das halbe Leben geraubt wurde und dem sein Ende, sein Tod deutlich vor Augen stand.

Jesus erzählt. Er will dem Gelehrten sagen: "Versetz‘ dich in diesen Menschen, der unter die Räuber fiel. Er macht schreckliches durch ….
Doch dann erlebt er etwas überraschendes, etwas, das ihn von Grund auf verändert. Für ihn ist das ein Schlüsselerlebnis. Dieser Mensch hat die entscheidende Erfahrung gemacht, wer ihm plötzlich ganz nahe war, wer ihm zum Nächsten wurde. Dieser Mensch hat erlebt, wer sein Nächster ist. Denn in der Todesnot hat er Liebe, ja, Gottesliebe erfahren. Meine Erzählung soll dir helfen. Und du wirst selbst auch erkennen, wer dein Nächster ist."

Ich möchte Jesus dabei folgen. Ich möchte von Menschen erzählen, denen es ähnlich ergangen ist, Menschen mit einem Trauma, Menschen, die sich ebenso verloren, beraubt und "halbtot" gefühlt haben. Dieses merkwürdige Wort "halbtot" begegnet uns übrigens in der ganzen Bibel nur an dieser Stelle.

Da ist jemand, der einfach nicht damit fertig wurde, dass er seine Heimat verloren hatte: "Hab und Gut musste ich verlassen. Alles hatte ich verloren. Das war mein Trauma. Vor allem, wenn ich die jungen Leute sah, dann merkte ich, dass man mich meiner Jugend beraubt hatte. Die können heute dankbar sein, dass sie eine Jugend haben, aber mir fehlt dieser Teil meines Lebens. Ich hatte immer wieder darüber sprechen müssen, auch mit einem Pastor, aber die Wunden blieben. Wo es mir wehtat, schien niemand zu spüren. Erst vor kurzem hatte mich meine Enkeltochter angesprochen: Du siehst ja so traurig aus, ist jemand gestorben? Da merkte ich zum erstenmal: Es war Trauer, es war der Schmerz über eine ungelebte Jugend. Und zur Trauer gehört: Abschied nehmen, loslassen lernen, den Tod meiner Jugend annehmen. Jetzt bin ich dankbar. Mein Enkelkind ist mir zum helfenden Engel geworden."

Da gibt es jemand, der sich seines halben Lebens beraubt fühlte: "Ich habe einen lieben Menschen verloren. Warum musste er so krank werden. Zu spät erkannte ich, was er mir bedeutet hat und wie beraubt ich mich fühlte. Ja, erst im nachhinein merkte ich, wie sehr ich an ihm gehangen habe. Das tat weh. Es schmerzte wie eine Wunde. Ich wollte allein damit fertig werden, bis ich auf dem Friedhof meine Nachbarin traf. Sie weinte. Sie hatte etwas ähnliches durchmachen müssen. Und da fühlte ich mich ihr ganz nahe. Es tat mir gut, einem Menschen zu begegnen, dem es auch so ergangen war, und der sich mir öffnete. Jetzt bin ich dankbar, dass ich sie getroffen habe. Jetzt fühle ich mich nicht mehr beraubt, sondern neu beschenkt."

Und da ist jemand, der sich halbtot fühlt, und der von sich sagt: "Ich habe die Beziehung zu meinem Ehepartner verloren. Ich weiß, dass Mann und Frau wie zwei Hälften sind, die Gott einmal zusammengefügt hat. Aber jetzt merke ich, trotz Ehetherapie, dass wir nur noch nebeneinander her leben. Wie soll es weitergehen, mein Gott, wenn ich keine Liebe mehr spüre, wenn unsere Liebe zueinander erloschen ist? Ich fühle mich echter Liebe und tiefer Freude beraubt! Ich bin so verzweifelt wie noch nie in meinem Leben. Ja, ich fühle mich halbtot! Es tut weh! Wer kann mir helfen: der unverheiratete Priester, der die eheliche Liebe nicht kennt? Oder der Moralapostel, der mir die Leviten lesen will und mich auffordert, alles zu tun, um die Ehe zu retten? Ich weiß doch, dass es auch an mir liegt. Und das tut weh! Aber anscheinend bleibe ich mit meinem Schmerz allein, wie jener Mensch, der auf dem Wege halbtot liegen blieb, und der in seiner Not vielleicht nur noch beten konnte: "Mein Gott, wecke in uns deine Kraft, hilf mir Halbtotem, schenke mir die Flamme deiner Liebe, die zwischen uns erloschen ist."

"Halbtot", das ist das Stichwort für die eine Seite der Erzählung Jesu. Aber dann fährt er die andere Seite aus. "Ewig lebendig" bleibt das Wesen jenes Samariters. Was erfahren wir über den, der die Liebe Gottes verkörpert und die Barmherzigkeit tut. Was ist das für ein Mensch, der dem Halbtoten zum Gegenüber, zum Nächsten wird?
Priester, Levit und Samariter kennen das Gebot der Liebe. Alle verbindet der Glaube an den einen Herrn, den Ewigen. Gegenüber den Samaritern, der Bevölkerung in Samaria, bestanden allerdings Spannungen. Die Samariter wurden als Abtrünnige, als Sektierer betrachtet. Sie hatten ihr eigenes Heiligtum und galten als römerfreundlich.
Jesus beschreibt den Unterschied dieses Samariter zum jüdischen Priester und Leviten sehr genau:

1) Zunächst jammerte ihn der Verwundete. Das Wort, das im Griechischen sein Empfinden ausdrückt, verweist auf die Eingeweide, das Herz, den Sitz der Gefühle. Dort bewegt es den Samariter. Da spürt er etwas. Er fühlt sich dem Halbtoten nahe, empfindet dessen Schmerzen in seinem Leib oder wie wir sagen würden: Es geht ihm an die Nieren. Er jammerte ihn, wie Jesus die Witwe jammerte, die um ihren Sohn trauerte. Und dann holte er den Jüngling von Nain zurück ins Leben. Dieser Jammer kommt von innen, wie die Tränen der Nachbarin auf dem Friedhof. Dieser Jammer bricht die verschlossene Trauer auf. Diese Liebe spürt man körperlich.

2) Der Samariter geht zu ihm und gießt Öl und Wein, Zeichen des Heils und der Freude auf seine Wunden und verbindet sie. Das Wort "Wunde" wird im Griechischen mit dem im Neuen Testament einmaligen und hier besonders passenden Wort "Trauma" beschrieben. Er scheut sich nicht, das Trauma, die Wunden anzuschauen und sich dem Schmerz zuzuwenden. Er verdrängt nichts, sondern wagt mutig, mit Öl und Wein zur Heilung beizutragen. Wie die Enkeltochter das Trauma spürt und offenherzig anspricht. Ihre Worte wirken wie Öl und Wein. Diese Liebe heilt Wunden.

3) Dem Wirt in der Herberge sagt er: "Pflege ihn, und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen." Er gibt freiwillig von dem, was er hat. In seinem Mitgefühl wendet er sich dem Verwundeten ganz zu, mit ganzem Herzen, ganzer Seele, allen Kräften und ganzem Gemüt.
Diese Liebe teilt und gibt sich selbst freiwillig hin. In dieser Liebe strömt ewiges Leben und wird Gottes Heil körperlich erfahren. Jetzt wird selbst dem Schriftgelehrten einleuchten, wer der Nächste ist für jenen, der unter die Räuber gefallen war.

Ich komme zum Schluss: Das alttestamentliche Gebot der Nächstenliebe bekommt im Munde Jesu mit dieser Erzählung einen neuen Sinn: "Liebe ist zuerst ein Geschenk. Liebe den Menschen, der dir zum Nächsten, zum Samariter geworden ist, dessen Liebe du am eigenen Leibe erfahren hast, dessen Zuwendung deine Wunden heilt und der sich ganz und gar für dich hingibt. Durch ihn empfängst du, wonach du dich sehnst. Durch ihn wird die Liebe in dir erweckt. Aus Dankbarkeit wirst du weitergeben können, was du empfangen hast. So wandelt sich auch dein Wesen in das eines Samariters für andere."
Damit weist Jesus auf seine eigene Person. Wir erkennen, dass die Erzählung Jesu vom Menschen, der unter die Räuber fiel, die Lebensgeschichte des Sohnes Gottes wiederspiegelt. Er war nicht nur halbtot, sondern gänzlich seines Lebens beraubt. Seine größte Wunde wird ihm am Kreuz geschlagen. Jesu Trauma ist der Hass derjenigen, die ihn aus der Welt schaffen wollen.
Und der ihm zum Nächsten, zum Retter, zum Samariter wurde, war Gott, der Vater, der ihn mit dem Atem ewigen Lebens gesalbt hat.
So fließen in der Person Jesu die Liebe zum Nächsten und die Gottesliebe zusammen. Aus der Kraft, die er empfangen hat, konnte er sein Leben hingeben. Und die bittere Erfahrung des Todes am Kreuz eröffnete die heilende Erfahrung ewigen Lebens.

Dazu ist Christus in die Welt gekommen: Damit wir unseren Samariter, unseren Christus erfahren und von seinem Wesen Heil und Freude empfangen. Dann wird unser halbtotes Wesen verwandelt. Dann werden wir anderen zu einem Samariter, zu einem Christus.
Amen.

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