Der zweite Blick oder was es heißt ein Nächster zu werden

Im allgemeinen machte sie gute Miene zum eher traurigen Spiel. Sie lächelte und hörte sich die Geschichten an, als hörte sie sie zum ersten Mal. Sie zeigte Interesse, obwohl sie eigentlich schon jede Wendung kannte, bestenfalls staunte sie noch, wenn es mal ein unbekanntes, neues oder doch arg übertriebenes Element in der Erzählung gab. Aber das war eher selten…Eigentlich konnte sie im Stillen mitreden.
Immer die gleiche Leier?
Vielleicht lag es ja nur am Alter…
Man sagt ja, dass ältere Menschen dazu neigen, sich in die Erinnerung der immer gleichen Geschichten zurückzuziehen. Und habe ich nicht auch schon manchmal in den Augen meiner Kinder gelesen: das hast du mehr als einmal erzählt?
Aber sie hatte auch gelesen, dass man bei Menschen, die langsam ihr Gedächtnis verlieren und damit selbst verloren gehen, damit rechnen muss, dass sie die gleichen Fragen stellen und die gleichen Dinge erzählen, ohne sich daran erinnern zu können. Und dann ist das Interesse und das Verständnis der Angehörigen wichtig.
Aber es bleibt die Gefahr, dass ich bei den schon so oft gehörten und erzählten Geschichten nur denke: bitte nicht schon wieder…. das kennen wir alles schon, das hatten wir alles schon, da kommt doch nichts neues mehr…
Im Gottesdienst wird jede Geschichte, wenn man sich an den Leseordungen orientiert, in der Regel nur einmal im Jahr gelesen und erzählt. Das schafft Vertrautheit und nicht gleich Überdruss. Dazu ist dann ein Jahr lang genug.
Und gerade bei vertrauten Geschichten und Erzählungen kann ich dann, wenn ich mich auf das Hören einlasse, im Vertrauten und Bekannten überraschend neues entdecken, eben einmal aus einer ganz ungewohnten Perspektive auf das Liebgewordene oder Fremdgebliebene geschaut.
Dazu muss ich aber den inflationären Gebrauch auf von biblischen Geschichten, die immer für alles herhalten müssen, vermeiden.
In der Skala der Erzählungen rangiert das Evangelium dieses Tages kurz nach den Weihnachtsgeschichten wohl ganz weit oben in der Beliebtheitsskala und muss deswegen davor geschützt werden Spitzenreiter in der Beliebigkeitsskala zu werden.
Denn das Gleichnis vom barmherzigen Smariter muss immer wieder für vieles herhalten.
Er ist Namensgeber geworden für so vieles.
Vom Arbeitersamariterbund bis zur Umschreibung von allen sozialen und caritativen Unterstützungen als Samariterdienste hat er Einzug gehalten in den Sprachgebrauch auch einer Gesellschaft, die seinen Ursprung womöglich gar nicht mehr kennt.
Und suchen wir nach biblischen Legimitationstexten, landen wir oft beim barmherzigen Samariter…
Denn die Essenz dieses Gleichnisses von Nächstenliebe kann ja wohl keiner in Frage stellen.
Es lohnt sich auf jeden Fall nicht gleich in den Reflex zu verfallen: bitte nicht schon wieder, hatten wir doch gerade erst.
Ja wir hatten es gerade erst wieder und wir brauchen es gerade wieder, dieses Gleichnis mit seinem Apell, sich die Frage nach dem Nächsten nicht zu einfach zu machen.
Die einfachen Antworten lauten nämlich: Arme und Hilfsbedürftige gibt es doch auch unter uns Deutschen schon genug.
Ich höre diesen Satz von Menschen, deren Gesichter man nicht zeigen will im Fernsehen in Dresden und Heidenau, könnte ihn aber genauso bei uns hören, so wie neulich in einem erschreckenden Youtube Video in Zehdenick ausgesprochen von einer Frau aus Gransee immer unter der Überschrift: das muss man doch endlich einmal sagen dürfen.
Ja, Arme und Hilfsbedürftige gibts bei uns. Das ist unbestritten, auch wenn man sich dann über den Begriff der Hilfsbedürftigkeit streiten kann. Wir haben ein umfangreiches Sozialsystem, das Menschen in Not eine Vielzahl von Hilfsangeboten macht. Manchen kann es damit helfen, manche können sich damit arrangieren, auch gut einrichten, andere leiden darunter, weil sie aus der Spirale der Abhängigleit und Fürsorge auch nach langer beruflicher und wirtschaftlicher Eigenständigeit nicht herauskommen. Wie Hilfe und Hilfe zur Selbsthilfe aussehen muss und kann, um Menschenwürde zu achten, aber Eigeniinitiative auch zu fördern, darüber lohnt auch der politische Streit und da können sich die Kirchen mit ihrer sozialpolitischen Erfahrung und Kompetenz gut einbringen.
Aber ich darf die Not der einen nicht gegen die Hilfsbedürftigkeit der anderen ausspielen. Der Begriff des Nächsten zielt eben nicht auf den, der mir eh schon nahesteht! Da zu helfen, da zu lieben, da einzustehen, sich zu engagieren, da zu teilen, liegt nahe.
Ich würde die Bitte meiner Kinder in einer Notlage auszuhelfen, finanziell unter die Arme zu greifen, ein Dach über den Kopf zu gewähren, doch nicht unter „Sozialhilfe“ verbuchen.
Aber den Fremden, mir Fernstehenden, Unbekannten, dem Anderen in seiner Notlage zu begegnen und nicht die Augen vor ihnen zu verschließen, das ist eine Herausforderung.
Eine durchaus bekannte Sängerin sagte vorgestern mit Blick auf die Auseinandersetzungen in Heidenau: ich war auch Flüchtling vor 1989 und ich habe keinen Krieg in meinem Land gehabt und ich habe keine wirtschaftliche Not gehabt und bin dennoch geflohen, weil ich in Freiheit und Wohlstand leben wollte.
Mir geht bei aller berechtigten Unterscheidung die Sortierung in Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge manchmal zu schnell, auch weil Krieg nur das eine furchtbare Gesicht der globalen Ungerechtigkeit ist, wirtschaftliche Ungleichheit weltweit dagegen das andere. Die Armut der einen hat sehr viel mit dem Reichtum der anderen zu tun und kann uns von daher nicht unberührt lassen.
Aber zurück zur biblischen Geschichte.
Mir neben diese grundsätzlichen Frage nach denen, die uns als Nächste aufgegeben sind, zwei Beobachtungen heute wichtig.
Die eine bleibt ganz nah bei den bisherigen Beobachtungen und lenkt doch den Blick ein wenig in eine andere Richtung.
Wir fragen: wem können oder müssen wir mehr helfen? Der armen Rentnerin in einem kleinen brnadenburgischen Dorf, dem bosnischen Familienvater der als Roma in seiner Heimat nicht wirklich eine Chance hat, aber eben „nur“ Wirtschaftsflüchtling ist oder dem syrischen und/afghanischen Kriegsflüchtling.
Jesus fragt aber nicht: wer ist mein Nächster? Denn damit werfe ich ja nur einen Blick auf andere, beschreibe, wie ich mein gegenüber wahrnehme oder sehe, welche Urteile ich über ihn fälle und wie ich in einsortiere.
Jesus fragt: wer ist dem, der unter die Räuber gefallen ist, ein Nächster geworden?
Das ist eine nur geringfügige, aber entscheidende Perspektivänderung, weil sie vom abschätzenden Blick umlenkt hin zur not-wendigen Aktvität meinerseits: was habe ich wem getan, um seine Not nicht nur zu sehen, sondern zu lindern? Wem habe ich mich aktiv als Nächster zu erkennen gegeben, gerade da wo es nicht selbstverständlich ist. Es ist nicht der Priester und nicht der Levit, es ist der Samariter, der Quasiausländer, der Ausgegrenzte, abschätzig Gehandelte, der die Not richtig einschätzt und handelt mit erster Hilfe und danach mit dem nötigen materiellen Einsatz.
Es ist also an der Zeit, dass wir nicht darüber streiten, wer unsere Hilfe wirklich verdient, sondern, dass wir Nächste werden durch Tat und Wort, durch Einsatz und politisches und wirtschaftliches Engagement weltweit. Nächster werden heißt ja gerade Grenzen zu überschreiten, weil es mehr ist als für den da zu sein, dem ich schon Nächster bin.
Um es deutlich zu sagen: ich kann nicht Christ sein und innerlich mit den Protesten und Ausschreitungen gegen Menschen aus aller Welt, die momentan bei uns Zuflucht suchen, sympathisieren. Es ist geboten denen, die im Leben, durch Kriege oder durch Ungerechtigkeiten unter die Räder gekommen sind, unter die Arme zu greifen und in einem ersten Schritt zu tun, was jetzt getan werden muss: sie aufnehmen, ihnen ein Dach über dem Kopf zu geben und sie zu schützen.
Dann ist es, und das ist meine zweite Beobachtung, weil ich ja nicht alles alleine bewältigen kann, ebenso geboten, wenn ich weiterziehen und mich um meinen Lebensalltag kümmern muss, die Vorraussetzungen dafür zu schaffen, dass die notwenige Unterstützung weiterhin professionell geleistet werden kann.
Der Samariter lässt dem Wirt in der Herberge Geld da und verspricht im Falle eines Falles mehr, wenn es denn nötig ist.
Wir können als Einzelne im Einzelfall helfen, mit Sach- und Geldspenden, mit Zeit und ehrenamtlichem Engagement und dann aber auch als Gesellschaft aus dem Überfluss schöpfen und für alle gleichermaßen für gerechte Verhältnisse sorgen und zugleich Fluchtursachen und wirtschaftliche Ungleichgewichte entschieden bekämpfen.
Von Brot für die Welt über Misereor oder der Diakonie Katastrophenhilfe bis hin zu den Partnerschaften von Kirchenkreisen und Kirchengemeinden in Ländern mit Entwicklungsbedarf gibt es da eine große Zahl von Anknüpfungspunkten und abrufbarem Erfahrungswissen.
Der, der Barmherzigkeit an ihm tat, ist dem unter die Räuber gefallenen der Nächste geworden…
Und Jesus endet: So geh hin und tu desgleichen!

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