Distance und Nähe – der barmherzige Samariter

Wer ist mir nah? Wer ist denn mein Nächster, diese Diskussion der beiden Toragelehrten – Jesus und der Schriftgelehrte – hat etwas mit Nähe zu tun. Wer ist mir nah, das ist die Kernfrage der Geschichte.
Zunächst geht es um räumliche Nähe. Wer wohnt auf meiner Etage, im Nachbarhaus, mit wem sitze ich in der Schule auf einer Bank oder in der Klasse, wer arbeitet in meinem Team? Davon hängt ab, ob wir uns in unserem Umfeld wohlfühlen. Die meisten Schulanfänger_innen , die morgen in die Schule kommen, hat sehr beschäftigt, neben wem sie wohl sitzen werden. Sie haben sich das immer wieder gefragt, weil es für sie wesentlich ist.
Räumliche Nähe können wir uns nur bedingt aussuchen. Wer in eine neue Wohnung ziehen will, erkundigt sich zunächst nach Größe, Preis, Ausstattung und einem sauberen, ansprechenden Umfeld. Ob sich die Nachbarn tatsächlich als freundlich herausstellen, zeigt sich im Laufe der Jahre. Auch auf der Arbeit können wir uns die Kolleginnen und Kollegen nicht auswählen, sondern müssen uns mit ihnen arrangieren. Aber von ihnen hängt entscheidend ab, ob wir morgens gern zur Arbeit gehen oder ob es uns graut. Selbst Mobbingopfer halten erst nach einer andern Stelle Ausschau, wenn es gar nicht mehr geht. Wer neben mir steht, sitzt, wohnt, arbeitet, das ist alles andere als egal. Und als Sie vor einer halben Stunde in die Kirche gekommen sind, haben Sie auch geschaut, zu wem Sie in die Bank gerutscht sind.

Wer ist mir nah, das gilt auch im übertragenen Sinn. Wer steht mir nah? Mit wem bin ich gern zusammen? Welche Menschen setzen in mir neue Energie, Gedanken, Gefühle frei, allein durch ihre Gegenwart?
Kann ich Nähe zulassen? oder besser: wie weit kann ich Nähe zulassen?
Und zu wem gehe ich auf Distance? Wann rücke ich ab von einem Menschen, wann werden mir Anwesenheit, Gespräche, Einstellungen zu viel? Wann brauche ich Abstand?
Wer ist mein Nächster? Wer ist meine Nächste? Wir haben ein unterschiedliches Bedürfnis nach Nähe und Distance. Wir spüren es auch unterschiedlich, es ändert sich auch im Laufe einer Beziehung (Zeit), und beide Seiten nehmen es unterschiedlich wahr. Wer mir nahe ist, dem oder der muß ich mich noch lange nicht nahe fühlen und umgekehrt.

In einer Partnerschaft kann es ein Zeichen der Entfremdung sein, wenn die Wahrnehmung, wie nah sich beide sind, sehr auseinanderklafft. Männer wundern sich, daß Frauen sich innerlich gelöst haben, weil sie es für sich gar nicht so festgestellt haben. Auch bei enttäuschter Liebe fühlt sich die eine Seite der anderen näher als umgekehrt. Wenn der Flirtversuch nicht geklappt hat und ein junger Mann einen Korb bekommt, tut das natürlich weh. Und wenn er das nicht wahrhaben will und es immer wieder versucht, achtet er seine Angebetete – oder seine Ex – nicht, sondern bedrängt und vereinnahmt sie, bis hin zum Stalking.

Das Empfinden von Distance und Nähe ist nicht zuletzt kulturell bedingt. Wann Menschen sich wie nahe sein können, wie sie das ausdrücken, woran sie Nähe und Distance erkennen, das haben sie aus ihrer Umgebung gelernt. Sie bekommen es in ihrer Familie, im Kindergarten, in ihrer sozialen Schicht, in ihrer Kultur und Subkultur mit. Ihr Empfinden dafür entwickelt und verändert sich im Laufe des Lebens.

Bei der Geschichte vom barmherzigen Samariter fällt mir der Wechsel von Nähe und Distance innerhalb der Erzählung auf. Der Samariter kommt dem Überfallen körperlich zunächst ganz nah. Er sieht ihn, nähert sich ihm, berührt ihn. Wenn er die Wunden mit Öl und Wein behandelt, ihn verbindet und auf sein Tier hebt, ist er ganz nah an seinem Körper. Er verläßt ihn, nachdem er ihn in die Herberge gebracht und dem Wirt übergeben hat. Er gibt die direkte Hilfe ab, wird ihm körperlich fern, auch wenn er es ist, der ihn weiterhin unterstützt.

Ein anderer Perspektivwechsel ist interessant: Wer ist der Nächste – das war der Ausgangspunkt der Diskussion der beiden Rabbis. Jesus erzählt eine Geschichte darüber, wer meine Liebe, meine Hilfe braucht, wer Hilfesuchende/r ist. Am Ende dreht Jesus die Frage um. Wer ist der Nächste dessen, der unter die Räuber gefallen ist? Der Samariter ist der Nächste, nicht der Überfallene. Der Helfer, die Helferin ist der Nächste, nicht die sogenannten Bedürftigen. Jesus wechselt die Perspektive. Bedeutet das: Die Hilfeempfangende beschenken die Helfenden?
Davon berichten oftmals Menschen, die irgendwo mithelfen, bei der Tafel, mit Flüchtlingen, in der Hospizarbeit mit Sterbenden. Wenn sie bewundert werden, wie sie das alles schaffen oder aushalten, antworten viele: Ich profitiere davon. Wenn ich mich ehrenamtlich einsetze, gibt mir das sehr viel. Wer hilft, bekommt etwas zurück, erfährt selbst Nähe, Dank und Sinn. Vielleicht sind deshalb Helferberufe so attraktiv.
Anderen helfen wollen kann aber auch Abhängigkeit schaffen, für beide Seiten. Jemanden pflegen verschafft Anerkennung und Achtung, und es verleiht auch Macht. Immer wieder verfallen Menschen der Gefahr, sich über das Helfen aufzuwerten, und gefährden sich und andere – das Helfersyndrom.

Der Samariter in der Geschichte kann sich lösen. Er bringt den Verletzten zum Wirt und bezahlt dafür zwei Denare, er übergibt ihn also in professionelle Pflege: „Pflege ihn, und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen“. Er erkennt seine Grenzen, er weiß, was er nicht mehr leisten kann an fachkundiger, langfristiger Hilfe. Er achtet sich selbst an dem Punkt, an dem er Nähe nicht weiter geben – oder auch aushalten – kann. Er übernimmt Verantwortung für den anderen, indem er Pflege organisiert. Er übernimmt Verantwortung für sich selbst, indem er weiterzieht. So brennt er nicht aus. Pflegende Angehörige kennen diese Herausforderung. Mit seiner Distance hilft der Samariter sich selbst und dem Kranken mehr, als wenn er bei ihm geblieben wäre.
Wer ist der Nächste dieses Mannes geworden, der den Räubern in die Hände gefallen war, fragt Jesus. „ Der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat“. Die Helfende wird zur Nächsten.

Im Griechischen meint plesíon (πλησίον) tatsächlich räumlich nah. Also die Person, neben der ich gerade sitze, wohne, stehe. Die Nächsten lieben beginnt damit, auf die Menschen in meiner Nähe zu schauen, in der Familie, in der Nachbarschaft, in meinem Wohnviertel. Wer braucht mich gerade jetzt, wer braucht mich hier ganz dringend? Wem bin ich jetzt nah? Nach wem sehne ich mich? Es wird nicht verlangt, sofort die ganze Welt zu retten. Es reicht, erst einmal in der Umgebung anzufangen – es wächst von ganz alleine weiter.

Gehe hin und tue desgleichen, mit dieser Aufforderung schließt Jesus. „Gehe aber auch hin u: thue desgleichen“, diesen Satz haben sich die Eheleute Mogk auf ihr Epitaph in der Jacobikirche setzen lassen, als sie 1741 im Abstand von einem Vierteljahr starben. Sie haben die Waisenhausstiftung gegründet, zusammen mit ihrem „Neffen“ Johann Heinrich Mogk *. Eigene Kinder, die ihnen hätten nahe sein und folgen können, hatten sie nicht. Aber die Kinder Sangerhausens sind ihnen zu Nächsten geworden. Sie haben von ihrem Legat profitiert, bis heute. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter war für Caspar Jacob und Maria Elisabeth Mogk Vorbild.

* Johann Heinrich Mogk (1679 – 1741) war mit dem Ehepaar Mogk zwar verwandt, aber kein direkter Neffe. „Gehe aber auch hin u: thue desgleichen“.

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