Nicht, dass sie es nicht gekonnt hätten

Nicht, dass sie es nicht gekonnt hätten. Mit einem bisschen guten Willen wäre das Problem erst gar nicht drängend geworden. Sie wurden ja immer mehr – und mehr Aufgaben hätten auch auf mehr Schultern verteilt werden können, wenn man denn gewollt hätte.
Nicht, dass sie es sich nicht hätten leisten können. Es war keine Frage der finanziellen Möglichkeiten, sondern der Bereitschaft, die drängende Not der anderen, der fremden, der ausländischen Glaubensgeschwister wahrzunehmen.
Und so wuchs eine unheilvolle Kluft zwischen hebräischen und griechischen Judenchristen, zwischen Alteingesessenen und Zugewanderten. Die Herkunft unterschied allem Anschein nach mehr als der gemeinsame Glaube verband. Zumindest fühlte man sich noch nicht verantwortlich füreinander, sondern nahm sich allem Anschein nach schlichtweg nicht zur Kenntnis – bis die Not immer drängender und die Rufe nach Abhilfe unüberhörbar wurden. Die Verantwortlichen nahmen das Problem wahr, stellten sich ihm und sorgten konstruktiv für Abhilfe, in dem sie gezielt Armenhelfer, Diakone, einsetzten. Das war ein Aufstand des Glaubens und des Anstandes, weil der Glaube verstand, was anlag und was getan werden musste.

Nicht, dass wir es nicht gekonnt hätten.
800.000 Flüchtlinge, die dieses Jahr in Deutschland erwartet werden, egal ob sie aus Kriegsgebieten oder aus einfach nur verarmten Regionen stammen, stehen im Verhältnis zu 1,6 Millionen Flüchtlingen, die in der Türkei gezählt wurden oder zu 1,5 Millionen, die es 2014 in Pakistan oder zu 1,15 Millionen im Libanon gab. 60 Millionen Menschen waren im vergangenen Jahr weltweit auf der Flucht, mehr als 38 Millionen innerhalb ihres Heimatlandes.
Nahm Schweden 2014 bezogen auf 1000 Einwohner beinahe 8 Flüchtlinge auf, Malta immerhin drei waren es in Deutschland gut zwei Flüchtlinge auf 1000 Einwohner. 95 % der Flüchtlinge aus Syrien werden anerkannt und erhalten einen Aufenthaltstatus. Dabei sind immer noch mehr als 7 Millionen Syrer innerhalb ihres Landes auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg und dem Islamischen Staat.
Es sind Christen, die vor der islamistischen Bedrohung fliehen, aber auch Muslime, die in den Augen der Terrormilizen Ketzer und damit Abtrünnige sind und verfolgt werden: Männer, Frauen und Kinder. Erschreckend groß ist die Zahl der Alten und der Kinder, die momentan an den europäischen Außengrenzen als Flüchtlinge erscheinen. Es sind Menschen, die Angst um ihr Leben haben oder einfach und endlich nur in Sicherheit und Wohlstand leben wollen.
Ja, es leben schon 10 Millionen Menschen mit Migrationserfahrung in Deutschland, davon kommen aber 70 % aus europäischen Ländern und immerhin 37,5 % aus der EU und sind viele auch hier schon geboren und aufgewachsen.
Nicht, dass wir es uns nicht hätten leisten können.
Deutschland ist die größte Wirtschaftskraft Europas und die viertgrößte der Welt. Ungeachtet der europäischen Wirtschaftskrise wächst die deutsche Wirtschaft ungebrochen. Und wir alle ahnen, dass unser eigener Wohlstand nicht losgelöst verstanden werden kann auch von der Situation in den Schwellenländern und den Entwicklungsländern. Alles hat mit allem zu tun.
Sicher ist das Schuldenproblem ein drängendes Generationsproblem, aber die wirtschaftliche Ungleichheit der Welt ebenso. Migrationsbewegungen waren schon in biblischen Zeiten immer auch wirtschaftlich beeinflusst und Flüchtlinge waren Wirtschaftsflüchtlinge…
Wir leben in den guten, fetten Jahren. Im ersten halben Jahr hat der Staat trotz aller globalen Krisen 21 Milliarden Euro Überschuss erwirtschaftet, so die offiziellen Zahlen.
Damals war es schon eine Frage der Bereitschaft, die drängende Not der anderen, der fremden, der ausländischen Glaubensgeschwister wahrzunehmen.
Sicher sind es heute nicht nur Glaubensgeschwister. Aber wie sagte dieser Tage eine einfache Frau im Interview vor der Abreise in den Sommerurlaub auf die Insel Kos und der Frage, ob sie die Flüchtlinge dort fürchtet: „Nein! Es ist doch mein Glück in diesem reichen Land und nicht in Armut in Afrika geboren zu sein. Und wir sind alle Menschen der einen Welt“.
Und dennoch brennen bei uns dringend benötigte Flüchtlingsunterkünfte. Gehen Menschen mittlerweile gewalttätig auf die Straße, verbergen nicht einmal mehr ihr Gesicht oder ihre Kinder, um Menschen auf der Flucht erneut in die Flucht zu schlagen.
Ich kann den Predigttext dieses Sonntages nicht lesen, ohne zu fragen, was uns heute wie damals der Aufstand des Glaubens, der versteht, was ansteht und getan werden muss, gebietet.
Den Aufstand der Menschlichkeit, der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit gebietet der Glaube.
Die Bereitschaft nicht mehr zuerst zu unterscheiden, ob einer alteingesessen oder zugewandert ist. Die Namen und Geschichten unserer Familien erzählen so viele Wanderungs- und Fluchtgeschichten. Die Kulturgeschichte Europas ist eine Wanderungsgeschichte.
Das Evangelium, der Glaube an Jesus Christus, ist eine Wanderungsbewegung, die es ohne die Straßen des römischen Reiches, ohne die Globalisierung der damals bekannten Welt, ohne die soziale, kulturelle und nationale Grenzen und Trennungen sprengende Kraft des christlichen Glaubens überhaupt nicht gegeben hätte.
„Ökumene, eine Welt oder keine Welt… Wenn wir nicht zusammenwachsen, wird das Chaos unser Los“
Früher habe ich oft gelächelt über den spröden Text dieses Liedes. Aber er bewahrheitet sich in diesen Tagen auf dramatische Weise.
Wir können Grenzen nicht mehr abschotten, globale Probleme verdrängen und in den engen Grenzen der eigenen Befindlichkeit denken.
Es braucht auch unter uns, weil nicht alle alles allein bewältigen können, klare Verabredungen und Zuständigkeiten. Es braucht Männer und Frauen auf allen Ebenen – in unserem Land, in unseren Städten, in den Dörfern und in unseren Gemeinden – die einen guten Ruf haben und den Heiligen Geist, verbunden sicher mit einer gehörigen Portion heiligen Eifers, und vor allem Weisheit, die uns Weltoffenheit und Nächstenliebe lehren, uns Wege zeigen Hilfsbedürftigen ein Nächster zu werden und sich für die Notleidenden unter uns unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Überzeugungen, ihres Geschlechtes oder ihres Aussehens, einsetzen.
Ich höre ja die Einwände, dass wir nicht da Sozialamt der Welt sein können. In der Tat können globale Krisen nur global gelöst werden. Deshalb braucht es auch global weise Männer und Frauen voll des Heiligen Geistes. Aber dem Nächsten kann ich hier ein Nächster werden. Wir können eine gastfreundliche und solidarische Stadt werden, Menschen willkommen heißen, sie an unserem Wohlstand teilhaben lassen und teilen: mit ihnen leben, kommunizieren, in den Schulen lernen, spielen, lachen und weinen.
Mit unseren Kollekten und Spenden müssen wir nicht immer bei uns und den vielleicht dann doch nicht so wichtigen Vorhaben bleiben, sondern auf Zeit wahre Not in den Blick nehmen. Wir können nicht alle Probleme lösen, aber wir können mehr als nichts tun. Denn mit jedem Menschen, dem ich ein Stück Hoffnung zurückgebe, ein Lächeln in sein Gesicht zaubere, den Glaube an eine Zukunft auferstehen lassen, wird die Botschaft vom der Liebe Gottes zu allem Leben und allen Lebendigen glaubwürdig. Wir haben heute J. P. getauft. Unser Glaube fragt auch, in welche Welt wir ihn hinein aufwachsen lassen wollen und in welcher Welt er einmal leben und als Christ Verantwortung übernehmen soll und darf.
Sein Taufsegen und unser aller Taufsegen, die Zusage seines Taufspruches, dass Gott uns von allen Seiten umgibt und seine Hand schützend über uns hält, steht in einer Linie mit der Einsegnung der Sieben unter Gebet und Handauflegung damals in Jerusalem: bestellt zum Dienst unter den Armen.
Und das heißt ja: darauf liegt ein großer Segen.
Und den können wir dem Fluch des Hasses und der Gewalt, aber auch dem Gefängnis der Angst und Unwissenheit entgegenhalten.
Ich wünsche mir und uns allen dazu die lebendige Kraft und Wirklichkeit des Gottesgeistes. Ganz mit Paulus gesprochen: Gott hat uns nicht den Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit

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