Entlastung

Diakoniesammlungen und Spendenaufrufe gehören in den September und wecken Erinnerungen: Die diakonischen Werke haben ihre Arbeit in der Regel damit begonnen, dass Menschen loslegten im Vertrauen darauf, dass Gott seinen Segen auf ihren Anfang und ihr Tun legen wird. Fliedner, Wichern, Bodelschwingh wussten nicht, ob genügend Spenden kommen, um das, was sie begonnen haben weiterzuführen, aber sie vertrauten darauf.

Uns ist dieses Gottvertrauen etwas abhandengekommen. Oft genug grübeln und rechnen wir sehr genau, bevor etwas beginnen. Das hat sicher auch gute Gründe und auch etwas mit Verantwortung zu tun, wenn wir nicht einfach anvertraute Gelder ausgeben, bevor wir wissen, ob wir damit auch zum Ziel kommen.

Jesus lädt uns neu ein zu einem Leben im Vertrauen auf Gott – im Rahmen seiner Bergpredigt:

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‚Mach dir mal keine Sorgen‘ – wer so zu mir redet, weiß entweder, dass alles geklärt ist, oder er will mich beruhigen, oder er will sein Vertrauen bekunden, dass sich doch alles mit Gottes Hilfe und meinen Möglichkeiten zum Besten wendet. Darum muss ich sehen, wer hier spricht. Unser Herr Jesus will uns nicht einfach beruhigen – ruhig stellen und er sagt auch nicht ‚keinen Stress, mein Lieber‘. Aber ich glaube auch nicht, dass er sagen will: ‚Alles wird gut‘.

Er will mich davor warnen, gegen alle Trends: Wir können unser Leben nicht selbst designen. Nicht vollkommen eigenständig gestalten. Im Zeitalter der Versicherungen und Absicherungen meinen Menschen ja, sie könnten alles regeln und hätten einen Anspruch auf ein Leben, wie sie es sich wünschen. Genau davor will Jesus mich genauso warnen wie davor, zu glauben ein Leben sei möglich ohne Rücksicht auf die Mitmenschen.

Darum lädt er uns so eindringlich ein auf Gott zu vertrauen und seine Gerechtigkeit zu suchen, damit Leben wachsen kann.

Und er benutzt Bilder aus der Landwirtschaft, die den Menschen seiner Zeit vertraut waren. Unnütze Blumen, die trotzdem schöner sind als Salomo in seiner Pracht. Am Ende werden sie verfeuert, aber Gott hat sie trotzdem schön gemacht.

Die Vögel unter dem Himmel, sie leben scheinbar in den Tag hinein, machen sich keine Mühe um Säen oder ernten, um Daseinsvorsorge, aber Gott erhält sie.

Das alles sagt Jesus sicher nicht, um uns zur Faulheit zu überreden. Er meint es eher wie Paul Gerhardt in seinem Lied 503 ‚Geh aus, mein Herz, und suche Freud‘. Schau dir doch einmal an, wie toll Gott diese Welt geschaffen hat, wie großartig das alles ist und dann sei dankbar und bescheiden.

Wenn Gott so viel anstellt, um Leben zu ermöglichen, dann kannst du auch ein wenig entspannen und darauf vertrauen, dass er auch Einiges tun wird, dass es dir gut geht, dass du dein Leben genießen kannst. Du kannst auch manchmal einfach loslegen ohne Rückversicherung im Vertrauen auf den Segen, den Gott auf dein Tun legen will.

Wir wollen durch Sorge sorglos werden, hat Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt, und vermehren doch nur unsere Sorgen, weil wir alles ganz richtig machen wollen. Das wird nicht funktionieren, dass wir unsere Sorgen vermindern durch Versicherungen, durch Sparsamkeit und Hausbau und was alles sonst noch die verschiedenen Ratgeber empfehlen. Die Sorgen finden schon immer wieder ein neues Feld, auf dem sie sich breit machen und uns das Leben vermiesen.

Ich aber darf entscheiden: Wem überlasse ich die Macht über mich, über meinen Körper, über meine Seele? Den Sorgen und Ängsten oder dem Vertrauen auf Gott und dem Vertrauen in die Menschen? Denn diese Entscheidung steht im Hintergrund. Nicht die Entscheidung, ob ich Vorsorge treiben darf oder blind durchs Leben gehen soll. Nein Gott hat uns als freie Wesen geschaffen. Wir müssen darum auch unsere Verantwortung für das Leben wahrnehmen – für unser eigenes und für das unserer Mitmenschen. Aber wir dürfen auch Befreiung feiern. Wir sind nicht für alles zuständig und wir müssen uns nicht ununterbrochen Sorgen machen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass der bei uns ist, der die Blumen schön macht und die Vögel ernährt.

Gottes Fürsorge für die Menschen will uns davon entlasten, alles im Griff haben zu müssen. Wir können darauf vertrauen, dass es gar nicht notwendig ist, dass wir alles im Griff haben. Was Jesus uns hier rät knüpft eigentlich an den jüdischen Sabbat an. Der Sabbat war der Ruhetag, der ganz der Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei gewidmet war. Menschen sollten sich mit Freuden daran erinnern, was sie erlebt haben und aus dieser Erinnerung Kraft schöpfen auch die Gegenwart zu ertragen und der Zukunft gelassen entgegen zu sehen. Das ist das wertvolle Erbe des Sabbats, den wir ziemlich verschandelt haben zur Karikatur im jüdischen Bereich und zum Tag der beliebigen Freizeit im christlichen Bereich. Wie wertvoll wäre es, hier wieder das Erbe zu heben, die Erinnerung an den Tag, der Gott feiert als den, der Befreiung schenkt, Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten und Befreiung aus der Sklaverei an ein System aus Angst und Vorsorge, dass doch nie zum Ziel kommt.

Ich darf meinen Sonntag feiern und genießen im Vertrauen darauf, dass es Gott ist, der seine Schöpfung für uns wunderbar bereitet hat und im Bewusstsein, dass mir noch sechs andere Tage in der Woche bleiben, um das meine zu tun, dass diese Welt sich immer weiter zu Gunsten aller Menschen entwickelt.

Ich muss nicht die Hände in den Schoß legen, aber ich darf darauf vertrauen, dass Gott sein Werk, seine Schöpfung vollenden wird, und ich darf das Meine gemeinsam mit Schwestern und Brüdern tun, dass diese Welt sich weiterentwickelt im Namen Gottes.

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