Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr

Es ist ein Wunder, immer wieder ein unfassbares, riesiges Wunder…!
Lange bevor Jesus die erlösenden und befreienden Worte „öffne dich“ spricht, lange bevor er seine Finger behutsam auf die Ohren des Taubstummen legt, lange bevor ihn das Schicksal des Einen beispielhaft für so viele vor und nach ihm anrührt, geschieht es schon – und zwar immer wieder: dieses Wunder, die Welt nicht nur in Formen und Farben wahrnehmen zu können, sondern die Welt auch mit ihren Geräuschen, ihren Melodien, ihren Tönen und Klängen, wahrnehmen und entdecken zu können.
Nur: wer wundert sich noch über das Wunderwerk Ohr, es sei denn, es will nicht mehr so, wie es soll, und verschließt sich vor den tönenden Eindrücken einer freundlich oder auch bedrohlich daherkommenden Umwelt.
Das Ohr ist schon an sich ein Wunder der Natur, ein Wunderwerk der Schöpfung und des Schöpfers…
Von außen sehen wir nur die Ohrmuschel als sichtbaren Teil des Ganzen. Dann aber reicht es von der Ohrmuschel weiter über den Gehörgang bis hin zum Trommelfell. Die Ohrmuschel nimmt dabei wie ein Trichter die Geräusche auf, diese dringen über den Gehörgang zum Trommelfell weiter. Das Trommelfell wird durch die Schallwellen in Schwingungen versetzt. Die Schwingungen werden über die Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) wie eine Hebelkette verstärkt und zum Innenohr weitergeleitet.
Die Hörschnecke empfängt über die Schwingungen der Gehörknöchelchen des Mittelohres und wandelt sie in elektrische Impulse um. Diese Impulse werden über den Hörnerv an das Gehirn weitergegeben und erst dort als Musik, Sprache oder auch als Lärm identifiziert
Es ist ein wahres Wunderwerk, das uns die Türen zu einer Welt öffnet, die uns ansonsten verborgen bleiben würde.
Musik, so sagen manche, ist die Sprache des Himmels oder um es biblisch zu übersetzen: in der Musik können sich Menschen der Gegenwart Gottes bewusst werden, Erlebnisse von Heiligkeit machen, mit Musik kann dem Heiligen ein Raum gegeben werden, Gefühle , Gedanken, Gebete eine ganz eigene Sprache finden und sprechen.
Über mein Ohr kann wie über die Augen mein Innerstes angesprochen, angerührt werden. Was ich höre, kann mich erfüllen oder verunsichern, kann mich begeistern oder verstören, kann mich beglücken oder verzweifeln lassen.
Ich kann hörend auf Entdeckungsreise gehen. Wagen sie es einmal, sich an einen ihnen angenehmen Ort zu setzen und ihn nur mit den Ohren wahrzunehmen. Schließen sie die Augen, und nehmen sie wahr, wo sie sind, wer oder was sie umgibt, was um sie herum passiert. Geräusche können Bilder in mir wachrufen und entstehen lassen. Allein schon der Klänge der Stimmen wecken Vertrauen oder lassen vor Kälte und Ablehnung erstarren. Nur wenige können ihre Stimme so verstellen, dass nicht die Seele aus ihr spricht und zu hören ist.
Aber wie alle Fertigkeiten können wir auch das Hören verlernen. Dazu muss mein Gehör noch nicht einmal versagen. Der Lärm um mich herum und die Vielzahl von Eindrücken, die auf mich tönend einstürzen, die Gewöhnung an den Lärm, der zur modernen Welt zu gehören scheint, machen uns unempfindlich für diese Sinneswahrnehmungen.
„Hörst du…?“ werde ich gefragt und konzentriere mich deshalb ganz auf den Vorgang des Hörens. Erst langsam dringen die Geräusche in mein Bewusstsein.
Wir sind so von Geräuschen umgeben, dass wir keinen Zugang mehr zur Welt der Stille finden. Wie klingt es, wenn Schnee fällt? Vielleicht wird es im nächsten Winter dazu wieder einmal kommen, die verschneite Welt nicht nur in ihrem weißen Kleid zu sehen, sondern auch zu hören. Bis dahin kann ich üben…
In diesem Sommer sind wie in den vielen Jahren und Jahrzehnten zuvor wieder tausende Jugendliche in dem kleinem Dorf Taize in Burgund angekommen und lernen dort nicht nur viele jungen Menschen aus aller Welt kennen, sondern neben der Buntheit und Schönheit des Lebens auch das Geheimnis des Schweigens und der Stille. Zu jeder Gebetszeit, drei Mal am Tag, versammeln sie sich in der Kirche der Brüder von Taize, singen die mittlerweile überall bekannten meditativen Gesänge, die helfen sollen, die Gedanken zu sammeln und auf einen Punkt, auf einen Satz, ein Wort, eine Wirklichkeit zu konzentrieren, ehe dann der Gesang in die minutenlange Stille führt.
Wie unangenehm kann Stille am Anfang sein, wenn ich sie noch nicht aushalte, weil ich ihr entfremdet bin!
Wie wohltuend sie sein kann, wenn ich sie zulasse und sie mich langsam erfüllt. Ich höre meinen Atem, meinen Herzschlag. Meine Gedanken kommen zur Ruhe, nicht mehr ich denke und rede in mir und mit mir, sondern ein anderer, Gott, kann in mir zu Worte kommen. Stille kann so deutlich und so eindringlich sein. Meine Ohren sind aufgetan, meine Seele auf Empfang, Gott will reden und ich darf hören…
Es ist ein Wunder, wenn es nicht nur in mir spricht, sondern wenn Gott mit mir redet.
Es ist ein Wunder, dass ich es erlebe und dass dies auch wirklich geschieht, vielleicht gerade heute und hier und jetzt.
Sicher gibt es Menschen, die können reden und doch nicht hören, sich austauschen und dennoch nicht wahrnehmen, die gleichen Worte benutzen und nichts verstehen.
Da haben Paare verlernt, zu hören, was Mann oder Frau eigentlich sagen wollen, da ist es viel einfacher immer nur zu hören, was ich auch wirklich hören will und was mich in meinem Denken und Tun bestätigt, da kann ich ausblenden und ignorieren, was zwischen den Zeilen anklingt und danach schreit, ernst genommen zu werden.
Da kann auf Durchzug geschaltet werden und die verzweifelten, immer leiser werdenden Rufe „hörst du, ich rede mit dir“, „antworte mir doch“ „verstehst du denn gar nicht, was ich dir sagen will??? prallen ab, gehen unter, verstummen irgendwann endgültig.
Da stellen Geschwister, Verwandte oder ehemalige Freunde fest, nicht mehr die gleiche Sprache zu sprechen und keine Verständigung mehr erzielen zu können.
Der Taubstumme ist in mir, der ich so viele Geräusche machen, mit Worten zuschütten und meine Ohren vor den Anliegen anderer verschließen kann.
Taubstumm geworden und daran gewöhnt hoffe ich vielleicht schon gar nicht mehr auf ein befreiendes, erlösendes und wegweisendes Wort, das von Gott her in mein Leben wie ein Lichtstrahl einbricht und alles verkrustete und versteinerte aufbricht; schreie, rufe und bettele nicht mehr darum. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal mit ganzem Herzen und ganzer Konzentration gebetet?
Da legt Jesus seine Hand auf das Ohr, berührt vorsichtig, eindringlich, wahrnehmbar, soll ich sagen: zärtlich – und spricht ein befreiendes Wort: Hephata – öffne dich
Und ich höre: ein Gedanke, ein Wort, ein Blick lässt mich nicht mehr los. Ich verstehe mich, meinen Weg, mein Leben, mein Gegenüber, meine Gefährten besser.
Etwas klingt in mir nach. Es tröstet mich, es rüttelt mich wach, es macht mich aufmerksam für Andere, Zerbrechliche, Verstummte.
Ich lerne die Stille zuzulassen, um wieder hören zu können, worauf es ankommt. Ich nehme wahr, was mir zwischen den Zeilen gesagt wird, was sich hinter der allgemeinen Rede von „man sagt, man müsste, man macht…“ an Menschen, Personen, Bedürfnissen verbirgt.
Ich fange an zu hören und zu verstehen, nicht nur, aber auch mit den Ohren. Es ist ein Wunder, wahrnehmen, hören und verstehen zu dürfen, ohne immer schon in vorgefassten und feststehenden Bildern und Meinungen gefangen zu sein oder zu bleiben.
Auch ich bin außer mir und staune: die Tauben macht er hören und die Stummen reden.

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