Vom Pharisäer als Getränk zur Botschaft des Gleichnisses

Pfarrer geht mit einem Becher „Pharisäer“ auf die Kanzel.

„Hmmh! Ham sie das auch schon mal getrunken? Total lecker. Norddeutsches Getränk – nennt sich Pharisäer.
Ein schöner starker Kaffee mit Würfelzucker und Sahne obendrauf.
Aber das Beste ist das, was sie nicht sehen – und wegen der Sahne auch nicht riechen können.
Da gehört ordentlich Rum rein. Zwei Pinnchen, sonst darf man das nicht Pharisäer nennen.
– Also wie gesagt, wirklich sehr lecker.

Soll entstanden sein auf der Insel Nordstrand, als da so ein ganz asketischer Pfarrer amtierte. Der kam immer zu Bauer Johansen wenn wieder ein Kind zu taufen war und freute sich, dass die Taufgesellschaft auch so asketisch immer nur Kaffee mit Sahne trank.
Erst bei der siebten Taufe hat er durch eine Becherverwechslung gemerkt, dass er all die Jahre der einzige gewesen ist, der Kaffee mit Sahne bekommen hat, während die Anderen verborgen unter der Sahne doch dem Alkohol gefröhnt haben.
„Ihr Pharisäer“ soll er da gewettert haben – und das Getränk hatte seinen Namen.

Das Getränk beschreibt ganz gut, was wir uns vorstellen, wenn von einem Pharisäer die Rede ist.
Ein Heuchler, der nach außen strahlend weiß und rein erscheinen will, wie eine schöne Kaffeetasse mit Sahnehaube, während er in Wirklichkeit eine ganz andere Seite hat, die er hinter dem perfekten Schein versteckt.

Wenn wir mit diesem Verständnis vom Pharisäer an die Bibelgeschichte ran gehen, dann hat der Pharisäer natürlich von Anfang an verloren.
Und wir verstehen das ganze Gleichnis nicht.

Deshalb stell ich diesen Pharisäer jetzt mal weg.

Wir müssen erst mal die Pharisäer rehabilitieren:
Die wirklichen Pharisäer zur Zeit Jesu, waren von allen Gläubigen wohl die, die Jesus am nahesten standen. Sie waren wie er Laien, ganz normale Menschen, die ihren Glauben bewusst leben wollten.
Sie sagten. „Leute, wir glauben doch an Gott, also lasst uns doch auch so leben, wie es Gott gefällt!“
Das war ganz nah an Jesus z.B. in der Bergpredigt:
„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: "Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen." Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; (Ihr könnt das!)
Denn wenn ihr nur liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? (…) Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“
„Bravo, richtig so!“ hätte da jeder Pharisäer geklatscht.
Wir können gut leben – anders als die Zöllner, da sind sich Jesus und die Pharisäer einig.

Du kannst nach Gottes Willen leben.
Die sogenannten Sachzwänge der Realität, wegen denen du angeblich nicht nach Gottes Willen leben kannst, das sind doch ganz oft nur Ausreden. Die Frage ist, ob du willst. Klar, manchmal hat man nur die Wahl zwischen schlecht und weniger schlecht. Aber auch da kannst Du fragen: Was ist hier wohl Gottes Wille.

Und die Pharisäer haben das versucht und sehr glaubwürdig vorgelebt.

Erst durch das Missverständnis unserer Bibelgeschichte ist unser falsches Bild von den Pharisäern entstanden.

Es ist wichtig, das zu wissen. Denn wenn die Pharisäer so simple Heuchler wären wie unser Kaffee-Getränk – außen hui innen pfui – dann würden wir den Sinn der Geschichte nicht verstehen.

Wir würden dann denken: Danke Gott, dass ich kein Betrüger bin wie der Zöllner, und noch mal ganz besonders Danke, das ich auch nicht so ein Heuchler bin wie der Pharisäer.

Und wären dann nur der Pharisäer 2.0 und hätten nichts verstanden.

Denn wir würden immer noch in der eigentlichen Lebensfalle stecken, die Jesus in dem Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner kritisiert.
Die Lebensfalle, unser Selbstbewusstsein, unser gutes Selbstgefühl dadurch zu erreichen versuchen, dass wir besser sind, als Andere.

Wie der Pharisäer würden wir gefangen bleiben im Kreislauf von Vergleichen und Verglichenwerden, von Selbstrechtfertigung, Perfektionismus und Leistungsdruck.

Für kurze Momente könnten wir uns besser fühlen, aber im nächsten Moment, würden wir erkennen, dass wir nicht in jeder Hinsicht perfekt sind, vieles sogar gar nicht können, nicht immer das Gute tun und manchmal richtig großen Mist bauen.
Und das gilt es ganz realistisch zuzugeben. Vor Anderen, vor Gott und vor allem vor sich selbst. „Gott sei mir Sünder gnädig.“
Da geht es nicht darum, uns Sünden einzureden. Jesus sagt, ihr seid das Licht der Welt.
Ihr seid nicht grottenschlecht, ihr seid toll, Licht der Welt, aber macht daran nicht euer Selbstbewußtsein fest, dass ihr besser seid als xy. Sondern sagt, dass ihr auch nicht perfekt seid, dass zwischen euch und dem Idealmenschen immer eine große Kluft stehen wird.

Und das gilt es anzuerkennen, wie der Zöllner, um dann zu erfahren: „Wahrlich ich sage Euch, dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück.“

So kommen wir als einzelne heraus aus dem Leistungskreislauf
und zugleich kommen wir zwischenmenschlich in ein anderes Verhältnis.

Der Pharisäer will moralisch gerne perfekt sein und geht gerade dadurch am Ziel vorbei, weil er lieblos wird.

Denn das ist der Kern der Gebote: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.

Es geht um Liebe. Das Vergleichen erschwert die Liebe zum Nächsten und – ebenso wichtig – im Grunde auch die Liebe zu uns selbst. Weil wir uns selbst nicht bedingungslos lieben, sondern nur wenn wir besser sind als …

Besser ist, wenn wir uns als Christen vergegenwärtigen: Wir leben alle von der Liebe Gottes. Geschenkt in der Taufe.
Und wenn wir das die Basis unseres Selbstwohlgefühls sein lassen.

Also: Unser heutiger Predigttext ist die Einladung nicht aus Perfektionismus zu handeln, sondern aus Liebe.

Und wenn ich diese Geschichte heute höre, denke ich daran, dass in 14 Tagen die ersten Flüchtlinge in unserem Flüchtlingsdorf in Holsterhausen ankommen.

Es wäre gut, uns dann an diese Geschichte zu erinnern.

Wenn wir uns als Christen für die Flüchtlinge engagieren, uns nicht als was besseres zu fühlen als die Menschen, die Vorbehalte haben, sondern die Sorgen ernst zu nehmen.

Zugleich aber auch für das christliche Gebot der Nächstenliebe zu werben.

Und selbstkritisch zu sich selbst zu sein. Auch Menschen, denen ich helfen will, sind deshalb noch lange nicht so wie ich mir hilfsbedürftige Menschen vorstelle.

Sondern sich an die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner zu erinnern, deren Botschaft lautet, dass wir alle von dem großen „Ja“ leben, von der Liebe Gottes, die wir uns nicht verdienen können, sondern die uns von Gott geschenkt wird.

Darauf sag ich: Amen

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