Pharisäer bleibt Pharisäer und Zöllner bleibt Zöllner

Liebe Gemeinde,
stellen wir uns für einen Moment vor, dieses Lied, das wir eben vor der Predigt gesungen haben (EG 182), hätte es vor 2000 Jahren schon gegeben und es wäre damals ab und zu im Tempel geschmettert worden. Stellen wir uns weiter vor, es wäre gerade in dem Moment, den Jesus in seinem Gleichnis beschreibt, für die beiden beschriebenen Figuren als Gemeindegesang von ferne zu hören gewesen: "Halleluja – suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt…“ – Wer von den beiden glauben Sie, würde aus voller Kehle mitsingen? Der Pharisäer oder der Zöllner? Nun, die Frage ist natürlich eine rhetorische. Denn der Zöllner würde keinen Ton herausbringen. Er hat mit den Worten schon seine Schwierigkeiten.
Damit sind wir mitten im Dilemma dieses Gleichnisses. Es klingt so einfach und klar, so richtig schön schwarz weiß. Da vermeintlich der Gute und dort der Schlechte. Dazu kommt, dass man als Leser oder Hörer des Gleichnisses zunächst ganz außen vor zu sein scheint: "Jesus erzählte ein weiteres Gleichnis. Er hatte dabei besonders die Menschen im Blick, die selbstgerecht sind und auf andere herabsehen". Scheinbar kann man ganz locker und unbeteiligt daneben stehen und sich gemütlich anhören, was Jesus da über irgendwelche andere zum Besten gibt. Heute, so mag man denken, scheint es nicht so bedrängend zu sein wie an anderen Stellen, wo es z. B. heißt: Ihr seid das Licht, lasst es leuchten, Ihr seid Salz der Erde, lasst es wirken, Geht hin, tauft und tut und macht und lasst es krachen.
Die grundlegende Frage dabei ist natürlich schon, ob wir als Hörer und Leser des Gleichnisses wirklich so gar nichts mit Selbstgerechtigkeit, mit Eitelkeit und Hochmut zu tun haben. Das möge jeder und jede für sich selber entscheiden. Wenn jedenfalls der Ausgangspunkt ist, dass Jesus Menschen im Blick hat, die selbstgerecht sind und auf andere herabsehen, dann ist der Pharisäer hier die Hauptfigur, denn Jesus beschreibt ihn genau so: selbstgerecht, hochmütig, widerlich. Wenn er das nicht wäre, dann wäre ja kein Makel an ihm: Er hält sich strikt an Gottes Wort, er fastet, betet und spendet. Ein Musterjude. Einer an dem Gott gar nicht anders kann als seine Freude zu haben. Im Übrigen ist man in der Forschung der Meinung, dass der historische Jesus selbst zumindest eine große Nähe zu den Pharisäern hatte, wenn er nicht gar selbst einer war. Sie kommen in den Evangelien deshalb so mies weg, weil sie zur Zeit als die Evangelien aufgeschrieben wurden die dominierende Gruppe der Juden waren und mittlerweile eine Gegnerschaft zwischen Juden und Christen entstanden war. Ihr Lebensziel aber ist die Ausrichtung auf Gott, die Beachtung seines Willens und die Einhaltung seiner Gebote. Lauter Dinge, die ehrenwert und vorbildlich sind. Einstellungen, Verhaltensweisen und Glaubensäußerungen, die wir heute kirchenintern ja so sehr vermissen, die immer mehr und immer schneller verschütt gehen, die wir in Glaubenskursen zu bilden oder zu restrukturieren versuchen, die wir bei Modellen wie Reli für Erwachsene nahe bringen und legen wollen, die wir im Kindergottesdienst und im Konfirmandenunterricht einpflanzen möchten. Das Alltagsverhalten des Pharisäers ist also blendend und vorbildlich, so richtig religionsbuchmäßig und klasse. Seine Haltung, seine Selbsteinschätzung, sein Vergleichen mit anderen – das hingegen ist richtiger Mist. Es ist hochmütig und eitel. Hochmut und Eitelkeit. Der lateinische Begriff dafür ist Superbia. Und die Superbia ist theologisch sogar die erste der sieben Todsünden. Hochmut ist nicht gut. Hochmut kommt vor dem Fall – sagt der Volksmund. Schon immer und noch immer. Im Fußball bei Pokalspielen kann man es mit schöner Regelmäßigkeit erleben, wenn große auf vermeintlich kleine Mannschaften treffen. Wenn der Bundesligist beim Viertligisten anzutreten hat und die Fans nur über die Höhe des Sieges diskutieren, wenn die Spieler den Gegner nicht ernst, sondern auf die leichte Schulter nehmen. Wenn der Hochmut sein freies Wochenende hat, dann kommt es häufig ganz anders als man denkt, dann geht es oft böse aus. Gut ist es auch in der folgenden Geschichte nicht für den Hochmütigen ausgegangen. Eine Geschichte, die im tiefsten Winter spielt. Vielleicht hilft das nebenbei auch ein wenig gegen die momentane sommerliche Hitze. Hören Sie selbst:
Auf einem Gutshof lebten Menschen und Tiere friedlich zusammen. Es gab dort einen Hund und Katzen, Pferde und einen Pfau mit seinem Harem.
Der Pfauenmann war herrlich anzusehen. Seine Schleppe schillerte in der Sonne und wenn er ein Rad schlug blieben alle staunend stehen und bewunderten ihn. Er war eitel, stolz und duldete keine Konkurrenz. Nebenbuhler waren unerwünscht.
Zur Adventszeit stellten die Gutshofbesitzer einen Tannenbaum in den Hof. Der Baum war groß, dunkelgrün und ebenmäßig gewachsen. Der Pfau beobachtete das Schauspiel ohne großes Interesse, er stellte lieber einer seiner Damen nach.
Eines Nachts hatte es geschneit und früh morgens war alles weiß, wie mit Puderzucker bestäubt. Der Gutsherr und seine Kinder kamen mit einer großen Kiste in den Hof und begannen die Tanne zu schmücken. Nach einiger Zeit wurde aus dem schlichten Baum ein wunderschön geschmückter Christbaum, mit goldenen Kugeln, Strohsternen und einer Lichterkette. Spätestens jetzt hatte auch der Pfau Interesse gezeigt. Als die Menschen wieder im Haus verschwunden waren, stolzierte er auf die prächtige Tanne zu.
Wie war das möglich? Wo kam plötzlich dieser Angeber her? Stand hier mitten im Hof und glitzerte und funkelte das einem fast schwindelig wurde. Der Pfau blies sich empört auf und stellte seine Federkrone auf. Los du Wichtigtuer, zeig mal was du kannst. Er pickte auf eine der Kugeln und als er darin sein Spiegelbild sah, bekam er einen riesen Schreck. Sofort ging er auf Angriff und stellte sein Rad auf. Wie ein riesiger Fächer wedelte er auf und ab und versuchte dem vermeintlichen Gegner damit Angst einzujagen.
Die Tanne rührte sich nicht vom Fleck. Milde Sonnenstrahlen ließen ihre Kugeln schimmern und die Strohsterne bewegten sich leicht im Wind. Der Pfau spürte dass sich sein Gegner nicht provozieren ließ und nach einiger Zeit beruhigte er sich und schritt hochmütig von dannen.
Als die Dämmerung einsetzte und die Kerzen auf unserem Christbaum zu leuchten begann, bekam unser Pfauenmann erneut einen Stich in sein stolzes Herz. Der Baum strahlte und glänzte in der Winternacht wie in einem Märchen.
So nicht Kamerad, du willst Ärger, den kannst du haben. Erneut attackierte er den vermeidlichen Nebenbuhler mit Kampfgebärden, Radschlagen und als Zugabe ließ er einen schrillen Schrei los. Aber wieder bekam er keine Beachtung oder einen Gegenangriff. Die Tanne stand still in ihrem Festkleid und ihr sanftes Licht umhüllte sie wie mit einem Heiligenschein.
Unser eitler Protz verlor nach einigen Minuten seine Energie und er gab auf. Die bescheidene Schlichtheit ließ ihn verstummen. Er drehte sich pikiert um und stolzierte zurück in seinen Bau.
Wie dem Pfau die geschmückte Tanne ein Dorn im Auge ist, weil sie das gleiche tut wie er selbst (Konkurrenz / Eifersucht kommen ins Spiel!), so ist der betende Zöllner für den Pharisäer ein Problem, weil dieser das gleiche tut wie er selbst. Es gibt im Lateinischen eine Redensart, die heißt: Quod licet Jovi, non licet Bovi. Wörtlich: Was Jupiter darf, darf der Ochse nicht / Was der Meister darf, darf der Lehrling noch lange nicht / Wenn zwei das gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe… – So ähnlich mag es in dem Pharisäer rumort haben im Blick auf den Zöllner: Wie kommt dieser Lump dazu, sich hierher zu stellen und zu beten? – Und damit sind wir bei der Kontrastfigur angelangt: Wenn er nicht so reumütig hier stehen würde, dann würden wir wahrscheinlich ins gleiche Horn blasen wie der Pharisäer. Der Zöllner war, wenn er so war wie praktisch alle Zöllner damals, ein richtiger Straftäter. Korrupt, geldgierig, rücksichtslos, blut(geld-)saugerisch. Einer, mit dem keiner zu tun haben wollte. Einer, den man lieber von hinten und am liebsten gar nicht sah. Der steht nun da und betet. Das muss uns vorkommen, wie wenn der Metzgermeister dem Bund der Vegetarier beitritt. So etwas passt nicht ins Schema, nicht in die Norm. Entscheidend aber ist, dass die Reue, die der Zöllner an den Tag legt, ernst gemeint und echt ist. Genau das setzt Jesus voraus. Der Zöllner zeigt echte Reue und Gott ist der erste, der ihm das abnimmt, ihn aufnimmt und ihm vergibt. Spätestens jetzt ist klar, dass auch dies kein Sache ist, die uns erst in zweiter oder dritter Linie etwas angeht. Nichts, bei dem wir im Hintergrund einigermaßen unbeteiligt uns aufs Zuschauen beschränken können. O nein, wir sitzen in der ersten Reihe.
Es geht im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner ganz eindeutig nicht darum, den Pharisäer als Pharisäer zu verurteilen. Das käme manchen Kirchenkritikern und Pfarrerhassern ja nur zu sehr entgegen. Das wäre eine Steilvorlage für alle, die es angeblich schon immer gewusst haben, dass es im Vatikan nur konservative Menschenverächter und bei den Protestanten nur wirklichkeitsfremde, unreligiöse Weltverbesserer gibt und dass es beiden sowieso ja nur um die Kirchensteuer geht. – Andererseits geht es auch nicht um eine prinzipielle Aufwertung des Zöllners, also darum, Verbrechen gut zu heißen und Verbrecher zu loben. Mitnichten! Der springende Punkt ist der, dass Jesus sagen will: Passt auf vor den vielen Brettern, die sich vor eurem Kopf bilden können. Doch sie können sich auch seitlich als Scheuklappen anordnen. Passt auf und macht euch klar, dass selbst dem frömmsten Christen Selbstgerechtigkeit unterlaufen kann. Keiner ist davor gefeit, irgendwann doch einmal auf andere hinunterzuschauen. – Macht euch aber genau so klar, dass jeder Mensch umkehren kann, dass keiner so in Schuld verheddert und auf seinem Weg fixiert ist, dass wir sagen dürfen: No way, kein Weg zurück, kein Weg heraus. Schuft, Schurke, schuldig, Schluss aus für immer und ewig. Beides, liebe Gemeinde, dass einerseits der echteste und authentischste Christ schuldig werden kann und dass andererseits der schlimmste Verbrecher umkehren kann, weist uns gleichermaßen eindringlich an Gott. Denn Gott kann die Bretter vor unseren Köpfen und auch die seitlich davon wegnehmen und Einsicht und Umkehr schenken. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass je mehr wir uns eingestehen, im Leben und bei jeder Gelegenheit auf Gott angewiesen zu sein, umso bessere Christinnen und Christen sind wir. Amen.

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