(Erprobung Reihe V): Wie gerädert oder wie neu geboren fühlen

Die Wochen vor dem Urlaub wollten überhaupt nicht vergehen. Von Tag zu Tag spürte sie, wie die Kräfte nachließen, die Gedanken an die Arbeit zu Hause nicht zur Ruhe kamen, Konflikte ihre Träume beherrschten, sie völlig neben der Spur war.
Wer sie sah, konnte es ihr deutlich abspüren.
Fragte man sie, wie esihr geht, meinte sie nur: ausgebrannt, leer, an manchen Abenden wie gerädert, alles tut weh, durchgewalkt,dr verspannt, schlaff… völlig neben mir…
In guten Zeiten half schon ein entspanntes Wochenende, ein geselliger Abend mit Freunden, eine ordentliche Massage nach dem Saunabesuch und sie konnte voller Schwung und mit neuen Kräften sagen: heute fühle ich mich wie neugeboren.
Ob der bevorstehende Urlaub dies wird wirklich leisten können?
Ich konnte es ihr nur wünschen. Denn ich wusste nicht, wie lange es ansonsten mit ihr noch gut gehen sollte.
Und dachte zugleich: wer zu viel Hoffnung und alle Erwartung auf so eine Zeit projiziert, kann auch ganz schnell enttäuscht werden. Soll der Urlaub leisten, was im ganzen Jahr nicht gelingt an Liebe, Freundschaft, Ausgleich, Entspannung, Verständnis und Fürsorge, dann sind die Konflikte, die Enttäuschungen und die Streitfälle eigentlich schon vorprogrammiert und die Stimmungs- und Leistungskurve zeigt noch weiter nach unten. Ich muss doch erst einmal lernen, umzusteuern, anders mit mir, meiner Zeit, den Aufgaben und den Menschen, denen ich begegne umzugehen, um nicht auszubrennen und um freie Zeit zur Regeneration von Seele und Körper nutzen zu können, eben um mich wie neugeboren zu fühlen. Gott sei Dank aber ging ihr genau das auf, als sie gedankenversunken einmal allein in der Stille und der Kühle der Dorfkirche saß und ihr Blick an den kleinen brennenden Lichtern Besucher vor ihr und dem Gebet daneben hängen blieb:
Gott,
ich zünde eine Kerze an.
Vielleicht weiß ich nicht so recht, was ich beten soll.
Diese Kerze, ist ein wenig von dem, was ich habe
und von dem, was ich bin.
Sie möge ein Licht sein, durch das Du mich erleuchtest
in meinen Schwierigkeiten und meinen Entscheidungen.
Sie möge ein Feuer sein, durch das Du in mir alles Unheile
verbrennst, damit Gutes und Neues daraus erstehen kann.
Sie möge ein Feuer sein, durch das Du mein Herz erwärmst
und mich lieben lehrst.
Gott,
ich selber kann nicht lange in dieser Kirche weilen.
Mit diesem Licht soll ein Stück von mir selbst hier bleiben,
das ich Dir schenken möchte. Hilf mir, mein Gebet in
meinem Sein und in der Arbeit dieses Tages fortzusetze

Ihm dagegen hat es nie etwas ausgemacht, zu funktionieren, lange Arbeitstage waren ihm Ansporn und Befriedigung. Je mehr gefordert wurde, desto aktiver fühlte er sich und konnte stolz auf seine Leistungsbilanz verweisen. Beruflich ist er schnell vorangekommen, sein Wort, seine Meinung, sein Rat waren gefragt. Er war wirtschaftlich unabhängig, man könnte auch sagen: er hat es zu Wohlstand gebracht und das obwohl er gerade erst vierzig geworden war.
Das die privaten Beziehungen auf der Strecke geblieben sind, er sich über Familienplanung noch gar keine Gedanken gemacht hat, überhaupt sein Leben zwar sehr erfolgreich, aber letztlich doch ohne wirklichen Plan und sogar ziemlich einsam verlief, fiel ihm lange Zeitt noch nicht einmal auf.
Brauchte es erst den ersten Herzinfarkt, einen erneuten Börsencrash oder die familiären Katastrophen seiner Geschwister, um die Frage nach dem Sinn und dem Ziel des Lebens zu stellen?
Dass die Frage nach Gott bisher keine Rolle gespielt hatte, lag wohl auch daran, dass er meinte, alles gut alleine im Griff zu haben und, weil er gar nicht merkte, wie alles ihn im Griff hatte. Ich weiß gar nicht genau, was ihn am Ende zum Nachdenken und Einlenken gebracht hat. Allem Anschein nach hat er aber noch rechtzeitig begriffen, dass beruflicher Erfolg vergänglich sein kann und verlorene Lebenszeit nicht zurückkommt. Mit einem Schlag ist ihm bewusst geworden, dass er zwar viele Geschäftsfreunde, viele Kollegen und unzählige Bekanntschaften, aber keine wirklichen Freunde hatte. Alle sahen seinen Erfolg, seine Rolle, die er spielte und verkörperte, aber niemand sah die Person, auch die verletzbare und liebesbedürftige Person dahinter, die sich einmal anlehnen und einmal schwach sein wollte. Er war immer nur, was er darstellte. Sein Ansehen stand oder fiel mit dem Erfolg, den er hatte. Vielleicht war es der Gedanke, der sich eines Morgens bei ihm einnistete und nicht mehr los ließ: es muss doch im Leben mehr als alles geben. Denn alles hatte er ja schon.
Er merkte, dass er eigentlich seit seiner Konfirmation nicht mehr über Gott und die Welt nachgedacht hatte, obwohl er damals Feuer und Flamme für die Jugendarbeit in seiner Gemeinde war. Und er began manchmal in seiner Bibel aus Konfirmandentagen zu lesen, weil ihm nichts Besseres in seiner Verunsicherung einfiel. Er hatte dabei keinen Plan. Er wusste auch nicht mehr viel über die Bibel. Aber er las so, wie er es verstand – einmal zum Beispiel den Predigttext des heutigen Sonntages: Epheser 2, 14-10
Ihn ließ der Gedanke nach einem neuen und anderen Leben nicht mehr los.
War das, was er lebte, denn wirklich schon alles?
Zählte nur der Erfolg, die Leistungsfähigkeit, die Gabe immer zur rechten Zeit zu funktionieren, Schwächen, Grenzen, Fehler zu verbergen, in dem ich die Stärken, oder was andere dafür hielten, optimiere?
Er wollte es nicht mehr.
Er nahm sich eine Zeit, frei nach dem Motto: ich bin dann mal weg…
Und machte sich auf die Suche, machte sich auf den Weg zu sich, zu den verborgenen Wurzeln seines Lebens, zur Quelle.
Pilgern war deswegen immer schon eine Weise und ein Weg, Gott und damit zu sich zu suchen und zu finden.
Er sehnte sich nach Halt und nach Glauben, merkte, dass das nicht nur etwas für Frauen und Kinder sei, sondern als Bedürfnis und als Wunsch ganz tief in ihm steckte.
Er wollte leben, sich am Leben freuen. Er wollte die Welt entdecken, eintauchen in die atemberaubende Schönheit oder karge Anspruchslosigkeit der Natur, der er begegnete, er wollte lachen und weinen, spielen und philosophieren, aber alles nicht allein, sondern mit anderen, die ihn absichtslos und kompromisslos annahmen und mochten.
Er wollte seine Fehler zeigen und auch einmal um Vergebung bitten dürfen, ohne sich damit zu blamieren.
Er wollte Mensch sein und nicht Held.
Er wollte lieben und geliebt werden und endlich damit anfangen.
Als er das wusste, fühlte er sich wie neugeboren.
Bei einem der vielen Gespräche unterwegs hatte ihm ein Pilgergefährt erzählend deutlich gemacht, dass Gottes großes JA zu uns doch längst gesprochen ist und ich darum nicht betteln, darum nicht buhlen und auch nicht mit anderen streiten oder kämpfen muss;
dass Gott uns nicht auf unseren äußeren Schein reduziert, sondern mit Stärken und Schwächen kennt und zugleicht weiß, was für ungenutzte Potentiale in Jedem Zeit seines Lebens schlummern. Alles ist immer allen möglich!
Ihm ging auf, dass jeder Tag Jungen und Alten der Neubeginn des Lebens sein kann.
Er sah Gott und die Welt, sich und sein Leben, seinen Weg, der hinter ihm und vor ihm lag, mit ganz neuen Augen. Und das fühlte sich gut an.
Irgendwo in den Geschichten dieser beiden Menschen finde ich mich wie jeder andere hier womöglich auch wieder. An welchem Punkt muss, jeder jetzt für sich entscheiden.
Paulus, oder wer auch immer den Epheserbrief geschrieben hat, und mit ihm der Himmel, würde sich freuen, wenn auch ich für mich dieses Geschenk und diesen Augenblick, in dem ich Gottes JA deutlich vernehme, entdecke und anfange, mich wie neugeboren zu fühlen: aus Gnade und aus Gottes großer Barmherzigkeit im Vertrauen auf Gottes vorbehaltloses JA zu mir in der Gestalt Jesu Christi

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