Fragmentarisches Stück über die Liebe zu Gott

Der Vorhang öffnet sich. „Ach, Säulen“, durchfährt es mich mit Schrecken. Theaterstücke, deren Bühnenbild im Wesentlichen aus Säulen besteht, atmen meist – nein – immer den Geist gequälter Langeweile. Torquato Tasso steht auf dem Programm. Ein Stück von Goethe. Später lese ich im Theaterführer: Das Stück gilt als unaufführbar. Nicht für die Bühne geeignet. Warum tut der Intendant den Abonnementen ein solches Stück an?

Ich nicke kurz ein. Meine Nachbarin stößt mich irgendwann in die Seite. „Oh, ich habe ein bisschen geschlafen“, stammle ich leise. „Ein bisschen?“ fragt sie zurück. Das Stück ist gleich zu ende.

Gott liebt die Menschen. Dieser Satz gehört in die das Arsenal christlicher Predigten genauso, wie Säulen zu den Theaterstücken der deutschen Klassik. Wir kennen diesen Satz. Wir haben ihn oft gehört. „Gott liebt die Menschen“. Erklingt dieser Satz als Auftakt in Predigten greift Müdigkeit nach uns. Sätze über Sätze drängen sich in unsere Ohren. Ein abstrakter als der andere. „Ja, ich weiß es, Gott liebt die Menschen“, stöhnen wir auf. „Komm zum Ende“.

Ja, liebe Gemeinde, die Liebe zwischen Gott und Mensch ist heute das uns mit dem Predigttext aufgegebene Thema. Gott sei Dank in einer Wendung, die sie hoffentlich nicht nach Schlaf sehnen lässt.

„Was ist das höchste Gebot?“ wird Jesus gefragt. Und Jesus antwortet: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Der Fragesteller, ein Schriftgelehrter bestätigt:
Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm.

Wen liebt man, wenn man Gott liebt? Diese Wendung ist ungewohnt. Bei dieser Frage wollen wir bleiben. Ich verspreche, dass ich keine gequälten, theoretischen Sätze in ihre Ohren pressen werde.

Ich lade Sie ein, mit mir und einigen Interviewpartner über die Liebe zu Gott nachzudenken. Wir hören ein Fragment, ein unvollendetes Stück über die Liebe zu Gott.

Eine kleine Umfrage: Lieben Sie Gott – und wenn ja, was lieben Sie da?

Liebe Gemeinde: Lieben Sie Gott?

Darauf zu antworten ist schwer. Mancher möchte Gott lieben und kann es doch nicht, weil ihn die Härte des Lebens mit all ihren Katastrophen und all ihrem Leid davon abhält.

Ein junges Mädchen schreibt im Internet auf einer Diskussionsseite:
"Frage: Einige Leute sagen »Gott ist Liebe« oder »Gott Liebt Dich«, und auch die Bibel spricht darüber. Aber wenn das wirklich stimmt, warum erlaubt Gott all das Leiden in dieser Welt? Er ist doch allmächtig, oder? Warum bereitet er all den Krankheiten, Kriegen, Naturkatastrophen und der Armut nicht einfach ein Ende?"

Ich bin sicher, könnte ich diesem Mädchen meine Fragen stellen, so würde sie antworten: „Die Menschen liebe ich. Aber Gott, nein, Gott kann ich nicht lieben.“

Wir fragen einen Wanderer auf dem Weg durch die Alpen: „Lieben Sie Gott?“

Er antwortet: „Ach, da bringen sie mich ein wenig in Verlegenheit. Aber vielleicht kriege ich das noch hin, was ich als Konfirmand mal gelernt habe. Ein Psalm. Aber so genau weiß ich den nicht mehr. In etwa so:
Die Berge steigen hoch empor, und die Täler senken sich herunter zum Ort, den du ihnen gegründet hast. Die Bäume des HERRN stehen voll Saft. Die hohen Berge geben dem Steinbock Zuflucht und die Felsklüfte dem Klippdachs. HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter. Die Herrlichkeit des HERRN bleibe ewiglich, der HERR freue sich seiner Werke! Lobe den HERRN, meine Seele! Halleluja!
Ja, wenn ich hier draußen in der Natur bin, dann liebe ich Gott, den Schöpfer.“

Darf ich eine zweite Frage stellen: „Lieben sie auch die Menschen?“
„Hören sie bloß auf damit! Wie kann man denn Menschen lieben. Das sind doch die, die alles, was Gott geschaffen hat, zerstören.“

Wir fragen einen Mann nach dem Gottesdienst: „Lieben Sie Gott – und wenn ja, was lieben sie da?

"Also ich liebe Gott. Ich liebe die Ordnung des Heiligen Abendmahls. Allein die Liturgie ist so schön. Ich liebe die Ordnung, die Gott unserer Welt gegeben hat. Ich liebe die Zehn Gebote. Gott ist nicht ein Gott der Unordnung. An Ordnung müssen wir uns halten. Das liebe ich. Dafür liebe ich Gott.

Eine zweite Frage: "Lieben sie die Menschen?"

„Sie verwarfen meine Ordnungen. Darum werde ich sie strafen, spricht Gott (Hes 5,7 ff). Ich liebe – so wie Gott – nur die Menschen der Ordnung. Die Unordentlichen hasse ich – so wie Gott es tut. Schreiben Sie das ruhig auf. Ich weiß, das will keiner hören. Wir in unserer Gruppe, wir halten Ordnung.“

Wir fragen Campino, den Sänger der Rockgruppe „Die Toten Hosen“. Lieben Sie Gott?

„Ach, so eine Frage. Damit habe ich nicht gerechnet. Aber ich antworte Mal mit einem meiner Songtexte:
Wer kann schon sagen, was mit uns geschieht,
vielleicht stimmt es ja doch,
dass das Leben eine Prüfung ist,
in der wir uns bewähren sollen.“

„Ja, klingt doch gut. Das Leben als Prüfung anzusehen, wäre ja eine Möglichkeit. Also, lieben Sie Gott?“

„So geht mein Song weiter:

Wer Messer und Gabel richtig halten kann
und beim Essen grade sitzt,
wer immer JA und DANKE sagt,
dessen Chancen stehen nicht schlecht.
Wer sich brav in jede Reihe stellt
mit geputzten Schuhen,
wer sein Schicksal mit Demut trägt,
dem winkt die Erlösung zu.

Wir sollen zuhören und aufpassen,
tun, was man uns sagt,
unterordnen und nachmachen
vom ersten bis zum letzten Tag.
Immer schön nach den Regeln spielen,
wie sie befohlen sind,
wie sie im Buch des Lebens stehn,
in Ewigkeit Amen.“

„Also, lieben Sie Gott? Ja oder Nein?“
„Ich antworte mit dem Refrain meines Liedes:

Ich will nicht ins Paradies,
wenn der Weg dorthin so schwierig ist,
wenn ich nicht rein darf, wie ich bin,
bleib ich draußen vor der Tür.“
(zitiert nach: http://www.dietotenhosen.de/diskographie/musik/die-90er/1996/paradies)

Und was sagt Jesus? Er sagt: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht (Mt 11,28 ff).

Nachdenklich bleibt unser Interviewer stehen. Er blättert in der Bibel. Wo steht das mit der Bruderliebe? Richtig, hier:
1Joh 4,20 Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht.

Wir fragen eine Frau in der Stadt beim Einkaufen. „Lieben Sie Gott – und wenn ja, was lieben sie da?“

„Ach, Gott, was ist denn das für eine Frage? Also am Sonntag gehe ich gerne in den Gottesdienst. Wissen Sie, in fühle mich von Gott geliebt. Von Kindheit an. Gott meines Lebens großer Freund. Und wissen Sie, zur Freundschaft gehört auch Begegnung. Man muss sich treffen, sonst verliert man sich aus den Augen. Im Gottesdienst treffe ich auf Gott, hab Gelegenheit zum Gebet, bekenne meinen Glauben und vor allem, ich höre auf sein Wort.

„Zweifeln Sie denn nie an Gott?“ „Doch, die Welt ist hart und voller Sorgen. Aber in der Gegenwart meines Lebensfreundes kann ich aufatmen. Ich zitiere Goethe, wenn ich darf:
Als „einen Herrn / Erkenn ich nur, den Herrn, der mich ernährt,/ Dem folg ich gern, sonst will ich keinen Meister. / Frei will ich sein im Denken und im Dichten! / Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein.“ In diesem Sinne ist Gott mein Meister. Gott macht mich frei.

Übrigens, das Zitat stammt aus Torquato Tasso, aber das Stück kennen Sie wahrscheinlich gar nicht.“

Ich habe noch eine zweite Frage: „Lieben Sie die Menschen auch?“

„Ach je, daran arbeite ich. Das ist Schwerstarbeit.“

„Des Lebens Mühe lehrt uns allein des Lebens Güter schätzen.“ Auch von Goethe.

Und Paulus fügt hinzu: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Röm 8,28.

Und Johannes macht auf den inneren Zusammenhang von Gottes- und Menschenliebe aufmerksam:
Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen. 1Joh 4,12

Ich lasse diese biblischen Zitate für sich sprechen, denn wollte ich sie auslegen, begründen, erläutern, gar erklären. Liebe Gemeinde, dann erginge es Ihnen wie mir weiland im Theater.

Liebst du Gott? Mit dieser Frage bricht unser unfertiges Stück, unser Fragment ab. Die Frage bleibt, solange wir leben.

Lassen wir Goethe – leicht abgewandelt – das letzte Wort:
Ich muss IHN lieben, weil mit IHM mein Leben
Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.
Amen

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